Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…

Widersprüche

Zugegeben, die Beiträge von gestern und vorgestern stehen schon ein bisschen im Widerspruch zueinander. Vorgestern zeige ich mit dem Finger auf Eltern, die ihren Kindern nichts beibringen und sie vor der Glotze vergammeln lassen. Gestern will ich meine Kinder mit Glotzen vom Schwimmen abhalten, nur weil ich zu faul bin, mich am Sonntagnachmittag zum Fleischmarkt, auch Schwimmbad genannt, zu begeben.

Das ist es doch genau, womit wir Eltern immer wieder zu kämpfen haben. Wir wollen unseren Kindern beibrizungen, alles mit Bedacht anzugehen und sich nicht hetzen zu lassen. Gleichzeitig treiben wir sie den ganzen Tag an. Beeil dich! Mach vorwärts! Wir kommen zu spät. Wir predigen unseren Kindern, dass jedes Lebewesen wertvoll ist. Ist der Küchenboden dann mit Maden übersät, kreischen wir wie Teenager und töten die Biester mit dem Wallholz. Wir moralisieren, dass es immer das Beste sei, die Wahrheit zu sagen und zwei Tage später ertappen uns die Kinder dabei, wie wir die Geschichte, wie der Badezimmerspiegel in die Brüche geganen ist, beschönigen.

An dieser Stelle kann ich ja zugeben, dass es ein Wutanfall war. Und zwar einer von mir. Ach ja,  die zerbrochene Haarbürste geht auch auf mein Konto. Und dass das letzte Tafelservice nur zwei Jahre gehalten hat, liegt auch zu einem grossen Teil an meinem aufbrausenden Temperament. Ich sag’s meinen Kindern ja immer wieder:  Wütendwerden ist okay, in der Wut Gegenstände zerstören ist nicht okay. Warum nur glauben sie mir nicht?

Achtung, Gefahr!

„WARNUNG: Flasche nur unter Aufsicht geben. Nie Dauernuckeln. (Gebrauchsanweisung beachten)“.  „Die Zecken treiben wieder ihr Unwesen. Vergessen Sie bitte nicht, Ihr Kind mit Zeckenspray einzusprühen und nur mit langen Hosen in den Wald zu schicken.“ „Achtung! Verschluckbare Kleinteile. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet.“

An jeder Ecke lauert die Gefahr. In den Babyflaschen, im hausgemachten Babybrei, im Verpackungsmaterial des fertig gekauften Babybreis, in der Spielzeugkiste, an der Sonne, in der Sonnencrème, im Unterholz, auf den Bäumen, einfach überall. Wer überhaupt noch den Mut hat, bei all den Warnungen ein Kind auf die Welt zu stellen, soll dieses bitte rund um die Uhr in Watte verpackt halten, damit ihm nichts passieren kann.

Als Folge von all diesen Warnungen haben wir Heerscharen von panischen Müttern. Solche, die Angst haben, ihr Kind in eine Spielgruppe mit Aussenspielplatz zu schicken, weil ihm dort etwas passieren könnte. Solche, die ihr Kind in die Schule chauffieren, damit es nicht entführt wird. Solche, die verhindern, dass ihr Kind je schwimmen lernt, weil es dabei ertrinken  könnte.  Solche, die das Kind keine Glace schlecken lassen, weil es sonst fettleibig werden könnte.

Dass das Kind nur darum fettleibig wird, weil es nicht mehr im Wald herumstrolchen und nicht Velofahren darf, kommt keiner überbesorgten Mama in den Sinn. Forscher vermuten ja jetzt, an der Zunahme der Fettleibigkeit sei Bisphenol A schuld. Und das findet sich ja in Babyflaschen und Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln. Folglich geben wir den Kindern am besten gar nichts mehr zu essen. Parkieren wir sie doch vor dem Computer oder dem Fernseher. Dort sind sie geschützt vor sämtlichen Gefahren, die in der Natur und in der Nahrung lauern.

