Kinderspuren

Als erfahrene Eltern haben wir uns längst daran gewöhnt, dass es nicht immer ganz ungefährlich ist, den müden Kopf einfach so im Dunkel des Schlafzimmers auf das Kopfkissen sinken zu lassen. Allzu oft kommt es vor, dass man nicht das weiche Kissen, sondern die harten Kanten eines Legosteins zu spüren kriegt. Gefahr lauert oft auch unter der Bettdecke, sei es in Form einer Stricknadel, die trotz mütterlichen Verbots als Schwert verwendet worden ist, oder in Form eines aufgeweichten Zwiebacks, der den Weg ins Elternschlafzimmer gefunden hat, obschon Essen grundsätzlich nur in der Küche und im Esszimmer erlaubt ist. Leider haben wir erkennen müssen, dass sich immer mal wieder jemand in unserem Zimmer breit macht, auch wenn wir schon hundertmal gepredigt haben, wir würden unsere Gäste ja auch nicht im Kinderzimmer bewirten oder unsere Schmutzwäsche bei ihnen liegen lassen. Natürlich verteidigen wir unsere Privatsphäre weiterhin standhaft, aber wie die Legosteine, Stricknadeln und der aufgeweichte Zwieback beweisen, sind wir noch nicht so weit, dass diese auch tatsächlich respektiert wird. 

Als erfahrene Eltern wissen wir auch, dass Mamas Kleiderschrank den Kindern nicht so heilig ist, wie Mama dies gerne hätte und so kommt es, dass die lieben Kleinen sich hin und wieder mit Verkleidungsstücken bedienen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Meist tauchen die lange vergeblich gesuchten Kleidungsstücke erst beim nächsten Grossreinmachen wieder auf und dann weiss natürlich keiner mehr, wie der Rock oder die Hose den Weg ins Kinderzimmer gefunden hat. Ganz ähnlich geht es mit Papas Akkordeon, Mamas Lippenstift, den Küchenutensilien und seit einiger Zeit auch mit der Tageszeitung. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich unserer Sachen bedienen,  wir leben ja alle unter einem Dach und teilen fast alles miteinander. Es wäre einfach nur nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre Spuren wieder beseitigen würden und c) ihre Spuren nicht überall hinterlassen würden.

Bis vor Kurzem war der Computer noch die letzte von den Kindern  unangetastete Zone. Doch seitdem Karlsson für die Schule erste kleine Vorträge schreibt, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich ihre Ausmalbilder selber ausdrucken können und der Zoowärter hin und wieder dabei helfen darf, seine Ausmalbilder auszuwählen, ist auch die letzte kinderfreie Festung eingenommen. Und seither erwartet uns jedes Mal eine Überraschung, wenn wir den Computer starten. Mal ist der Bildschirm mit neuen Ordnern übersät, dann wieder sind alle Programme, die so bequem auf den ersten Klick zugänglich sein sollten, im Nirgendwo verschwunden, hin und wieder kommt es auch vor, dass einem ein  Zhu Zhu Pet als Bildschirmhintergrund entgegenlächelt. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich so langsam aber sicher auch am Computer heimisch fühlen und meiner Meinung nach ist es auch richtig, wenn sie dazu nur ein einziges, von den Eltern überwachtes Gerät zur Verfügung haben. Es wäre einfach nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre neuen Ordner und Hintergrundbilder wieder löschen würden und c) auf der Tastatur keine klebrigen Spuren hinterlassen würden. Wobei c) nur funktioniert, wenn die Kinder endlich akzeptieren, dass Essen grundsätzlich nur in der Küche oder im Esszimmer erlaubt ist….

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Und plötzlich ist alles wieder ganz anders

Ganz unvermittelt sind wir seit heute wieder au-pair-los. Die Gründe spielen hier keine Rolle, wichtig für uns alle ist nur, dass weder sie noch wir an dem abrupten Ende Schuld sind. Ja, wir werden sie vermissen, denn wir haben sie wirklich gern bei uns gehabt, aber es geht nun mal nicht anders. Manchmal macht das Leben einfach was es will und dann sieht eben alles anders aus als geplant.

