Schwimmbadmenschen

An kaum einem anderen Ort zeigen sich die Menschen so ungeschminkt wie im Schwimmbad. Die folgenden Exemplare haben es mir besonders angetan:

  • Die kleine Nervensäge: Dieses Kind, das dein Kind auf dem Schulweg fast täglich zum Heulen bringt, das unablässig nach Wegen sucht, ihm eins auszuwischen und keine Mühen scheut, ihm das Leben schwer zu machen. Jetzt aber, während der hochsommerlichen Spielkameradenknappheit, heftet es sich an die Fersen deines Kindes, kaum hat es das Drehkreuz am Schwimmbadeingang passiert. Interessant, wie toll es sich plötzlich mit deinem Kind zu unterhalten weiss. Interessant aber auch, wie es schmollen kann, wenn dein Kind mal keine Lust hat, nach seiner Pfeife zu tanzen und stattdessen Zeit mit seiner Familie verbringt. 
  • Das Kiosk-Ekel: Egal, wie selten du dich zum Kiosk verirrst, er ist immer dort. Mal beklagt er sich, die Pommes Frites seien zu kalt, mal schimpft er über unerträglich lange Wartezeiten und wenn er ausnahmsweise keinen Grund zum Meckern findet, belästigt er das Personal mit sexistischen Sprüchen. Ein richtiger Schatz also, den man einfach gern haben muss. 
  • Die Lederhaut: Irgendwann, so etwa in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, hat ihr jemand gesagt, wie unglaublich sexy sonnengebräunte Haut sei und seither verpasst sie keine Gelegenheit, sich in der Sonne zu rösten. Für eine möglichst streifenfreie Bräune muss der Badeanzug knapp bis inexistent sein, Kettenrauchen unterstützt die regelmässige Faltenbildung. Das Schwimmbecken meidet sie ebenso konsequent wie die Warnbroschüren, die ihr nun schon seit gut zwanzig Jahren die Freude am Sonnenbaden vermiesen wollen. 
  • Die „Ich treibe mich bestimmt nicht im Babybecken rum“-Mama: Sie glaubt doch allen Ernstes, sie könnte sich ersparen, was wir alle über uns haben ergehen lassen müssen: Die quälenden Stunden am seichten Wasser, das nicht allein von der Sonneneinstrahlung so warm werden konnte, wie es ist. Mit Vorliebe planscht sie mit ihrem Baby im Auffangbecken vor der Rutschbahn, natürlich in Begleitung anderer Mamas ihrer Sorte, denn sonst würde sie den aktuellen Tratsch verpassen. Hier ist sie der glücklichste Mensch auf Erden, zumindest solange keines jener grässlichen Schulkinder angerutscht kommt und ihrem kleinen Liebling rücksichtslos Chlorwasser ins Äuglein spritzt. 
  • La Famiglia: Sie besteht aus Mama, Papa, Nonno, Nonna und Kleinkind, das – mit Schwimmreifen, Schwimmflügel, Schwimmweste und Badenudel ausgestattet -, davon überzeugt werden soll, dass Wasser eine wunderbare Sache ist. Nach etwa einer halben Stunde und zahlreichen „Attenzione!“- und „Bravo!“-Rufen ist endlich der kleine Zeh im Wasser, diese Erfahrung ist aber meist so erschreckend, dass nur eine grosse Portion Pommes Frites mit ganz viel Ketchup den Schock lindern kann. (La Famiglia muss übrigens nicht zwingend aus Europas Süden stammen, ich beschreibe hier lediglich das aktuellste Drama dieser Art, das sich vor meinen Augen abgespielt hat.)
  • Der Opa: Er holt nach, was er bei seinen Kindern verpasst hat und zwar mit vollem Einsatz. Mit der Ernsthaftigkeit eines Offiziers unterweist er seine Enkel in der Kunst des Schwimmens, Tauchens und Springens, seine mit kräftiger Stimme vorgetragenen Anweisungen sind im ganzen Schwimmbad zu vernehmen. Wer es wagt, das Exerzieren zu stören, bekommt den Kasernenhofton zu hören. 
  • Die alternde Statue: Das männliche Pendant zur Lederhaut. Verbringt gleich viel Zeit an der prallen Sonne wie seine Kollegin, ist aber gewöhnlich Nichtraucher und bis in die letzte Faser seines Körpers durchtrainiert. Da liegt er in knapper Badehose an der Sonne, um der Menschheit zu zeigen, dass Alter und Fitness einander nicht ausschliessen. Fragt sich bloss, wo er sich seine gestählten Muskeln holt, wo er sich doch nur bewegt, um sich vom Bauch auf den Rücken und ein paar Stunden später wieder zurück zu drehen. 
  • Die Poolside-Mama: Um nichts in der Welt würde sie ihren Nachwuchs, der schon längst schwimmen kann, aus den Augen lassen, aber nass werden geht nicht, denn sonst könnte die Frisur leiden, oder der Nagellack oder sonst irgendwas. Also sitzt sie mit Leidensmiene neben dem Schwimmbecken, sorgsam darauf bedacht, nicht einen einzigen Spritzer Wasser abzubekommen, wenn Söhnchen oder Töchterchen ins Wasser hüpft. 
  • Tussi in the making: Von frühester Kindheit an hat ihr die Mama weis gemacht, dass es im Leben einzig und alleine darauf ankommt, die Aufmerksamkeit eines männlichen Wesens – und sei dieses noch so mittelmässig – zu erheischen und jetzt ist sie endlich kurvig genug, um es ihrer Mama gleichzutun. Falls der knappe Bikini, der provokative Hüftschwung und das Dauerkreischen ihre Wirkung verfehlen, gibt sie schon mal vor, die Wasserströmung habe ihr das Höschen ausgezogen, um endlich die Neugierde eines am Beckenrand lauernden Aufreissers in the making (siehe unten) zu wecken.
  • Aufreisser in the making: Von frühester Kindheit hat der Papa ihm weisgemacht, dass es im Leben einzig und alleine darauf ankommt, die Aufmerksamkeit eines weiblichen Wesens – und sei dieses noch so mittelmässig – zu erheischen und jetzt ist er endlich muskulös genug, um es seinem Papa gleichzutun. Falls der gestählte Body, das gockelhafte Getue und die grenzwertigen Sprüche ihre Wirkung verfehlen, muss er manchmal auch ein wenig grabschen, um endlich eine Tussi in the making zu angeln. 
  • Die Kaffeetante: Keine Ahnung, warum sie im Schwimmbad ist, denn eigentlich tut sie den lieben langen Tag nichts anderes, als mit ihren Freundinnen zu quatschen und Kaffee zu trinken, meistens sogar angezogen. Mit dem Geld, das sie am Schwimmbadkiosk liegen lässt, könnte sie sich locker drei Wochen Luxusferien in der Karibik leisten. 

