Bettgeschichten

Ich schreibe und wähle nicht nur links, ich schlafe auch links. Genauer gesagt, schlafe ich auf dem linken Ohr und zwar auf der Seite des Bettes, die man als die Linke empfindet, wenn man auf dem Rücken im Bett liegt. Also die Seite, die rechts liegt, wenn man vor dem Bett steht. Weil ich aber lieber im Bett drin liege, als davor zu stehen, ist das für mich die linkere Seite des Bettes, auch wenn sie objektiv betrachtet eher die rechte Seite ist. Alles klar? Wenn nicht, ist das auch egal, ihr müsst ja nicht mit mir das Bett teilen.

Der Mann aber, der mit mir seit mehr als zwölf Jahren das Bett teilt, hat entschieden, dass er es satt hat, mir immer die linke Seite zu überlassen. Angeblich, weil „wir doch noch nicht so alt sind, dass wir immer alles gleich beibehalten müssen“ und dann auch noch, weil er mich so „viel besser umarmen kann“. Ha, von wegen! Ich habe ihn durchschaut. Er will bloss, dass ich wieder auf die Bettseite rücke, die näher beim Prinzchen ist. Ja, ich weiss, es ist vollkommen lächerlich, dass das Prinzchen auch im reifen Alter von zwei Jahren noch in unserem Zimmer schläft. Aber hey, er ist unser Jüngster, was erwartet ihr von uns? Dass wir ihn vor seinem achtzehnten Geburtstag aus unserem Zimmer ausziehen lassen? Wo doch sogar „Meiner“ –  der sonst täglich findet, es wäre doch grossartig, wenn das Prinzchen etwas grösser und vernünftiger wäre – völlig entsetzt war, als ich vorschlug, wir sollten das Prinzchen vielleicht zu seinen Geschwistern umziehen lassen. „Aber dann kann ich ihn ja gar nicht mehr bewundern, wenn er schläft“, meinte er. „Er ist doch so süss, wenn er da mit seinem Bären und seinem Krümel im Bettchen liegt.“

Gut, dann bleibt er eben, das Prinzchen. Ist mir ganz recht. Aber dann soll „Meiner“ die Konsequenzen dafür tragen. Was er aber nicht tun will und das, so vermute ich zumindest, ist der wahre Grund für meine Vertreibung aus dem linksseitigen Paradies. Während nämlich 99,9 Prozent aller Mütter klagen, ihre Männer würden nachts nie wach, wenn die Kleinen weinen, ist es bei uns genau umgekehrt: Ich schlafe friedlich weiter, während „Meiner“ Fläschchen wärmt, Windeln wechselt und im Dunkeln Nuggis sucht. Das war nicht immer so, früher haben wir uns diese Pflichten redlich geteilt. Aber irgendwann hat sich herausgestellt, dass „Meiner“ nach der Erledigung dieser Pflichten wieder friedlich weiterschläft, ich aber die halbe Nacht wach liege, wenn ich mal meine linke Betthälfte habe verlassen müssen. Und weil „Meiner“ ein netter Kerl ist, hat er von da ab die Nachtdienste alleine übernommen.

Wie ich jetzt feststellen muss, hat selbst die Nettigkeit von „Meinem“ ihre Grenzen. Denn seitdem er mich kurzerhand auf die reche Bettseite verbannt hat – die Bettseite, die links liegt, wenn man vor dem Bett steht, die man aber als rechts empfindet, wenn man im Bett liegt -, tut er nachts keinen Wank mehr. Seither habe ich jede Nacht Prinzchen-Dienst und weil ich danach nicht mehr einschlafen kann, entstehen dann in meinem Kopf Blogeinträge über linke und rechte Bettseiten und andere Banalitäten. Ich hoffe doch sehr, meine geschätzte Leserschaft wird sich bei „Meinem“ dafür stark machen, dass ich meine linke Bettseite zurück bekomme. Ihr wollt ja wohl nicht, dass ich euch weiterhin mit solchen Bettgeschichten langweile, nicht wahr?