Wäre mir das Gleiche vor anderthalb Jahren passiert, ich wäre in Panik ausgebrochen. Wie sollte ich den Tag bloss überstehen ohne ein Au Pair, das mir unter die Arme greift? Wie den Haushalt schmeissen, wo die Kinder unterbringen, wenn Arbeit erledigt werden musste, wie die Nerven behalten bis zum Abend, wenn „Meiner“ zurückkommt? Heute ist das alles zum Glück nicht mehr ganz so schlimm, was vor allem daran liegt, dass ich dabei mitgeholfen habe, eine Familienzentrum aufzubauen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich bei uns im Dorf keinen Betreuungsplatz gefunden, heute reicht ein Anruf und meine beiden Jüngsten sind bestens versorgt. Wie oft musste ich mir in den vergangenen Monaten die Frage gefallen lassen, weshalb ich mich denn so sehr für eine Einrichtung einsetzen würde, das könnten doch andere Menschen mit weniger Kindern tun. Heute kann ich sagen: Zum Glück bin ich drangeblieben, auch wenn ich damals nicht damit gerechnet hätte, dass ich selber jemals in diesem Ausmass von dem Angebot profitieren würde. 

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, weshalb au-pair-lose Zeiten für mich keinem Weltuntergang mehr gleichkommen. Ich fürchte – und das sage ich ohne jeglichen Stolz – dass ich mich inzwischen mit einem gewissen Ausmass an Chaos abgefunden habe. Zwar muss ich immer mal wieder die Perfektionistin in mir niederringen, zwar kommt hin und wieder das nackte Grauen über mich, wenn ich all das Durcheinander sehe, aber ich fürchte, dass ich im Grossen und Ganzen resigniert habe. Ja, ich weiss, ich bin noch zu jung für sowas, aber was soll ich denn tun, wenn bei uns der Küchenfussboden sechsmal täglich gewischt wird und abends dennoch aussieht, als hätte eine Horde wilder Affen ein Picknick abgehalten? Klar, ich raffe mich immer und immer wieder zum Saubermachen auf, aber das mit der Ordnung, wie sie mir tief in meinem Innersten entsprechen würde, habe ich mir für die kommenden zehn Jahre abgeschminkt. Und deshalb macht es wohl auch keinen entscheidenden Unterschied mehr, ob ein Au Pair dabei mithilft, den ewig gleichen Mist wegzuräumen, oder ob „Meiner“, die Kinder und ich den aussichtslosen Versuch starten, dem Chaos fast ohne fremde Hilfe – die Putzfrau haben wir ja noch – Herr zu werden.

Man sieht also, wir werden das schon hinkriegen. Nur eine Sache macht mir ernsthaft Bauchweh: Was geschieht mit meinem Schreiben, jetzt, wo die Möglichkeit wegfällt, mich mitten am Tag ganz spontan ein paar Stunden ins Büro zurückzuziehen, während das Au Pair auf die Kinder aufpasst? Sieht ganz danach aus, als müssten „Meiner“ und ich den Lebensumbau etwas beschleunigen, denn eben erst habe ich beschlossen, der Schreiberei wieder mehr Raum zu geben. Und das geht nun mal nicht, wenn fünf Kinder unbeaufsichtigt die Wohnung demolieren, während Mama versucht, ihre weltbewegenden Gedanken zu Papier zu bringen.

