Ein klitzekleiner Wunsch

Liebe Mitarbeitende sämtlicher Kindernotfallstationen auf diesem Planeten

Verzeiht mir, wenn ich etwas direkt bin, aber das, was ich hier schreibe, muss jetzt einfach mal raus. Könntet ihr bitte etwas netter sein mit uns Eltern, wenn wir voller Panik zum Telefon greifen, um von euch zu erfahren, ob mit unserem Kind noch alles in Ordnung ist, oder ob wir gleich eine Ambulanz bestellen sollen. Sätze wie „38 Grad Fieber sind nun wirklich nicht viel!“ sind irgendwie deplaziert, wenn man soeben erklärt hat, dass das Kind sich kaum mehr auf den Beinen halten kann, eine eitrige Wunde am Arm hat und nicht mehr fähig ist, alleine aufs WC zu gehen. Ich weiss ja selber auch, dass 38 Grad Fieber nicht viel sind, aber das ist ja nur einer von mehrerenFaktoren in dieser ganzen Geschichte. Und ausserdem reden Sie hier mit einer Frau, die selbst bei einem Tischtennisballgrossen Abszess nicht mehr als 38,5 Grad Fieber zustande bringt, warum also sollte die Tochter da so anders sein. Aber das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, es geht ja nicht um mich hier. 

Glauben Sie mir, wir Eltern greifen nicht aus lauter Langeweile morgens um halb sechs zum Telefon. Nein, wir müssen uns nicht ein wenig die Zeit vertreiben bis zum nächsten Pediküre-Termin. Wir haben auch nicht zufällig Ihre Nummer gewählt, als wir eigentlich unsere beste Freundin anrufen wollten, weil wir ihr unbedingt von diesem sa-gen-haf-ten Restaurant erzählen wollten, das wir neulich kennen gelernt haben. Wir haben tatsächlich Sie anrufen wollen, weil wir uns um unser Kind sorgten. Mag ja sein, dass unsere Sorge übertrieben ist, aber glaubt mir, würden wir nicht anrufen und es stellte sich Stunden später heraus, dass es doch ein Notfall war, dann würde man uns genau dies unter die Nase reiben: „Warum sind sie denn nicht früher gekommen? Haben Sie denn nicht gesehen, wie elend es Ihrem Kind geht?“ 

Ja, ich weiss, Sie haben eine strenge Nacht mit vielen Fehlalarmen hinter sich und ich kann ja sehr gut verstehen, dass Sie die Nase gestrichen voll haben von Eltern, die wegen einer Dornwarze mitten in der Nacht auf der Notfallstation auftauchen. Ich weiss, dass die ewigen „Mein Kind hat seit drei Wochen diesen leichten Schnupfen und da haben wir gedacht, dass wir mal schnell nachts um drei bei Ihnen vorbeischauen könnten, wo Sie doch ohnehin offen haben“-Patienten nerven. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die Eltern, die freiwillig zur Notfallstation kommen, äusserst dünn gesät sind, auch wenn man hin und wieder das Gegenteil vermuten könnte bei all den Bagatellen. Ja, ich verstehe, dass Sie genervt sind nach einer anstrengenden Nacht auf der Notfallstation, aber bitte denken Sie daran, dass die Eltern, die im Morgengrauen bei Ihnen anrufen eine nicht minder anstrengende Nacht hinter sich haben. Auch wir haben uns eine Nacht lang mit diversen Sorgen und Nöten herumgeschlagen, die einen Bagatellfälle wie „Ich brauche eine warme Milch“ oder „Mein Teddy ist aus dem Bett gefallen“, die anderen ernst zu nehmende Sorgen wie „Mama, meine Wunde schmerzt so sehr und es wird immer schlimmer.“

Im Grunde wollen weder Sie noch wir, dass wir ohne Anlass auf der Notfallstation aufkreuzen, aber glauben Sie mir, wenn ich sicher wäre, dass kein Anlass besteht, dann würde ich Sie nicht anrufen. Ich greife wirklich nur dann zum Telefon, wenn ich Angst habe um mein Kind und wenn ich Angst habe, bin ich ziemlich dünnhäutig. Im Grunde genommen macht es mir nichts aus, wenn Sie mir sagen, dass ich nicht zu kommen brauche mit meinem Kind, eigentlich möchte ich genau dies hören, aber es ist nicht besonders nett, wenn Sie mich anschnauzen. Immerhin bin ich höflich genug, zuerst anzurufen, anstatt plötzlich unangemeldet auf der Matte zu stehen. Also lassen Sie in Zukunft bitte diese doofen Kommentare wie „Woher wollen Sie denn wissen, ob das schlimm ist oder nicht.“ Verbindlichsten Dank und bis zum nächsten Mal, das hoffentlich noch lange auf sich warten lässt.