Erziehungsberechtigt

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Geschwister einander nicht erziehen sollen. Klar, hin und wieder kommt es vor, dass die Grossen mal zehn Minuten auf die Kleinen aufpassen müssen, weil ich Luise schnell zur Ballettstunde fahren muss, oder weil mir die Abfallsäcke ausgegangen sind und es draussen schon zu dunkel ist, um ein Kind in den Laden zu schicken. Aber die Erziehung ist Aufgabe der Eltern, finde ich. Darum haben „Meiner“ und ich neulich auch freundlich abgewinkt, als Karlsson vorschlug, er würde schon „die Kinder“ hüten, damit wir ins Kaffee gehen könnten. Er hatte uns falsch verstanden, als wir erwähnt hatten, wir würden gerne nach dem Essen ungestört einen Kaffee trinken. Wir erklärten Karlsson, dass das wirklich sehr nett wäre von ihm, dass wir ihn aber gerne noch etwas länger Kind sein lassen möchten.

Während man dies Karlsson schon ganz gut weis machen kann, schert sich das Prinzchen einen Dreck darum, wer in diesem Hause die Erziehungsberechtigten sind. Er hat die Macht einfach an so sich gerissen. Und seither zetert er, kaum hat er fertig gegessen, seine grossen Geschwister aber noch nicht: „Chöme sofot, ei, twei, vie, düü!“, womit er sagen will, dass seine Geschwister jetzt gleich kommen sollen, er zähle jetzt noch bis drei und dann sei seine Geduld am Ende. Oder aber er liegt im Bett, bereit für den Mittagsschlaf und dann, wenn er die Grossen streiten hört, brüllt er: „Luise, Karlsson, höre fofot uuff!“ Wenn dann doch die Tränen fliessen, macht er mich darauf aufmerksam dass „Zoowärter büelet“ und dass ich jetzt gefälligst rennen soll, um dem armen Kleinen beizustehen.

Ist ja wirklich rührend, wie er sich seiner Geschwister annimmt. Was mich daran aber stört ist, dass „Meiner“ und ich erklären, zetern, gut zureden, schimpfen und ermahnen können, so viel wir wollen und die Kinder tanzen uns weiter auf der Nase rum. Wenn aber das Prinzchen sein Machtwort spricht, sind sie plötzlich alle lammfromm und kuschen. So langsam beginnt mein Selbstbewusstsein darunter zu leiden. Da kommt so ein kleiner süsser Zwerg daher und bringt mit viel Charme und Hundeblick das zustande, was „Meiner“ und ich oft vergeblich zu erreichen suchen. Vielleicht kläre ich mal ab, ob es legal ist, die Erziehungsberechtigung an das Prinzchen abzutreten. Er ist zwar noch sehr minderjährig, aber Autorität hat er momentan eindeutig mehr als „Meiner“ und ich zusammen.

Und weiter geht’s…

Noch ist der letzte Krümel der Prinzchen-Geburtstagstorte nicht verschwunden, sein letztes Geschenk hat er vor einer guten Stunde ausgepackt, einige Luftballons leben noch, und schon bin ich mit dem nächsten Geburtstag beschäftigt. In etwas mehr als zwei Wochen ist Karlsson dran und so verbrachte ich gestern, nachdem die Spuren des Geburtstagsfestes beseitigt waren, einen grossen Teil des Abends damit, das perfekte Geschenk für Karlsson zu finden. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach. Wer schon mal versucht hat, einem fast Zehnjährigen weis zu machen, dass ein antikes Trichtergrammaphon nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse liegt, der kann sich vorstellen, was „Meiner“ und ich alles sagen mussten, bevor unser Ältester endlich einlenkte. Nach langem Erklären unsererseits und noch längerem Schmollen seinerseits konnten wir uns auf einen Plattenspieler einigen. Ja, genau so ein Ding, für das wir uns damals geschämt hatten, weil unsere Eltern uns keinen CD-Player schenken mochten, weil der „nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse“ lag. Das Ding scheint heute wieder chic zu sein, zumindest bei Nostalgikern, wie unser Karlsson einer ist.

