Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

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Ganz schön intensiv das Ganze

„Warte nur, bis sie grösser sind“, warnten mich erfahrene Mütter, als ich selber noch ziemlich am Anfang stand. „Du wirst dich nach den Zeiten zurück sehnen, als die Frage, wann sie endlich durchschlafen, deine grösste Sorge war.“ Sie redeten so, als wäre die Baby- und Kleinkinderzeit ein Spaziergang an der Strandpromenade, das Leben mit grösseren Kindern hingegen eine Überfahrt bei rauer See. Trotz ihrer Erfahrenheit glaubte ich ihnen nicht. Wie auch? Wo doch jeder Tag mit den lieben kleinen Menschen mehr an die Substanz ging, als vorher eine ganze Arbeitswoche. 

Heute stehe ich in der Lebensphase, vor der sie mich damals gewarnt haben. Eine intensive Phase, ich gebe es offen zu. Schulnöte, gesundheitliche Probleme, pubertäre Wutanfälle, Revolte gegen die elterliche Autorität, der zunehmende Schmerz des Loslassens – das alles geht an die Substanz, erfordert meine volle Präsenz, raubt mir zuweilen auch den Schlaf. 

Hatten sie also recht, die Mütter, die es vor zehn, fünfzehn Jahren so gut verstanden, mir den Mut zu rauben? Nein, das hatten sie nicht. Kinder zu haben – das sehe ich heute, wo einige Bereichen einfacher, andere schwieriger als früher sind – ist in jeder Phase ganz schön intensiv.

Und trotz allem ganz schön. 

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Politisiert

Zufrieden? Na ja, ein weiteres Loch im Gotthard hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und ich gehöre auch zu der Minderheit, die findet, mit Essen dürfe man nicht spielen, aber davon abgesehen erlebe ich heute den ersten glücklichen Abstimmungssonntag seit Jahren. Nicht nur wegen dem, was man jetzt in sämtlichen Medien im In- und Ausland lesen kann – weshalb ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche -, sondern auch, weil „Meiner“ und ich jetzt nicht mehr die einzigen sind, die am Familientisch über Politik diskutieren. Gut, Politik war schon immer ein Thema bei uns, und die ältesten unserer Kinder erinnern sich noch lebhaft an meinen Luftsprung, als der Milliardär aus Herrliberg aus dem Bundesrat abgewählt wurde, doch bis jetzt verliefen die politischen Gespräche eher so:

Kinder: „Ist das ein Guter oder ein Böser?“

„Meiner“: „Ein Böser.“

Kinder: „Warum?“

Ich: „Weil der bei der letzen Abstimmung…“

Inzwischen aber ist Karlsson gross genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, kluge Beobachtungen anzustellen und herausfordernde Fragen zu stellen. Luise kann zwar noch immer nicht ganz nachvollziehen, warum wir dem Thema so viel Beachtung schenken, aber auch sie fängt an zu begreifen, dass das alles auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten könnte man glauben, er verstehe von der Sache noch überhaupt nichts, fangen seine Augen doch jedes Mal, wenn im politischen Zusammenhang das Wort „Kampf“ fällt, gefährlich an zu leuchten, doch kurz darauf stellt er wieder Verständnisfragen, die es in sich haben. Man darf also gespannt sein, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt.

Ich hoffe einfach, „Meinem“ und mir ist es gelungen, eine gute Basis zu legen, damit sie in ein paar Jahren, wenn sie abstimmen und wählen dürfen, auch das Gleiche auf ihre Zettel schreiben wie wir. 

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Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
.
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.
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.
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102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Wie gut verstehst du deine Mutter, Teil II

Wieder mal eine kleine Weiterbildung für alle, die ihre Mutter gerne besser verstehen möchten. Aus aktuellem Anlass diesmal speziell auf Kinder von Home-Office-Müttern zugeschnitten.

 

 

Grossfamiliengeplänkel

Bei Karlsson ist es die Anspannung vor der grossen Prüfung Mitte März.

Bei Luise ist es der Kopf, seit mehr als sechs Monaten schon.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sind es die Ohren, manchmal auch der Kopf, dann wieder der Bauch, immer wieder, den ganzen Winter schon. Daraus resultierend die Frage, ob es Viren oder Bakterien sind, oder vielleicht doch eher das Leiden am Schulalltag.

Beim Zoowärter ist es der Bauch, zwei Wochen nach dem letzten Arztbesuch schon wieder so heftig, dass die Glucke einmal mehr mahnt, das Ganze erinnere sie irgendwie an Karlssons Blinddarmgeschichte.

Beim Prinzchen ist es die Laune. 

Bei „Meinem“ auch. 

Das alles findet natürlich keiner besonders lustig, am allerwenigsten meine Nerven, die jetzt auch allmählich zu rebellieren anfangen. 