Ich geh‘ dann mal zur Kinderärztin mit unserer Luise.

Antworten auf nicht gestellte Fragen

In letzter Zeit habe ich öfters mal drauflos gebloggt, ohne meinen Lesern später auch die Fortsetzung oder das Ende der Geschichte zu liefern. Mein Leben rast weiter, bringt mir weitere Absurditäten, Tiefschläge, Höhenflüge und Stolpersteine über die ich schreiben will und ich denke nicht weiter an die losen Enden, bis jemand aus meinem Leserkreis mich auf diese oder jene Geschichte anspricht und wissen möchte, wie die Sache denn ausgegangen sei. Heute also ein kleiner Aufwisch über Ferienlager, Rattenbesuche und dergleichen:

  • Ja, wir haben das Schuljahresende mehr oder weniger schadlos überstanden, die Lehrerinnen haben alle ihr Geschenk gekriegt, Luises Brille ist wieder aufgetaucht und ihr Schmusetier auch. Soweit ist also alles wieder in Butter, wir müssen jetzt nur noch endlich all die Schulhefte und Kinderzeichnungen archivieren, die ausgelatschten Finken – nein, nicht die Vögel, die Hausschuhe – entsorgen und die Turnkleider aussortieren, dann können wir das Schuljahr 2010/11 endgültig abschliessen und uns dem Schuljahr 2011/12 widmen, d. h. neue Finken kaufen, zu klein gewordene Turnkleider durch grössere Turnkleider ersetzen und das, was noch brauchbar ist, dem kleinen Bruder weiterreichen, Stundenpläne aktualisieren, mit Musiklehrern und Therapeuten verhandeln, welches Venditti-Kind wann noch ein freies Zeitfenster für den Unterricht hat, Karlsson davon überzeugen, dass ihm der neue Lehrer nicht den Kopf abreissen wird, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten versichern, dass er mit seinen Lehrerinnen bestimmt gut klarkommen wird, auch wenn Luise in ihrem Temperament nicht nur nette Dinge über sie gesagt hat, dem Zoowärter klarmachen, dass der Kindergarten eine ganz tolle Sache ist, auch wenn er jetzt zwei Jahre lang jeden Tag miterleben musste, wie die Mama den widerstrebenden FeuerwehrRitterRömerPiraten aus dem Haus getrieben hat… Aber was erzähle ich da von all den Dingen, die noch vor uns liegen? Ich wollte doch Altes aufwischen, nicht Neues anreissen. Dann also weiter mit den losen Enden:
  • Ja, Karlsson und Luise sind gut zu Hause angekommen. Okay, der eine oder andere Kratzer sieht etwas schlimm aus, aber was wäre ein Zeltlager ohne ein paar blaue Flecken und Kratzer? Karlsson hatte hin und wieder Heimweh, Luise nicht. Dafür zieht sich Karlsson jetzt, wo er uns wieder hat, gerne in die Ruhe seines Zimmers zurück, während Luise die Nähe, die sie nicht vermisst hat, jetzt umso mehr sucht. Also alles bestens, die beiden lieben uns noch immer, einfach jeder auf seine eigene Art. Die Glucke hat die Woche übrigens auch ziemlich gut überstanden, sie scheint sich so langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass Kinder gewöhnlich keinen Schaden nehmen, wenn sie einmal ein paar Tage ohne Mama und Papa auskommen müssen. Oder dürfen.
  • Die Ratte ward seit einigen Wochen nicht mehr gesehen. Was noch lange nicht heissen muss, dass sie nicht mehr da ist. Aber seitdem wir kein Au Pair mehr haben, ist auch niemand mehr im Haus, der sie sehen könnte, denn meistens kam das Vieh ja vormittags. Ich rede mir jetzt einfach mal ein, sie habe sich aus dem Staub gemacht und hoffe, dass ich eines Morgens nicht eines Besseren belehrt werde. Wie? Ihr fragt, ob denn der Kammerjäger nichts habe ausrichten können? Ach ja, der Kammerjäger. Den hätte ich beinahe vergessen. Der kam mal schnell, schaute sich unseren Balkon an, lief einmal um unser Haus, brummte dann, da könne er nun wirklich nichts tun und weg war er. Nun ja, zumindest hat er keine Rechnung geschickt…
  • Ach ja, und dann war da noch die Sache mit den Katzen, die der Ratte den Garaus machen sollten. Inzwischen habe ich mir sagen lassen, dass sich Ratten einen Dreck um die Anwesenheit einer Katze scheren, aber wir haben dennoch beschlossen, uns zwei anzuschaffen, denn eigentlich war das mit dem Rattenvertreiben  ohnehin nur ein Vorwand, um endlich eine Ausrede zu haben, uns Katzen zuzulegen. Morgen gehen wir sie zum ersten Mal besuchen. Luise und ich können den Augenblick kaum erwarten, die anderen sehen das etwas gelassener, aber sogar „Meiner“ musste gestehen, dass sie auf den Bildern wirklich zum Anbeissen aussehen.
  • Und dann noch kurz dies: Nein, die Kinder gönnen uns die Nachtruhe noch immer nicht, in diesem Moment schlafen drei Stück in unserem Schlafzimmer, nur zwei in ihren eigenen Betten, nein, das Schreiben kommt leider nicht so voran, wie ich mir dies wünschen würde und unser Umbauprojekt „neue Arbeitsteilung“ stockt weiterhin,  ja, die Ferien sind inzwischen mehr oder weniger fertig geplant und wenn alles gut kommt, reisen wir am Samstagmorgen ab, nein, der Zoowärter hat noch nicht vergessen, dass er in Prag ein neues Schwert bekommen soll und ja, in unserer Wohnung herrscht noch immer das pure Chaos, aber wir arbeiten dran, ohne Unterbruch und man sieht dennoch nichts davon…
Damit bin ich am Ende meines Aufwisches angelangt. Sollte ich etwas nicht erwähnt haben, fragt bitte nicht nach, denn wahrscheinlich habe ich nichts davon geschrieben, weil ich die Sache verdrängt habe…