Nun, irgendwann fand ich in den Weiten des Internets einen halbwegs tauglichen Plattenspieler, der a) nicht zu teuer, b) „fabrikneu und originalverpackt“ ist und c) in nostalgischem Design daherkommt. Jetzt muss ich nur noch die Meistbietende bleiben für den Stapel „gebrauchter, aber kaum zerkratzter“ Klassik-Schallplatten und Karlssons Geburtstagsgeschenk ist gekauft. Das heisst, wenn er es schafft, sich den Wunsch nach einer echten Puderperücke aus dem Kopf zu schlagen. Im Moment arbeiten wir noch dran. Von der Barockgeige, die er sich eigentlich auch noch wünschen würde, hat er zum Glück schon länger nichts mehr gesagt, so dass ich annehmen kann, dass wir für einmal ganz günstig wegkommen. Zumindest wenn man die Kosten für die kulinarischen Wünsche ausklammert. Und sollte Karlsson nach seinem Geburtstag noch unerfüllte Wünsche hegen, kann ich ihn ja auf Weihnachten vertrösten.

Wie, habe ich Weihnachten gesagt? Das dauert ja auch nicht mehr lange…. Und noch wissen nicht alle Kinder, was sie sich wünschen. Also kann ich auch noch keine Einkäufe tätigen. Nun gut, für die Füllung des Adventskalenders ist gesorgt, aber wo um Himmels Willen finde ich die Zeit, all die anderen Geschenke zu besorgen? Und dann wollte ich mir ja noch überlegen, ob ich für unsere Kinder eine neue Adventsgeschichte schreiben soll. Ach ja, den Samichlaus müssten wir wohl auch in den nächsten Tagen bestellen, damit wir noch einen bekommen. Und dann hat ja auch der Zoowärter schon bald Geburtstag….

Sieht ganz so aus, als müsste ich mich in den kommenden Wochen nicht vor Langeweile fürchten. Das beruhigt mich. Ich hatte nämlich schon Angst bekommen, die Gründung des Familienzentrums, die Lesung und das Novemberschreiben alleine würden nicht ausreichen, um die letzen weissen Flecken im Terminkalender zum Verschwinden zu bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…

Wesentliches

Wenn du einen Freitag lang mit Jonglieren beschäftigt warst, manchmal nicht mehr gewusst hast, wie du es schaffen sollst, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, wenn du zwischen Wickeltisch, Sitzungszimmer, Kochherd und Computer hin und her gerannt bist und abends um sechs noch schnell Muffins gebacken hast, dann fragst du dich, ob du nun wirklich zu diesem Elternabend gehen sollst. Der sechste Spielgruppen-Elternabend deines Lebens. Kann der denn so wichtig sein, dass du und „Deiner“ die Wohnung im Chaos verlassen, die Arbeit unerledigt liegen lassen, das Au-Pair mit fünf aufgedrehten Vendittis alleine lassen müsst?

Wenn du eine Stunde später im schummrig beleuchteten Raum auf dem winzigen Stuhl sitzt, auf dem es sich gewöhnlich der Zoowärter bequem macht, wenn du in die Welt eintauchst, die bis jetzt jedem deiner Kinder so viel bedeutet hat, wenn du hörst, wie andere Eltern von ihren Kindern schwärmen und du dir selber Gedanken machst, was den Zoowärter denn so unglaublich liebenswert macht, wenn die Spielgruppenleiterin dir ins Bewusstsein ruft, wie die Welt in den Augen deines kleinen Sohnes aussieht, dann weisst du, dass dieser Elternabend das bedeutungsvollste Ereignis dieses langen Tages war. Wenn du die Bilder siehst, auf denen dein kleines Kind voller Stolz mit Freunden diesen riesigen Bambusstecken durch den Garten trägt, wie es mit voller Konzentration einen Klumpen Knete verarbeitet, wie es  eintaucht in diese Kindertraumwelt, dann wird dir einmal mehr bewusst, was für ein Geschenk es ist, Mama dieses Kindes zu sein.

Wenn du, nachdem du mit „Deinem“ noch kurz die Freiheit des kinderfreien Abends genossen hast, zu Hause am Computer sitzt, dann ist es wieder sonnenklar, was du im Alltag so schnell vergisst: Ein Familienzentrum zu gründen ist wichtig. Ein Buch zu schreiben ist wunderbar. Einen Haushalt zu führen ist herausfordernd. Freundschaften zu pflegen ist bereichernd. In der Gemeinde mitzumachen ist erfüllend. Den Kindern und „Deinem“ zu zeigen, dass du sie liebst, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie einmalig sind und sie ernst zu nehmen, das ist alles zugleich: Wichtig, wunderbar, herausfordernd, bereichernd, erfüllend und noch so viel mehr.

