Verleumdung

Morgen hat Luise Geburtstag und deshalb fuhr ich gestern Nachmittag mit dem Zoowärter und dem Prinzchen in die Stadt, um die Geschenke zu besorgen. Danach, so dachte ich, würde ich mit den beiden Kleinen noch in die Ikea fahren, um dem Prinzchen ein neues Bett zu kaufen. Nachdem ich aber das Prinzchen zum dritten Mal innert drei Minuten unter einem Regal hervorziehen musste, unter das er sich verkrochen hatte, beschloss ich, dass der kleine Strolch auch noch eine Woche länger im Gitterbett schlafen kann. Nach Coop, Migros und Manor war ich mit meinen Nerven derart am Ende, dass Ikea einfach zu viel gewesen wäre. Folglich kamen wir deutlich früher, aber nicht minder erschöpft, wieder zu Hause an.

„Meiner“ war ziemlich erstaunt, uns so bald schon wieder zu sehen und fragte den Zoowärter, wo wir denn gewesen seien. „Bei Aldi und Ikea“, gab der kleine Verleumder zur Antwort und zeigte das Getränkefläschchen, das ich ihm gekauft hatte. „Das hier hat mir Mama bei Aldi gekauft.“ „Und, habt ihr jemanden getroffen?“, wollte „Meiner“ wissen. „Nein, keiner hat uns hallo gesagt“, antwortete der Zoowärter beleidigt. Ihr wisst ja, wie das mit den Gerüchten ist. Einmal draussen, lassen sie sich nicht mehr einfangen und so konnte ich dementieren, so viel ich wollte, die Mär verbreitete sich dennoch in sich in Windeseile und heute Morgen, als Luise das Prinzchen fragte, wo wir denn ihre Geschenke gekauft hätten, meinte er ohne zu zögern: „Aldi und Kikea“.

Morgen werden die zwei dann wohl in der Krippe erzählen, sie hätten das Wochenende bei Aldi und Ikea verbracht und übermorgen, wenn ich einkaufen gehe, wird man mich in der Migros nicht mehr grüssen, weil ich angeblich ins Lager der Verräter gewechselt habe.* Dabei ist an der Sache wirklich nichts dran, ich kann sogar die Quittungen vorlegen, um es euch zu beweisen. Dumm ist nur, dass uns gestern, als wir in der Stadt waren, tatsächlich keiner hallo gesagt hat und darum habe ich keine Zeugen, die meine Aussage bestätigen könnten. Nun gut, der Zoowärter und das Prinzchen könnten natürlich schon bezeugen, wo wir tatsächlich gewesen sind, aber mir scheint, dass die momentan lieber die Mama verleumden, als die Wahrheit zu sagen.

* Deutsche Leser mögen sich vielleicht fragen, warum ein Einkauf bei Aldi als Verrat gilt. Dazu muss man wissen, dass man bis vor wenigen Jahren in der Schweiz entweder Migros- oder Coop-Kunde war, so, wie man reformiert oder katholisch ist. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt und die Menschen müssen sich ganz neu zu dem Geschäft ihrer Wahl bekennen. Ich, zum Beispiel, bin eine glühende Anhängerin der Migros und habe bis vor wenigen Jahren Coop gemieden, wann immer ich konnte. Der Migros bin ich treu geblieben, aber seitdem Aldi und Lidl hier sind, finde ich Coop nicht mehr ganz so schlimm, weshalb ich notfalls auch mal dort einkaufe. Gut, ich kämpfe jedes Mal mit meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal wieder im falschen Laden war, aber vielleicht bewege ich mich so ganz allmählich in Richtung Einkaufs-Oekumene.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

Ikea

Es gibt ein paar Orte auf dieser Welt, an die man nie ohne männliche Begleitung gehen sollte. Die Ikea ist ein solcher Ort. Das heisst, am Anfang ist es ganz praktisch, wenn keine Männer dabei sind. Keiner, der meckert, wenn man drei neue Abwaschbürsten kauft, obschon man zu Hause schon zehn hat, die aber leider im Chaos verschwunden sind und erst wieder auftauchen, wenn man neue gekauft hat. Keiner der findet, die Gläser mit den Kamelen drauf seien hässlich, man solle besser die langweilige 12-er Packung im Sonderangebot kaufen.
So verbringt man den Nachmittag in bester weiblicher Begleitung, die grösseren Kinder sicher im Kinderparadies vor der Glotze parkiert. Die kleineren unterhalten einen während des Einkaufs mit ihrem Geplapper. Ein durchaus angenehmes Leben. Der Einkaufswagen füllt sich. Erst in der Selbstbedienungshalle kommen erste Zweifel auf. Müssen diese Schachteln immer so schwer und unhandlich sein? Wie hievt man diese Dinger auf einen stets wegrollenden Einkaufswagen? Mit vereinten Kräften schafft man es knapp und passiert die Kasse.
Richtig schwierig wird es dann beim Beladen des Autos. Die fünf übermüdeten Kinder sind rasch verstaut. Reine Routinearbeit. Wie aber schaffen es die Männer jeweils, all diese „Kramfors“, „Tylösans“, „Barnsling Snurrs“, „Björkens“ und wie sie alle heissen, ins Auto zu zwängen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Also muss das Zeug aufs Dach. Doch wo ist jetzt wieder dieser Gummizug, der die Ware auf dem Dach fixieren sollte? Irgendwo unter Kinderjacken, leeren Trinkbechern und Schmusetüchern lässt sich einer finden. Mit Mühe und Not schafft man es, die Einkäufe auf dem Dach zu fixieren. Ist doch keine Sache, oder? Wozu braucht’s noch Männer?
Die Wahrheit kommt auf der Autobahn ans Licht. Zuerst poltert es verdächtig. Ein paar Kilometer weiter fliegt das erste Paket. Zum Glück so, dass kein Unfall passiert. Mit grösster Mühe schafft es die eine, auf dem Pannenstreifen das verbleibende Paket vom Dach doch noch ins Innere des Autos zu zwängen, während die andere damit beschäftigt ist, die weinenden Kinder zu beruhigen.
Und dann bleibt nur noch etwas zu tun: Den Ehemann anrufen. Der kann jetzt zwar auch nicht mehr helfen. Aber zumindest ist da jemand, bei dem man sich ausheulen kann.