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Vormittägliche Ruhestörung?

Die einen Nachbarn sitzen bis weit nach Mitternacht lachend und quatschend im Garten und keinem käme es in den Sinn, deswegen ein Theater zu machen. Klar, manchmal wünschte man sich, sie würden die Stimmen ein wenig dämpfen, aber was soll’s, es ist Sommer und sie sind glücklich.

Ein anderer Nachbar ist Liebhaber von Jahrmarktsorgeln. Manchmal nervt das Gedudel, aber es stört auch nicht wirklich, also freut man sich, dass da einer seine Leidenschaft gefunden hat.

Auch eine Nachbarin zeigte sich neulich sehr leidenschaftlich. Was da alles im Schlafzimmer abing, kann ich nur erahnen, auf alle Fälle liess sie die ganze Nachbarschaft an ihrem Liebesglück teilhaben und zwar mitten in der Nacht. Kein Problem, obschon ich es vorgezogen hätte, etwas weniger mitzukriegen. Bei allzu Privatem fühle ich mich immer als Eindringling, wenn ich mithöre.

Dann gibt es noch den fanatischen Rasenmäher. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, in welchem Haus er wohnt, ich höre immer nur das Gebrumm. Ja, es stört, aber wir sind auch nicht immer leise, also soll er doch seinen Rasen mähen, wenn es ihn glücklich macht.

In einem Haus wohnt jemand, der gelegentlich seine Hunde alleine zu Hause lässt. Das stundenlange Gekläffe ist dann schwer zu ertragen, aber solange nicht zu befürchten ist, dass die Hunde leiden, sehe ich keinen Grund, mich zu beschweren.

Dann ist da noch der Nachbarsjunge mit dem Schlagzeug. Ich mag kein Schlagzeug, aber ich mag den Jungen und vor allem finde ich es toll, dass er mit seiner Zeit etwas anzufangen weiss. Soll er doch sein Instrument traktieren, so oft und so lange er will.

Irgendwo läuft fast ununterbrochen der Fernseher. Im Garten. Auf Italienisch. Schlimm. Aber nicht schlimm genug, um deswegen mit dem Fernsehbesitzer das Gespräch zu suchen.

