Wild West

Als ich die zwei Schachteln die Treppe hochschleppte, die der Paketpöstler heute kurz vor Mittag bei uns im Eingang deponiert hatte, war ich mir sicher, dass darin die Bürostühle waren, die ich vor einiger Zeit ersteigert hatte. Der Aufdruck auf den Kartons sprach dafür, dass es so war, wie ich vermutete: „Bürosstuhl – FY-250-2FA rot 4“. Auch als ich den Inhalt beider Schachteln vor mir im Flur auf dem Boden liegen sah, schöpfte ich noch keinen Verdacht, dass ich mich geirrt haben könnte. Und so machte ich mich gleich daran, die Dinger zusammenzuschrauben. Solche Arbeiten müssen bei uns sofort erledigt werden, bevor das Prinzchen auf dumme Gedanken kommt und die Schrauben in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Also schraubte ich, anstatt die Küche aufzuräumen und bald schon standen sie da, die zwei nagelneuen Bürostühle, die demnächst an meinem Arbeitsplatz stehen werden. Nach getaner Arbeit zog ich mich in die Küche zurück, um nun doch noch ein wenig Hausfrau zu spielen. Später dann würde ich die Bürostühle ins Familienzentrum bringen. Doch als ich aus der Küche kam, waren da keine Bürostühle mehr. Dafür aber zwei kräftige Pferde, das eine versehen mit Zügeln – die ich Kleingeist für Verpackungsschnüre gehalten hatte – das andere zwar ohne Zügel, dafür aber mit einem Reiter auf dem Rücken, der eine Verpackungsschnur –  äh, Pardon, einen Morgenstern natürlich – schwang. Der andere Reiter zielte mit einer Pistole auf mich und fast wäre ich erschossen worden, denn in meiner Beschränktheit hielt ich die Pistole für den Inbusschlüssel, den ich eben noch in den Händen gehalten hatte, um die Schrauben anzuziehen. Gerade rechtzeitig noch konnte ich mich in Deckung bringen, ehe der eine der Cowboys mich zur Strecke gebracht hätte.

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich, mir die zwei Cowboys zu Freunden zu machen. Ich meine, was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden frei und unbeschwert bewegen könnte, aus Angst, von einem Cowboy angegriffen zu werden? Und bis zur Abstimmung vom 13. Februar warten, wenn die Waffen hoffentlich aus den Haushaltungen verschwinden werden, war mir zu blöd. Also versuchte ich, die beiden wilden Kerle in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da: Sie liessen sich auf mich ein, erzählten mir von ihrem rauhen Leben im Wilden Westen, von ihren Pferden, die ganz brav seien und von ihren Waffen, die sie bräuchten, um sich gegen all das Böse zu verteidigen, das in der Wüste bekanntlich hinter jedem Kaktus lauert. Am Ende posierten sie gar für ein Erinnerungsbild.

Anfangs war ich ja fürchterlich stolz darauf, dass ich einfach so nach dem Mittagessen ein Bild von echten Cowboys auf echten Pferden schiessen konnte, aber je länger ich es mir überlege, umso mehr fürchte ich, dass ich mich vielleicht habe reinlegen lassen und dass das in Wirklichkeit gar keine Cowboys waren, sondern zwei kleine Jungs, die mal schnell ausprobieren wollten, ob man Bürostühle auch für Spannenderes gebrauchen könne, als darauf zu sitzen, in den Bildschirm zu starren und zu murmeln „Psst, seid mal still, ich muss jetzt arbeiten“.

