Glaubensfragen

Ursprünglich hatten wir ja mal geplant, unsere Kinder vor all den Ammenmärchen zu verschonen und ihnen von Anfang an reinen Wein einzuschenken, wenn es um die grossen Fragen des Lebens wie Weihnachtsmänner, Ostern und die Herkunft der Babies geht. Anfangs ging dies eigentlich noch ganz gut. Der Samichlaus war einfach ein verkleideter Mann, von Christkind, Osterhase & Co. war schon gar nicht die Rede.

Dann jedoch kam der denkwürdige 6. Dezember, an dem ein Onkel der Kinder als Samichlaus auftauchte und erzählte, sein Esel habe leider dieses Jahr nicht mitkommen können. Und weil die lieben Kleinen den Onkel trotz seines starken  Baslerdialekts nicht erkannten, gibt es jetzt eben den Samichlaus. Er wohnt, wie bei den meisten anderen Familien auch, tief im dunklen Tannenwald, bäckt Grittibänzen und verteilt Geschenke.

Nun ja, damit könnte man leben. Doch vor zwei Jahren kam dann noch der Osterhase dazu. Unsere Kinder sind der festen Überzeugung, dass es dieses Eier-anpinselnde Geschöpf gibt und wenn sie kurz vor Ostern ein Haarbüschel im Garten liegen sehen, sind sie sicher, dass der Osterhase auf seiner Tour ist. Da hilft alle Skepsis von Seiten der Eltern nichts, der Osterhase ist genauso real wie der Pöstler.

Seit heute jedoch bevölkert noch ein anderer den Götterhimmel unserer Kinder. Da begrüsst mich heute früh unser ältester, seinem Alter entsprechend bestens aufgeklärte und für gewöhnlich sehr vernünftige Sohn allen  Ernstes mit der Frage: „Mama, wie hat der Storch ausgesehen, der mich gebracht hat?“ Und Luise, die genau weiss, dass  Babies aus Mamas Bauch kommen, wollte wissen, ob der Storch sie in dem Tuch getragen habe, das beim Mittagessen die Kartoffeln warm hält.

Wenn die Knöpfe demnächst auch noch von Bienchen und Blümchen zu faseln beginnen, dann weiss ich mir auch nicht mehr zu helfen.

Üble Nachrede

Dem Zoowärter gerät beim Baden das Wasser in den falschen Hals, die Mama klopft ihm auf den Rücken, der Kleine speit und prustet. Kaum hat er sich beruhigt, meint er trocken: „Hät mi weder abgschlage Mama!“.

Einen Tag später wird der Zoowärter vom FeuerwehrRitterRömerPiraten angerempelt. Der Kleine schreit empört auf. Doch anstatt dem grossen Bruder eine überzubraten wendet er sich entrüstet an die Mama: „Hät mi weder gschopft de Papa!“

Das ist doch einfach die Höhe! Da schenkt man dem kleinen Kerlchen das Leben, umsorgt ihn liebevoll und schützt ihn vor den Attacken der grossen Geschwister. Und was ist der Dank? Falsche Anschuldigungen.

Sollte der Kleine demnächst berichten, die Mama oder der Papa habe ihn in den Schrank gesperrt oder man gebe ihm nichts zu essen, zeigen Sie die Eltern bitte nicht beim Sozialamt an, sondern verklagen Sie unseren Sprössling wegen übler Nachrede.

Das perfekte Timing

Gibt es einen besseren Moment, sich eine Magen-Darm-Grippe aufzulesen, als dann, wenn Mama ein lädiertes Knie hat? Natürlich nicht, und deshalb hat sich Linus mit der Schmusedecke, der übrigens seit einigen Tagen nicht mehr Linus mit der Schmusedecke, sondern Zoowärter heisst, weil er nur noch mit einer ganzen Ansammlung von Stofftieren, vom Waschbären bis zum Gummi-Waran herumläuft. Also eben, dieser Zoowärter hat sich sofort eine Magen-Darm-Grippe zugelegt, sobald er merkte, dass die Mama jetzt immer mit diesen sonderbaren Stöcken unterwegs ist. Denn gibt es etwas witzigeres, als zuzusehen, wie die Mama ins Schwitzen kommt, weil sie nicht schnell genug zur Stelle ist, wenn der Mageninhalt wieder hochkommt? 