In unserem Haus lebt Karlsson, der liebend gerne am Klavier sein Edith-Repertoire erweitert. Nicht pausenlos, aber doch mehrmals am Tag, wenn auch nicht während der offiziellen Ruhezeiten. Dennoch nervt es zuweilen, ich gebe es ganz offen zu. Aber wenn ein junger Schnösel am Sonntagvormittag um halb zwölf an der Tür klingelt, sich nicht vorstellt, sondern einfach nur jammert, er sei durch das Klavierspiel geweckt worden und dabei sei es noch so früh am Morgen, unser Sohn möchte doch bitte aufhören, dann hört es bei mir auf mit dem Verständnis. Wann, mein lieber, unbekannter Herr Nachbar, darf eine Familie denn noch ihr Leben leben, wenn nicht tagsüber?

(Wo ist sie denn, die einsame Insel, wo man Menschen wie uns noch duldet?)

they Arme coming; prettyvenditti.jetzt

they are coming; prettyvenditti.jetzt

Wie war das nochmal mit diesen Mokassins?

Arbeitsunfäig? Der? Aber im Garten arbeiten, das kann er. Und die andere ist ganz selber Schuld, dass ihr Typ sie hat sitzen lassen. Hätte sich eben ein wenig um ihr Aussehen kümmern müssen, dann wäre er bestimmt geblieben. Dass ihr Sohn dann auch noch den Job verloren hat, wundert auch keinen. Ist halt so ein typischer Jugendlicher, ohne Durchhaltevermögen und Rückgrat. Ja, ja, ich weiss, die erzählen, der Chef sei total unfair gewesen, habe ihn auf die Strasse gestellt, weil er zu oft krank war, aber der bleibt ja auch bei jeder Erkältung zu Hause. Wie jetzt, ernsthafte Erkrankung? Wer’s glaubt! Verweichlicht ist der, sonst nichts. Und diese Flüchtlinge erst! Würden besser in ihrem Land bleiben und sich dafür einsetzen, dass es dort besser wird. So schlimm kann das in Syrien ja auch wieder nicht sein, dass man gleich mit Sack und Pack abhauen muss. Also wenn ich dort wäre, würde ich ganz bestimmt nicht… Und wenn die Griechen endlich ein Einsehen hätten, dann wäre das Problem in Nullkommanix gelöst. Die müssten halt einfach mal…

So hört und liest man pausenlos und allmählich fange ich an, mich nach dem Spruch zu sehnen, den sie einem in den Neunzigern immer um die Ohren gehauen haben. Ihr wisst schon, die Sache mit dem Mokassins, in denen man erst mal eine Meile gehen soll, ehe man ein Urteil fällt. Mir scheint, der sollte mal wieder in Mode kommen. Nicht so inflationär wie damals, einfach so ein bisschen, damit die Leute wieder denken, ehe sie die Klappe aufreissen. 

our secret; prettyvenditti.jetzt

our secret; prettyvenditti.jetzt

Entstaubt

Es war einmal ein Museum, ein kleines, leicht angestaubtes Ding, das am Rande einer Schweizer Stadt ein eher unauffälliges Dasein fristete. Viel war da nicht los, aber wer sich zufällig mit seinen Kindern dorthin verirrte, kam dennoch kaum mehr aus dem Haus raus. Die einen konnten sich nicht mehr von den Ritterrüstungen losreissen, die anderen stellten sich vor, wie es wohl wäre, mit dem prächtigen Schwanenschlitten bei klirrender Kälte durch die Landschaft zu sausen, wieder andere wollten die napoleonischen Kriege bis ins Detail erklärt bekommen, bloss weil da ein paar sonderbare Hüte und Kokarden zu sehen waren. So glücklich waren gewisse Kinder nach dem Besuch, dass sie darum bettelten, bald wiedermal reingehen zu dürfen. Gewiss, das Museum war unspektakulär, aus Sicht der Fachleute vermutlich auch etwas rückständig, aber alles in allem war es ein nettes, sympathisches Haus.

Mit nett und sympathisch lässt sich heutzutage natürlich nicht mehr punkten und so musste irgendwann ein Neubau her, der in seinem Gefolge natürlich auch ein neues Konzept mit sich brachte. Als die Türen für das Publikum wieder geöffnet wurden, war nichts mehr, wie es zuvor gewesen war. Der alte Krempel mehrheitlich verschwunden, was man noch für sehenswert erachtet hatte, „neu inszeniert“, wie man so schön sagt. Alles schlicht, multimedial und natürlich interaktiv. Hier wird nicht mehr betrachtet, sondern mitgedacht. Topmodern also.