Grumpy old me

Es ist eine ziemliche Weile her, seitdem ich das letzte Mal mit ihr alleine unterwegs war. Und dies, obschon wir uns eigentlich täglich begegnen. Aber dann sind meistens die Kinder dabei, oder „Meiner“ oder sonst jemand. Nun ja, hin und wieder trifft es sich schon, dass wir alleine unterwegs sind, aber dann meistens mit einem bestimmten Ziel, einer Aufgabe. Heute aber stand nichts auf dem Programm. Nichts, ausser den Tag zu geniessen und zu tun, wonach uns der Sinn stand. Zuerst dachte ich ja, wir sollten den Tag planen, doch dann beschloss ich, dass es wohl besser wäre, wenn ich sie einfach bestimmen liesse, wie der Tag aussehen sollte. Immerhin hat sie nicht allzu oft die Gelegenheit, einfach so zum Spass aus dem Haus zu gehen.

Wie ich bald einmal merkte, hat sie das mit dem Spasshaben auch ziemlich verlernt. Wie wir da so im Auto sassen, sie und ich, fiel mir auf, wie ernst und trübe sie vor sich hinstarrte. „Was möchtest du denn tun heute Nachmittag?“, fragte ich sie, doch sie antwortete mir eine ganze Weile lang nicht. „Ich muss noch zur Bank und dann sollte ich noch kurz in die Ikea, ein paar Gläser und Schüsseln einkaufen, wo wir doch schon in der Gegend sind…“, brummte sie irgendwann. Ich fand das ja eine ziemlich einfallslose Idee für einen freien Nachmittag, aber weil ich spürte, dass sie zuerst einmal etwas „Nützliches“ tun musste, bevor sie sich dazu durchringen konnte, Spass zu haben, liess ich mich schliesslich davon überzeugen, dass das für den Anfang gar nicht so schlecht war.

Wobei ich leider schnell einmal feststellen musste, dass weder der kurze Umweg in die Stadt zur Bank, noch der sehr kurze Ausflug in die Ikea nach ihrem Geschmack waren. In der Stadt gab sie zwar mal kurz vor, sie möchte sich einfach so, aus purer Freude, ein paar Schuhe kaufen, doch nachdem sie in jedem Laden motzte, sie hätte langsam genug von all den billigen Ramschschuhen und für richtig gute Schuhe würde ihr das nötige Kleingeld fehlen, wusste ich, dass nur noch die Delikatessenabteilung helfen würde, ihre Laune zu heben. Früher hatte das immer gewirkt: Ein paar nicht alltägliche Backzutaten, ein paar Spezialitäten, die man sich gewöhnlich nur in den Ferien gönnt, ein paar Vollkornprodukte, die es im gewöhnlichen Supermarkt nicht zu kaufen gibt und schon war sie wieder glücklich. Heute aber schlich sie nur lustlos durch den Laden, legte ein Gläschen Kreuzkümmel in den Korb, ein paar Stücke Luxus-Schokolade und das war’s dann. Dabei schimpfte sie, die Delikatessenabteilungen seien auch nicht mehr das, was sie früher einmal gewesen seien. „Früher gab es hier all die speziellen Dinge und heute kannst du all das auch beim Wocheneinkauf in der Migros bekommen“, beklagte sie sich und hätte ich nicht sehr lange auf sie eingeschwatzt, sie hätte nicht einmal Burrata gekauft, die es in der Migros nun wirklich noch nicht gibt, zumindest nicht bei uns in der Region. 

Das war wohl der Tiefpunkt des Tages, dachte ich, als wir die Delikatessenabteilung verliessen, doch es sollte noch schlimmer kommen. Hatte sie früher die Ausflüge in die Ikea immer genossen, hetzte sie heute durch den Laden, als könne sie nicht schnell genug wieder draussen sein. Sie regte sich auf über all die Paare, die nur zum Vergnügen da waren und deshalb entsprechend gemütlich durch die Gänge schlenderten, sie ärgerte sich über den künstlichen Duft der Duftkerzen, sie liess sich aus über die vielen „Made in China“-Aufkleber und jedes Mal, wenn sie eine der unzähligen Schwangeren sah, wurde sie weinerlich. Nach dreiunddreissig Minuten waren wir wieder im Parkhaus und offen gestanden bin ich froh, dass der Einkauf keine Minute länger gedauert hat. Noch ein paar Momente länger und sie hätte damit angefangen, die anderen Kunden anzurempeln, weil sie ihr derart auf die Nerven fielen.