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Drei Mütter

Heute mal wieder eine erzwungene Kaffeepause, während Luise sich einer längeren Untersuchung unterziehen muss. Nacheinander kommen drei Mütter ins Café.

Mutter 1 mit Baby, ca. 10 Monate alt

„Das kannst du schon richtig gut. Du hast ja so viel zu erzählen. Halt dich doch mal kurz hier fest, dann gehe ich bezahlen. Willst du dir das Mützchen nicht selber anziehen? Das kannst du bestimmt schon ohne meine Hilfe.“  – Liebevoll, zugewandt, aber so viel „Hilf mir, es selbst zu tun“, dass das arme kleine Menschlein schon ganz verdattert ist.

Mutter 2 mit Tochter, ca. 2.5 Jahre alt

Rein ins Café, Bestellung aufgeben, Zeitschrift schnappen, ab und zu ein Blick aufs Kind, ansonsten Stille am Tisch, nur gelegentlich unterbrochen von einem kurzen Geplauder zwischen Mutter und Tochter. Das Kind hat ausgetrunken, die Mama nicht, also bekommt es die Jacke angezogen, wird nach draussen geschickt, damit Mama in Ruhe fertig Kaffee trinken kann, natürlich immer mit Blickkontakt durchs grosse Fenster. – Nicht kaltherzig, eher so „Du sagst mir, wenn du mich brauchst, ja?“

Mutter 3 mit Sohn, ca. 3 Jahre alt

Erst wird Söhnchens Stühlchen mit einem dicken Kissen gepolstert, dann wird bestellt, dann gibt’s einen Schleckstengel und dann wird geplaudert: „Gell, Liam, du magst Kaffeekränzchen mit der Mama. Ist das nicht schön hier? Oh, jetzt hast du aber ein grosses Stück abgebissen! Sitzt du auch richtig bequem? Ja ja, Kaffeekränzchen nur für Mama und Liam, das gefällt dir. Wenn wir fertig sind, gehen wir noch ein wenig spazieren und dann nach Hause. Aber jetzt geniessen wir erst mal unseren Kaffee.“ – Liam, Liam und nochmals Liam, bis zum Abwinken.

Dennoch wird Liams Mama die einzige sein, die dereinst beim Elterngespräch in der Schule gut ankommt. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil V

Vorbemerkung: Wie immer, wenn ich einen Einblick in die nicht immer ganz erfolgreiche Kommunikation mit der italienischen Verwandtschaft gewähre, ist auch dieser Beitrag nicht wertend zu verstehen. Er soll einfach zeigen, wie man auch nach Jahren noch grandios aneinander vorbei reden kann.

Dialog Nr. 5

Schwiegermama und „Meiner“ unterhalten sich am Telefon über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in den vergangenen Monaten eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen musste. Das Gespräch verläuft ungefähr so:

„Meiner“: „Die Untersuchungen sind jetzt abgeschlossen. Die Ärztin hat herausgefunden, dass er…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“, wie so oft, nicht ausreden): „Der Junge liest einfach zu viel.“

„Meiner“: „Nein, das ist ganz bestimmt nicht das Problem. Im Gegenteil, dass er so viel liest ist…“

Schwiegermama (unterbricht schon wieder): „Er sollte unbedingt weniger lesen. Dann ginge es ihm besser.“

„Meiner“: „Dass er so viel liest, ist sehr positiv, das zeigen die Untersuchungsergebnisse ganz klar. Die Sache ist die…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“ natürlich noch immer nicht fertig erklären, denn sie weiss ja, wo das Problem liegt): „Die vielen Bücher verwirren ihn doch nur. Würdet ihr ihn nicht immer so viel lesen lassen, hätte es diese Untersuchungen gar nicht gebraucht. Die Geschichten bringen ihn doch nur durcheinander.“

Na ja, wenn sie meint. Dann versuche ich mal, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Buch zu entwinden, das er gerade liest. Vermutlich bin dann einfach ich diejenige, die ärztlichen Beistand braucht.

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Mütterliche Nerven

Natürlich sind mir solche Aktionen ganz und gar nicht fremd. Fühlte ich mich in meinen Zimmer nicht mehr wohl, wurde bis spät abends umgestellt, ganz egal, ob andere schlafen wollten. Waren mir meine Möbel verleidet, tauschte ich mit Brüdern und Schwestern, bis jeder wieder eine halbwegs annehmbare Einrichtung hatte. Passte mir die Farbe eines alten Kleiderschranks nicht mehr, durchwühlte ich das ganze Haus, bis ich irgendwo einen halbwegs hübschen Farbrest auftreiben konnte und dann wurde gestrichen. War mir die Tapete verleidet, lag ich meiner Mutter so lange in den Ohren, bis sie mich endlich ins Möbelhaus karrte, wo man damals noch billige, bunte Tapeten bekam. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie „Meiner“ und ich bis abends um elf die Wände zukleisterten. Ob ich ihm als Gegenleistung dabei half, seine Wände mit lilafarbenen Kreisen zu verzieren, oder ob er das alleine gemacht hat, weiss ich nicht mehr. Auf alle Fälle sahen beide Zimmer danach ganz furchtbar aus.