Nur mal schnell nach Prag…

Heute Morgen, als der Zoowärter erwachte, war das neue Schwert keineswegs vergessen. Im Gegenteil: Er war noch kaum richtig wach, da wollte er schon von „Meinem“ wissen, wann wir denn nun endlich nach Prag fahren würden. Und weil „Meiner“ sich vergeblich den Mund fusselig redete, um unserem Zweitjüngsten klarzumachen, dass der Weg nach Prag sehr weit sei, lenkte er irgendwann ein uns meinte: „Okay, dann fahren wir eben heute nach Prag. Aber erst nach dem Mittagessen und nach dem Filzkurs.“

Und am Nachmittag fuhren sie tatsächlich, „Meiner“ und unsere drei jüngsten Söhne. Erstaunlicherweise waren sie bereits nach einer Stunde wieder zurück, mit viel Bastelholz und guten Ideen, wie man daraus das perfekte Schwert basteln könnte. Wie es ihm denn in Prag gefallen hätte, wollte ich vom Zoowärter wissen. Immerhin fährt man nicht alle Tage mal kurz in eine der schönsten Städte der Welt, um ein wenig Holz einzukaufen. Es habe ihm gut gefallen, erklärte mir der Zoowärter ernst. Allerdings seien sie nur in Klein-Prag gewesen, nach Gross-Prag würden wir erst nächste Woche fahren und dort würden wir dann auch ein fertiges Holzschwert kaufen und nicht bloss Holz zum Basteln.

Und wieder einmal muss ich erkennen, dass „Meiner“ deutlich mehr Talent im Umgang mit den fixen Ideen unserer Knöpfe hat.

Lektion Nr. 10’345

Wieder eine Lektion gelernt:

Sag nie zu deinem übermüdeten Sohn, der sich ein neues Holzschwert wünscht, dass er dann in Prag eines bekommen werde, zumindest nicht dann, wenn es noch ganze zehn Tage dauert, bevor die Familie dorthin reisen wird. Warum du das nicht sagen sollst? Weil dein Sohn sonst zu heulen anfängt, er wolle gleich morgen nach Prag fahren und es wird nichts nützen, wenn du ihm zu erklären versuchst, dass dann Karlsson und Luise nicht mitkommen könnten, weil sie noch bis Samstag im Ferienlager sind. Es wird ihm auch vollkommen egal sein, wenn du ihm sagst, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen Geburtstag ganz gerne in der Schweiz feiern möchte, denn was um Himmels Willen ist für einen Vierjährigen dieses rätselhafte Gebilde namens Schweiz? Es wird ihn auch nicht interessieren, dass der Weg nach Prag sehr weit ist und dass es sich deshalb nicht lohnt, am Morgen mal schnell hinzufahren und abends wieder zurück zu sein. 