Ein Kind, zwei Meinungen

„Schauen Sie sich bloss mal an, wie sie dieses O geschrieben hat. Und dann dieses S hier und das T und das K… Das kann man kaum lesen. Und diese Verkrampftheit beim Schreiben, einfach unglaublich. Ja, und mit dem Tempo hapert es auch ganz gewaltig. Das muss jetzt ganz dringend besser werden, sonst kommt das nicht gut. Mit dem Reden hat sie auch Mühe. Man versteht kaum ein Wort, wenn sie etwas sagt. Und melden tut sie sich ohnehin fast nie im Unterricht. Ja, natürlich, sie ist ein liebes, fröhliches Kind, aber das Schreiben, das Reden und die Schüchternheit…“

„Schauen Sie sich mal dieses Blatt an, wie viel besser sie hier schon geschrieben hat. Man sieht, wie sehr sie sich Mühe gibt und wie viel Fortschritte sie in so kurzer Zeit gemacht hat. Und sehen Sie sich diese Prüfung an: Kaum ein Fehler und sie war eine der Schnellsten. Ach, und ich habe mich ja so darüber gefreut, dass sie sich im Unterricht so viel zu Wort meldet. Es ist eine wahre Freude, mitzuerleben, wie sie aufblüht und immer mehr kann. Klar, sie braucht noch Unterstützung, aber sie wird das ganz toll hinkriegen, da bin ich mir sicher…“

Ein Kind und zwei so unterschiedliche Meinungen. Liegt das daran, dass das Kind sich am einen Ort so gehemmt am anderen Ort so frei fühlt? Liegt es am Blickwinkel der Betrachtenden? Oder an beidem? Ich weiss es noch nicht mit Sicherheit. Aber egal, wie es auch sei, in meinen Augen ist sie ein grossartiges Kind, nicht perfekt, ist ja klar, aber für mich dennoch einer der sechs liebsten Menschen auf diesem Planeten.

Möbelsamstag

Man sagt uns ja hin und wieder, wir seien verrückt, aber so richtig wahrhaben wollen wir das nicht. Wir tun so, als sei alles ganz normal und vernünftig, was wir tun. Bis wir mal wieder in der Tinte sitzen und wir der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass andere weitsichtiger sind als wir. Viel weitsichtiger. Die sind zum Beispiel so vernünftig, dass sie einen Babysitter engagieren, wenn sie ins Schwedische Möbelhaus fahren. Oder sie nehmen nicht nur ein Handy mit, sondern zwei, damit man einander anrufen kann, wenn man sich im Getümmel nicht mehr findet. Gut, dass wir heute Morgen mit der ganzen Meute in zwei Autos losgefahren sind, um ein Zoowärter-Bett, einen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Schreibtisch, ein „Meiner“ und ich – Bett und noch ein paar andere Dinge zu besorgen, ist ja so unvernünftig nicht. Okay, man kann sich fragen, ob der Zoowärter unbedingt mitmusste, wo er doch beim letzen Mal einen Fieberkrampf bekam, als er im Möbelhaus Köttbullar ass. Und vielleicht hätte „Meiner“ ja wirklich zu Hause bleiben und aufräumen können, aber mit wem hätte ich mich denn darüber streiten können, ob wir nun einen neuen Schrank fürs Kinderzimmer oder eine neue Kommode fürs Elternschlafzimmer erstehen sollten?

Wie auch immer, wir fuhren los, der festen Überzeugung, dass heute nichts schief gehen konnte, weil wir a) genügend Geld im Portemonnaie hatten, b) eine ziemlich klare Vorstellung hatten, was wir wollten (mal abgesehen von der Meinungsverschiedenheit betreffs Schrank oder Kommode), c) die Kinder mit der Aussicht auf viele schöne neue Dinge motiviert wie selten waren und wir d) zu dritt waren, um fünf Kinder bei Laune zu halten. Anfangs sah die Sache wirklich erfolgsversprechend aus. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter liessen sich bereitwillig im Kinderparadies abgeben. Also zogen wir – drei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Einkaufswägen – los. Hätte nicht das Prinzchen, der in diesen Tagen gewöhnlich pausenlos an meinem Rockzipfel hängt, auf einmal diesen unbändigen Entdeckerdrang verspürt, wären wir beinahe in Versuchung geraten, den Einkauf zu geniessen. Damit dies nicht geschehen konnte, versteckte sich unser Jüngster immer mal wieder, so dass wir nach einer Stunde doch schon ziemlich müde waren.

