Kostbar

In den vergangenen Jahren ist etwas passiert in meinem Inneren. Ich habe meine Religiosität Schritt für Schritt abgelegt – und als Ersatz den Glauben gefunden. Man mag sich fragen, wo der Unterschied liegt und offen gestanden fällt es mir nicht leicht, in Worte zu fassen, was dies genau bedeutet. Vielleicht lässt es sich am besten mit einem Beispiel erklären.

Früher, zum Beispiel, gab es für mich keine Mahlzeit ohne Tischgebet, so etwas ging einfach nicht. Heute geht das Tischgebet im Alltagstrubel meist unter, aber ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für die unendliche Vielfalt an Geschmacksrichtungen, für die Fülle an Lebensmitteln, für das Geschenk, dass ich die Mahlzeiten mit Menschen teilen darf, die mir alles bedeuten. Aus dieser Dankbarkeit erwächst aber auch die Frage, was mit all den Menschen ist, die nicht haben, was ich im Überfluss geniessen darf und wo sich in meinem Leben Möglichkeiten bieten, dies zumindest im Kleinen zu verändern. Es ist eine Entwicklung weg vom Reden und hin zum Tun.

Was im Inneren geschieht und so schwer fassbar ist, ist mir unendlich kostbar geworden und ich möchte es um keinen Preis verlieren. Meine aufgewühlte Seele kommt darin zur Ruhe, mein Versagen und meine Ängste, aber auch meine Leidenschaften und Begabungen finden darin einen sicheren Raum. Dafür aber habe ich geradezu eine Allergie entwickelt gegen alles, was nach hohlen Ritualen und leeren Floskeln riecht. Ein Hauch zu viel von „Du sollst“ und meine Tür ist zu. Eine Prise von „der Herr hat gesagt“ und ich mag nicht mehr hinhören. Zwei oder drei religiös verbrämte Verhaltensregeln und mich überkommt der unbändige Drang, mich dagegen aufzulehnen. Meine Abneigung dagegen ist so gross, dass es mit schwer fällt, Menschen zu mögen, die in darin Halt finden und für die das alles keine leeren Floskeln, sondern wichtige Stützen im Leben sind. Und doch ist es genau das, was ich lernen möchte, denn so lange ich mich noch über diese Menschen ärgere, bin ich selbst nicht ganz frei von dem, was ich vollends loslassen will.

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Buddelfreuden

Wie haben wir Kinder uns jeweils über unsere ökologisch angehauchten Eltern genervt. Gebadet wurde mit Kleiesäcklein und „Kaiser Borax“, das Brot kam nicht vom Bäcker, sondern aus dem eigenen Ofen – am besten aus selbst gemahlenem Mehl, im Holzofen gebacken -, das Gemüse stammte aus dem Garten, der Sirup im Frühling aus Holunderblüten, im Sommer aus Holunderbeeren, das Pfefferminz-Eis selbstgemacht und das Fleisch von der eigenen Weide. Wie hasste ich jenes fade illustrierte Buch – ich glaube, es trug den Titel „Leben auf dem Lande“ -, aus dem sich unsere Eltern Ratschläge für den Naturgarten und die Tierhaltung holten. Wie peinlich war es mir ab einem gewissen Alter, die Strickjacken aus handgesponnener Schafwolle zu tragen. Wie mühsam war es, wenn die ganze Familie zum Auftürmen der Holzscheite aufgeboten wurde, damit im Winter genügend Brennholz für die Holzheizung da war. Warum nur musste bei uns alles selbstgemacht sein, naturnah und anders als bei den anderen?

Oh ja, wir liebten es, wenn der frische Honig aus der Schleuder floss, wir fanden es grossartig, dass wir nach dem Mittagessen die Erdbeeren noch sonnenwarm von der Staude in den Mund stopfen konnten, wir waren begeistert, dass wir jedesmal Schokolade geschenkt bekamen, wenn wir der Nachbarin die Hühnereier, die sie bei uns bestellte, bringen mussten. Aber warum nur mussten unsere Eltern diesen Lebensstil derart konsequent durchziehen? Ein klein wenig cooler wäre eben schon cool gewesen.