Nein, wenn dein übermüdeter Sohn verkündet, er brauche ein neues Holzschwert, dann sag ihm von mir aus, er könne morgen mit dem Papa eins basteln. Oder sag ihm, er könne ja mal schauen, ob er noch eines seiner alten Schwerter findet, damit er es mit Gold-und Silberfarbe schön bemalen könne. Wenn du unbedingt willst, kannst du ihm auch versprechen, du würdest morgen Nachmittag mit ihm in den Spielzeugladen gehen, um ein neues zu kaufen. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, was du deinem Sohn sagst, wenn er ein neues Schwert will, aber sei bitte nicht so dumm wie ich und sag ihm, er könne dann in Prag eins bekommen….

Networking

Man meint ja, nur in der Politik und in der Karriere sei es wichtig, Netzwerke zu knüpfen, die einem das Fortkommen erleichtern. Dabei ist es im Familienleben ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger. Denn wie um Himmels Willen will man denn je fortkommen – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – wenn man nicht ein Netz an Freunden und Verwandten hat, die einem hin und wieder die Kinder abnehmen? Was schon wichtig ist bei einem oder zwei Kindern, wird geradezu überlebenswichtig, wenn man drei, vier oder mehr hat. Eins oder zwei kann man ja noch relativ einfach unterbringen, zumindest wenn man Eltern hat, die dem Hüten von Enkelkindern nicht ganz abgeneigt sind, aber ab dreien wird’s richtig schwierig. Nun würde ich natürlich nie behaupten, man solle seine Freunde danach aussuchen, ob sie grossherzig genug sind, einem hin und wieder die Kinder zu hüten. Ich habe eine ziemlich ausgeprägte Abneigung gegen Beziehungen, in denen es allein um den gegenseitigen Nutzen geht. Aber gegen Freundschaften, in denen man die verschiedensten Aspekte des Lebens teilt, darunter hin und wieder auch die Kinder, dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Okay, das schlechte Gewissen regte sich natürlich schon, als uns unsere Freunde fragten, ob wir ihnen einen Tag und eine Nacht lang ihre Jüngste hüten würden, jetzt, wo ihre drei Grossen alle verreist seien. Im Gegenzug würden sie dann einen Tag und eine Nacht lang unsere drei Jüngsten hüten, damit auch wir mal wieder ausspannen könnten. Unausgeglichener geht’s wohl kaum, zumal ich weiss, wie hoch es hergehen kann, wenn drei kleine Venditti-Jungs so richtig in Fahrt geraten. Glaubt mir, ich tat alles, um mich gegen diesen für unsere Freunde so unfairen Deal zu wehren, aber alles, was ich herausschlagen konnte war, dass das Prinzchen zu Hause übernachtet. Wer aus der Phase der stets unterbrochenen Nächte herausgewachsen ist, soll sich nicht mit einem Prinzchen herumschlagen müssen, der durchaus in der Lage ist, sich mitten in der Nacht in den Kopf setzen kann, jetzt gleich zur Bushaltestelle gehen zu müssen. Ich hab‘ euch ja davon erzählt und ich vermute, ihr versteht meinen Entscheid, ihn nicht bei Eltern nächtigen zu lassen, die die Nachtruhe mehr als verdient haben. Zumal das Prinzchen noch nie eine Nacht von Mama und Papa getrennt war, mal abgesehen von der einen Nacht im Spital, als ich das arme Baby nicht mehr länger dem Geschnarche unserer Zimmernachbarin aussetzen wollte.

Trotz heftigstem Wehren konnte ich also nicht verhindern, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter gestern Nachmittag uns Eltern ganz alleine zurückliessen und erst heute Nachmittag wieder glücklich und äusserst unausgeschlafen zurückkamen. Und das Prinzchen kam gestern nur gerade mal zum Schlafen nach Hause und war heute Morgen gleich wieder weg, als ob er damit nicht noch mindestens dreizehn Jahre zu früh dran wäre. Was konnten „Meiner“ und ich da anderes tun, als die freie Zeit in vollen Zügen zu geniessen?

Protokoll einer heissen Juli-Nacht

21 Uhr: Alle Kinder sind im Bett, es sieht ganz danach aus, als könnte heute noch ein Film drin liegen. Ein ganzer, ohne Unterbrüche.

21:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann nicht schlafen. Warum, weiss ich auch nicht, also darf er noch Wasser trinken.

21:55 Uhr: In den Kinderzimmern herrscht jetzt absolute Ruhe. Ob wir jetzt den Film schauem sollen?

22:05 Uhr: Karlsson kann nicht schlafen. Ich schlage ihm vor, etwas zu lesen, aber dazu ist er zu müde. Dann soll er eben eine CD oder eine Schallplatte hören, aber das will er auch nicht. Dann eben singen? Nein, will er auch nicht. Dann soll er sich doch einfach ins Bett legen und Schäfchen zählen. Hat bei mir zwar auch nie gewirkt, aber ich will jetzt endlich Feierabend haben. Karlsson zieht sich in sein Zimmer zurück.

22:06 Uhr: Ob wir jetzt den Film schauen sollen?

22:08 Uhr: Karlsson ist wieder da. Er hat drei Minuten lang Schäfchen gezählt und kann noch immer nicht schlafen. Ich sage lange Zeit nichts, höre in mich hinein, um herauszufinden, ob ich jetzt schon explodieren soll, oder ob ich das erst beim nächsten Mal, wenn Karlsson wieder runter kommt, tun soll. Schweren Herzens entschliesse ich mich gegen das sofortige Explodieren und sage – ganz nett und aufrichtig übrigens – Karlsson solle sich doch auf die Matratze in unserem Zimmer legen und dort schlafen. Karlsson findet das eine gute Idee, holt sich Decke, Kissen und Eisbär David und legt sich in unser Zimmer.

22:15 Uhr: Karlsson muss nur noch schnell aufs WC und einen Schluck Wasser trinken, dann herrscht tatsächlich Ruhe, aber zum Film schauen sind wir jetzt zu müde.

23:59 Uhr: Ich weiss zwar nicht so genau weshalb, aber irgendwie haben „Meiner“ und ich uns die Stunden bis Mitternacht um die Ohren geschlagen. Vielleicht ist es einfach nur unter unserer Würde, noch am gleichen Tag zu Bett zu gehen, an dem wir morgens aus dem Bett gekrochen sind.

00:15 Uhr: Alles schläft….

00:30 Uhr: Luise kommt ins Elternschlafzimmer geschlichen. Sie hat Angst. Ich rücke an den Bettrand, damit sie sich zwischen „Meinen“ und mich quetschen kann. 

01:13 Uhr: Luise steht auf, um sich aufs Sofa zu legen, weil es ihr zu heiss ist zwischen „Meinem“ und mir.

01:25 Uhr: Luise ist wieder zurück. Auf dem Sofa hat sie die Angst wieder gepackt. Dann schon lieber heiss als ängstlich. Aber so heiss wie vorher auch wieder nicht. Mal sehen, ob sie beim Prinzchen unterkommt. Aber das Prinzchen will Luise nicht in seinem Bett haben. Luise, die weiss. wie sie ihren jüngsten Bruder rumkriegen kann, versucht es zuerst mit Betteln und weil dies nichts bringt, redet sie ihm ins Gewissen: „Du bist ein ganz böses Prinzchen, wenn ich nicht zu dir ins Bett kommen darf.“ Ich habe ja nicht gewusst, dass man flüsternd überhaupt schimpfen kann, aber Luise kann es und zwar so wirkungsvoll, dass das Prinzchen schliesslich widerwillig zur Seite rückt und der grossen Schwester Platz macht.

01:40 Uhr: Alles schläft…

06:10 Uhr: Von allen ausser von Karlsson unbemerkt kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Elternschlafzimmer geschlichen. Später, als ich den Jungen nicht finden kann, wird Karlsson zu Protokoll geben, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat im Zimmer einen Schlafplatz suchte und sich, als er sah, dass nichts mehr frei war, aufs Sofa zurückgezogen hat. Dort fand ich ihn dann tatsächlich auch, später, als ich mich endlich von meinem Kissen losgerissen hatte.

06:45 Uhr: Tagwache. Luise schläft quer in Prinzchens Bett, die Beine an die Wand gelehnt, als sei sie bei der Gymnastik eingeschlafen. Das Prinzchen reibt sich verdutzt die Augen, weil plötzlich die halbe Familie im Zimmer ist. Karlsson drängt „Meinen“ und mich dazu, endlich aufzustehen und ich versuche vergeblich, ihm klar zu machen, dass ich ebenso grosse Mühe mit dem Wachwerden habe, wie er jeweils mit dem Einschlafen. 