Und dann fing das übliche Chaos an. Wir begingen den groben Fehler, am Kinderparadies vorbeizuspazieren, Luise sah uns, sah, dass Karlsson ein neues Stofftier im Arm hielt und vorbei war die Ruhe. Luise wollte raus, wollte auch ein Stofftier, wollte mal das Känguru, mal den Frosch, mal den Hund. Ich wollte keine Kommode, „Meiner“ wollte keinen Schrank, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den er in der Kinderabteilung entdeckt hatte, nicht mehr aus der Hand geben, Karlsson wollte sein Stofftier in der Gegend herumwerfen und die Frau im Kinderparadies wollte, dass wir den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten abholen, weil die Zeit um war. Und dann ging es weiter mit wollen: Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat wollten auch ein Stofftier, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den wir inzwischen für ihn in den Wagen gelegt hatten, ausprobieren, bevor er bezahlt war, „Meiner“ wollte keine weiteren Stofftiere kaufen und ich wollte essen gehen, damit wir am Tisch endlich die leidige Diskussion ob Schrank oder Kommode zu einem Ende bringen könnten. Im Restaurant wollten Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat eine grosse Portion Fleischbällchen und dann, als die Teller erst zur Hälfte leer waren, wollten sie nicht mehr weiter essen, der Zoowärter wollte mehr Fleischbällchen und weniger Pommes Frites, „Meiner“  und ich wollten reden und konnten nicht, weil die Kinder nicht wollten, dass wir miteinander reden, sondern mit ihnen. Was das Au Pair wollte, weiss ich nicht. Sie hielt sich vornehm zurück und half, das Chaos unter Kontrolle zu halten, aber ich nehme an, dass sie wollte, dass wir endlich mal Ruhe geben und uns wie normale Menschen gebärden, die still und artig am Tisch sitzen.

Bis dahin war alles noch in den für uns gewohnten Bahnen gelaufen, doch dann, als wir uns am Ende unseres Einkaufsabenteuers wähnten, ging es erst richtig los. Während das Au Pair, die Kinder und ich uns ans Bezahlen und Einpacken des Kleinkrams machten, machte sich „Meiner“ auf, die Dinge zu organisieren, die wir uns nach Hause liefern lassen wollten, weil unser Fünfplätzer sich weigerte, sie zu transportieren. Nachdem wir fertig eingepackt hatten, warteten wir auf „Meinen“, aber der kam nicht. Also gingen wir zum Parkplatz, um die Autos zu beladen. Aber „Meiner“ hatte den Schlüssel, ich das Auto. Also beluden wir das Auto des Au Pairs, verfrachteten – nachdem wir den Streit, wer mit wem fahren darf und wer auf dem Weg welche CD hören darf geschlichtet hatten – Karlsson und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Au Pair-Auto und schickten die drei auf die Heimfahrt.

Die drei fuhren los und wir warteten weiter auf „Meinen“, der noch immer nicht auftauchte und den ich nicht anrufen konnte, weil sein Handy nicht mitgekommen war. Irgendwann tauchte „Meiner“ auf, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und entschwand wieder in der Menschenmenge, weil er „nur noch ganz schnell“ alles bezahlen musste. Nett wie ich bin, organisierte ich in der Zwischenzeit, was es zu organisieren gab: Auto beladen, Kinder anschnallen und dann schnell Richtung Ausgang fahren, um „Meinen“ ins Auto zu packen. Aber „Meiner“ war spurlos verschwunden. Also warteten wir wieder. Während die Kinder artig im Auto sassen und abwechslungsweise jammerten und beteten, dass der Papa doch endlich kommen möge, tigerte ich immer gereizter in der Tiefgarage herum, in der Hoffnung, irgendwo „Meinen“ auf der Suche nach uns herumirren zu sehen. Aber „Meiner“ irrte nicht in der Tiefgarage herum, sondern im Laden, wo man ihn von Pontius zu Pilatus schickte, bis er endlich, nach einer geschlagenen Stunde völlig entnervt wieder auftauchte. Fragt mich bitte nicht, weshalb er so lange gebraucht hat, um ein paar Möbel zu bezahlen. Er hat’s mir erklärt, aber verstanden habe ich es nicht.