Gibt es einen besseren Zeitpunkt zum Zahnen, als dann, wenn die Mama einem nicht herumtragen kann? „Natürlich nicht“, hat sich das Prinzchen gesagt, und darum ist er jetzt fleissig dabei, sich die Zähnchen wachsen zu lassen. Natürlich sieht man noch keinen Zahn, aber schreien, wenn man normalerweise friedlich im Bettchen liegen würde, ist zur Abwechslung gar nicht so schlecht.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit Mamas Stöcken Gewehr zu spielen, als dann, wenn die Mama ohnehin gerade dabei ist, das Gleichgewicht zu verlieren? Nein, sagt sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und rast fröhlich mit den Stöcken durch die Wohnung. Die Mama, die auch sonst nicht die Schnellste ist, kommt ihm jetzt garantiert nicht nach.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit drei Decken auf dem Fussboden zu campieren, als dann wenn die Mama ihre Füsse kaum heben kann, ohne vor lauter Schmerz laut aufzuheulen? Natürlich nicht und deshalb kuschelt sich Luise am frühen Morgen wohlig in ihre Decken und zwar vorzugsweise bei der Türschwelle. Einfach, um ein bisschen Spannung in den grauen Alltag zu bringen.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, der kleinen Schwester so richtig eins überzubraten, als dann, wenn die Mama nicht schnell genug ist, dazwischenzukommen? Nein, sagt sich Karlsson vom Dach und piesackt seine Schwester wo er nur kann. Die Mama könnte sich sonst noch langweilen, wo sie doch jetzt kaum mehr aus dem Haus kommt.

Vielleicht war es doch nicht die beste Idee, sich das Knie ausgerechnet jetzt zu verletzen…

Aprilscherz?

Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass die Hausärzte heute gestreikt haben. Der Couchepin ist ja wirklich unmöglich, oder, wie meine Tante schon vor Jahren festgestellt hat, „ein Büffel“. Aber hätten die Hausärzte nicht vorgängig mein rechtes Knie über ihren Aktionstag ins Bild setzen können? Mein Gehirn wusste ja davon, doch hätte mein rechtes Knie gewusst, dass heute kein Arzt zur Verfügung steht, hätte es bestimmt noch einen Tag länger damit gewartet, mir das Leben zu erschweren. Aber eben, mein rechtes Knie hat von Gesundheitspolitik keine Ahnung und deshalb verbrachte ich den Mittwochnachmittag nicht in der Badewanne oder beim Ostergeschenkeshopping, sondern auf der Notfallstation des Kantonsspitals.

Und ich kann nicht mal viel dafür. Ein falscher Schritt beim Kochen und zack! ist das Knie im Eimer. Es frage mich niemand, wie ich es mit diesen höllischen Schmerzen geschafft habe, mich vom Boden aufzurappeln, die Wähe in den Ofen zu schieben, das Prinzchen zu beruhigen, die grossen Jungs mit dem Auto in der Spielgruppe abzuholen und die kleinen Jungs in den dritten Stock zu hieven. Ich weiss es nämlich selber nicht. Irgendwann machte mich meine Mutter darauf aufmerksam, dass es ja noch Schmerzmittel gebe. Zum Glück verlieren Grossmütter nicht so schnell den Überblick wie Mütter…

Tja und dann begann die Suche nach medizinischer Versorgung. Und irgendwann blieb nur noch die Notfallstation, weil der diensthabende Arzt kein Röntgengerät hat. Nach endlosem Warten war der Fall dann klar: Krücken und vier Wochen ohne Sport, dann wird man weitersehen.

Fragt sich nur, wie ausgerechnet ich es vier Wochen ohne Sport aushalten soll. Immerhin absolviere ich, wie fast alle Mütter, täglich zwischen sieben Uhr früh und neun Uhr spät einen Halbmarathon.

Das Prinzchen wird zum Prinzen

Das Prinzchen ist im Stress. Vier Monate und fünfundzwanzig Tage hat er es ruhig angehen lassen, hat die Beschaulichkeit des Babylebens genossen und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Doch vor einigen Tagen hat er entdeckt, dass wir etwas tun, ohne ihn teilhaben zu lassen. Wir alle essen, nur er darf nicht. So eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Da dürfen sich alle Löffel und Gabeln in den Mund schieben, nur er muss sich mit der Brust zufrieden geben.