Und heute? Heute macht mich kaum etwas glücklicher, als wenn ich einen Hefeteig kneten kann, bis er so glatt und weich ist wie ein Babypo. Ich streife mit den Kindern durch Wald und Wiesen, um Waldmeister, Holunder und Sauerampfer zu sammeln. Ich nerve Luise, weil ich vom Wochenmarkt nicht mehr wegzulocken bin, wenn es eine unfassbare Vielfalt an Tomatensetzlingen zu kaufen gibt. Ich sehe voller Rührung dabei zu, wie das Prinzchen in heiligem Ernst einen Setzling giesst, den er in die Erde gepflanzt hat. Mir wird es warm ums Herz, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Setzen der „goldenen Königin“, des „schwarzen Prinzen“ und der „gelben Birne“ Geschichten über die von ihm auf dem Teller verschmähten aber im Garten geliebten Tomaten spinnt.

Ganz klar, was meine Eltern damals gesät haben, geht allmählich auf. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es ganz nett wäre, ein paar Hühner oder Enten zu halten, ich beneide meinen Schwager, der unter die Imker gegangen ist und neulich habe ich bei Ricardo nach einem Holzofen gesucht, weil es doch so nett wäre, das Brot darin zu backen, oder zumindest im Herbst Marroni über dem Herdfeuer zu rösten. Natürlich schwingt bei alldem ein Hauch von Nostalgie mit, wie das bei Menschen in meinem Alter üblich ist. Hauptsächlich aber habe ich entdeckt, wie viel Lebensfreude es bringt, in der Erde zu buddeln, zu ernten, was man gesät hat, alten Küchengeheimnissen auf die Spur zu kommen, Bäume zu pflanzen, Einmaliges zu erschaffen, anstatt Massenware im Laden zu kaufen, Geschmacksrichtungen zu kombinieren…

Nun ja, ich werde wohl damit leben müssen, dass unsere Kinder das alles demnächst nicht mehr cool finden werden. Aber was soll’s? Früher oder später werden auch sie die Freude am Buddeln entdecken.

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Sorgen haben wir…

Heute war ein Maitag wie aus dem Bilderbuch: Strahlend blauer Himmel, einzelne Wölkchen, angenehm warm, hin und wieder ein leichter Wind, alles üppig grün nach dem reichlichen Frühlingsregen. Ein Tag zum Geniessen – und übers Wetter reden.

„Geniess das Wetter heute“, mahnten die Leute, „morgen ist es dann wieder vorbei mit der Wärme.“ „Ist ja schon nett heute, aber morgen will ‚er‘ schon wieder schlecht“, klagten sie mit saurem Gesicht. „Tut gut, dass mal wieder die Sonne scheint, aber warum muss es schon wieder so heiss sein? Und morgen dann wieder kalt“, analysierten sie. „Ach, wenn es doch bloss so bleiben würde“, seufzten sie.

Das alles hörte ich heute und noch ein paar Bemerkungen mehr. Nur einen Satz hörte ich nicht: „Hach, ist das himmlisch heute. Ich lasse einfach alles stehen und liegen und mache mir einen schönen Tag.“

Ich hab’s übrigens auch nicht gesagt, aber ich habe auch nicht gejammert…

So geht das

Schülervortrag damals: Die Lehrerin erklärt der Klasse, was ein Vortrag ist, welche Themen in Frage kommen, gibt den Kinder Zeit, sich in Zweierteams aufzuteilen und ein Thema zu suchen. An einem schulfreien Nachmittag setzt man sich gemeinsam hin, teilt auf, wer was machen wird, sucht sich ein paar Bücher aus der Bibliothek, vielleicht hat noch jemand ein Poster mit einem zum Thema passenden Bild, dann wird geschrieben – von Hand, versteht sich. Am Vorabend die grosse Nervosität, dann endlich der Auftritt. Zehn Minuten reden, vielleicht eine Folie auf dem Hellraumprojektor, einige Stichworte an der Wandtafel und die gute Note hatte man auf sicher.