Sie werden gerne hier verweilen, die Leute, die etwas von Museen und Ausstellungskonzepten verstehen. Sie werden das Haus mit Lob, vielleicht sogar mit Auszeichnungen überschütten. Die Kinder allerdings, die früher mit staunenden Augen durch die Ausstellung gegangen waren, fragen jetzt nach zehn Minuten schon: „Mama, wann können wir endlich wieder raus hier?“

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Sommersätze, die mir jetzt schon aus dem Hals hängen

„Endlich Sommer!“ – Na ja, ein Satz ist das ja eigentlich nicht, aber es nervt trotzdem. Was habt ihr, die ihr das bei jeder Gelegenehit sagt, eigentlich gegen den Fühling, den Herbst und den Winter? Die haben doch auch eine Daseinsberechtigung.

„Hurra, es ist wieder Grillzeit!“ – Na und? Wer gerne grillt, greift im Laden auch ohne diese dauernde Erinnerung zu Wurst und Steak. Und wer nicht gerne grillt – so wie ich – kaut für den Rest des Sommers bei jeder Einladung auf einer verkohlten Aubergine rum, weil die Leute inzwischen glauben, im Sommer sei es bei Strafe verboten, nicht gegrilltes Essen zu servieren.

„Wenn es bloss nicht immer regnen würde.“ – Erstens regnet es nicht immer. Zweitens wäre ohne Regen bald einmal alles braun und staubig. Und drittens hört man diesen Satz inzwischen sogar an Tagen, an denen kein einziger Tropfen fällt, aber halt leider Gottes zwei oder drei Wölklein vor der Sonne stehen.

„Wenn er denn überhaupt kommt, der Sommer.“ – Himmel, begreift ihr denn nicht? Der Sommer ist da, nur führt er sich vielleicht anders auf, als es euch passt. Könnt ihr den armen Sommer denn nicht einfach nehmen, wie er ist?

„Mir ist es abends halt einfach zu hell.“ – Ja, ja, und im Winter ist es dir zu dunkel, im Herbst zu nass, an Weihnachten zu wenig weihnächtlich und im Frühling zu windig. Hauptsache, man kann sich über etwas beklagen.

boring; prettyvenditti.jetzt

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Wunschliste

Eine treue Leserin hat mich gebeten, eine Wunschliste mit erwünschtem, alltagstauglichem Lehrerverhalten zu erstellen. Eine Bitte, der ich gerne nachkomme, obschon ich mich dabei auf dünnes Eis begebe, lebe ich doch selber mit einem Lehrer unter einem Dach. Ich muss also aufpassen, was ich sage… Bevor ich loslege, möchte ich noch die folgende Bemerkung vorausschicken:

Grundsätzlich bin ich der Lehrerschaft sehr wohlgesinnt und ich habe grossen Respekt vor einer Arbeit, die ich selber nie, aber auch wirklich gar nie, länger als drei Tage am Stück ausüben könnte, ohne in der Klapsmühle zu landen. Solange jemand die Kinder wirklich mag und in seinem Beruf mehr sieht als nur lästige Pflichterfüllung, fresse ich ihm oder ihr aus der Hand. Wisst ihr, was ich zu meinen Kindern sage, wenn sie sich bei mir über eine solche Lehrperson beklagen wollen? Ich sage: „Okay, das war vielleicht etwas ungeschickt von ihr/ihm. Aber die Frau/der Mann leistet unglaublich gute Arbeit, hat ein Herz aus Gold und schlägt sich den ganzen Tag mit dir rum, ohne sich zu beklagen. Also beklag dich nicht über sie/ihn.“ (Wenn die Liebe zu Kindern und Job nicht da ist, ist das natürlich eine ganz andere Geschichte, aber wir tun heute mal so, als gäbe es diesen Fall nicht.)

Um den Lehrpersonen mit Herz die Arbeit zu erleichtern, präsentiere ich im Folgenden also meine Wunschliste. (Die anderen dürfen natürlich auch mitlesen, aber wie ich in den vergangenen Jahren erfahren habe, sind denen meine Wünsche so ziemlich egal.) 