Nun, irgendwie haben wir die Sache hinter uns gebracht und ich bin auch wirklich ganz stolz auf uns, dass es zwar zur einen oder andere Reiberei, nicht aber zum üblichen Krach, gekommen ist. Wobei, vielleicht habe ich gar keinen Grund zum stolz sein, denn vermutlich hatten wir bloss deshalb keinen Krach, weil wir nach all dem Stress einfach zu müde waren dazu.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Laut, lauter, am lautesten

Vendittis sind schon von Natur aus nicht sehr leise. Wie sollten sie auch, wenn Papa Venditti aus Italien und Mama Venditti aus einer Grossfamilie stammt. Er ist laut, weil seine Eltern am Telefon immer so laut redeten, damit man ihre Worte aus dem kalten Norden auch im warmen Süden verstehen konnte. Sie ist laut, weil sie ihre grossen Geschwister übertönen musste. So zumindest erkläre ich mir den Umstand, dass das Leiseste, was es bei uns gibt, laut ist.

Lauter ist es geworden, seitdem ein Kind nach dem anderen Teil der Familie geworden ist. Jeder will gehört werden und weil man in all dem Geschnatter nicht gehört wird, wenn man leise ist, muss man eben etwas lauter sein als alle anderen. Nur so hat die Botschaft eine Chance, überhaupt anzukommen. Dass man auch warten könnte, bis derjenige, der gerade am Reden ist, ausgeredet hat, darauf ist noch keiner gekommen. Vielleicht auch deshalb, weil man bei uns ewig warten würde, bis alle, die etwas sagen wollen, ausgeredet haben. Denn kaum holt der Eine mal Luft, springt schon der Nächste ein. Auf dass es gar nicht erst vorkomme, dass mal absolute Stille herrscht.

Ich hätte ja nicht erwartet, dass es noch lauter werden kann. Aber es kann. Wenn da ein Prinzchen ist, das zwar schon ziemlich gut redet, aber eben noch nicht gut genug, um den grösseren Geschwistern Paroli zu bieten. Deshalb muss das Prinzchen heulen, wenn er sich anders nicht durchsetzen kann. Und heulen macht mehr Lärm als reden, ist ja klar, sonst würde man gar nicht die Mühe auf sich nehmen, damit anzufangen. Wenn da auch noch ein Tageskind ist, das die deutsche Sprache noch nicht gut genug beherrscht, um in diplomatische Verhandlungen mit den fünf kleinen Vendittis zu treten, dann ist da noch einer mehr, der heult, wenn es anders nicht geht. Und zwei, die heulen, machen mehr Lärm als einer alleine, ist ja klar.

Aufgefallen ist mir dies alles erst, als mich Abend für Abend ein schlechtes Gewissen und ein kratziger Hals plagten. Ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mal wieder den ganzen Tag nur rumgebrüllt und ein kratziger Hals vom Rumbrüllen. Dann aber fiel mir auf, dass ich gar nicht böse war, wenn ich rumbrüllte und da wurde mir klar, dass ich getan hatte, was ich schon als Kind getan hatte, wenn es um mich herum immer lauter geworden war: Ich hatte mich nach Leibeskräften darum bemüht, noch lauter zu sein als alle anderen, damit ich mal endlich gehört wurde. Dumm nur, dass ich dennoch nicht gehört werde, denn unsere Kinder tun es mir gleich und schrauben die Lautstärke noch einmal eine Stufe höher.