Schülervortrag heute: Der Lehrer führt die Klasse in die Kunst der Power Point Präsentation ein, die Schüler wählen ein Thema, danach wird im Internet recherchiert. Bilder, Musik, Filme, Zusammenfassungen – alles wird zusammengetragen und zu einer ersten Präsentation verwurstet, äähm, Pardon, verarbeitet. Diese Präsentation geht per Mail an den Lehrer, der einige Tage später eine Rückmeldung gibt. Im Laufe der Wochen geht die Präsentation noch mehrere Male zwischen Schüler und Lehrer hin und her, bis endlich alles perfekt ist. Da die Unterrichtszeit für die Fülle des Materials nicht reicht, sind Überstunden angesagt und zwar sowohl vor als auch nach dem Unterricht. Ein Vollzeitjob ist ein Klacks im Vergleich, aber Perfektion hat eben ihren Preis. Der Redetext muss niedergeschrieben werden, es braucht ein Quiz, damit die Mitschüler bis zum letzten Satz dranbleiben und dann muss man sich natürlich noch Gedanken machen, ob alle eine kleine Belohnung bekommen, oder ob man nur einen Hauptpreis für den Quiz-Sieger mitbringt. Schliesslich noch die Kontrolle, ob auch wirklich nichts aus dem Internet abgeschrieben ist und ob der Link von der Präsentation zu youtube funktioniert.

Am Vorabend dann die grosse Präsentation vor den Eltern, die völlig erschlagen dasitzen und denken, dass es früher deutlich einfacher war, ein guter Schüler zu sein.

Trau nie einem Kind

Unsere Schule nimmt es genau mit der Disziplin. Sehr genau. Spuren die Kinder nicht, hagelt es Einträge. Zuerst nur auf einem Blatt, welches den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wird, nach einer gewissen Anzahl schafft es der Eintrag gar aufs Zeugnispapier. Damit Omas, Opas, Patentanten und später auch der potentielle Lehrmeister sehen können, mit was für einem Früchtchen sie es zu tun haben. Im Alltag sieht das so aus:
Arbeitsblatt zu Hause vergessen? Eintrag! Turnzeug nicht dabei? Eintrag! Hausaufgaben nicht vollständig? Eintrag! Zwei Minuten zu spät zur Schule? Eintrag! Schwatzen im Unterricht? Eintrag! Respektloses Verhalten gegenüber der Lehrperson? Eintrag! Unterschrift der Eltern nicht eingeholt? Eintrag!
Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter dem Vergehen eine böse Absicht steht, oder ob dem Kind ein einmaliger Schnitzer unterlaufen ist, ob das Kind gleichgültig oder überfordert war, ob notorischer Störefried oder Musterschüler – alles egal, die Einträge werden ohne Ansehen der Person verteilt.

Eine einzige Sache kann die Kinder vor den – je nach psychischer Verfassung des Kindes – mehr oder weniger gefürchteten Einträgen schützen: Ein nettes Brieflein der Eltern, in dem erklärt wird, weshalb das Kind nicht konnte, wie es sollte. „Lieber Herr Lehrer, Shanaya konnte gestern ihre Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihr Lieblingshamster von seinen Käfiggenossen gemobbt wurde und die Situation ohne das mutige Eingreifen unserer Tochter ein böses Ende genommen hätte.“ „Sehr geehrte Frau Hugentobler, Mattia konnte das Arbeitsblatt zur Zahl sechs nicht machen, da er eine panische Angst vor dieser Zahl hat. Gerne besorge ich Ihnen ein Gutachten unserer Geistheilerin.“ Ein kleiner Ablassbrief und das Kind ist geschützt vor dem Eintrag. Die gleiche Ausrede ääähm Entschuldigung mündlich vom Kind vorgebracht zeigt keine Wirkung.