  • Schluss mit diesem Zettelkrieg! Himmel, wir leben im 21. Jahrhundert, alle haben Internet und kaum einer verbringt so viel Zeit am Smartphone wie wir Eltern. Also bitte, bitte, bitte liebe Lehrer tragt eure Infos täglich auf der Homepage eurer Schule ein, wo wir sie zu jeder Tages- und Nachtzeit abrufen können. Die Hausaufgaben könnt ihr auch gleich dort bekannt geben, unsere Kinder notieren sich ohnehin immer nur die Hälfte. Für die ganz wenigen Familien, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind, könnt ihr die Infos ja noch ausdrucken („Print Screen“), aber wir anderen wären ganz schrecklich dankbar, wenn nicht immer so furchtbar viel Papier ins Haus flatterte.
  • Wo wir schon bei den Infos sind: Bitte denkt daran, dass wir Eltern nicht den ganzen Tag untätig zu Hause sitzen und darauf warten, bis ihr uns eine Anweisung gebt. Wollt ihr also auf Schulreise gehen, könnt ihr uns dies nicht erst am Vortag, vorzugsweise am späten Nachmittag, mitteilen. Wenn unsere Kinder verreisen, müssen wir Essen einkaufen. Wir müssen Instrumentallehrer und Sporttrainer ins Bild setzen. Wir müssen unseren Chefs sagen, dass es etwas später wird, weil unser Kind später als üblich aus dem Haus geht. Wir müssen die Betreuungseinrichtung informieren, dass das Kind nicht kommt. Und dann gibt es noch so unverbesserliche Vendittis, die das ganze Haus nach Wanderschuhen in der richtigen Grösse absuchen müssen. All das braucht Zeit, die wir nicht mehr haben, wenn wir erst in letzter Sekunde erfahren, wohin es geht und was es dazu braucht. Das gleiche gilt übrigens für alle anderen ausserordentlichen Veranstaltungen wie Schulfeste, Sporttage, Theateraufführungen, etc.
  • Ich flehe euch auf Knien an: Arbeitet mit uns Eltern an einer Lösung für das „Der Schulweg ist nicht Sache der Schule“-Problem. Mobbing beginnt oft auf dem Schulweg und findet nur schleichend den Weg ins Klassenzimmer. Experten raten uns Eltern ja, wir sollten uns nicht einmischen, weil das Kind sonst noch mehr leidet. Wie aber sollen wir uns raushalten, wenn die Schule schulterzuckend sagt: „Ach so, das ist auf dem Schulweg vorgefallen? Na, dann ist das aber nicht unser Problem.“ Es ist sehr wohl euer Problem, genau so, wie es unser Problem ist, denn unser beider Arbeit wird erheblich erschwert, wenn ein Kind leidet. 
  • Kommen wir zu den Hausaufgaben: Müssen die so sein, wie sie jetzt sind? Ich meine, inzwischen weiss man ja, dass sie nur selten wirklich sinnvoll sind und nur wenig zum Lernprozess beitragen. Wie wär’s, wenn ihr den Kindern nur noch dann Hausaufgaben aufgebt, wenn ihr auch wirklich ein klares pädagogisches Ziel damit verfolgt? Stunde um Stunde füllen unsere Kinder Blätter aus, ohne je den Sinn dahinter zu begreifen. Stunde um Stunde korrigiert ihr diese Blätter, ohne je einen wirklichen Lernfortschritt zu erkennen. Ich will ja nicht gleich das ganze System revolutioniert sehen, aber wie wär’s wenn ihr euch auf der Lehrerfortbildung mal mit den Gedanken der Querdenker auseinandersetzet? Die liefern meist wertvollere Impulse als die weltfremden Schreibtischtäter in den Bildungsdepartementen.  
  • „C‘ est le ton qui fait…“: Glaubt mir, liebe Lehrer, ich weiss, wie sehr einen Kinder an den Nerven zerren können und auch bei mir kommt es ziemlich schief raus, wenn ich überreizt bin. Ich erwarte also keineswegs, dass ihr andauernd nur mit Säuselstimme Liebesbezeugungen von euch gebt, wenn euch die Blagen auf den Nerven herumtanzen. Wenn die Kinder aber mit schlotternden Knien zum Lehrerpult kommen und die Eltern beim Besuchstag strammstehen, dann stimmt etwas nicht mehr. Nur sparsam angewendet entfaltet der Kasernenhofton seine volle Wirkung. (Wie, ihr meint, ich könnte doch gar nicht wissen, wie ihr im Unterricht mit den Schülern redet, ich sei ja gar nicht da? Glaubt mir, die Stimmung unserer Kinder ist ein exaktes Messinstrument, auf dem ich bei der Heimkehr sehr genau ablesen kann, wie das Klima im Klassenzimmer war.)
  • Schulleitbilder: Ich weiss, ihr habt manche quälende Sitzung über euch ergehen lassen, bis das Papier endlich stand, vielleicht habt ihr euch wegen des einen oder anderen Punkts sogar ernsthaft mit eurer störrischen Kollegin überworfen und jetzt wollt ihr nie wieder etwas von diesem elenden Leitbild hören. Ich muss euch dennoch bitten, die Sache noch einmal zu überarbeiten. Warum nicht fünf, sechs Punkte, an denen man mit den Schülern auch wirklich arbeiten kann, anstelle dieses endlosen Katalogs, den doch keiner umsetzen mag, weil man sich schon längst nicht mehr dran erinnern kann, was alles drinsteht?  
  • Diese Einträge… Ich habe mir ja lange überlegt, ob ich es überhaupt noch einmal erwähnen soll, wo ich mich doch schon mehrmals ausführlich darüber ausgelassen habe, zum Beispiel hier. Eines muss ich aber zu dem Thema doch noch loswerden: Ich werde über jeden Fetzen Papier, den mein Kind zu Hause vergessen hat, ins Bild gesetzt und muss unterschreiben, dass ich die Sache zur Kenntnis genommen habe. Geht es meinem Kind aber wirklich dreckig, weil es in der grossen Pause angespuckt worden ist, oder weil es andauernd von den gleichen drei Kindern aufs Übelste gehänselt wird, herrscht grosses Stillschweigen. Nicht fair. Mehr kann ich dazu nicht sagen, es schmerzt zu sehr. 
  • Nach diesem Punkt ist Schluss, versprochen, aber der muss noch sein: Gruppen wählen im Sportunterricht. Muss ich euch wirklich dran erinnern, wie es sich angefühlt hat, immer der Letzte zu sein, der gewählt wurde? Ach so, ihr könnt euch ja gar nicht erinnern, wie das war, denn ihr habt wohl zu denen gehört, um die man sich beim Bilden der Teams geprügelt hat. Sonst hättet ihr schon längst begriffen, dass diese Art der Gruppenbildung verboten gehört. 