Wie weiter mit dem freien Tag? Nach einigem Hin und Her beschloss sie, dass wir uns auf den Heimweg machen sollten. Wir könnten dann immer noch unterwegs irgendwo anhalten und etwas unternehmen, falls wir Lust dazu hätten. Zuerst einmal herrschte eine angespannte Stille im Auto, die erst unterbrochen wurde, als sie damit anfing, laut zu denken. „Habe ich mich derart verändert, dass mir all das oberflächliche Zeug nur noch auf die Nerven fällt? Oder ist das alles einfach so öde geworden? Oder bin ich am Ende einfach eine pessimistische Tante geworden, die alles nur noch durch die dunkle Brille betrachtet?“ Ich wollte sie nicht verletzen, doch wenn ich ehrlich hätte sein wollen, hätte ich ihr gestehen müssen, dass wohl das Dritte der Fall sei. Aber weil ich sie irgendwie trotz ihres sehr sonderbaren Verhaltens noch mag, sagte ich nur: „Weisst du, was dir jetzt guttun würde? Ein langer Mittagsschlaf, ein paar Stunden lesen und ein Stück Schokolade.“ Zum ersten Mal an diesem Tag zeigte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht und so befolgte sie, kaum waren wir zu Hause angekommen, meinen Rat und zog sich ins Bett zurück.

Das verkürzte zwar unsere Zeit zu zweit ganz erheblich, was mich aber nicht sonderlich störte. So ein Tag ganz mit mir alleine kann ganz schön anstrengend werden. Zumindest dann, wenn ich mal wieder verlernt habe, das Leben hin und wieder auf die leichte Schulter zu nehmen.

Pizza-Massage

Gewöhnlich antworte ich nicht mit einem Post auf einen Kommentar und schon gar nicht missbrauche ich Posts, um irgendwelche Tipps im Sinne von „Zehn lustige Methoden, Ihr Kind zum Lachen zu bringen“ zu verbreiten. Ihr kennt ja diese Listen in den Familienzeitschriften: Der Titel verspricht einen Haufen neue Ideen, die das Leben mit den Kindern bereichern sollen und spätestens bei Punkt drei merkst du, dass es sich entweder um Dinge handelt, die du schon seit Jahren täglich tust oder aber, dass dir der Autor etwas aufschwatzen will, was dir schon als Kind ganz fürchterlich auf die Nerven gegangen ist. Ganz ähnlich ist es übrigens mit Büchern mit Titeln wie „56 spannende Spiele für staubtrockene Sonntagnachmittage“ oder „Tausend Ideen gegen die Langeweile“ oder „Bastelideen aus dem Müllcontainer“. Okay, ich weiss, jemand hat sich grosse Mühe gegeben, diese Listen und Bücher zusammenzustellen, aber mir sagt das Zeug dennoch nichts.

Wenn ich also hier einen Post missbrauche, um über etwas aus unserem Familienleben zu erzählen, was ich eben erst vor einigen Tagen wieder entdeckt habe, dann nur deshalb, weil mir die Sache so viel Spass macht und nicht, weil ich euch vorschreiben will, wie ihr eure Kinder durchzukneten habt. Ums Kneten geht es nämlich zuerst mal bei der Pizza-Massage, die damit beginnt, dass man sich ein beliebiges Kind schnappt, das sich gerade in der Nähe des Sofas oder des Bettes aufhält, auf dem du gerade einen Mittagsschlaf abhalten willst, was die Kinder aber nicht respektieren und deswegen lärmend um das Bett oder das Sofa rasen…. ähm, wo war ich schon wieder? Ach ja, beim Kneten. Also, man schnappt sich das Kind, legt es bäuchlings vor sich hin, stellt sich vor, es wäre ein Pizzateig, den man zuerst mal so richtig durchkneten muss. Nach dem Kneten kommt das Auswallen und der Rest passiert von selbst, denn je nach Vorlieben des Kindes kommen Tomatensauce, Salami, Oliven, Pilze, Crevetten, Kapern oder was auch immer drauf und es spielt auch ganz und gar keine Rolle, wie die da drauf kommen, Hauptsache, das Kind krümmt sich vor lauter Lachen. Irgendwann wird das Ganze dann mit Atemluft gebacken und genüsslich verzehrt und dann kommt das nächste Kind, das einem keine Ruhe gönnen mag, dran.