Wärest du zu Hause geblieben und hättest den Elternabend sausen lassen, wer hätte dich dann darauf aufmerksam gemacht, worauf es wirklich ankommt im Alltag?

So ein Mist!

Kinderwagen Nr. 6 hat den Geist aufgegeben. Genauer gesagt: Das linke Hinterrad von Kinderwagen Nr. 6 hat den Geist aufgegeben. Wer sich mit Kinderwägen ein wenig auskennt, weiss, dass die Räder eine entscheidende Rolle darin spielen, das Gefährt zum Rollen zu bringen. Was bedeutet, dass Kinderwagen Nr. 6 seit gestern funktionsuntüchtig ist. Gut, ich könnte ja versuchen, das Rad mit Sekundenkleber anzukleben. Anders geht das nicht, denn die Schraube ist so saumässig blöd abgebrochen, dass sich da nichts mehr schrauben lässt. Nun weiss ich aber aus bitterer Erfahrung, dass Kleben bei Kinderwägen wenig bringt und deshalb muss ich leider verkünden, dass Kinderwagen Nr. 6 nicht mehr ist. Nennt mich ruhig desillusioniert, dass ich wegen einem klitzekleinen Kinderwagenrad den ganzen Wagen abschreibe, aber eben, ich habe da so meine Erfahrungen gemacht.

Nun denn, Kinderwagen Nr. 6 ist Geschichte. Wie aber soll die Zukunft aussehen? Soll das Prinzchen ab jetzt zu Fuss gehen? Immerhin wird er übermorgen zwei, da kann er sich schon ziemlich gut und lange auf den Beinen halten. Bloss fragt sich, wie weit wir dann noch kommen. Klar, wir wären dann mit wirklich jeder Schnecke und jeder Katze im Quartier per Du, aber was ist mit all den Schnecken und Katzen in den anderen Quartieren, die wir auch so gerne mal kennen lernen möchten? Und wenn wir schon dabei sind, Schnecken und Katzen zu treffen, könnte man ja auch noch den einen oder anderen Einkauf erledigen. Abgesehen davon, dass unsere Welt ohne Kinderwagen noch kleiner würde, tut mir auch das Prinzchen Leid: Muss er denn jetzt schon laufen, bloss weil dieser blöde Wagen sein Rad so mies behandelt hat, dass es ganz dringend von ihm weg wollte? Nein, das Prinzchen kann wirklich nichts dafür und darum soll er auch nicht die Konsequenzen tragen müssen.

Was aber dann? Kinderwagen Nr. 7 anschaffen? Wo wir doch für Kinderwagen Nr. 1 bis 6 schon ein halbes Vermögen haben liegen lassen? Das kann’s doch nicht sein. Wie ich so mit dem Au-Pair hin und her überlege, was zu tun sei, erinnere ich mich plötzlich an diverse Angebote, die mir in der Vergangenheit gemacht wurden: „Ach, warum hast du mir nichts gesagt? Ich hätte doch noch einen Kinderwagen, der bei mir nur noch rumsteht….“ Bis jetzt habe ich solche Angebote immer abgelehnt. Immer, bis auf ein einziges Mal und dann stand ich da mit einem lottrigen Wägelchen ohne Sicherheitsgurten, mit welchem jeder Spaziergang zu einem Survivaltrip für das Kind wurde. Ich hoffe, ihr versteht jetzt, weshalb ich danach nur noch nein gesagt habe, wenn man mir einen Kinderwagen anbot.

Weil ich die ganze Kinderwagensache inzwischen aber so satt habe, tue ich heute etwas, was ich nie und nimmer hätte tun wollen: Ich frage mal ganz schüchtern und vorsichtig, ob da vielleicht jemand ein klitzekleines Kinderwägelchen mit Sicherheitsgurt, mit Rädern aber ohne namhafte Macken in der Garage stehen hat. Ein Kinderwägelchen, das noch fit genug ist, das Prinzchen bis zu seinem dritten Geburtstag hin und wieder bei seinen Ausflügen zu unterstützen. Ich wäre auch gerne bereit, einen Teil der Anschaffungskosten zurückzuerstatten.