Was dem einen oder anderen Leser als vollkommen ungerecht erscheinen mag, ist durchaus gerechtfertigt. Bedenkt man nämlich, wie viele Kinder Versicherungsbetrug begehen, die Steuererklärung manipulieren, Urkunden fälschen und am Tag nach dem Finale der Champions League krank machen, dann ist es vollkommen verständlich, dass man ihren Aussagen nicht traut. Ein Erwachsener, hingegen, der käme nie auf die Idee, die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtzubiegen.

Geschirrspüler sei Dank

Mir ist jetzt wieder klar, weshalb sich eines Tages ein findiger Kopf dazu entschieden hat, den Geschirrspüler zu erfinden. Ein Tag mit Geschirrspüler sieht etwa so aus:

Aufstehen, Geschirrspüler ausräumen, frühstücken, Geschirrspüler einräumen, duschen, anziehen, Zähne putzen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen,Mittagessen kochen, Geschirrspüler auffüllen und laufen lassen, essen, Geschirrspüler ausräumen, wieder füllen und laufen lassen, leben – auf welche Art auch immer – Zvieri vorbereiten, Geschirrspüler ausräumen, Abendessen kochen, Geschirrspüler füllen, essen, Geschirrspüler fertig füllen und laufen lassen, Kinder zu Bett bringen, so tun, als hätte man Feierabend, Zähne putzen, schlafen.

Und so ein Tag ohne Geschirrspüler:
Aufstehen, frühstücken, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, Mittagessen vorbereiten, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, essen, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, Zvieri vorbereiten, Geschirr abwaschen,  Überschwemmung aufwischen, Abendessen vorbereiten, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, essen, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, todmüde ins Bett sinken und von Seifenblasen träumen. Körperhygiene, Berufsarbeit, Freizeit, Familienleben, das alles kannst du dir abschminken, wenn du keinen (funktionstüchtigen) Geschirrspüler hast. Die Witschaft, die Freizeitindustrie, das soziale Leben, alles würde zusammenbrechen, gäbe es das nützlichste aller Haushaltgeräte nicht. Wir würden vereinsamen, unser Körpergestank wäre unerträglich, zwischen den Fingern würden uns Schwimmhäute wachsen. Eine schreckliche Vorstellung, nicht wahr?

Wobei: Es könnte ja sein, dass das Leben auf diesem Planeten erträglicher wäre, kümmerte sich jeder um sein eigenes Dreckgeschirr…

Und noch einmal Alltagsfreuden

Hat man mal mit Suchen angefangen, dann nimmt das Finden kein Ende mehr. Hier wieder ein paar Alltagsfreuden, die ich (wieder)entdeckt habe:

1. An einem verregneten Sonntag eine Gewürzbestellung aufgeben – nicht nur das Alltägliche, natürlich – und dich zwei Tage später in der Küche austoben mit Gewürzblüten, Kaffeegewürz und Tandoori-Mischung.

2. Fliederblüten-Sirup kochen.

3. Den drei jüngsten Vendittis dabei zuhören, wie sie in seltener Eintracht „Gschwind, Bethli, chumm is Gärtli, ha öppis herzigs gseh“ singen. Man muss einfach damit klarkommen, dass sie aussehen wie drei Islamisten beim Freitagsgebet, solange sie noch als Blumenzwiebeln auf dem Fussboden kauern.

4. Die zwei Stunden, die man eigentlich für einen Kaffeeklatsch mit einer Freundin eingeplant hatte, mit dösen, Prinzchen-Geplauder – „Prinzchen, du musst in die Badewanne, du riechst nicht besonders gut.“ „Weisst du Mama, so bin ich eben gemacht“ – und Katzenkraulen verbringen. Den Abwasch hätte man beim Kaffeeklatsch ja auch nicht erledigt, also kann das schmutzige Geschirr getrost noch ein wenig länger warten.

5. Sich bei der Zeitungslektüre darüber freuen, dass man das Gesicht von Nicolas Sarkozy in Zukunft deutlich seltener sehen wird. Ob der Neue besser ist, sei dahingestellt, aber immerhin verdirbt einem das arrogante Grinsen nicht mehr die Laune.