07:30 Uhr: Die ganze Familie sitzt am Frühstückstisch. Die Ganze Familie? Nein! Ein unbeugsamer kleiner Zoowärter hat sich dem Gruppendruck widersetzt und die ganze Nacht in seinem eigenen Bett geschlafen. Und weil es sich dort weitaus besser schläft als eng aneinander gedrängt in einem stickigen Schlafzimmer, ist er der Einzige, der morgens nicht verzweifelt aus dem Bett geflüchtet ist, sondern sich noch eine weitere halbe Stunde Schlaf gönnt.

Wo bleiben denn die Post-its?

Träume ich, oder haben wir die alljährlichen Post-it-Tage in diesem Jahr überstanden, ohne auch nur ein einziges Mal tatsächlich eine Haftnotiz schreiben zu müssen, um  ja nichts zu vergessen? Ich wage es kaum zu schreiben, aus Angst, dass man mir nicht glauben könnte, aber in diesem Jahr war alles ein wenig anders, viel ruhiger und geordneter als gewöhnlich, und da morgen die Sommerferien anfangen, kann ich heute mit absoluter Sicherheit sagen, dass kein Elternbrief mehr ins Haus flattern wird, der die ganze unerwartete Ruhe noch stören könnte. Und dies in einem Jahr, in dem gleich vier Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben. 

Ob es daran liegt, dass unsere Kinder inzwischen so gross sind, dass die meisten Abschiedsfeste ohne Eltern und von Eltern zubereiteten Kuchen stattfinden? Haben die Kinder diesmal so viele Dinge selbständig erledigt, dass ich mir weniger Zeit nehmen musste dafür? Oder lag es vielleicht daran, dass „Meiner“ aus gesundheitlichen Gründen in den vergangenen Wochen beruflich etwas kürzer treten musste und dafür mehr Zeit hatte, Papa zu sein? Habe ich mich am Ende so sehr an den alljährlichen Schuljahresendstress gewöhnt, dass ich ihn inzwischen als weniger schlimm empfinde? 

Was auch immer der Grund ist, eins kann es bestimmt nicht sein: Dass ich selber so durchorganisiert geworden bin, dass das alles einfach reibungslos läuft. Denn eine Mama, die es noch nicht geschafft hat, die Identitätskarten der Kinder erneuern zu lassen und die die Frage, womit es denn in zwei Wochen nach Prag gehen werde mit „Wir schauen mal…“ beantwortet, kann man ja wohl kaum als durchorganisiert bezeichnen, nicht wahr? Nun ja, immerhin weiss ich schon, dass wir ganz bestimmt nicht fliegen werden und es ist ja schon mal gut, wenn man weiss, wie man nicht reisen wird.

Von der besten Seite

Zuweilen kann Elternsein ganz schön frustrierend sein. Da erzählen dir alle, wie nett und anständig deine Kinder in der Schule oder bei den Klassenkameraden zu Hause sind und du selber bekommst nur das stetige Gemotze und Türenknallen mit. Natürlich bist du dankbar, dass deine Kinder sich immerhin auswärts zu benehmen wissen, aber hin und wieder packt dich der Neid, wenn du erfährst, dass dein Sohn den Eltern seines Freundes ohne zu murren beim Holzhacken geholfen hat und das nur Stunden nachdem er wutentbrannt in sein Zimmer gerannt war, weil du ihn dazu aufgefordert hattest, seinen Teller nach dem Essen abzuräumen. So unfair kann das Leben mit Kindern zuweilen sein. Du säst mühevoll und die anderen ernten.