Jetzt, wo ich die schüchterne Bitte geäussert habe, noch eine sehr laute Randbemerkung: Wir brauchen nur einen Kinderwagen, wir sind nicht die Sperrgut-Sammelstelle des Kantons Solothurn und wir hätten auch keine Freude an einem „noch fast nie gebrauchten, nur leicht schimmligen Reisebettchen“ und einem „leicht zerkratzten Nachtlicht, das ich auch nicht mehr brauche und dir deshalb für nur 50 Franken gerne überlassen würde“. Und nein, wir brauchen auch keine ausgetragenen Kleider für Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“, falls ihr das auch noch fragen wolltet. Bevor ich schliesse noch dies: Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften mit Bild. Und bitte nicht böse werden, wenn wir nein sagen. Wir brauchen wirklich nur einen und es ist ganz bestimmt nicht persönlich gemeint, wenn wir euren nicht auch noch nehmen können….

Dienstag, 26. 10. 2010

Tagesplan für Dienstag, 26. 10. 2010

6:45 Uhr: Aufstehen, duschen, frühstücken
7:10 Uhr: Kinder wecken
8:00 Uhr: Grosse Kinder aus dem Haus, kleine Kinder anziehen
9:00 Uhr: Zoowärter in die Spielgruppe bringen
9:15 bis 10:55 Uhr: Sitzung
11:00 Uhr: Zoowärter abholen
bis 12:00 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
12:00 bis 13:30 Uhr: Mittagspause
13:30 bis 18:15 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
18:15 bis 20:00 Uhr: Abendessen, Gutenachtgeschichte, Kinder bettfertig
20:00 Uhr: Freier Abend mit „Meinem“

Dienstag, 26. 10. 2010, wie er in Wirklichkeit war:

6:45 Uhr: Den Wecker zum Schweigen bringen, weiterschlafen
7:15 Uhr: Karlsson kommt schreiend aus dem Bett, geplagt von unerträglichen Schmerzen

7:20 Uhr: Die anderen Kinder wecken, in der Hand das iPad, um abzuklären, welche Krankheit zu Karlssons Beschwerden passt
7:20 bis 8:00 Uhr: FrühstückservierenKarlssonberuhigenTerminabasagenArztanrufenArztnichterreichenKindernotfallanrufenLuisezurEileantreiben
FeuerwehrRitterRömerPiratmotivierenDuschenPrinzchenwickelnAuPairinformierenIndieKleiderschlüpfenSchuleanrufenKinderausdemHausschicken
TransportindieSpielgruppefürZoowärterorganisierenInsAutositzenundlosfahren
8:20 bis 12:15 Uhr: Mit Karlsson auf der Notfallstation, warten, Untersuchung, Petterson & Findus hören, wieder warten, Untersuchung, Ultraschall, warten, Solitaire spielen, Bescheid der Ärztin: Nein, es ist nicht, was man ursprünglich befürchtet hatte, sondern etwas völlig Harmloses, aber trotzdem gut, dass Sie gekommen sind, denn wenn es das gewesen wäre, was wir befürchtet hatten, hätte das schlimme Folgen gehabt und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen und geben Sie ihrem Kind genügend zu Trinken.
12:15 bis 12:40: Uhr: Mittagessen im Spital
13:00 Uhr: Küche aufräumen
13:00 bis 13:40 Uhr: Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären, dass sein Freund bald kommen wird, aber dass die Zeit nicht schneller vergeht, wenn er mich alle fünf Sekunden fragt, ob jetzt Zeit sei. Nebenbei einen Brief an die Geigenlehrerin schreiben, weil Karlsson seine Noten nicht finden kann
13:40 bis 16:15 Uhr: Gemeinsam mit dem Au-Pair das Chaos meistern, hin und wieder einen Anruf tätigen oder entgegennehmen, mit meinem Vater Kaffee trinken, etc.
16:15 bis 18:15 Uhr: Verzweifelter Versuch, vom Bürotag zu retten, was zu retten ist und doch noch wenigstens das Dringendste zu erledigen
18:15 Uhr: Anmeldung zum Novemberschreiben 2010, eine reine Trotzreaktion, um diesem Deppen von Alltag klarzumachen, dass ich mich von ihm nicht so leicht kleinkriegen lasse
18:20 bis 20:20: Abendessen, Kinder bettfertig machen, Gutenschtgeschichte, den FeuwerwehrRitterRömerPiraten verarzten, der sich beim Herumtoben eine blutende Nase geholt hat, erfahren, dass „Meiner“ das mit dem freien Abend etwas anders aufgefasst hat als ich und deshalb weggehen wird,  Enttäuschung herunterschlucken und die Geschichte fertig erzählen
20:20 Uhr: Anruf von „Meinem“ entgegennehmen, der sich hundertmal entschuldigt, dass er mich falsch verstanden hat und damit ohne böse Absicht meinen Abend ruiniert hat
20:25 Uhr: Wäsche aufhängen, im Selbstmitleid baden und dabei in der Waschküche fast erfrieren
20:40 Uhr: Eine – zuerst vor Schmerz, dann vor Angst, dass sie ihre Hausaufgaben vergessen haben könnte –  brüllende Luise beruhigen
20:50 Uhr: Einen jammervollen Blogpost anfangen
21:15 Uhr: Den wunden Po des Zoowärters verarzten
21:20 bis 21:44 Uhr: Blog-Gejammer fertigschreiben, veröffentlichen und dann ist Schluss mit diesem elenden Dienstag, dem 26. 10. 2010.