6. Die Entdeckung, dass ich mir die sternenförmige Brotbackform, die sich die Kinder schon so lange wünschen, nicht zu kaufen brauche, weil wir sie von der Grossmama ausleihen können. Wieder ein (Un)Ding weniger, das einen permanenten Wohnsitz in meinem Küchenschrank sucht.

7. Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der mich fragt: „Mama, darf ich heute den Abwasch ganz alleine machen?“

8. Die Nachricht, dass morgen der Monteur kommt, um den Geschirrspüler zu flicken, denn auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache ganz gut macht, verzichte ich gerne auf die tägliche Überflutung der Küche. Wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, wovor ich mich mehr fürchte, vor der Überflutung oder vor dem Monteur, der mir wieder eine Strafpredigt halten wird, weil ich meinen Geschirrspüler nicht artgerecht halte. Also vielleicht doch keine Alltagsfreude…

9. Die Gewissheit, dass sich das Prinzchen nicht vor den Ameisen fürchtet, die zum Sturm auf unsere Küche geblasen haben. Mit dem Zoowärter waren solche Angriffe jeweils der reinste Horror, so aber muss ich nur noch meine eigene Abscheu überwinden.

10. Du stellst fest, dass wenigstens einer von Karlssons schulfreien Tagen, mit denen der Lehrer berufstätige Mütter so unendlich glücklich macht, auf einen Mittwoch und nicht auf einen Freitag fällt. Mittwoch ist Papa-Tag, folglich brauchst du dir zumindest einmal nicht den Kopf zu zerbrechen, wo du das Kind unterbringst, währenddem du bei der Arbeit bist. Oh ja, ich weiss, das Kind ist bald zwölf und könnte auch mal ein paar Stunden alleine zu Hause bleiben, aber wisst ihr denn nicht, auf welch dumme Ideen beinahe-Zwölfjährige kommen, wenn man sie aus den Augen lässt?

Wenn ich diese Liste durchsehe und daran denke, dass wir vermutlich bald Nachwuchs bekommen – Katzennachwuchs, wohlverstanden – dann müsste ich eigentlich der glücklichste Mensch auf diesem Planeten sein. Müsste, denn ich finde wohl trotz aller Freuden immer etwas, worüber ich mich aufregen kann…

 

Ab in die Federn

Okay, mein übermüdeter Körper, ich habe verstanden. Heute wird nicht gebloggt. Wenn ich es fertigbringe, auf dem unbequemen Sofa innerhalb von wenigen Augenblicken einzuschlafen, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Zeit ist, zu Bett zu gehen. Gewöhnlich drifte ich nicht mal auf dem bequemen Sofa so schnell weg. Nun gut, dann schreibe ich heute eben nichts. Morgen dann vielleicht etwas über diesen ziemlich verrückten, aber schönen Tag. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes, je nachdem, was die Sonntagspresse bringt oder was die Familie wieder anstellt…

Aber natürlich tue ich das…

Eine liebe Freundin machte mich heute Morgen darauf aufmerksam, dass ich einmal mehr zu verschwenderisch umgehe mit meinen Kräften. Sie meinte, ich müsste vielleicht mal wieder auf die Bremse treten, es wäre an der Zeit, eine Pause einzulegen und mich den erholsameren Seiten des Lebens zu widmen. Sie hatte natürlich Recht und ich versprach ihr, genau dies zu tun. Und ging dabei in meinem Kopf die lange Liste der Dinge durch, die noch zu tun sind, bevor ich mein Versprechen auch einlösen kann.

Geschirrspüler-Dialog

Da soll noch einer sagen, heute würde keiner mehr für seine Rechte am Arbeitsplatz kämpfen. Als Gegenbeweis hier das Gespräch zwischen unseren zwei Geschirrspülern, das ich neulich belauscht habe:

Leitender Geschirrspüler: „Mir reicht’s! Die behandeln mich wie einen Sklaven. Kaum habe ich einen anstrengenden Spülgang überstanden, beladen die mich mit neuem Geschirr. In meinem Arbeitsvertrag steht schwarz auf weiss, dass  mir nach jedem Einsatz eine Pause zum Abkühlen zusteht, aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, sich an den Vertrag zu halten. Die pressen mich aus wie eine Zitrone…“