Hin und wieder kommt es aber vor, dass du völlig unvermittelt ernten kannst, wo du gar nicht viel gesät hast. Und dann schaust du voller Staunen dabei zu, wie deine Tochter ohne deine Hilfe den Kuchen backt, den der kleine Bruder morgen in den Kindergarten mitbringen wird. Und als sie merkt, dass das Rezept etwas knapp berechnet ist, verdoppelt sie kurzerhand die Menge. Ja, natürlich, die Küche räumst du nach der Backorgie selber auf, aber das nimmst du noch so gerne in Kauf, wo du dank dieses Kuchens doch gerade Zeuge geworden bist einer geschwisterlichen Liebe, die sich nur selten so unverschleiert zeigt. Doch damit nicht genug. Da kommt doch tatsächlich der Sohn, der seiner Schwester am ersten Geburtstag aus lauter Eifersucht eins mit dem Hammer übergebraten hat, und sagt dir, wie sehr er sich doch freut, dass sein Bruder heute eine Geburtstagsparty feiern darf. Und du spürst, dass da nichts mehr ist von der Eifersucht, die das Kind bei jedem Geburtstag seiner Geschwister überwältigt hat. Da ist nur noch Freude, dass er auch dabei sein darf, wenn der kleine Bruder mit seinen Freunden schon mal vorfeiert für den Geburtstag, der wie jedes Jahr in die Sommerferien fällt. Und wenn du dann auch noch miterleben darfst, wie das Geburtstagsparty-Kind vollkommen selbständig und ohne Wutanfälle die Lego-Fahrzeuge zusammenbaut, die es geschenkt bekommen hat, dann wähnst du dich im siebten Himmel. 

Ja, es kommt selten vor, dass deine Kinder sich in den eigenen vier Wänden von ihrer allerbesten Seite zeigen. Die ist meist Auswärtigen vorbehalten. Und darum sind Tage, an denen du die beste Seite deiner Kinder gleich mehrmals zu sehen bekommst, ganz besondere Tage. Wenn wir heute nicht bereits gefeiert hätten, wäre das glatt ein Grund, die Korken knallen zu lassen. 

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Mir scheint, dass die Kinder ihr Verhalten irgendwo abgeschaut haben. Bloss wo? Vielleicht etwa hier?

Mama und Kind sind auf dem Weg zum Laden, der in einer halben Stunde schliesst. Das Kind bleibt bei jeder Schnecke, bei jedem Kieselstein, ja, sogar bei jedem Zigarettenstummel stehen. „Nun komm schon!“, motzt die Mama. „Jetzt mach doch endlich vorwärts. Du weisst doch, dass wir nicht mehr viel Zeit haben.- Ach, guten Tag Frau Hugentobler! Ja, danke bestens. Und Ihnen? Ja, meinen Kindern geht’s auch prächtig. Schauen sie doch nur, wie gross er schon geworden ist. Das stimmt, sie sind ein wahrer Segen, diese kleinen Engel. Was wäre das Leben ohne sie? Ihnen auch noch einen schönen Tag, Frau Hugentobler. – Nun komm schon endlich! Mir platzt jetzt dann gleich der Kragen, wenn du nicht endlich vorwärts machst. Ja, natürlich stimmt das, was ich zu der Frau gesagt habe, du bist tatsächlich ein kleiner Engel aber das heisst noch lange nicht, dass du hier noch lange herumstehen sollst…“

 

 

Loslassen, zweites Level

Letzten Sommer war Level eins dran: Karlsson verreiste in sein erstes Ferienlager und wer hier schon länger mitliest weiss, wie sehr ich mit der Glucke in mir gerungen habe, um ihn loslassen zu können. Rückblickend konnte ich sagen, dass alles viel weniger schlimm war als erwartet. Karlsson erlebte eine wunderbare Woche, wir waren stolz auf uns, dass wir auch ein paar Tage ohne ihn auskommen konnten und am Ende kam er fröhlich und wohlgenährt wieder nach Hause zurück.

Wer nun glaubt, dass ich dank dieser Erfahrung gelassener an Loslassen, Level zwei herangehe, der kennt mich schlecht. Nun ja, die Bedingungen sind diesmal auch erheblich härter als beim ersten Mal. War es letztes Jahr ein Kind, dass ganz ohne Eltern unterwegs war, so sind es dieses Jahr schon zwei, die am Samstag die Koffer packen. Luise geht diesmal auch mit. Das allein wäre ja schon schlimm genug für die Glucke in mir, aber es kommt noch dicker. Die zwei werden nämlich nicht in einem Lagerhaus nächtigen, nein, sie werden im Zelt schlafen. Man stelle sich das einmal vor: Die zwei armen Kinderchen ohne ihre Mama, die sie mit Zeckenspray, Gummibärchen und einer warmen Wolldecke versorgt. Ja, ich weiss, die Leiter werden bestens für alle Eventualitäten ausgerüstet sein und dann werde ich natürlich auch noch das eine oder andere in den Rucksack meiner Kinder schmuggeln, damit ihnen auch bestimmt an nichts mangelt.