Das Parkieren vor dem Computer hat ausserdem einen sehr nützlichen Nebeneffekt: Die Kinder können üben, wie man sich in der von allen Gefahren befreiten Welt am besten durchschlägt. Das ist viel wichtiger als Schwimmenlernen und Velofahren. Du musst auf deinem Computer nur das richtige Spiel installierern und schon weiss dein Kind, wie es in Zukunft seinem Gegner, früher Klassenkamerad genannt, begegnen soll. Und sollte dein Kind je auf die Idee kommen, einen seiner Gegner auf dem Schulhof an einem Baum aufzuknüpfen, ist das auch nicht so schlimm. Solch harmlose Bubenstreiche gehören doch einfach zur Kindheit, nicht wahr?

Es gibt ja auch Pessimisten, die behaupten, die Kinder kämen bloss auf solche Ideen, weil sie in den Computerspielen und im Fernsehen mit so viel Gewalt konfrontiert würden. Wie abwegig! Was könnte an diesem harmlosen Vergnügen so schlimm sein? Ist doch das ideale Spielzeug: Keine verschluckbaren Kleinteile. Im gut abgedunkelten Kinderzimmer scheint auch  nicht die ach so gefährliche Sonne und es gibt keine Zecken. Und in den Chips, die das Kind dabei isst, hats bestimmt kein Bisphenol A. Erstaunlich, dass all die Generationen vor uns noch nicht draufgekommen sind, wo die Kinder am sichersten sind.

Und überhaupt: Was kann an einem zünftigen Computerspiel oder einem actiongeladenen Film so gefährlich sein? Papa enstpannt sich ja auch so wunderbar vom täglichen Hahnenkampf im Büro, wenn er am Bildschirm mal so richtig drauflossballern darf, oder zumindest dabei zusehen darf, wie es andere tun. „Meiner“ übrigens nicht. Aber der arbeitet ja nicht im Büro, sondern bemüht sich Tag für Tag darum, in der Schule die in Watte verpackten Kinder auszupacken und ihnen Schwimmen und Velofahren beizubrinen.

Wie schaffen die das bloss?

Eiagentlich hatte ich mir ja den heutigen Feiertag etwas anders vorgestellt. Zwar bin ich, – obschon ein gläubiger Mensch, – mit keiner Faser meines Wesens katholisch. Ausserdem muss ich jedes Jahr aufs Neue nachlesen, was an Fronleichnam eigentlich gefeiert wird, weil ich es immer wieder vergesse. Dennoch achte ich streng darauf, diesen Feiertag würdig zu begehen, zumindest was das Nichtstun betrifft. Was gibt es Schöneres, als die Ruhe im Garten zu geniessen, wenn alle meine katholischen Nachbarn zur obligaten Einkaufs-Prozession nach Aarau gepilgert sind und die, die zu Hause geblieben sind, den Rasen nicht mähen dürfen?

Doch ausgerechnet heute musste „Meiner“ trotz seines freien Nachmittags nochmals zur Arbeit fahren. Im Ostaargau scheren die sich eben einen Dreck um unsere Feiertage. Wenigstens nahm „Meiner“ die drei Grossen mit. Dann eben Fronleichnam mit den zwei Kleinen. Könnte ganz entspannend sein, dachte ich.

Entspannend? Habe ich denn schon vergessen, wie es ist, mit einem Baby und einem Zweijährigen allein zu sein? Ganz ohne die grossen Geschwister, die als zuverlässige Wachposten jeden Fehltritt des Zoowärters melden. Kaum ist „Meiner“ mit den drei Grossen weggefahren, geht es los. Zuerst einmal ist das Telefon dran. Der Zoowärter rennt damit durch die ganze Wohnung und drückt wahllos Knöpfe.  Mit dem vollen Breilöffel des Prinzchens bewaffnet, renne ich dem Zoowärter nach, doch schon bald muss ich aufgeben, denn das Prinzchen  schreit herzerweichend seinem Brei hinterher. Das Telefon finde ich erst Stunden später wieder, als es leise unter des Prinzchens Bettdecke schellt.