Manchmal frage ich mich ja schon, wozu ich meine Tage überhaupt plane. Wo sie doch nicht die geringsten Bemühungen erkennen lassen, sich an meine sorgfältig ausgearbeiteten Pläne zu halten.

Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.

So haben wir uns das nicht vorgestellt

Als wir damals, vor etwas mehr als zwölf Jahren, ja gesagt haben zueinander, haben „Meiner“ und ich uns nicht vorgestellt, dass unsere Abende so aussehen würden: „Meiner“ am Telefon für irgend ein Projekt, das weder ihm noch mir etwas bringt, ich am Arbeiten, später dann vielleicht am Solitaire-Spielen, weil ich vor lauter Übermüdung nichts anderes mehr zustande bringe, er auf dem Sofa am Schnarchen, weil die Woche so anstrengend war.

Einen einzelnen Abend in diesem Stil könnte man ja noch verkraften. Aber nach vier, fünf, sechs oder gar sieben Abenden, die vollgestopft sind mit Sitzungen, Rechnungen begleichen, Fernsehsendungen, die man nur schaut, weil man zu müde ist, um etwas Schlaueres anzufangen, Briefen, die man noch „ganz schnell schreiben muss, bevor man Feierabend machen“ kann, aufräumen, was tagsüber liegen geblieben ist, Anrufen, die man „nur schnell“ tätigen muss, weil man später nicht mehr anrufen darf und schließlich erschöpftem ins Bett sinken, ….Mist, jetzt habe ich doch glatt den roten Faden des Satzes verloren.

Also, ich wollte sagen, dass es uns gelinde gesagt stinkt, wenn solche Abende zur Normalität werden. Und darum muss jetzt die Notbremse gezogen werden, allenfalls mit der Konsequenz, dass man hin und wieder ein unbequemes Nein wird verlauten lassen müssen.

Hat man mal ja gesagt zueinander, muss man eben hin und wieder zu anderen Dingen nein sagen. Zumindest, wenn einem das Ja zueinander mehr bedeutet, als all die Ja zu anderen Dingen, die man im Laufe der Jahre allzu leichtfertig ausgesprochen hat.

Ich will auch wieder mal….