Wenn man viel Glück hat, sind die Kinder danach so glücklich und müde, dass sie einen ausspannen lassen. Wenn man noch mehr Glück hat, revanchieren sich die Kinder, indem sie aus Mama eine Pizza machen, worauf Mama natürlich viel besser mittagsschlafen kann. Und nun möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich das Ganze nicht geschrieben habe, damit ihr endlich Ideen habt, was ihr mit euren Kindern anstellen sollt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle eure eigenen Eltern-Kind-Sternstunden habt.

Ach ja, und um deine zweite Frage zu beantworten, Gedankenfest: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Prinzchen eines Tages auch davon erzählen wird, vermutlich sogar mit leuchtenden Augen. Aber ich fürchte, dass ich das nicht mehr miterleben werde, weil er dann im Altersheim sitzen wird. Er wird alle meine mütterlichen Fehltritte vergessen haben und seinen Urenkeln wehmütig von seiner guten Mutter erzählen, die ihren Kindern jeweils eine Pizza-Massage verpasst hat. Und dann wird er vielleicht noch anfügen, dass der Papa das noch viel besser gekonnt hat, weil der Papa ja ein Italiener war, ein Sohn von Gastarbeitern, die in der Schweiz ganz schwer untendurch mussten und die in den ersten Jahren im fremden Land nicht mal eine Dusche hatten, so ähnlich wie hier im Altersheim, wo er ja seine Dusche auch mit dem lästigen Nachbarn teilen muss…. Und irgendwann werden ihn die Urenkel unterbrechen und sagen: „Ach, Uropa, erzähl doch nicht immer dieselben Geschichten.“ Aber der Uropa wird nur selig lächeln und fragen: „Wisst ihr übrigens, wie meine Mama mich immer genannt hat? Prinzchen hat sie mich genannt. Ist das nicht schön?“

Aber vielleicht wird es auch ganz anders sein und ich mache hier einen Punkt, bevor ich noch ganz im Schmalz ertrinke.

Mama & Sohn

Okay, ich geb’s zu: Ja, ich habe heute früh die Türe geknallt. Mehrmals und ziemlich heftig. Ja, ich habe herumgebrüllt und zwar sehr laut. Und ja, ich bin ausgerastet wie schon lange nicht mehr, weil mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder zur Weissglut getrieben hat mit seinem „Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und es ist mir vollkommen egal, dass du meinetwegen zu spät zur Arbeit kommst und dass sich die Kindergärtnerin Sorgen machen wird darüber, wo ich wohl so lange bleibe“. Ich versuche gar nicht erst, die unrühmliche Begebenheit zu verbergen, wo das Prinzchen doch ohnehin jedem, der es hören will, erzählt, dass Mama heute Morgen eine ganz böse Mama war. Also wozu leugnen, wo es sich ohnehin nicht verbergen lässt, dass ich hin und wieder genau das Gegenteil von der Mama bin, die ich eigentlich sein möchte? 