Nun frage ich mich natürlich, wie wir den Lärmpegel wieder senken können und weil ich mir selber nicht mehr zu helfen weiss, hier meine Frage an meine Leser:

 

Abhanden gekommen

Es gab eine Zeit, da war diese Arbeit mein täglich Brot: Unverständliche Texte verständlich machen, stets gleiches Geschehen so präsentieren, dass doch noch eine neue Facette zum Vorschein kommt, die den Leser vielleicht interessieren könnte, mit möglichst wenigen, klaren Sätzen möglichst viel Inhalt weitergeben. Die völlig unspektakuläre Arbeit des Lokaljournalisten, wenn er mal wieder keine packende Geschichte hat aufspüren können. Alltagstrott also.

Es ist lange her, seitdem ich auf einer Redaktion gearbeitet habe, aber was man mal gelernt hat, das wird man immer können. Glaube ich zumindest. Und so zögere ich keinen Moment, wenn man mich fragt, ob ich einen kurzen Zeitungsbericht über dies und jenes verfassen könne. Ist doch ein Klacks, denke ich mir dann jeweils. Wer täglich bloggt – auch dann, wenn Luise mit Blinddarmentzündung im Spital liegt oder fünf kleine Vendittis mich mal wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und sich hin und wieder Zeit freischaufelt, um an umfangreicheren Texten zu arbeiten, der wird doch wohl auch ein paar Sätze über ein Weihnachtskonzert oder über einen Anlass in der Kirchengemeinde aus dem Ärmel schütteln können.

Aber genau das will mir einfach nicht mehr gelingen. Gebt mir den Auftrag, euch zwei Seiten mit meinen Gedanken zur Waffeninitiative, über die wir Mitte Februar abstimmen dürfen, zu schreiben und ich liefere euch drei. Bittet mich darum, euch ein paar absurde Müsterchen aus dem Alltag einer durchgeknallten Mama zu schildern und ich werde gar nicht mehr aufhören können mit erzählen. Fragt mich, ob ich einen Einspalter über die Einweihung eines neuen Parkplatzes schreiben kann. Ich werde ja sagen, weil ich ja noch immer dem Irrglauben anhänge, ich könnte das. Aber dann, wenn ich ja gesagt und eure Einweihung besucht habe, werde ich stundenlang mit leerem Blick vor dem Bildschirm sitzen, hin und wieder ein Sätzchen herauswürgen, das ich unzählige Male drehe und wende, ehe ich es wieder lösche und irgendwann werde ich völlig entnervt irgend einen Mist zu Papier bringen, den ich, am liebsten unter Angabe eines falschen Namens, verschämt der Redaktion zukommen lasse, die das Zeug dann gnädigerweise publiziert.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber je mehr ich schreibe, umso mehr kommt mir abhanden, was jeder Journalist im Schlaf können muss, nämlich Bericht erstatten.  Ich vermute, meine Zeiten auf der Redaktion werden nie wieder kommen. Offen gestanden bin ich gar nicht so unglücklich darüber. Denn wenn ich daran denke, wie ich wieder mit leerem Blick auf den Bildschirm starren werde, wenn dieser Text zu Ende ist und ich denjenigen herauswürgen werde, den ich zu schreiben versprochen habe, dann wird mir klar, dass ich keine Journalistin mehr, sondern einfach eine  Schrei(b)ende bin.

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.


Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?