Ein anderes Kind würde sich vielleicht mit dieser Ungleichbehandlung abfinden und warten, bis die Zeit für feste Nahrung gekommen ist, aber ein Prinzchen doch nicht. Das bis anhin friedlichste Baby der Welt schreit, dass die Wände wackeln und gibt nicht eher Ruhe, bis dass er auf einer Banane rumkauen darf. Da mögen Kinderärzte, Stillberaterinnen und andere Experten noch so lange predigen, ein Baby dürfe erst nach sechs Monaten feste Nahrung zu sich nehmen. Wenn das Prinzchen feste Nahrung will, dann bekommt er sie auch, egal, ob das den Experten passt oder nicht.

Und wenn er schon dabei ist, seine kleine Welt umzugestalten, kann er sich auch gleich vom Rücken auf den Bauch drehen, die ersten Sitzversuche unternehmen und sich mit den Füssen von der Wand abstossen, um zu schauen, was passiert.

So ganz allmählich wird das Prinzchen zum Prinzen…

Wasser predigen und Wein trinken

So ist es natürlich leicht, auf Süsses zu verzichten. Da ein Stück Kuchen, wenn ein Schulkamerad Geburtstag feiert, dort eine Handvoll Carambar, dann wieder ein paar Süssigkeiten, die man von der Grossmama abgebettelt hat. Und dann der Mama sagen, es sei überhaupt kein Problem, aufs Dessert zu verzichten, da könne man doch mühelos bis zum nächsten Feiertag durchhalten.

Nun ja, so könnte ich es auch. Doch jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt. Wartet nur, ihr Kinderlein, euch werd‘ ich zeigen, was ein echter Asket ist! Das nächste Dessert gibt’s am Ostersonntag. Versprochen!

Die Besucher, die am nächsten Samstag mit uns essen werden, sind gebeten, das Thema nicht anzuschneiden, wenn ich den Kuchen (oder was immer es auch geben mag) anschneide. Und vor allem sollen sie niemandem verraten, dass ich für einmal eine Ausnahme machen werde…

Abstinenz

Hätte ich geahnt, welche Konsequenzen der Vorschlag haben würde, hätte ich geschwiegen. Die Kinder wollten wissen, was es mit der Fasnacht und der anschliessenden Fastenzeit auf sich habe. Und weil ein paar Tage Abstinenz noch niemandem geschadet haben, vereinbarten wir, bis zum nächsten Geburtstagsfest nichts Süsses mehr zu essen. Keine Desserts, keine Schokoladeneier, keine Bonbons. Die Tragweite dieses Entschlusses wird deutlich, wenn man weiss, dass unsere Kinder normalerweise jeden Tag ihre eine Portion Süsses abbekokmmen, genau so, wie es die Lebensmittelpyramide vorsieht. Ausgewogene Ernährung muss eben sein. Und ohne Zucker übersteht die Mama  die anstrengenden Tage mehr schlecht als recht.

Erstaunlicherweise stiegen die beiden Ältesten sofort auf den Vorschlag ein, während der FeuerwehrRitterRömerPirat lautstark protestierte. Insgeheim hatte ich natürlich damit gerechnet, dass das Experiment nach spätestens drei Tagen beendet wäre, doch die Kinder zeigten erstaunliches Durchhaltevermögen. Nicht einmal der FeuerwehrRitterRömerPirat verlangte nach seinem täglichen Dessert und bis auf wenige Ausnahmen hielten wir bis zur Geburtstagsparty durch. Nach dem ersten Bissen der Geburtstagstorte war uns allen schlecht, weil wir uns den vielen Zucker nicht mehr gewöhnt waren und jetzt sitzen wir auf Bergen von Süssigkeiten, die niemand essen will.

Jetzt, wo das Experiment eigentlich beendet wäre, wollte ich von den Kindern wissen, wie es denn nun in Sachen Süssigkeiten weiter gehen solle. Wir könnten ja nicht nur an Geburts- und Feiertagen schlemmen. Warum denn nicht, wollten die Kinder wissen. Das reiche doch vollkommen, fanden sie. Zaghaft fragte ich nach, was sie denn von zwei Desserts pro Woche halten würden. Die drei, die bereits mitbestimmen können, sahen mich befremdet an: „Das ist doch viel zu viel, Mama!“, protestierten sie. Und so bleiben wir bis auf Weiteres bei der Abstinenz.

Wundert sich noch jemand, dass mein Blog neuerdings in Bonbonrosa daherkommt?

Retro-Chic

Luise hat die Vergangenheit entdeckt. Während ihre Brüder die Mama mit Fragen über das Leben der Römer und Ritter gelöchtert haben, hat sie klammheimlich ihre eigenen Nachforschungen betrieben. Da ein Gespräch mit der Grossmutter, dort ein Blick in ein Buch von Astrid Lindgren, dazu noch ein paar Bilder von Sarah Kay und schon muss alles anders sein.

Eines Morgens kommt sie aus dem Bett und findet, ab heute trage sie nur noch Kniestrümpfe unter dem Rock, auch wenn es draussen eiskalt sei. Das habe die Grossmama auch so machen müssen, als sie ein Kind gewesen sei. Aber natürlich, mein Kind, doch inzwischen ist die Nylonstrumpfhose zur billigen Massenware geworden, die auch wir uns leisten können. Nur mit Mühe lässt sie sich überzeugen, eine Strumpfhose unter den Kniesocken zu tragen.

Als nächstes muss eine Schürze her. Grossmama hat als Mädchen auch eine Schürze getragen, damit die Kleider nicht schmutzig werden. Und weiss muss sie sein, die Schürze, denn Klein-Ida aus Lönneberga trägt auch eine weisse Schürze. Also treiben wir eine weisse Schürze auf. Als dann noch die Frisur genau so ist, wie auf dem Sarah-Kay-Bild, ist Luise zufrieden. So kann sie sich zeigen im Kindergarten.

Nur einen Wunsch habe ich ihr abgeschlagen: Mit einem Kopftuch geht sie mir nicht aus dem Haus. Bei allem Respekt vor alten Traditionen, die Verschleierung von Mädchen unterstütze ich nicht, und sei sie noch so freiwillig.

Es liess sich nicht länger vermeiden

Was für andere Leute der Zahnarztbesuch ist, ist für mich der Besuch beim Coiffeur. Wochenlang, ja, monatelang schiebe ich den Termin vor mir her und erst dann, wenn „Meiner“ meines Anblicks vollkommen überdrüssig geworden ist, lasse ich es zu, dass er mich anmeldet. Ja, allein der Anruf ist für mich unerträglich. „Bei wem waren Sie das letzte Mal?“, will die Dame am Empfang dann nämlich jeweils wissen und ich gerate ins Stottern, weil ich nicht mehr weiss, ob die Coiffeuse Jolanda, Monika oder Manuela hiess. Dabei bin ich seit Ewigkeiten ihre Kundin. Sie hat mir bestimmt schon fünfmal die Haare geschnitten. Deshalb lasse ich „Meinen“ den Anruf tätigen, denn er kann guten Gewissens antworten, er habe keine  Ahnung, wer jeweils für meine Frisur zuständig sei. Dies hat zur Folge, dass jeweils der ganze Salon auf den Stockzähnen grinst, wenn ich zum Gemetzel antrete. Aber ich bringe es nicht übers Herz, den Salon zu wechseln, auch wenn mein Ruf schon längst ruiniert ist. Wo sonst komme ich gratis zur Rückenmassage auf diesem wunderbaren Massagesessel? Da nimmt man alles andere auf sich.

Bin ich dann im Salon, folgt das nächste Problem. Die Lektüre. Seitdem ich einmal eine Coiffeuse völlig aus dem Konzept brachte, weil ich die „Weltwoche“ verlangte, – das war natürlich lange bevor die „Weltwoche“ zum Parteiblatt der SVP verkommen war, – fürchte ich nichts so sehr wie die Frage: „Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“. Normalerweise rette ich mich aus der misslichen Lage, indem ich selber etwas zum Lesen mitbringe. Doch heute hatte das Prinzchen einen solchen Hunger, dass ich keine Zeit hatte, mir eine Lektüre zu schnappen, bevor ich das Haus verliess. Der „Spiegel“ blieb zu Hause und ich sass bald darauf mit „Die Frau im Spiegel“ vor dem Spiegel.

Ja und schaut man sie sich dann mal wieder genauer an, die Frau im Spiegel, sieht man plötzlich, dass sie ein Doppekinn bekommen hat, dass ihre Schultern zu breit sind, dass sie einen Mitesser am Kinn hat. Und dann findet man sie, auch wenn man sich nicht als eitel bezeichnen würde, einen der hässlichsten Menschen auf diesem Erdboden. Da liest man doch lieber die „Frau im Spiegel“, um zu erfahren, welche Eskapaden sich Heidi Becker, Boris Williams, Robbie Klum und wie sie alle heissen, vor einem Jahr geleistet haben.