Zum Glück scheint der FeuerwehrRitterRömerPirat auch erkannt zu haben, dass er manchmal nicht der Sohn ist, den er sein möchte und so kam es, dass wir zwei Streithähne heute Nachmittag in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa sassen und einander eine Pizza-Massage verpassten. Aber davon erzählt das Prinzchen natürlich niemandem…

 

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Grosser Junge, kleines Biest

Falls ihr euch heute am frühen Abend irgendwo in der Nähe unseres Hauses – etwa im Umkreis von fünf Kilometern – aufgehalten habt und ihr ein Kind ganz schrecklich habt schreien hören, dann heisst das noch lange nicht, dass ihr gleich den Kinderschutz alarmieren müsst. „Meiner“ und ich haben nämlich nur versucht, das zu tun, was verantwortungsvolle Eltern nach einem Besuch im Wald tun sollten. Wir haben unsere Kinder von Zecken befreit. Beim Prinzchen, dem Zoowärter und bei Luise ging das ganz glatt, denn die Biester hatten noch nicht gestochen, sondern waren noch auf der Suche nach dem perfekten Platz. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war das mit der Befreiung hingegen nicht mehr so einfach und so kam es, dass „Meiner“ und ich – später auch noch die Grossmama – das schreiende Kind an Armen und Beinen festhalten mussten. Was zur Folge hatte, dass das Kind noch lauter schrie, wir Eltern ins Schwitzen kamen und so langsam aber sicher die Nerven verloren. 

Wie das so ist in einer Grossfamilie: Wenn einer schreit, dann schreien bald einmal alle und so dauerte es nicht lange, bis Luise sich lautstark gegen das von den Eltern verordnete Bad zu wehren begann. Das Prinzchen stand daneben und brüllte abwechslungsweise seine dem Schein nach so bösen Eltern und seinen renitenten grossen Bruder an, je nachdem, wer gerade seine Unterstützung nötig hatte. Und weil das so schön war, stimmten Karlsson und der Zoowärter in den Lärm mit ein, weil sie wegen dieser doofen Zecke auf den versprochenen Film warten mussten. Das alles klang so schrecklich nach „böse Eltern misshandeln arme Kinder“, dass ich mich ernsthaft davor zu fürchten begann, dass demnächst ein besorgter Nachbar an der Türe klingeln würde. Und hätte er uns dabei angetroffen, wie wir uns darum bemühten, unseren Dritten zu bändigen, er hätte wohl gedacht, dass er eben noch rechtzeitig gekommen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei wollten wir wirklich nur Eines: Unseren grossen Jungen so schnell als möglich von dem kleinen gefährlichen Biest befreien. Aber zuweilen kann es ganz schön hitzig werden, wenn wir unser Bestes geben, unserer elterlichen Pflicht nachzukommen.

 

Wir bleiben dran

Manchmal, wenn das Prinzchen noch ein Schlaflied hören will oder wenn der Zoowärter noch ein Buch erzählt bekommen möchte, findet „Meiner“, es sei doch jetzt genug, ich hätte genug gesungen, genug erzählt. Und ein Stück weit hat er ja Recht: In den vergangenen zehn Jahren habe ich tatsächlich sehr viel Zeit mit singen und erzählen verbracht. Anfangs war „Meiner“, der ohne Schlaflieder und Gutenachtgeschichten gross werden musste, ganz entzückt darüber, doch natürlich ist inzwischen der Zauber von „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ und „Michel aus Lönneberga“ ein wenig verflogen. Er hat sich das Zeug ja unzählige Male anhören müssen.

Was „Meiner“ aber nicht bedenkt und was auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufen muss: Der Zoowärter und das Prinzchen haben zusammen wohl nicht die Hälfte der Geschichten gehört, die Karlsson alleine erzählt bekommen hat. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren schon mehrmals beinahe heiser gesungen, aber wie oft waren die zwei Jüngsten die Zuhörer? Die drei Grossen und ich kennen die dicken Schinken im Bücherregal in- und auswendig, aber die beiden Kleinen haben noch nicht mal das erste Kapitel von „Winnie the Pooh“ gehört. Ja, sie haben noch nicht mal das Buch, das ihre eigene Mama geschrieben hat, erzählt bekommen.