Schnell wird mir klar, dass heute nichts wird mit Faulenzen im Garten. Also Kinderzimmerräumen. Aber ich habe nicht mit dem Prinzchen gerechnet, der seit einigen Tagen schon ziemlich weit herumkommt. All die kleinen Gegenstände, die vor einer Woche noch keine Gefahr waren für ihn, sind heute eine lebensgefährliche Falle. Somit ist auch die Aufräumaktion schnell beendet. Zumindest die aussortierte Ware in den Keller zu transportieren sollte jedoch möglich sein. Denkste! Als ich wieder oben angekommen bin, hat der Zoowärter den Küchenboden mit einer klebrigen Mischung aus Teigwarenmehl und Putzwasser verziert. Also ab zum Säubern. Der Kleine möchte aber lieber weiter schmieren, kriegt einen Wutanfall und erbricht vor lauter Schreien das ganze Mittagessen auf den Fussboden. Schreiendes Kind duschen, Boden putzen, schreiendes Kind in saubere Kleider stecken, Prinzchen wickeln und dann erschöpft aufs Sofa sinken. Für genau dreissig Sekunden. Denn inzwischen hat der Zoowärter einen Schmetterling aus rosarotem Seidenpapier in die Finger gekriegt. Unglaublich, was für schöne Flecken dieser Schmetterling auf den unversiegelten Holzboden  zaubert, wenn er nass ist! Dies zumindest findet der Zoowärter.

Nach drei Stunden mit den beiden Kleinen bin ich mit den Nerven am Ende. Und so erschöpft, dass ich am liebsten gleich ins Bett sinken würde. Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Wie schaffen das die anderen Mütter, frage ich mich? Diejenigen, die keine grösseren Kinder haben, die lauthals schreien, sobald der Kleine im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen? Hätte ich „nur“ zwei Kinder, ich wäre wohl schon längst durchgedreht…

Und noch eine Frage bleibt: Wo um Himmels Willen hat der Zoowärter die elektrischen Zahnbürsten versteckt?!

Weitere Stilfragen

War das wieder ein Sonntagnachmittag! So richtig gemütlich. Ein bisschen Beerenpflücken, ein bisschen im Internet surfen und Geschenke suchen, ein bisschen Zeitung lesen. Dabei bin ich auf einige Kuriositäten gestossen, die ich ihrer Schönheit wegen nicht für mich behalten will.

Da ist zum Beispiel das ganzseitige Cablecom-Inserat in der „NZZ am Sonntag“. Eine gewisse Gina Hagmann aus St. Gallen hält ein angeblich handgeschriebenes Plakat mit der folgenden Aufschrift in der Hand: „Bei cablecom sind die Installationen sogar für mich Bubi einfach.“ Nun, wie ein Bubi sieht die doch ziemlich ältliche Gina Hagmann nicht aus, doch beim heutigen Jugendlichkeitswahn ist es wohl schmeichelhafter, sich selber als Bubi zu outen, als zu seinen Falten zu stehen.

Ein anderer schöner Satz aus der heutigen Sonntagspresse: „Religion in der Schule hat seinen Platz, aber nicht als eine Einweisung in einen bestimmten Glauben, sondern als Unterricht über alle Religionen.“ Ist doch schön, dass der Religion nicht ganz aus die Schulzimmern verbannt werden soll. Es ist ja schon traurig genug, dass der grammatikalische Geschlecht in das NZZ keinen Platz mehr hat.

Ob ich wohl nächsten Donnerstag nach Zürich fahren soll? Dort findet nämlich der „Tag des Zahnes für alle“ statt. So ganz nach dem Motto „Einer für alle, alle für Einen.“ Vielleicht aber ersteigere ich mir lieber die „Schweinebequem-Pluderhose“, auf die ich heute bei Ricardo gestossen bin. Die gefällt mir nämlich wirklich. „Meiner“ ist zwar dagegen. Dabei ist sie doch bloss schweinebequem und nicht schweineteuer. Und ausserdem würde sie meinen Bauch gut verstecken. Damit ich  beim nächsten Einkauf nicht wieder gefragt werde, ob ich schon wieder schwanger sei. Nun ja, meine Bauchdecke ist auch sieben Monate nach der fünften Schwangerschaft noch nicht besonders straff. Aber ich hatte ja auch noch keine Zeit für den Mommy Makeover. Obschon der doch heute genauso zum Muttersein gehört wie morgendliche Übelkeit, durchwachte Nächte und Schwangerschaftsstreifen.