Wenn nun also Luise, die sich bis jetzt damit zufrieden gegeben hat, alle drei Monate ihre Möbel umzustellen, in einer kopfwehfreien Stunde zum Farbroller greift, um ihre grünen Wände rosarot zu streichen und das Weiss ihrer weissen Wände aufzufrischen, erstaunt mich das keineswegs. Überrascht bin ich jedoch, wie unglaublich belastend solche Aktionen für das mütterliche Nervensystem sind.

Fragt sich nur, ob ich das früher nicht bemerkt habe, weil meine Mutter sich so gut im Griff hatte, oder weil ich mit der gleichen Blindheit für mütterliche Empfindungen geschlagen war wie Luise heute.

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Andere Zeiten

Nach der ersten erfolgreichen Suchaktion in meiner Vergangenheit liessen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch ein wenig weiter zu wühlen. Einmal mehr wurden sie fündig: Alte Kindergartenzeichnungen, die noch heute Marineblau auf Beige belegen, wie langweilig dieses erste Jahr meiner Schullaufbahn war. Mein Graduation Cap vom Highschool-Abschluss, feuerrot und inzwischen ohne Quaste, aber immer noch für viel Gelächter gut. Ein Freundschaftsbuch, dessen Inhalt die Diskussion auslöste, ob ich wirklich schon damals Madonna nicht gemocht habe, oder ob ich das jetzt nur behaupte, weil es heutzutage – im Gegensatz zu 1987 – nicht mehr cool ist, Madonna cool zu finden.

Ja, und dann war da auch diese Kassette. Ein Oeuvre von 90 Minuten, das den Titel „Karlsson vor dem Einschlafen, Juli 03“ trägt. Da der im Titel erwähnte Karlsson äusserst nostalgisch veranlagt ist, verfügt unser Haushalt auch im Jahre 2016 noch über ein Kassettengerät, so dass wir uns das Band in voller Länge anhören konnten. Im Hintergrund hört man eine zornig schreiende Luise, knapp vier Monate alt, ansonsten ziemlich viel Rauschen, immer wieder unterbrochen von dem friedlichen Geplapper des noch nicht dreijährigen Karlsson, der seinem Eisbären David die Welt erklärt. Alles, was ihm damals wichtig war – sein grosser Cousin, der begeistert Fussball spielte, die volle Windel, diverse Körperteile, die inzwischen schlafende Luise, die Grossmama und natürlich die Tortenschaufel mit dem orangefarbenen Griff, die er stets mit sich herumschleppte – ist auf diesem Band festgehalten.

Während ich mit verklärtem Blick dem Geplauder aus vergangenen Tagen lauschte, machte sich der inzwischen halbwüchsige Protagonist meines Unterhaltungsprogramms seine Gedanken über das Medium, auf dem sein einst so zartes Stimmchen festgehalten worden war. „Hat man solche Bänder einfach im Laden kaufen können? Waren die teuer? Und was konnte man mit denen alles anstellen, ich meine, abgesehen davon, dass man damit den eigenen Sohn heimlich belauschte?“ 

Also begann ich zu erzählen. Von den Abenden während meiner Teenagerjahre, als ich immer zwischen sieben und acht Radio 24 einschaltete, eine leere Kassette im Gerät, für den Fall, dass ein Hörer eines meiner Lieblingslieder – natürlich nicht von Madonna – wünschen würde, oder vielleicht sogar einen Gruss für mich hätte, was natürlich nie vorkam. Wie schwierig es war, die Aufnahme abzuklemmen, ehe der Moderator wieder mit seinem Geschwätz anfing, wie sauer ich war, wenn nichts Anständiges gewünscht wurde. Ich erklärte, was ein Walkman ist, versuchte auch verständlich zu machen, wie das jeweils klang, wenn die Batterien allmählich den Geist aufgaben, aber ich glaube, da konnten sie mir nicht mehr folgen. Staunen mussten sie natürlich trotzdem und das Staunen wurde grösser, als ich erklärte, wie leicht es war, bei so einem Tonband den Kopierschutz zu umgehen.

Und zum ersten Mal seitdem ich Teenager im Haus habe, hörte ich einen leisen Neid heraus, als Karlsson meinte: „Wahnsinn! Ihr konntet Raubkopien machen, ohne dass euch einer auf die Schliche kommen konnte. Heute fliegt sowas ja sofort auf…“

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