Also singe und erzähle ich weiter und glaubt mir, die Sache wird nie langweilig. Denn auch wenn die Geschichten und Lieder noch immer die Gleichen sind, die Kinder, die zuhören sind es nicht. Und so erfahre ich immer wieder verblüffende Dinge, die ich nie zuvor beachtet hatte. Zum Beispiel weiss ich erst seit einigen Tagen, dass man die allabendliche Angst los wird, indem man Asterix und Obelix aus dem Heft nimmt. Ich habe ja stets geglaubt, die zwei seien nur gezeichnet, aber die kommen tatsächlich ins Kinderzimmer und vertreiben mit ihren übermenschlichen Kräften alles, was einen das Fürchten lehren will. Sagt der Zoowärter und der wird’s wohl wissen, denn eingehender als er hat noch keiner bei uns die gesammelten Abenteuer der beiden Gallier studiert, bevor er des Lesens mächtig war. 

 

Rückeroberung

Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, wie sich in unserem Alltag die Anzeichen mehren, dass ich dabei bin, mein überhöhtes Lebenstempo endlich zu drosseln. Ein gutes Gefühl, hasse ich es doch, wenn ich nur noch auf das, was sich mir in den Weg stellt, reagieren kann, anstatt zu bestimmen, was wann drankommt. Nun ja, mit fünf Kindern sind die Tage, die so ablaufen, wie ich sie in den frühen Morgenstunden plane, äusserst selten, aber zumindest möchte ich halbwegs das Gefühl haben, dass ich den Überblick behalten kann über das, was getan werden muss. Mir scheint, dass ich diesem Zustand wieder näher bin als auch schon. Und je näher ich diesem Zustand komme, umso mehr muss ich der beunruhigenden Tatsache ins Auge sehen, dass ich sehr weit davon entfernt war, mein Leben nur halbwegs im Griff zu haben.

Wie, ihr möchtet gerne Beispiele hören, weil mein Geschreibsel etwas abgehoben und theoretisch daherkommt? Nun gut, dann werden wir eben ganz praktisch: Im Badezimmer türmt sich ein Wäscheberg, der so langsam zu müffeln beginnt. „Meiner“, der mir in den Monaten, die ich im schwarzen Loch verbracht habe, tatkräftig unter die Arme gegriffen hat, ignoriert den Berg seit Tagen. Nicht, weil er findet, das sei jetzt wieder mein Job, sondern ganz einfach, weil er nun dran ist mit „mir wächst das alles über den Kopf“. Also muss ich ran. Mein erster Gedanke, als ich den Wäscheberg unter die Lupe nehme: „Das schaffe ich nicht!“ Ein Gedanke, der mir im schwarzen Loch zum Motto des Tages geworden war. Aber weil ich weiss, dass ich muss, mache ich mich dran, die Wäsche zu sortieren, etwas, was „Meiner“ übrigens nie tut, was mir ganz schrecklich auf die Nerven fällt. Doch wer nicht wäscht, soll nicht motzen, also habe ich es mir abgewöhnt, ihm deswegen in den Ohren zu liegen. Jetzt aber bin, wie bereits zweimal erwähnt, ich dran (Ihr seht, ich bin inzwischen soweit, dass ich Applaus erwarte für die banalste aller Hausarbeiten.) und so wird die Wäsche wieder nach Farben sortiert, der blaue Berg landet in der einen Waschmaschine, der rote in der anderen, der Grüne und der Graubraunschwarzhässlichemikrofaserlappenberg warten brav vor den Waschmaschinen, bis sie an die Reihe kommen. Wenige Stunden später ist der ganze Wäscheberg verschwunden, es duftet überall nach frisch gewaschener Wäsche, die Kinder helfen beim Aufhängen und ich habe gar die grandiose Idee, einen zusätzlichen Wäscheständer aus dem Keller zu holen, damit wir nicht immer alles über Stuhllehnen und Salontischchen zum Trocknen ausbreiten müssen.