…. die Schokoladenseite unserer Kinder sehen. Ob die Knöpfe nun den ganzen Nachmittag mit „Meinem“ in der Schule waren, ob sie bei Freunden zu Besuch waren oder ob sie mit jemandem einen Ausflug gemacht haben, immer bekomme ich zu hören, unsere Kinder hätten sich wie Engel aufgeführt. „Ach weisst du“, sagen mir die Leute, „deine Kinder sind immer so still und brav. Man kann sich einfach auf sie verlassen.“ Die aufopferungswillige Mama in mir fühlt sich natürlich unglaublich geschmeichelt, wenn sie Solches hört. Aber ich kann euch versichern, die abgekämpfte Mama, die nur wenige Momente später wieder verhindern muss, dass die kleinen Engel einander die Köpfe einschlagen, die denkt ein wenig anders über die Sache.

„Warum bekommen immer die anderen die Schokoladenseite meiner Kinder zu sehen?“, jammert sie, die abgekämpfte Mama. „Warum müssen die sich zu Hause über jede Kleinigkeit in die Haare geraten? Und dann, wenn ich mit ihnen schimpfe, klagen sie lauthals, ich würde sie nicht lieben. Es ist doch einfach unfair: Da liebst du deine Kinder abgöttisch, mühst dich ab, sie zu anständigen Menschen zu erziehen und wer darf die Früchte deiner Arbeit ernten? Die anderen natürlich.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so“, wendet die aufopferungswillige Mama ein. „Sei doch froh, dass die Kinder sich auswärts zu benehmen wissen. Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt: Zu Hause sind sie immer brav und auswärts lassen sie die Sau raus. Ich kenne eine Frau, bei der war das so. Deren Sohn war zu Hause der reinste Engel….“

„Ja, ich weiss“, unterbricht die Abgekämpfte. „Die Geschichte hast du mir schon hundertmal erzählt. Zu Hause war er der reinste Engel und in der Schule machte er dem Lehrer das Leben schwer und die arme Mutter wusste nicht, wie sie dem Lehrer glaubhaft machen konnte, dass ihr Sohn zu Hause tatsächlich ganz anders war. Mag ja sein, dass das unangenehm ist, aber glaubst du, es ist angenehmer, wenn du den ganzen Tag nur den Polizisten spielen musst, weil die Rabauken glauben, sie müssten sich zu Hause nie am Riemen reissen, weil man sie ja ohnehin grenzenlos liebt?“

„Natürlich ist das unangenehm. Aber du jammerst mal wieder auf sehr hohem Niveau. Immerhin gibt es Orte, wo sich deine Kinder zu benehmen wissen. Stell dir vor, wie es wäre, wenn sie zu Hause und auswärts die Sau raus lassen würden…“, mahnt die Aufopferungswillige. „Und ausserdem hast du doch wirklich allen Grund, dankbar zu sein: Fünf gesunde Kinder, alle ziemlich aufgeweckt und nett. Denk doch mal wieder an den Zopf, den Karlsson dir neulich gebacken hat. Oder erinnere dich daran, wie fürsorglich der FeuerwehrRitterRömerPirat sich um das Prinzchen kümmert. Und weisst du noch, als Luise und der Zoowärter neulich….“

„Ach, du hast natürlich Recht, wie immer“, unterbricht die Abgekämpfte missmutig. „Mir ist ja klar, dass ich in meinen Kindern einen unschätzbaren Reichtum habe. Und ich liebe sie ja auch heiss und innig. Aber wenn man einen ganzen Tag lang nur zurechtgewiesen, Streit geschlichtet und getröstet hat, wird man sich wohl mal beklagen dürfen, oder?“

„Nein, darf man nicht. Stell dir bloss vor, was all die Leute denken werden, die dein Gejammer hier lesen. Die werden sich an die Stirn greifen und sich fragen, was diese blöde Zicke bloss wieder hat“, mahnt die Aufopferungswillige.

„Na und. Sollen die doch denken, was sie wollen“, sagt die Abgekämpfte trotzig. „Ich zwinge sie ja nicht zum Lesen. Und überhaupt könnte ich wetten, dass mindestens die Hälfte all jener, die das hier lesen, am Freitagabend ebenso abgekämpft und ausgelaugt sind wie ich und deshalb noch so gerne in mein Gejammer einstimmen werden. Aber weil sie liebende Mütter sind, werden sie sich morgen früh dennoch wieder voller Optimismus daran machen, ihre Rabauken zu kleinen Engeln zu erziehen.“