Jetzt, wo ich mir das von der Seele geschrieben habe, bleibt mir nur noch eins, nämlich den Lehrerinnen und Lehrern zu danken, die es gar nicht nötig haben, solche Wunschlisten durchzulesen, weil sie es einfach im Blut haben, die Kinder anständig zu behandeln. Solche Lehrer gibt’s,  und einige meiner Kinder haben sogar das grosse Glück, bei ihnen zur Schule zu gehen. 

power; prettyvenditti.jetzt

power; prettyvenditti.jetzt

Ich pfeife auf „gedeckt und Pastell“

Beim Überfliegen der Sonntagspresse an diesem verregneten Montagmorgen blieb mein Auge an dem nicht gerade einfallsreich formulierten Titel „Frau, aber richtig“ hängen. Erst wollte ich mich ja über den Umstand empören, dass sich da eine Frau dazu hinreissen lässt, in einer Zeitung, die im Allgemeinen einen ganz anständigen Ruf geniesst, den Frauen vorzuschreiben, wie sie in welchem Alter zu sein haben, doch mein Zorn wurde besänftigt, als ich las, vor zwei Wochen hätte man den Männern den gleichen Mist zugemutet. Aber natürlich lieferte die Zusammenstellung auch so noch ausreichend Stoff für Ärger.

Keine Angst, hier folgt keine ausführliche Abhandlung über einen Artikel, der es verdient hat, gleich wieder vergessen zu werden. Ich lasse mich nur über diesen einen kleinen Textschnipsel aus, der mir in der Spalte „Wie Sie im Spannungsfeld von Schlampe und Dame den Stil finden, der anzieht“ besonders sauer aufgestossen ist. Okay, ich weiss, alleine dieses Schlampen- und Damenzeugs hätte eine kritische Auseinandersetzung – die in einem totalen Verriss gipfelt – verdient, aber das überlasse ich anderen und wende mich ganz egoistisch nur diesem einen Ratschlag zu, der mich zutiefst beleidigt. 