So einfach war das und ich klopfe mir voller Stolz auf die Schulter, weil ich das einfach so nebenbei geschafft habe. Wenn ihr jetzt denkt, dass ich vollkommen übergeschnappt bin, weil ich euch mit derart alltäglichem Mist belästige, dem muss ich leider sagen, dass genau dies für mich nicht mehr alltäglich war. Genauso wenig wie die Küche nach dem Essen wieder in einen halbwegs anständigen Zustand zu bringen, die Grünabfälle zu entsorgen, bevor sie zu leben beginnen und sich von alleine aus dem Staub machen oder diesen lästigen Fleck Vanillepudding im Kühlschrank wegzuwischen. Das Verrückte daran ist, dass ich jedesmal, wenn ich mir wieder einen kleinen Flecken Haushalt zurückerobert habe – nicht, dass ich im Sinne hätte, hier jemals wieder die Alleinherrschaft an mich zu reissen – , das Gefühl habe, ich hätte unglaublich Grosses geleistet. Das, was zum Familienleben einfach so dazugehören würde, erschien mir über Monate so unüberwindbar, dass ich jetzt, wo ich wieder den Mut aufbringen kann, mich der Dinge anzunehmen, so etwas wie Stolz empfinde, wenn ich es geschafft habe, die Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist nicht sosehr die erledigte Arbeit, die mich mit Stolz erfuellt, sondern die Tatsache, dass ich es geschafft habe, mir den Ruck zu geben, dass ich die Energie aufgebracht habe, etwas zu tun, was getan werden muss. Ich weiss, das klingt ziemlich durchgedreht, aber so ist das nun mal, wenn eine Hausfrau, die ohnehin nicht mit allzu vielen praktischen Talenten ausgestattet ist, sich aus dem schwarzen Loch zurück in den Alltag kämpfen muss.

Ach ja, und falls sich jemand darüber aufregt, dass ich von zwei Waschmaschinen schreibe, der kann sich beruhigen: Nur eine davon gehört uns, die andere gehört zur Grundausstattung des Hauses und wird nur dann in Betrieb genommen, wenn der Wäscheberg sich langsam aber sicher der Zimmerdecke nähert. 

 

Radikal

Ich weiss nicht, wie streng ihr das seht, aber meiner Meinung nach geht man noch nicht als Alkoholiker durch, wenn man sich alle paar Monate mal ein Gläschen Likör gönnt. Meiner Meinung nach müssten da schon noch ein paar Gläser mehr sein, damit man den Kindern ein schlechtes Beispiel abgibt. Zumal die Kinder der Hauptgrund sind, weshalb ich nach Jahren der Abstinenz wieder in geringen Mengen Alkohol konsumiere. Nein, nicht weil die Kinder mich dazu treiben, mein Elend im Glas zu ersäufen. Mein Entschluss, nicht vollkommen abstinent zu leben, hat einen erzieherischen Grund: Ich fürchte dass Alkohol in den Augen der Kinder umso faszinierender wird, je geheimnisvoller und verbotener die Sache ist. Wenn sie sehen, dass man auch im Mass geniessen kann, ersparen wir ihnen nicht jeden, aber doch vielleicht den einen oder anderen Suff. Und so hatte ich heute nicht die geringsten Gewissensbisse, als „Meiner“ und ich uns zum Feierabend diese wenigen Schlucke Likör gönnten.

Da sassen wir also in der seligen Gewissheit, pädagogisch sinnvoll zu geniessen, als ein gewisser junger Radikaler namens Karlsson, der eigentlich schon längst hätte schlafen müssen,  in die Küche marschiert kam, zur Flasche griff und den Inhalt kurzerhand ins Spülbecken kippte. Hat wohl etwas zu oft davon gelesen, wie der kleine Michel aus Lönneberga die Kirschweinflaschen für Frau Petrell zerschlagen hat. „Meiner“, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er seinem Vater mal in die Bierflasche gepinkelt und sie danach wieder fest verschlossen hat, in der Hoffnung, der Papa würde es trinken, fand die Aktion seines Ältesten nicht besonders lustig. Nicht, weil er an der Flasche hängen würde, sondern einfach, weil es etwas unheimlich ist, mit einem kleinen Extremisten unter einem Dach zu leben.