Das alles beruhigt die Glucke nicht im Geringsten. Bis jetzt gelingt es mir noch relativ gut,  ihr Jammern und Klagen zu überhören, aber spätestens übermorgen, wenn ich die letzten Einkäufe für das Lager tätige, werde ich sie nicht mehr zurückhalten können. Sie wird den Einkaufswagen voll beladen mit Dingen, ohne die Karlsson und Luise die Woche nicht überstehen werden, sie wird die beiden dazu drängen, noch dieses und jenes einzupacken, sie wird hundertmal nachfragen, ob sie auch ganz bestimmt nichts vergessen haben. Und „Meiner“ wird daneben stehen und lauthals darüber lachen, dass ich mal wieder masslos übertreibe. Dabei bin das doch gar nicht ich, das ist nur die Glucke, die sich einfach nicht zurückhalten kann.

Das grosse Schlafen

In meinem Kopf habe ich schon unzählige Male Anlauf genommen.

Anlauf, endlich an der Geschichte weiter zu arbeiten, die schon so lange auf die Feinarbeit wartet. Ich habe mir gar eine alte Schreibmaschine zugelegt, damit ich gezwungen bin, jedes einzelne Wort noch einmal umzudrehen und an den richtigen Platz zu setzen. Wo es keine Delete-Taste gibt, gibt es auch keinen Raum mehr für überzählige Wörter, so dachte ich mir. Aber eben, bis jetzt ist es beim Anlaufnehmen geblieben.

Ich habe auch schon unzählige Male Anlauf genommen, endlich mal wieder ein paar Kilos loszuwerden. Nein, ich habe nicht vor, einem ungesunden Schönheitsideal nachzueifern, aber einfach nur noch runder werden ist wohl auch nicht gerade gesund.  Auch hier ist es aber beim Anlauf geblieben.

Auch im Bezug auf meine Kinder bin ich in den Startlöchern: Endlich wieder mehr Energie in die Beziehung stecken, nicht immer nur müde mit dem Kopf nicken und „dann mach halt, wenn du unbedingt musst“ seufzen. Doch auch in diesem Bereich trete ich auf der Stelle, nehme mir jeden Tag vor, es anders zu machen als am Tag zuvor.

Wohin ich auch schaue in meinem Leben, überall sehe ich Dinge, die ich in Angriff nehmen will; Lebensbereiche, die mir wichtig sind, denen ich gerne wieder mehr Beachtung schenken würde.

Mein Kopf ist unglaublich aktiv, denkt sich neue Wege aus, entwirft Pläne für ein Leben, das mehr dem entspricht, was ich unter Leben verstehe. Aber was hilft es, wenn der Kopf wie verrückt arbeitet, solange der Körper nicht mitmacht? Das faule Ding hat nämlich seit einiger Zeit nur noch eins im Sinn: Schlafen, schlafen und nochmals schlafen. Kaum zeichnet sich ab, dass es da ein freies Zeitfenster geben könnte, beginnt mein Kopf zu planen. „Zuerst einmal werde ich eine oder zwei Stunden schreiben, dann mache ich einen Spaziergang und schliesslich spiele ich noch mit den Kindern dieses Spiel, das sie schon so lange spielen möchten“, sagt er dann zum Beispiel. „Nichts da!“ schreit der Körper. „Zuerst wird geschlafen.“ „Nicht schon wieder schlafen“, meckert der Kopf. „Das haben wir schon gestern zuerst gemacht und dann war wieder die ganze freie Zeit verpennt und alles, was ich tunt wollte blieb liegen.“ „Heute schlafen wir nicht so lang“, verspricht der Körper. „Nur ein halbes Stündchen, dann können wir tun, was immer du willst.“ „Das sagst du jedes Mal und am Ende bleibst du doch so lange liegen, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen und es Zeit wird zum Kochen“, brummt der Kopf. „Ach komm schon, du weisst, dass man viel besser arbeiten kann, wenn man ausgeschlafen ist. Und die Kinder erträgst du auch viel besser, wenn du nicht mehr so müde bist“, insistiert der Körper. „Da hast du ja schon Recht, aber meine Freizeit ist begrenzt, die kann ich nicht einfach verschlafen… Wobei, so eine Viertelstunde könnte nicht schaden. Vielleicht habe ich danach tatsächlich mehr Energie….“ „Ich hab’s doch gewusst, dass du zur Einsicht kommen wirst“, lobt der Körper, schmeisst sich aufs Bett und schon versinke ich im tiefsten Schlaf.

Ich hoffe doch sehr, dass ich im Schlaf irgendwann genügend Energie für neue Taten gewonnen haben werde. Damit es nicht lange beim Anlaufnehmen bleibt…