In dieser unsäglichen „Schlampen- und Damenrubrik“ steht nämlich in der Spalte für die Vierzigjährigen das folgende Ärgernis: „Ja zu monochromatischen Kleidern, gedeckten Farben und Pastell.“ Himmel, spinnt ihr denn? Monochromatisch allein ginge noch, denn man kann ja auch monochromatisch ziemlich bunt sein, aber warum in aller Welt soll Frau einen auf „gedeckt“ und „Pastell“ machen, bloss weil sie die Vierzig überschritten hat? Gerade so, als sollten wir so allmählich unsichtbar werden in der eintönigen Alltagskulisse, wir Frauen mittleren Alters. Und das ausgerechnet in der Lebensphase, in der die meisten von uns damit anfangen, darauf zu pfeifen, was andere von uns denken. Soll man uns das etwa nicht ansehen dürfen? 

Mit acht, da lässt man sich von der Mama noch sagen, Pink und Orange an einem Tag und an einem Körper, das gehe nun mal nicht. Man mag das bedauern und leise murmeln „Aber ich finde das schön“, doch Mama lässt einen trotzdem nicht so aus dem Haus gehen. Mit vierzehn verspricht man dem Teenieschwarm hoch und heilig, nie, aber auch gar nie mehr die geringelte Hose anzuziehen. (Okay, man verspricht das natürlich nicht wörtlich, aber aus Angst, den Verehrten nie zu bekommen, landet die geringelte Hose dennoch auf Nimmerwiedersehen im hintersten Winkel des Schranks.) Irgendwann, so zwischen Ende der Pubertät und Beginn des Erwachsenenlebens mögen es einige auch in Sachen Kleidung ein wenig bunt treiben, doch spätestens mit fünfundzwanzig glaubt man allen Ernstes, sich aus Rücksicht auf die in der Arbeitswelt geltenden Regeln der knallbunten Klamotten entledigen zu müssen. Früher oder später kommen dann bei den meisten die Schwangerschafts- und Kinderjahre, in denen man froh sein muss, überhaupt je aus dem Pyjama zu kommen, danach ein paar Jährchen der Umgewöhnung an die neuen Körpermasse, in denen sogar ein Mensch wie ich ganz dankbar ist für die dezenteren Farbtöne. Dann aber, zwischen vierzig und fünfzig, sollte man durch all die Höhen und Tiefen des Lebens endlich so weit zu sich selber gefunden haben, dass man sich nur noch mit „gedeckt“ und „Pastell“ zufrieden gibt, wenn man das Zeug auch wirklich mag. Alle anderen sollen jetzt gefälligst so bunt herumlaufen, wie es ihnen beliebt, denn das Leben ist schon grau genug. 

Darum habe ich mir, als ich diesen elenden Artikel (in dem auch noch sehr viel über Orangenhaut, schnarchende Partner und anderen Unsinn stand) zu Ende gelesen hatte, hoch und heilig geschworen, mich erst dann wieder aus den knallbunten Klamotten zu schälen, wenn ich mir selber nicht mehr gefalle darin. Und ganz bestimmt nie, weil mir irgend eine dahergelaufene Schreibende einreden will, ich sei jetzt zu alt für solchen Kram. 

tutti caduti; prettyvenditti.jetzt

tutti caduti; prettyvenditti.jetzt

Paris

Fährst du nach Paris, dann warnen sie dich vor allem möglichen. Vor Taschendieben, vor kaltschnäuzigen Grossstädtern, vor den Touristenmassen, vor überteuerten Unterkünften, vor… Ach, was soll ich auch weitermachen mit meiner Aufzählung? Ihr wisst ja selbst, wovor sie einen alle warnen, bevor man die Koffer packt und fährt. So viel warnen sie, dass man sich irgendwann fragt, ob man überhaupt hingehen soll. Muss sich ja seit dem letzten Besuch sehr zum Schlechten verändert haben, dieses Paris. 

Nun möchte ich natürlich keineswegs behaupten, alle diese Warnungen seien ganz und gar aus der Luft gegriffen. Immerhin haben die ja neulich aus Protest gegen die Taschendiebe einen ganzen Tag lang den Eiffelturm geschlossen. Aber in Paris können sie auch anders. Da passiert es dir zum Beispiel, dass dir im Bus die eine Dame erklärt, wo du die günstigsten ÖV-Tickets bekommst, während die andere ihren Sitzplatz für dein Kind hergibt und die Dritte dir zeigt, wo du dein Busticket entwerten musst. Die Atmosphäre ist eindeutig freundlicher als bei uns zu Hause im Bus Nummer drei und es kommt einem fast vor, als bestehe ein heimlicher Wettstreit, wer am häufigsten seinen Platz für einen Älteren, Jüngeren oder sonst irgendwie Schwächeren räumt. 

