Es geht auch ganz anders

Nachdem ich gestern voller Freude von den Entwicklungsschritten unserer Kinder berichtet habe, präsentiere ich heute die Kehrseite. Die ist zwar nicht ganz so glänzend, hat aber einen hohen Unterhaltungswert. Zumindest wenn man sich den ganzen Tag im Büro verschanzen kann und nur durch die verschlossene Tür mitkriegt wie

– „Meiner“ den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter dazu verknurrt, zum Mittagessen Nutellabrot, Bonbons und Schokolade zu essen, weil sie sich drei Minuten bevor das vollwertige Mittagessen auf den Tisch gekommen wäre über den Vorratsschrank hergemacht haben. Die beiden um wenigstens ein ganz kleines bisschen Rösti und Salat betteln zu hören, weil sie nicht nur von diesem ekligen süssen Zeug essen wollten, war das reinste Vergnügen.

– die ganze Familie völlig entnervt vom erfolglosen Herbstschuhkauf zurückkommt und man sich glücklich schätzen darf, dass man das Drama um „Ich will aber die rosaroten Schuhe und nicht die hellblauen!“ und „Wenn ich die Schuhe nicht bekomme, laufe ich den ganzen Herbst barfuss“ wenigstens einmal nicht hat miterleben müssen. Dass morgen der zweite –  hoffentlich erfolgreichere – Versuch ansteht und dass man dann nicht mehr wird kneifen können, muss man in solchen Momenten der Schadenfreude einfach ausblenden können.

– das Prinzchen sich in der Bibliothek eine halbe Stunde lang fast die Augen aus dem Kopf heult, weil der Bagger, den er dort gefunden hat, leider einem anderen Kind gehört und sich die Mama dieses anderen Kindes dummerweise daran erinnern konnte, dass der Bagger, den das Prinzchen nun für sich haben will, in der Bibliothek geblieben ist. Gut, ich geb’s zu, ich habe im Büro nicht gehört, wie das Prinzchen in Aarau gebrüllt hat, aber alleine die Erzählung hat mir gereicht um erleichtert zu seufzen: „Gott sei Dank durfte ich heute ein Personalreglement, ein Lohnreglement und ein Pflichtenheft verfassen und musste mich nicht in der Bibliothek mit einem brüllenden Prinzchen rumschlagen.“

– sogar dem sonst so geduldigen Au-Pair irgendwann der Geduldsfaden reisst so dass die Kinder für einmal nicht vor dem „bösen Papa“ in ihre Arme flüchten können. Und schon gar nicht vor der „bösen Mama“, denn die war ja heute im Büro und konnte deswegen gar nicht so böse zu den Kindern sein.

Ja, sie können auch ganz anders, unsere lieben Kinder. Und „Meiner“, das Au-Pair und ich können auch ganz anders, als immer nur geduldig und friedlich sein. Und so kommt es, dass ein Tag, an dem man sich acht Stunden lang pausenlos mit knochentrockenem Papierkram rumschlägt sich schon fast ein wenig anfühlt wie Wellness.

Entwicklungsschritte

Karlsson, der am Sonntagnachmittag einfach mal schnell den perfekten Hefezopf bäckt und zwar ganz ohne elterliche Hilfe.

Luise, die daneben sitzt, eine Bouillon zubereitet und mit Leidenschaft Petersilie für die Suppe schnippelt.

Was spielt es da für eine Rolle, dass die Küche nach der Aktion der beiden ausgesehen hat wie ein Schlachtfeld? Und dass der Enthusiasmus beim Aufräumen nicht mehr ganz der Gleiche war wie beim Kochen und Backen, das verstehen wir natürlich bestens. Wir waren doch auch mal Kinder….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der endlich begreift, dass es ihn nicht umbringt, wenn er von jedem Essen ein ganz kleines bisschen probieren muss. Und der dann die Grösse hat, zuzugeben, dass es eigentlich ganz gut schmeckt, den ganzen Teller leerputzt und dann auch noch um einen Nachschlag bittet.

Der Zoowärter, der beim Anziehen der Schuhe hin und her überlegt, welcher Schuh an welchen Fuss gehört und der es dann meistens schafft, den rechten Schuh am rechten Fuss, den linken Schuh am linken Fuss zu tragen.