Warnung vor dem fremden Fötzel

Ich bin mit einer Wetterfahne verheiratet. Das weiss ich, seitdem ich heute Nachmittag diesen Leserbrief gelesen habe. Da schreibt einer, der sich als Schweizer „und zwar mit dem  Herzen und nicht bloss auf dem Papier“ bezeichnet, Doppelbürger seien Windfahnen. Ich weiss zwar nicht genau, was eine Windfahne sein soll. Bis anhin waren mir eher die „Wetterfahnen“ oder die „Fahnen im Wind“ bekannt. Doch einer, der schreibt, er könne seine Ahnengalerie bis ins Jahr 1689 zurückverfolgen, wird’s wohl besser wissen. Er ist ja auch kein Landesverräter wie ich, die ich der schnöden Liebe wegen einen Ausländer geheiratet und ihm dadurch die erleichterte  Einbürgerung ermöglicht habe.

„Doppelbürgern fehlen zwei ganz wichtige Eigenschaften“, schreibt er weiter. Nun, „Meiner“ hat in meinen Augen mehr als zwei Mängel, doch schauen wir mal, was ihm denn im Besonderen fehlen soll. Als Erstes nennt der Schreiber die „Entscheidungskraft für die Wahlheimat“. Ach so, darum trinkt also „Meiner“ lieber Latte Macchiato anstelle von Nescafe. Jetzt verstehe ich endlich. Und wegen der fehlenden Entscheidungskraft mangle es Doppelbürgern auch an Treue. Auf den ersten Blick fällt mir „Meiner“ nicht als besonders treulos auf. Aber wenn ich mir die Sache länger überlege, kommt mir in den Sinn, dass „Meiner“  ganz eindeutig Mühe hat damit, immer derselben Chipsmarke treu zu bleiben. Und das ehemals heiss geliebte Schoko-Mokka-Joghurt verschmäht er auch, seitdem die Migros die Rezeptur verändert hat.

Doppelbürger seien „in politischen Ämtern gar eine Gefahr für die erprobte und bewährte schweizerische Eigenart“, lese ich weiter. Himmel, wenn ich gewusst hätte, auf welche Gefahr ich mich da einlasse, hätte ich einen echten Schweizer, einen „mit dem Herzen“ geheiratet. Nun, jetzt ist es schon zu spät und da „Meiner“ und ich trotz seiner verräterischen Doppelbürgerseele sehr gut harmonieren, bleibt mir nur noch Eines: Mit allen Mitteln verhindern, dass er je ein politisches Amt ausübt. Wie könnte ich es verantworten, dass sich ein treuloser,  entscheidungsschwacher fremder Fötzel plötzlich in die Geschicke unseres Landes einmischen kann, bloss weil er sich dank meiner Hilfe den Roten Pass erschlichen hat?

Was mich an der ganzen Sache allerdings stutzig macht: Warum ist mir in all den Jahren, die ich mit „Meinem“ bereits verbracht habe, nie aufgefallen, mit welch übler Kreatur ich mein Leben teile? Vermutlich verbirgt sich irgendwo in meiner Ahnengalerie ein Doppelbürger. Denn wäre ich eine wahre Eidgenossin, wären mir die Treulosigkeit und Entscheidungsschwäche meines Gatten nicht bis heute verborgen geblieben.

Sorgen

Als Mutter von mehreren Kindern lernt man immer wieder neue Mütter kennen. Viele davon stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Meist sind dies sehr angenehme Begegnungen, denn die meisten Mütter sind ja auch sehr vernünftige Wesen. Es ist also fast immer eine wahre Freude, einen Haufen interessanter Frauen kennenzuklernen, die man nicht kennen würde, hätte man keine kleinen Kinder mehr.

Leider nur fast immer, denn zuweilen kommt es zu Begegnungen, auf die man gerne verzichten könnte. „Weisst du, mein Kleiner ist so sensibel. Ich weiss gar nicht, wie ich ihm beibringen soll, dass ich nicht immer Lust habe, mit ihm zu spielen.“, erzählt die Eine. Dass ihr ach so sensibler Kleiner gerade dabei ist, mit Bauklötzen um sich zu schmeissen und damit nur um ein Haar den  Kopf eines Babys verfehlt, kümmert sie einen Dreck. „Meine Kleine will partout keine Petit-Beurres mehr essen. Ich weiss gar nicht, was ich noch machen soll. Sie hat sie immer so gerne gemocht.“, seufzt die andere. Darauf beklagt sich die Erste, dass ihr Kind seine Windel nicht mehr zur gewohnten Zeit voll hat, worauf die Zweite jammert, sie wisse manchmal nicht, wie sie es schaffen solle, ihr Kind bereits um 11 Uhr in den Kleidern zu haben, wenn sie einen Arzttermin habe. 

Meistens beteilige ich mich nicht an solchen Gesprächen. Das Zuhören reicht mir vollauf. Und ausserdem ist mir vollkommen bewusst, dass schon ein einziges Kind es fertigbringt, einen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu treiben. Doch wenn sie mich dann belehren wollen, weil sie glauben, ich hätte von Tuten und Blasen keine Ahnung, kann ich es mir nicht mehr verkneifen, zu bemerken, mit meinen fünf Kindern verlaufe der Tag auch nicht immer in Minne. Was darauf folgt, ist immer das Gleiche: Zuerst starren sie mich ungläubig an, dann quietschen sie: „Du hast fünf Kinder! Wie schaffst du das nur?“ Dann mustern sie mich von Kopf bis Fuss und murmeln „Respekt!“

Ich will keinen Respekt! Ich will bloss, dass ihr aufhört, über Probleme zu jammern, die keine sind!

Qualitätssicherung

Das mit der „Kinderqualität“ will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Sie wissen schon, der Typ, der im „Beobachter“  behauptet hat, es komme auf die „Kinderqualität“ an, ob ein Kind der Gesellschaft Freude bereite oder nicht. Seitdem ich den Artikel gelesen habe, frage ich mich, was genau das gewöhnliche Kind zum Qualitätskind macht? Genügt es schon, wenn es immer schön brav danke und bitte sagt, oder muss es sich auch entschuldigen können? Oder zählen da ganz andere Qualitäten, zum Besipiel, dass das Kind bereits mit drei perfekte Tore schiesst, dass es grösser ist als andere, oder dass es zur richtigen Zeit am richtigen Ort in die richtige Familie geboren wurde? Oder setzt gar jenes zweijährige Mädchen, das bei Mensa aufgenommen wurde, die Messlatte für Kinderqualität?

Heute, wo alles nach Qualitätssicherung schreit, findet sich bestimmt  demnächst ein Irrer, der festlegt, welche Ziele ein Kind erreichen muss, um als Qualitätskind zu gelten. Und schon bald werden wir unsere Kinder zertifizieren lassen können, unsere Häuser mit Labels schmücken und am ersten Schultag der Lehrkraft stolz belegen können, dass unser Nachwuchs Qualität hat und nicht etwa zum gewöhnlichen Pöbel gehört.

Solche Gedanken lassen mich zuweilen fast wahnisinnig werden. Schaue ich dann aber im Morgengrauen nach dem Stillen mein Prinzchen an, kann ich nur staunen, wie perfekt so ein Menschlein ist und ich freue mich, dass auch er sich nicht in ein Schema pressen lassen wird. Und dann denke ich, dass er, und all die anderen Kinder, eigentlich eine bessere Welt verdient hätten, eine Qualitätswelt, sozusagen.

Was denn nun?

Da soll einer noch drauskommen. Was heute noch richtig war, ist morgen schon genau das Falsche. Nehmen wir zum Beispiel die Frage, ob man ein Baby gleich nach der Geburt baden soll. Bei Kind Nummer eins war das noch keine Frage. Es wurde gebadet, ob man wollte oder nicht. Bei Kind Nummer zwei war Baden nach der Geburt „nicht mehr üblich“, man durfte aber, wenn man unbedingt so altmodisch sein wollte. Bei Kind Nummer drei durften die Eltern selber entscheiden. Bei Nummer vier musste man doch ziemlich lange warten, bis eine Badewanne aufgetrieben war und bei Kind Nummer fünf war Baden ein Fremdwort, das im Wortschatz der Hebamme nicht mehr existierte.

Ähnliches erlebt man derzeit mit der Ernährung. Durften sich die ersten vier Kinder im ersten Lebensjahr einer Erdbeere oder einem Kuhmilchjoghurt nicht auf 500 Meter nähern, heisst es jetzt, man solle den Kleinen ohne Bedenken alles, sogar Nüsse,  zutrauen. Das beuge Allergien vor. Erst noch war das Gegenteil wahr, aber wir Eltern sind ja flexibel. Müssen wir auch sein, denn bei den Kindern ist das ja ähnlich. Gestern war Kartoffelgratin noch das Beste und heute, wo man absichtlich eine dreifache Portion der Leibspeise gekocht hat, bleibt man auf dem Zeug sitzen, weil keiner diesen ekligen Frass auch nur anrührt. Letzte Woche war Brigitte noch die dümmste Kuh auf diesem Planeten, heute ist sie die beste Freundin, die unbedingt bei uns übernachten muss.

Die Flexibilität ist also nicht das Problem. Mehr Kummer bereitet mir, dass jetzt schon absehbar ist, dass wir als Grosseltern auf völlig verlorenem Posten stehen werden. Ich sehe es schon vor mir, das mitleidige Lächeln von Luise, wenn ich ihr erklären werde, die Temperatur eines Babys messe man am besten im Nacken. Wo man doch bereits heute sagt, die Stelle zwischen den Schulterblättern sei viel besser geeignet. Und wie wird das erst mit den Schwiegertöchtern? Als Mutter von vier Söhnen sind meine Zukunftsaussichten da doch ziemlich düster. Der Zoff ist programmiert,  wenn ich meine Enkel dereinst ganz vorschriftsgemäss in der Rückenlage ins Bettchen legen werde. Wo doch bis dahin jeder Depp wissen wird, dass einzig der Kopfstand das Baby vor dem plötzlichen Kindstod schützt. 

Deshalb mein Appell an alle Experten: Bleibt endlich bei eurer Meinung! Ich will meine Enkel auch mal hüten dürfen.

Die Schuldigen sind gefunden

Die Frage, wer die Wirtschaft in die Krise geritten habe, wird seit Monaten heftig diskutiert. Die meisten Menschen geben gierigen Bankern die Schuld. Doch das ist eine ganz gemeine, völlig haltlose Unterstellung. Seit vorgestern weiss ich mit Bestimmtheit, wer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Wir waren es, die Mütter.

Warum ausgerechnet ich das weiss? Nun, ich hatte das Glück, einem Experten vor die Füsse zu laufen, der mir ungefragt darlegte, was in der Welt schief läuft. Schuld an der Krise seien wir Frauen, um genau zu sein wir Mütter. Würden wir nicht so bald als möglich unseren Kindern davonlaufen, um zu arbeiten, hätten wir die Krise nicht. So einfach ist das. 
Und warum laufen wir Müttern unseren Kindern davon? Auch dafür gibt der Experte eine ganz einfache Erklärung: Arbeiten wir Frauen im Büro, dann machen alle Männer ein Riesentheater um uns, bringen uns den Schmus und geben uns das Gefühl, wichtig zu sein. Sind wir dann zu Hause mit unseren Kindern, schenkt man uns keine Beachtung mehr. Darum wollen wir so schnell als möglich wieder ins Büro zurück. Und schwupps, da haben wir sie, die globale Wirtschaftskrise.
Sie finden diese Erkenntnis nicht revolutionär? Nun, ich auch nicht. Werden wir Mütter doch schon seit geraumer Zeit für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft auf dieser Welt. Deshalb tragen wir Mütter den Vorwurf auch mit mehr Gelassenheit als die Banker. Eine Anschuldigung mehr fällt nun wirklich nicht mehr ins Gewicht.