Ich hab’s ja schon immer geahnt, dass einige in unserer Familie ein wenig verrückt sind. Doch so deutlich wie im Februar tritt es selten zu Tage.
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Auszeit
Weggeschickt hat er uns, mich und den Prinzen. Eine schlaflose Nacht, ein paar Tränen und schon wird man weggeschickt. Ab, ins Ländli! Nichteingeweihte, also Nicht-Evangelikale, werden jetzt fragen, was das Ländli sei. Evangelikale werden wissend nicken und sagen: “Wurde aber auch Zeit, dass die mal ins Ländli geht!”
Das Ländli, für die, die es nicht wissen, gehört zur Schwesterngemeinschaft Ländli. Das angeschlossene Kur- und Ferienhaus am Aegerisee ist der Ort wo evangelikale Christen sich zurückziehen, wenn ihnen das Leben zu viel wird.
Schon seit Monaten waren sie mir in den Ohren gelegen, die Nachbarin, die Ärztin und natürlich “Meiner”. “Geh endlich ins Ländli”, sagten sie, wenn mir mal wieder alles zu viel wurde. Aber ich wollte nicht. Warum kann ich nicht so recht begründen. Zwar war die Ländlischwester, die ich als Kind kannte, einer der liebsten Menschen auf dieser Erde. Dennoch konnte ich mich nicht mit der Idee anfreunden, mich an einem Ort zu erholen, wo andere hinfahren um gemeinsam zu fasten. Seitdem ich um jedes Stück Schokolade und jede ununterbrochene Nacht kämpfen muss, habe ich ein etwas gespanntes Verhältnis zur Askese entwickelt.
Dies alles ist “Meinem” egal und deshalb hat er mich eben zu meinem Glück gezwungen. Knappe 24 Stunden gab er mir, um mich auf das Abenteuer vorzubereiten. Und dann, vor zwei Tagen, sind das Prinzchen und ich abgereist, nach unzähligen Tränen von Luise, einem flüchtigen Kuss von Karlsson, einem schiefen Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten und einem Tobsuchtanfall von Linus mit der Schmusedecke, der halbnackt und mit Gummistiefeln ausgerüstet, auch mitwollte. Und dann, nach zwei Stunden Bahnfahrt und viermal Umsteigen standen wir da, in Oberägeri Station, beladen mit einem Koffer und unzähligen Vorurteilen. Aber wo ist jetzt das Ländli? Man sollte meinen, das Mekka der Erholungssuchenden sei gross angeschrieben, doch nichts da. Vermutlich geht man davon aus, dass jeder Evangelikale bei der Geburt einen Ländli-Radar mitgeliefert bekommt, doch bei mir ist der aus unerklärlichen Gründen vergessen gegangen. Nun, irgendwann kam ich auf die glorreiche Idee, der Buslinie zu folgen und dann waren wir da.
Und dann verstand ich, warum mich alle hier haben wollten. Allein schon die Seesicht und die verschneiten Landschaft wären die Reise Wert gewesen. Vollends eingenommen hat mich dann aber der Bücherladen im Foyer. Ein Ort, der mit einem Bücherladen ausgerüstet ist, kommt dem Paradies so nahe, wie es auf dieser Erde nur möglich ist. Gutes Essen, ein Wellnessbereich und unglaublich freundliche Menschen sind da nur noch das Sahnehäubchen. Währenddem sich ein Vorurteil nach dem anderen in Luft auflöste, begann ich langsam, mich zu entspannen. Ich weiss, es tönt kitschig, aber ich habe mich noch selten an einem Ort so wohl gefühlt.
Da blieb eigentlich nur noch ein Problem: Wie sollte ich hier zur Ruhe kommen? Als mit Abstand jüngster Gast war das Prinzchen eine derart begehrte Persönlichkeit, dass ich kaum zwei Schritte tun konnte, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden.
Die Schuldigen sind gefunden
Die Frage, wer die Wirtschaft in die Krise geritten habe, wird seit Monaten heftig diskutiert. Die meisten Menschen geben gierigen Bankern die Schuld. Doch das ist eine ganz gemeine, völlig haltlose Unterstellung. Seit vorgestern weiss ich mit Bestimmtheit, wer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Wir waren es, die Mütter.