So kann man das auch sehen

Gestern Abend beklagte sich Luise darüber, ich würde zu viel arbeiten. Auch „Meiner“, meine Mutter und das Au Pair winken stets mit irgend welchen Zaunpfählen in der Gegend rum, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es so langsam aber sicher reicht. Und mein Körper, dieser Schwächling, muckt auch alle paar Wochen auf, mal mit Magen-Darm-Seuche, dann wieder mit Husten und Schnupfen. Bei so viel Gemecker kommt man nicht umhin, sich Gedanken zur eigenen Arbeitshaltung zu machen und schliesslich kam ich zum Schluss, dass es tatsächlich etwas viel geworden ist. Und so kam es, dass ich heute beim Frühstück mehr zu mir selber als zu den Kindern sagte: „Es stimmt ja schon, ich arbeite einfach zu viel.“ Karlsson und Luise nickten zustimmend, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat sah das etwas anders: „Nein Mama, das stimmt nicht“, widersprach er. „Du arbeitest nicht zu viel, du machst einfach zu kurze Pausen.“

So kann man das natürlich auch sehen. Und vielleicht könnte man ja sogar mehr leisten, wenn die Pausen etwas länger wären?

Mütter

Man sollte ja eigentlich davon ausgehen können, dass eine Mutter von fünf Kindern, zwar  widerwillige aber doch immerhin Autobesitzerin, Teil einer weit verzweigten Verwandtschaft, gesegnet mit vielen Freunden und dem besten Au Pair der Welt, irgend einen Weg findet, ihr Kind von der Spielgruppe abzuholen. Aber weil diese Mutter momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt, war sie blöd genug, „Ihrem“ zu sagen, es sei doch kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter das Auto nehme, um zur Arbeit zu fahren, ohne daran zu denken, dass sie ja das Auto selber brauchen würde. Aber diese Mutter weiss, dass sie eine Mutter im Hause hat, die notfalls auch mal ihr Auto zur Verfügung stellt. Aber die Mutter der Mutter braucht heute das Auto selber. Was dann? Die Nachbarin fragen? Nein, geht nicht, denn die hat heute Vormittag bereits angefragt, ob sie das Auto der fünffachen Mutter ausleihen könne, weil die Nachbarin nicht dran gedacht hatte, dass sie heute Morgen ihr Auto braucht und deshalb „Ihrem“ gesagt hat, es sei kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter mit dem Auto zur Arbeit fahre… Dann eben das Au Pair fragen, ob man sich kurz ihr Auto leihen könne? Geht auch nicht, denn das Au Pair hat frei und was wäre man denn für eine Gastmutter, wenn man einen jungen Menschen einfach aus dem Bett schmeissen würde, bloss weil man mal wieder ein organisatorisches Chaos angerichtet hat?

Nun mag vielleicht jemand die Idee bringen, die Mutter könnte ja zu Fuss gehen, denn der Weg sei zwar schon weit, aber nicht so weit, dass man ihn nicht notfalls zu Fuss bewältigen könnte. Und die Mutter würde sofort sagen, dass dies durchaus eine Option wäre, auch wenn man bei diesem Mistwetter nicht gerne zu Fuss unterwegs ist. Aber die Mutter kann dennoch nicht zu Fuss gehen, denn sie hat da noch ein Prinzchen, aber keinen Kinderwagen mehr, in den sie das Kind setzen könnte. Und einen zappeligen kleinen Prinzen bei Mistwetter den Berg hochschleppen, das ist auch einer Frau, die fünfmal die Qualen der Geburt durchgestanden hat, zu viel der Anstrengung.

Da bleibt nur ein Weg, das Problem zu lösen: Darüber bloggen, in der Hoffnung, dass beim Schreiben die Erleuchtung kommt, auf welchem Wege der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mama kommt. Und dann, mitten im Schreiben, der Anruf der Schwester, die mitteilt, die Mutter der Mutter und der Schwester werde dafür sorgen, dass der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mutter komme. Die Mutter des Zoowärters freut sich, dass sich das Problem so problemlos lösen lässt und denkt dann, dass sie sich ja gar keine Sorgen hätte machen müssen. Denn welche Mutter lässt denn schon ihr Kind in der Tinte sitzen? Egal, wie alt das Kind ist. Und egal, wie sehr das erwachsene Kind selber Schuld ist, dass es in der Tinte sitzt, weil es momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt…