Ungeniessbar

Da bin ich mal wieder, an dem altbekannten Punkt, an dem ich nie sein will, an dem ich aber unweigerlich lande, wenn meinem unausgeglichenen Temperament die Ruhe fehlt, um sich hin und wieder abzukühlen. Zu viel Zeit auf dem Bürostuhl, zu wenig auf dem Sofa, zu viele Gespräche am Telefon, zu wenige mit denen, die da um mich herum sind, zu viel Gehetze von hier nach da, zu wenige Atempausen und schon bin ich wieder die alte, ungeduldige und gereizte Mama Venditti, die ich schon immer war, wenn die Balance nicht stimmte. Eigentlich war ich schon so, bevor ich Mama war und Venditti hiess und schon damals war mir klar, dass es grundverkehrt ist, die eigenen Kräften so schlecht einzuteilen, dass man am Ende jene, die man liebt, nur noch anschnauzt.

Das das nicht in Ordnung ist, wusste ich schon damals, als ich Morgen für Morgen meine Eltern anmotzte und fünf Minuten später fröhlich lachend mit meinen Schulfreunden unterwegs war. Ich wusste es auch, als ich bei der Arbeit allen Frust herunterschluckte und freundlich blieb und dann, kaum zu Hause angekommen, allen Ärger an „Meinem“ ausliess. Ich weiss es auch heute, wo ich schlicht ungeniessbar bin, weil ich meinen ganzen Vorrat an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit am gestrigen Tag der offenen Tür verpufft habe. Ich weiss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen wäre, um mir mal wieder eine ausgiebige Pause zu gönnen, alle Pflichten für einige Tage beiseite zu schieben und mich voll und ganz auf die Menschen einzulassen, die ich liebe. Und das möchte ich auch, türmte sich da nicht die Arbeit auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Klar, ich werde versuchen, es in den nächsten Tagen besser zu machen, ausgeglichener und freundlicher zu sein, aber ich weiss, dass es mir, wie seit Jahren schon, nur zum Teil gelingen wird. Denn so sehr ich es auch möchte, ich kann nicht aus meiner Haut. Und deshalb wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich einmal mehr zu entschuldigen, die Selbstvorwürfe in die Schranken zu weisen und darauf zu hoffen, dass diejenigen um mich herum nicht aufhören, mich trotz meiner Macken zu lieben.

Helden

Jetzt gehört der FeuerwehrRitterRömerPirat also auch zum Klub der Helden, die sich mitten in der Nacht einer Notfalloperation unterziehen mussten. Und wie ein Held wurde er auch von seinen Geschwistern empfangen, als er heute mit OP-Haube auf dem Kopf und eingeschientem Arm wieder zu Hause erschien. Das sind sie, die Sternstunden, in denen sichtbar wird, wie sehr die fünf, die sich im Alltag doch ziemlich auf den Geist gehen können, einander lieben. Ob er Angst gehabt hätte, wollten die Geschwister wissen. Ob er auch durch diese langen unterirdischen Gänge gefahren worden sei. Und ob er mit der Zimmernachbarin, mit der er sich abends um zehn noch hitzige Wettkämpfe mit dem Bettenlift geliefert hatte, die Telefonnummer ausgetauscht hätte. Alles wollten sie wissen und bald einmal begannen sie, in ihren eigenen Erinnerungen zu schwelgen. „Ich werde nie diesen fürchterlich trockenen Zwieback vergessen, den sie mir damals in Österreich zu essen gaben“, sagte Karlsson, der seinen Blinddarm in unserem östlichen Nachbarland verloren hat. „Weisst du noch, wie doof meine Zimmernachbarin war“, lästerte Luise und sogar der Zoowärter, der zwar noch nie unter dem Messer, wohl aber schon auf der Notfallstation war, trug die bruchstückhaften Erinnerungen zusammen, die er noch finden konnte.

Da sassen sie also, die vier Veteranen und verglichen ihre Spitalerfahrungen. Und wie ich ihnen so zuhörte, kamen auch in mir die Erinnerungen hoch. Erinnerungen an diese elende Nacht als ich, mit dem Prinzchen schwanger, dabei zusehen mussten, wie sie meinen Ältesten in der Ambulanz mitnahmen in ein Spital, von dem ich nicht einmal wusste, wo es war. An das Bangen, als der Zoowärter in der Ambulanz vom Einkauf in der Ikea zurückgefahren kam. An das endlose Warten, als Luise der Bauch aufgeschnitten wurde. Und jetzt haben wir also auch mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten unser Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet hätten, erlebt.

Gebangt haben wir auch diesmal, denn ich glaube, als Eltern kann man gar nicht ruhig und gelassen bleiben, wenn man weiss, dass das Kind, das man über alles liebt, leiden muss. Und doch fühle auch ich mich so langsam als Veteranin. Denn immerhin weiss ich inzwischen, wie der Hase läuft in diesen Spitälern. Das nimmt einem zwar nicht die Angst, aber zumindest weiss man, worauf man sich einstellen muss, wenn man mal wieder einen kleinen Helden der ärztlichen Pflege anvertrauen muss.

Und weil ich nach der anstrengenden Nacht so müde bin, hier ein pauschales herzliches Dankeschön an alle, die an den FeuerwehrRitterRömerPiraten gedacht haben.

Schon wieder

Und wiedermal sind Vendittis zu Gast auf der Notfallstation. Diesmal ist es der FeuerwehrRitterRömerPirat. Ausnahmsweise mal kein Blinddarm, aber unters Messer wird er trotzdem müssen, sobald das Brötchen, das er am späten Nachmittag gegessen hat, verdaut ist. Als heute Abend der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise ein Haus bauen wollten aus den Kartons, in denen die Bürostühle – Pardon, die Pferde meine ich natürlich – angeliefert worden sind, erwischte Luise mit dem Messer nicht den Karton, sondern die Hand ihres Bruders und zwar so tief, dass die Sehne verletzt wurde. Also ab ins Spital mit ihm, diesmal aber nicht ich, sondern „Meiner“, denn ich bin eine Memme, wenn es um Blut geht. Ich blieb zu Hause und versuchte, Luise zu beruhigen, die vor lauter Schuldgefühlen fast noch mehr weinte als ihr verletzter Bruder.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint die Sache ganz gelassen zu nehmen. Am Telefon plauderte er ganz fröhlich von seinem Ferrari, den ihm die Krankenschwester geschenkt hat und vor der Operation scheint er sich keineswegs zu fürchten. Nun, „Meiner“ und ich nehmen die Sache nicht ganz so gelassen und ich stelle mich ein auf eine weitere Nacht, in der ich mich frage, wie wir bloss so naiv sein konnten, unsere Kinder mit Messern hantieren zu lassen, auf eine weitere Nacht, in der ich es nicht erwarten kann, bis ich die erlösende Nachricht bekomme, dass mein geliebtes Kind aus der Narkose erwacht ist.

Wild West

Als ich die zwei Schachteln die Treppe hochschleppte, die der Paketpöstler heute kurz vor Mittag bei uns im Eingang deponiert hatte, war ich mir sicher, dass darin die Bürostühle waren, die ich vor einiger Zeit ersteigert hatte. Der Aufdruck auf den Kartons sprach dafür, dass es so war, wie ich vermutete: „Bürosstuhl – FY-250-2FA rot 4“. Auch als ich den Inhalt beider Schachteln vor mir im Flur auf dem Boden liegen sah, schöpfte ich noch keinen Verdacht, dass ich mich geirrt haben könnte. Und so machte ich mich gleich daran, die Dinger zusammenzuschrauben. Solche Arbeiten müssen bei uns sofort erledigt werden, bevor das Prinzchen auf dumme Gedanken kommt und die Schrauben in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Also schraubte ich, anstatt die Küche aufzuräumen und bald schon standen sie da, die zwei nagelneuen Bürostühle, die demnächst an meinem Arbeitsplatz stehen werden. Nach getaner Arbeit zog ich mich in die Küche zurück, um nun doch noch ein wenig Hausfrau zu spielen. Später dann würde ich die Bürostühle ins Familienzentrum bringen. Doch als ich aus der Küche kam, waren da keine Bürostühle mehr. Dafür aber zwei kräftige Pferde, das eine versehen mit Zügeln – die ich Kleingeist für Verpackungsschnüre gehalten hatte – das andere zwar ohne Zügel, dafür aber mit einem Reiter auf dem Rücken, der eine Verpackungsschnur –  äh, Pardon, einen Morgenstern natürlich – schwang. Der andere Reiter zielte mit einer Pistole auf mich und fast wäre ich erschossen worden, denn in meiner Beschränktheit hielt ich die Pistole für den Inbusschlüssel, den ich eben noch in den Händen gehalten hatte, um die Schrauben anzuziehen. Gerade rechtzeitig noch konnte ich mich in Deckung bringen, ehe der eine der Cowboys mich zur Strecke gebracht hätte.

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich, mir die zwei Cowboys zu Freunden zu machen. Ich meine, was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden frei und unbeschwert bewegen könnte, aus Angst, von einem Cowboy angegriffen zu werden? Und bis zur Abstimmung vom 13. Februar warten, wenn die Waffen hoffentlich aus den Haushaltungen verschwinden werden, war mir zu blöd. Also versuchte ich, die beiden wilden Kerle in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da: Sie liessen sich auf mich ein, erzählten mir von ihrem rauhen Leben im Wilden Westen, von ihren Pferden, die ganz brav seien und von ihren Waffen, die sie bräuchten, um sich gegen all das Böse zu verteidigen, das in der Wüste bekanntlich hinter jedem Kaktus lauert. Am Ende posierten sie gar für ein Erinnerungsbild.

Anfangs war ich ja fürchterlich stolz darauf, dass ich einfach so nach dem Mittagessen ein Bild von echten Cowboys auf echten Pferden schiessen konnte, aber je länger ich es mir überlege, umso mehr fürchte ich, dass ich mich vielleicht habe reinlegen lassen und dass das in Wirklichkeit gar keine Cowboys waren, sondern zwei kleine Jungs, die mal schnell ausprobieren wollten, ob man Bürostühle auch für Spannenderes gebrauchen könne, als darauf zu sitzen, in den Bildschirm zu starren und zu murmeln „Psst, seid mal still, ich muss jetzt arbeiten“.

Ein Kind, zwei Meinungen

„Schauen Sie sich bloss mal an, wie sie dieses O geschrieben hat. Und dann dieses S hier und das T und das K… Das kann man kaum lesen. Und diese Verkrampftheit beim Schreiben, einfach unglaublich. Ja, und mit dem Tempo hapert es auch ganz gewaltig. Das muss jetzt ganz dringend besser werden, sonst kommt das nicht gut. Mit dem Reden hat sie auch Mühe. Man versteht kaum ein Wort, wenn sie etwas sagt. Und melden tut sie sich ohnehin fast nie im Unterricht. Ja, natürlich, sie ist ein liebes, fröhliches Kind, aber das Schreiben, das Reden und die Schüchternheit…“

„Schauen Sie sich mal dieses Blatt an, wie viel besser sie hier schon geschrieben hat. Man sieht, wie sehr sie sich Mühe gibt und wie viel Fortschritte sie in so kurzer Zeit gemacht hat. Und sehen Sie sich diese Prüfung an: Kaum ein Fehler und sie war eine der Schnellsten. Ach, und ich habe mich ja so darüber gefreut, dass sie sich im Unterricht so viel zu Wort meldet. Es ist eine wahre Freude, mitzuerleben, wie sie aufblüht und immer mehr kann. Klar, sie braucht noch Unterstützung, aber sie wird das ganz toll hinkriegen, da bin ich mir sicher…“

Ein Kind und zwei so unterschiedliche Meinungen. Liegt das daran, dass das Kind sich am einen Ort so gehemmt am anderen Ort so frei fühlt? Liegt es am Blickwinkel der Betrachtenden? Oder an beidem? Ich weiss es noch nicht mit Sicherheit. Aber egal, wie es auch sei, in meinen Augen ist sie ein grossartiges Kind, nicht perfekt, ist ja klar, aber für mich dennoch einer der sechs liebsten Menschen auf diesem Planeten.

Möbelsamstag

Man sagt uns ja hin und wieder, wir seien verrückt, aber so richtig wahrhaben wollen wir das nicht. Wir tun so, als sei alles ganz normal und vernünftig, was wir tun. Bis wir mal wieder in der Tinte sitzen und wir der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass andere weitsichtiger sind als wir. Viel weitsichtiger. Die sind zum Beispiel so vernünftig, dass sie einen Babysitter engagieren, wenn sie ins Schwedische Möbelhaus fahren. Oder sie nehmen nicht nur ein Handy mit, sondern zwei, damit man einander anrufen kann, wenn man sich im Getümmel nicht mehr findet. Gut, dass wir heute Morgen mit der ganzen Meute in zwei Autos losgefahren sind, um ein Zoowärter-Bett, einen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Schreibtisch, ein „Meiner“ und ich – Bett und noch ein paar andere Dinge zu besorgen, ist ja so unvernünftig nicht. Okay, man kann sich fragen, ob der Zoowärter unbedingt mitmusste, wo er doch beim letzen Mal einen Fieberkrampf bekam, als er im Möbelhaus Köttbullar ass. Und vielleicht hätte „Meiner“ ja wirklich zu Hause bleiben und aufräumen können, aber mit wem hätte ich mich denn darüber streiten können, ob wir nun einen neuen Schrank fürs Kinderzimmer oder eine neue Kommode fürs Elternschlafzimmer erstehen sollten?

Wie auch immer, wir fuhren los, der festen Überzeugung, dass heute nichts schief gehen konnte, weil wir a) genügend Geld im Portemonnaie hatten, b) eine ziemlich klare Vorstellung hatten, was wir wollten (mal abgesehen von der Meinungsverschiedenheit betreffs Schrank oder Kommode), c) die Kinder mit der Aussicht auf viele schöne neue Dinge motiviert wie selten waren und wir d) zu dritt waren, um fünf Kinder bei Laune zu halten. Anfangs sah die Sache wirklich erfolgsversprechend aus. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter liessen sich bereitwillig im Kinderparadies abgeben. Also zogen wir – drei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Einkaufswägen – los. Hätte nicht das Prinzchen, der in diesen Tagen gewöhnlich pausenlos an meinem Rockzipfel hängt, auf einmal diesen unbändigen Entdeckerdrang verspürt, wären wir beinahe in Versuchung geraten, den Einkauf zu geniessen. Damit dies nicht geschehen konnte, versteckte sich unser Jüngster immer mal wieder, so dass wir nach einer Stunde doch schon ziemlich müde waren.

Und dann fing das übliche Chaos an. Wir begingen den groben Fehler, am Kinderparadies vorbeizuspazieren, Luise sah uns, sah, dass Karlsson ein neues Stofftier im Arm hielt und vorbei war die Ruhe. Luise wollte raus, wollte auch ein Stofftier, wollte mal das Känguru, mal den Frosch, mal den Hund. Ich wollte keine Kommode, „Meiner“ wollte keinen Schrank, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den er in der Kinderabteilung entdeckt hatte, nicht mehr aus der Hand geben, Karlsson wollte sein Stofftier in der Gegend herumwerfen und die Frau im Kinderparadies wollte, dass wir den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten abholen, weil die Zeit um war. Und dann ging es weiter mit wollen: Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat wollten auch ein Stofftier, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den wir inzwischen für ihn in den Wagen gelegt hatten, ausprobieren, bevor er bezahlt war, „Meiner“ wollte keine weiteren Stofftiere kaufen und ich wollte essen gehen, damit wir am Tisch endlich die leidige Diskussion ob Schrank oder Kommode zu einem Ende bringen könnten. Im Restaurant wollten Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat eine grosse Portion Fleischbällchen und dann, als die Teller erst zur Hälfte leer waren, wollten sie nicht mehr weiter essen, der Zoowärter wollte mehr Fleischbällchen und weniger Pommes Frites, „Meiner“  und ich wollten reden und konnten nicht, weil die Kinder nicht wollten, dass wir miteinander reden, sondern mit ihnen. Was das Au Pair wollte, weiss ich nicht. Sie hielt sich vornehm zurück und half, das Chaos unter Kontrolle zu halten, aber ich nehme an, dass sie wollte, dass wir endlich mal Ruhe geben und uns wie normale Menschen gebärden, die still und artig am Tisch sitzen.

Bis dahin war alles noch in den für uns gewohnten Bahnen gelaufen, doch dann, als wir uns am Ende unseres Einkaufsabenteuers wähnten, ging es erst richtig los. Während das Au Pair, die Kinder und ich uns ans Bezahlen und Einpacken des Kleinkrams machten, machte sich „Meiner“ auf, die Dinge zu organisieren, die wir uns nach Hause liefern lassen wollten, weil unser Fünfplätzer sich weigerte, sie zu transportieren. Nachdem wir fertig eingepackt hatten, warteten wir auf „Meinen“, aber der kam nicht. Also gingen wir zum Parkplatz, um die Autos zu beladen. Aber „Meiner“ hatte den Schlüssel, ich das Auto. Also beluden wir das Auto des Au Pairs, verfrachteten – nachdem wir den Streit, wer mit wem fahren darf und wer auf dem Weg welche CD hören darf geschlichtet hatten – Karlsson und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Au Pair-Auto und schickten die drei auf die Heimfahrt.

Die drei fuhren los und wir warteten weiter auf „Meinen“, der noch immer nicht auftauchte und den ich nicht anrufen konnte, weil sein Handy nicht mitgekommen war. Irgendwann tauchte „Meiner“ auf, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und entschwand wieder in der Menschenmenge, weil er „nur noch ganz schnell“ alles bezahlen musste. Nett wie ich bin, organisierte ich in der Zwischenzeit, was es zu organisieren gab: Auto beladen, Kinder anschnallen und dann schnell Richtung Ausgang fahren, um „Meinen“ ins Auto zu packen. Aber „Meiner“ war spurlos verschwunden. Also warteten wir wieder. Während die Kinder artig im Auto sassen und abwechslungsweise jammerten und beteten, dass der Papa doch endlich kommen möge, tigerte ich immer gereizter in der Tiefgarage herum, in der Hoffnung, irgendwo „Meinen“ auf der Suche nach uns herumirren zu sehen. Aber „Meiner“ irrte nicht in der Tiefgarage herum, sondern im Laden, wo man ihn von Pontius zu Pilatus schickte, bis er endlich, nach einer geschlagenen Stunde völlig entnervt wieder auftauchte. Fragt mich bitte nicht, weshalb er so lange gebraucht hat, um ein paar Möbel zu bezahlen. Er hat’s mir erklärt, aber verstanden habe ich es nicht.

Nun, irgendwie haben wir die Sache hinter uns gebracht und ich bin auch wirklich ganz stolz auf uns, dass es zwar zur einen oder andere Reiberei, nicht aber zum üblichen Krach, gekommen ist. Wobei, vielleicht habe ich gar keinen Grund zum stolz sein, denn vermutlich hatten wir bloss deshalb keinen Krach, weil wir nach all dem Stress einfach zu müde waren dazu.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?


 

Laut, lauter, am lautesten

Vendittis sind schon von Natur aus nicht sehr leise. Wie sollten sie auch, wenn Papa Venditti aus Italien und Mama Venditti aus einer Grossfamilie stammt. Er ist laut, weil seine Eltern am Telefon immer so laut redeten, damit man ihre Worte aus dem kalten Norden auch im warmen Süden verstehen konnte. Sie ist laut, weil sie ihre grossen Geschwister übertönen musste. So zumindest erkläre ich mir den Umstand, dass das Leiseste, was es bei uns gibt, laut ist.

Lauter ist es geworden, seitdem ein Kind nach dem anderen Teil der Familie geworden ist. Jeder will gehört werden und weil man in all dem Geschnatter nicht gehört wird, wenn man leise ist, muss man eben etwas lauter sein als alle anderen. Nur so hat die Botschaft eine Chance, überhaupt anzukommen. Dass man auch warten könnte, bis derjenige, der gerade am Reden ist, ausgeredet hat, darauf ist noch keiner gekommen. Vielleicht auch deshalb, weil man bei uns ewig warten würde, bis alle, die etwas sagen wollen, ausgeredet haben. Denn kaum holt der Eine mal Luft, springt schon der Nächste ein. Auf dass es gar nicht erst vorkomme, dass mal absolute Stille herrscht.

Ich hätte ja nicht erwartet, dass es noch lauter werden kann. Aber es kann. Wenn da ein Prinzchen ist, das zwar schon ziemlich gut redet, aber eben noch nicht gut genug, um den grösseren Geschwistern Paroli zu bieten. Deshalb muss das Prinzchen heulen, wenn er sich anders nicht durchsetzen kann. Und heulen macht mehr Lärm als reden, ist ja klar, sonst würde man gar nicht die Mühe auf sich nehmen, damit anzufangen. Wenn da auch noch ein Tageskind ist, das die deutsche Sprache noch nicht gut genug beherrscht, um in diplomatische Verhandlungen mit den fünf kleinen Vendittis zu treten, dann ist da noch einer mehr, der heult, wenn es anders nicht geht. Und zwei, die heulen, machen mehr Lärm als einer alleine, ist ja klar.

Aufgefallen ist mir dies alles erst, als mich Abend für Abend ein schlechtes Gewissen und ein kratziger Hals plagten. Ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mal wieder den ganzen Tag nur rumgebrüllt und ein kratziger Hals vom Rumbrüllen. Dann aber fiel mir auf, dass ich gar nicht böse war, wenn ich rumbrüllte und da wurde mir klar, dass ich getan hatte, was ich schon als Kind getan hatte, wenn es um mich herum immer lauter geworden war: Ich hatte mich nach Leibeskräften darum bemüht, noch lauter zu sein als alle anderen, damit ich mal endlich gehört wurde. Dumm nur, dass ich dennoch nicht gehört werde, denn unsere Kinder tun es mir gleich und schrauben die Lautstärke noch einmal eine Stufe höher.

Nun frage ich mich natürlich, wie wir den Lärmpegel wieder senken können und weil ich mir selber nicht mehr zu helfen weiss, hier meine Frage an meine Leser:

 

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.