Pasta mit Mayonnaise
Ach Schweiz, du kinderfreundlichstes aller Länder! Wie liebe ich es, immer wieder von Neuem zu erleben, wie sehr du die Kinder und ihre Eltern verwöhnst. Wie schön ist es, in einen deiner perfekt designten Schnellzüge einzusteigen. Herrlich, dass für Kinderwagen ein besonders prominenter Platz vorgesehen ist: Gleich im Durchgang, so dass jeder, der ein- oder aussteigen will, sich daran erfreuen kann.
Ferngespräch
Bahnhof Aarau. Der Baustellenlärm ist unerträglich, immer wieder rasen Züge vorbei und die Kinder wollen tausend Fragen beantwortet haben. Auf dem gegenüberliegenden Perron sitzt der Französischlehrer aus längst vergangenen Zeiten. Wäre eigentlich schön, sich ein wenig zu unterhalten. Aber wie denn? Schliesslich ist es "défendu d' attraverser les voies", wie es so schön heisst.
Familienzuwachs
Keine Angst, wir sind nicht schon wieder schwanger. Wir haben auch kein Kind adoptiert.Wir sind noch immer die gleichen sieben Leute, die einander auf etwas zu engem Raum immer wieder auf die Zehen treten. Dennoch haben wir Familienzuwachs bekommen.
Bei uns wohnen nicht mehr nur das Prinzchen, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise aus dem "Doppelten Lottchen" sowie das Sams und Karlsson vom Dach in Personalunion. Vor ein paar Tagen hat sich unser Zweitjüngster ganz ohne Vorwarnung in Linus verwandelt. Linus, der kleine Freund von Charlie Brown, der mit der Schmusedecke.
Plötzlich muss die Decke immer und überall dabei sein. Zwar stolpert der Kleine ständig, aber er gibt sie nicht mehr her. Momentan beschränkt sich das Ganze zum Glück noch auf die Wohnung, doch es ist eine Frage der Zeit, bis die Decke auch mitkommen muss, wenn wir nach draussen gehen. Mal sehen, wie wir das dann meistern werden.
Bis dahin sagen wir nur: Herzlich willkommen, Linus!
Wer hat Angst vor einem Wiener Würstchen?
So ein blöder Deal. Ein Wiener Würstchen gegen drei Tage Ferien, allein mit dem Prinzchen. Ich und meine grosse Klappe! Warum nur habe ich in einer schwachen Minute behauptet, für ein paar Tage Ferien würde ich sogar eine Bratwurst essen. Eine Bratwurst zu essen ist so ziemlich das Übelste für eine überzeugte Vegetarierin. Also fangen wir mal mit einem Wiener Würstchen an.
Erwartungen
Wenn man eine grosse Familie hat, wollen plötzlich alle etwas von einem. Jeder scheint irgend ein Bedürfnis befriedigen zu wollen. Da sind zum Beispiel gelangweilte Senioren. Sind wir zu siebt unterwegs, starren sie uns ungeniert an und beginnen zu tuscheln. „Meiner“ streckt ihnen dann provokativ fünf Finger entgegen und sagt: „Ja, es sind fünf. Sie haben richtig gezählt.“
Vorsätze
Nein, gute Vorsätze gibts dieses Jahr nicht. Wo doch schon der Testvorsatz komplett in die Hose gegangen ist. Dabei war er doch ganz einfach: Jeden Tag während der Weihnachtsferien einen Spaziergang machen, die kalte Luft geniessen, ein wenig nachdenken und dem Prinzchen den Wald zeigen, auch wenn er noch gar nichts davon sieht. Manchmal könnte man ja auch die grossen Kinder mitnehmen. Das wäre doch eine gute Gelegehneit für tiefsinnige Gespräche. Sollte eigentlich machbar sein, oder?
Nachts
Nachts wird unser Schlafzimmer zum Bienenhaus. Eigentlich wäre es so vorgesehen, dass nur "Meiner" und ich dort schlafen. Doch weil das Prinzchen noch viel Nähe braucht und wir onehin kein freies Zimmer haben für ihn, schläft auch er bei uns. Seit einigen Wochen sogar im eigenen Bettchen. Wer Nacht für Nacht "Schmeiss die Mama aus dem Bett" spielt, hat sein Aufenthaltsrecht an meiner Seite rasch verspielt, auch wenn er ein Prinz ist.