Oh ja, ich weiss, was ihr jetzt denkt, ihr Zyniker da draussen. „Hilfsbereitschaft? In Paris? Hast du schon überprüft, ob dein Portemonnaie noch da ist?“ Ich versichere euch, es ist noch da. Zusammen mit der Gewissheit, dass sich nicht hinter jeder freundlichen Handlung Betrug verbirgt. Auch in Paris nicht. 

(Von der nicht nur bezahlbaren, sondern richtig tollen Unterkunft und dem Vermieter, der sich sonntags umgehend aufs Velo schwingt, wenn ein Problem auftaucht, erzähle ich dann ein andermal.)  

Schubladisiert

Wir reden uns ja gerne ein, wir seien so furchtbar weltoffen, „Meiner“ und ich. Vorurteile? Klischees? Nicht mit uns! Jeder Mensch ist schliesslich ein Unikat, nicht wahr? 

Tja, und dann verbringen wir eine gewisse Zeit im Ausland, machen die eine oder andere Erfahrung, mal positiv, mal negativ und schon fangen wir an, die Schubladen zu füllen. Die französischen Frauen in der einen Schublade, die Männer in der anderen, die Kinder in der dritten. Dann eine Schublade für Menschen, die aus dem Balkan nach Frankreich eingewandert sind, eine für Einwanderer aus Nordafrika, eine für Touristen aus der Schweiz… Endlos geht das so, eine Schublade nach der anderen und wenn alles schön eingeordnet ist, fangen wir an zu vergleichen. Mit den Schubladen, die wir in Schweden angefüllt haben, den Schubladen aus Italien, den Schubladen aus früheren Lebensphasen…. Oh nein, wir verurteilen nicht, wir vergleichen doch nur. 

Doch dann kommt einer daher, vielleicht ein französischer Mann, der sich eher so verhält wie ein Mann, der in der Schublade für Männer aus Schweden steckt. Oder eine französische Frau, die viel besser in eine italienische Schublade passen würde. Oder ein Tourist aus der Schweiz, der sich so verhält, wie wir es eigentlich von einem Einheimischen erwarten würden…

Wie auch immer, auf alle Fälle äusserst peinlich für uns, wenn wir zweifelsfrei vor Augen geführt bekommen, dass wir, die angeblich so Weltoffenen, Vorurteilsfreien, wild drauflos schubladisiert haben. 

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Theoretisch

Schon als kleines Kind sah ich mir immer und immer wieder einen Bildband zum Thema an. Mehr oder weniger heimlich, weil ich irgendwie ahnte, dass die schrecklichen Bilder nicht für Kinderaugen vorgesehen waren.

Seit ich lesen kann, habe ich immer wieder Bücher darüber gelesen, lese auch heute noch. Biographien, Erlebnisberichte, wissenschaftliche Abhandlungen, Fiktion, auch ein paar Werke, die hitzige Debatten unter Historikern ausgelöst haben.

Am Gymnasium habe ich mal eine Arbeit darüber geschrieben. Auf italienisch, zu einem Aspekt, der nach Meinung des Geschichtslehrers gar keiner war. Eine Meinung, die sich nach ausgiebiger Lektüre als falsch herausstellte, was für mich trotz des traurigen Themas ein Glück war, denn sonst hätte ich noch einmal von vorne anfangen müssen mit meiner Arbeit – die allererste übrigens, die ich am Computer verfasst habe. 

Die Vorlesungen an der Uni waren immer bis auf den allerletzten Platz besetzt, wenn es um diese elenden Jahre der Menschheitsgeschichte ging und als eine, die zur Uni pendelte, musste ich immer sehr früh aufstehen, damit ich mich auch noch irgendwo in die vollen Reihen quetschen konnte. 

Die Artikel zum Thema sind der Hauptgrund, warum ich mir ein vollkommen überteuertes „Spiegel“-Abo auf dem iPad leiste. 

Kein Zweifel, ich weiss ziemlich viel über diese Zeit und doch musste ich heute im Kalender nachschauen, weshalb der 8. Mai in Frankreich ein Feiertag ist. Vermutlich, weil ich aus einem Land stamme, in dem man sich so leicht einreden kann, das Schreckliche, das vor 70 Jahren Gott sei Dank zu Ende gegangen ist, habe sich auf irgend einem fremden Stern abgespielt und darum habe dieser Tag für uns keine allzu grosse Bedeutung. 

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