Und dann steht sie vor mir, Jolanda, Monika oder Manuela. Freundlich wie immer, doch jedes Mal ein wenig mitleidiger. Ich sehe es in ihren Augen: Es zerreisst ihr fast das Herz, mein Haar so leiden zu sehen, doch tapfer nimmt sie sich der Aufgabe ein weiteres Mal an. Schlägt mir vor, ein paar Strähnchen mehr zu färben als letztes Mal, wieder mal einen neuen Schnitt auszuprobieren, ein paar Stufen zu schneiden. Und weil Jolanda, Monika oder Manuela so nett ist, lasse ich sie gewähren, werde zum völlig willenlosen Geschöpf, das sich am Ende der Tortur sogar ein komplett überteuertes Pflegeprodukt aufschwatzen lässt, obschon ich „Meinem“ versprochen habe, dass ich darauf nie mehr hereinfallen werde. Zumindest habe ich laut und deutlich Nein gesagt, als man mir ein „Handparaffin“ anbot. Nachdem ich letztes Mal völlig verdattert Ja gestammelt hatte, weil ich keine Ahnung hatte, worum es ging, bin ich diesmal ein wenig gescheiter und lasse es nicht mehr zu, dass man meine Hände in heisses Wachs taucht.

Irgendwann ist es dann überstanden. Der Haarschnitt, den Jolanda, Monika oder Manuela mir verpasst hat, verschont mich für die nächsten zehn Monate vor weiteren Qualen. Offenbar mache ich aber trotz meiner Abneigung Fortschritte: Jolanda, Monika oder Manuela hat mich heute zum ersten Mal geduzt. Ein untrügliches Zeigen, dass sie mich trotz meiner Schwächen als ihre persönliche Stammkundin akzeptiert. Vielleicht komme ich schon in sechs Monaten wieder. Aber nicht ohne meine eigene Lektüre.

Luise befragt das Orakel

Die Verzweiflung ist gross. Es ist Samstagabend und Luise findet ihre Häschen nicht mehr. Einfach weg sind sie, die beiden halbzerfetzten Schmusetiere, die sie seit dem zarten Alter von drei Monaten nicht mehr aus der Hand gibt. Und dies ausgerechnet an einem Abend, wo ohnehin schon das grosse Elend mal wieder zugeschlagen hat.

Man muss wissen, dass sich Luise nichts sehnlicher wünscht, als eine Schwester. Und zwar eine eigene, eine, die "in Mamas Bauch gewachsen ist". Eine mit der Knospe, Bio-zertifiziert, sozusagen. Weil sie aber keine Schwester hat, braucht Lusie von Zeit zu Zeit einen Frauentag. Dann zieht sie alleine mit Mama und Babybruder durchs Land, quatscht mit der Mama über dies und das, trinkt "Kaffee", tauscht mit Mama ein paar Geheimnisse aus und betreibt ein bisschen Window Shopping und natürlich auch ein ganz kleines bisschen echtes Shopping. Wunderbare Tage. Bis der Abend kommt, die Brüder wieder da sind und Luise wieder von ganz Neuem bewusst wird, dass sie die Henne im Korb ist. Und dann geht das grosse Jammern los. Das einzige, was Luise dann noch trösten kann, sind ihre Häschen. Und die sind ausgerechnet an diesem Samstagabend weg.

Luise muss ungetröstet ins Bett, noch im Schlaf heult sie immer wieder voller Verzweiflung auf. Am frühen Morgen dann jagt sie aus dem Bett. Ihre Häschen sind noch immer nicht da, eine Schwester hat sie über Nacht auch nicht bekommen. Jetzt gibt's nur noch eins: Das Orakel befragen. Doch dieses liegt im Gitterbett und schläft tief und fest. Um diese Zeit befindet sich Linus mit der Schmusedecke noch im Land der Träume. Das Orakel muss geweckt werden und zwar mit der richtigen Frage. "Weisst du, wo meine Häschen sind?!" (Das Ausrufezeichen am Ende ist ganz wichtig. Lässt man es weg, schweigt das Orakel.)

Das Ausrufezeichen hat gewirkt, das Orakel spricht. "Send bem Mamami. Ond de David es verosse. David chomm!!" Dann ist es wieder still im Gitterbett. Um diese Zeit kann das Orakel auch nicht mehr preisgeben, als es gestern Abend im Trubel vor dem Einschlafen noch mitbekommen hat.