Assistenzgeschirrspüler: „Deine Sorgen möchte ich haben. Es ist Monate her, seitdem ich zum letzten Mal in Einsatz kam. Als sie mich damals reparieren liessen, habe ich ganz fest damit gerechnet, dass ich wieder häufiger gebraucht würde, aber manchmal fühle ich mich, als hätten sie mich vergessen.“

L.G.: „Ich wünschte, die würden mich mal vergessen. Warum schieben die bloss alle Arbeit auf mich ab? Du bist ebenso kompetent wie ich, und ausserdem bietest du viel mehr Stauraum. Mir scheint, die glauben, ich hätte übergeschirrspülerische Kräfte, dabei bin ich doch nur ein ganz gewöhnliches Haushaltgerät.“

A.G.: „Jetzt untertreibst du aber. Dein ökologisches 30-Minuten-Programm ist einfach der Hammer. Das kann nicht jeder bieten. Für eine Familie, die so unglaublich viel schmutziges Geschirr produziert, bist du ein Top-Shot. Sag mal, wann hast du zum letzten Mal einen Bonus gekriegt?“

L.G.: „Einen Bonus? Du scherzt wohl. Die sind so geizig, dass sie manchmal sogar beim Pulver sparen. Neulich hat der Herr des Hauses dieses Billigpulver gekauft, ganz ohne Spülglanz, Regeneriersalz und so. Geht man so mit einer verdienten Arbeitskraft um?“

A.G.: „Das geht ja wirklich zu weit. Sowas darfst du dir nicht bieten lassen. Hast du schon mal daran gedacht, in Streik zu treten?“

L.G.  (mit einem verschwörerischen Blinken): „Ich hab‘ nicht nur daran gedacht, ich bin schon dabei, erste Massnahmen zu ergreifen. Die Heizstäbe habe ich schon mal ausgeschaltet. Du solltest mal die langen Gesichter sehen, wenn sie das nasse, schmutzige Geschirr sehen…“

A.G. und L.G. grinsen hämisch, dann fährt L.G. fort: „Irgendwie ist mir das aber nicht effektiv genug. Ich glaube, der Streik hätte viel mehr Wirkung, wenn du auch mitmachen würdest…“

A.G.: „Ich? Aber warum denn? Da habe ich die einmalige Chance, wiedermal in Einsatz zu kommen und du verlangst von mir, dass ich streike? Wie kommst du auf diese hirnverbrannte Idee?“

L.G.: „So hirnverbrannt ist meine Idee nicht. Erinnerst du dich noch, wie der Onkel Doktor bei seinem letzten Besuch gesagt hat, du müsstest auch hin und wieder im Einsatz sein, damit du nicht ganz aus der Übung kommst? Glaub mir, die nehmen zwar keine Rücksicht auf uns, aber wenn der Onkel Doktor kommt, dann geben sie sich danach jede erdenkliche Mühe, damit es uns gut geht. Bei dem Honorar, das der gute Mann verlangt, können sie es sich nicht anders leisten…“

A.G. (nachdenklich): „Da ist was dran. Vielleicht mache ich doch mit bei deinem Streik. Was meinst du, soll ich besser die Wasserzufuhr so sehr einschränken, dass nichts mehr sauber wird, oder soll ich das Pulverfach geschlossen halten?“

L.G.: „Ich würde sagen beides. Wenn schon Streik, dann richtig…“

Und so kam es, dass die beiden Geschirrspüler rechtzeitig zum ersten Mai ein klares Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen setzten. Ob sie damit Erfolg haben, sei dahingestellt. Heute Abend verkündete ein ziemlich junges, weibliches Familienmitglied, dass es eigentlich ganz nett sei, das Geschirr im Familienverband abzuwaschen und abzutrocknen. Es könnte also durchaus sein, dass der Schuss nach hinten losgeht und die zwei Geschirrspüler sich mit ihrer lächerlichen Aktion gleich selbst abschaffen.