Das Prinzchen, das nicht mehr nur Lieder hören will, sondern sie auch selber singt. Zum Beispiel „buuuuhbä pumpedimumpedi!“, was ganz eindeutig eine Kleinkinderversion des Zoowärters Lieblingsliedes „Pooh Bär, wir mögen dich sehr. Rumpedibumpedi kommt er daher“ ist.

Dass das Prinzchen seine Stimmbänder nachts um halb eins in Betrieb nimmt, stört mich nicht im Geringsten. Ich finde es einfach nur hinreissend und schmelze schlaftrunken dahin.

Das Schönste am Ganzen ist, dass hier nicht die Erziehungskünste von „Meinem“ und mir endlich zum Blühen kommen, sondern dass die Kinder sich ganz von selbst zu entfalten beginnen. Einfach, weil die Zeit jetzt reif ist dafür und sie bereit sind, einen Schritt weiterzugehen. So langsam bekomme ich den Eindruck, dass es den Kindern reicht, zu wissen, dass sie diese Schritte gehen dürfen und dass sie, sollte etwas schief gehen, von uns aufgefangen werden.

Und wieder einmal wird mir bewusst, weshalb ich trotz aller Ermüdungserscheinungen, die der Job zwangsläufig mit sich bringt, so unglaublich gerne Mutter von mehreren Kindern bin.

Ach und übrigens: Das Bild, das in meinen Augen so perfekt zum Text passt, hat ausnahmsweise nicht „Meiner“ gemacht, sondern Luise, die so langsam ganz der Papa wird.

Gesetzestreu

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz für Kleinkinder zu geben, das da heisst: Du darfst den ganzen Tag über quengelig und ungeduldig sein, aber pausenlos schreien, bis sich deine Eltern und das Au-Pair ernsthafte Sorgen machen, darfst du erst fünf Minuten nach Ladenschluss der örtlichen Apotheke. Oder drei Minuten nachdem in der Kinderarztpraxis keine Anrufe mehr entgegengenommen werden. Oder in der Nacht von Samstag auf Sonntag.

Ich weiss nicht, wie andere Kinder es damit halten, aber unsere legen in diesem Bereich eine Gesetzestreue an den Tag, die jeden Gesetzeshüter zum Strahlen bringen würde. So zum Beispiel heute das Prinzchen. Den ganzen Tag sabberte er sich die Kleider nass und wer ihm zu nahe kam, wurde mit einem entrüsteten „Hööö uff!“ angeraunzt. Nichts Aussergewöhnliches also, das Kind wird wohl am Zahnen sein, dachten das Au-Pair und ich. Dann aber, pünktlich zum Ladenschluss der Apotheke, fing er an zu heulen. Und „Aua! Weh!“ zu brüllen. Und sich immer wieder an den Hals zu greifen. So lange, bis wir alle, Zoowärter eingeschlossen, anfingen, uns Sorgen zu machen um ihn.

In solchen Momenten weiss man ja nie so recht, wie man reagieren soll. Rennt man zur Notfallapotheke, werfen sie einem vor, man hätte schon längst zum Arzt gehen sollen. Geht man zum Notarzt meint er nur, wegen dieser Kleinigkeit hätte man nicht kommen müssen. Begibt man sich gar ins Spital, hört das Kind, kaum liegt es nach Stunden des Wartens auf dem Behandlungstisch, mit dem Geheul auf und ist wieder quietschfidel. Nach langem Hin und Her entschlossen wir uns dazu, es mit der neuen Bahnhofapotheke im Nachbarort zu versuchen. Die hat abends bis zehn Uhr offen, also würden wir ganz bestimmt niemanden ausserhalb seiner gewohnten Arbeitszeit stören. Und sollte sich das Problem als schwerwiegender herausstellen, würde man uns dort schon befehlen, sofort zum Arzt zu gehen.

Die Bahnhofapotheke stellte sich dann fürs Erste auch als die richtige Lösung heraus. Das Prinzchen weigerte sich zwar standhaft, weiter zu brüllen, damit wir in seinen Mund hätten schauen können, aber kleine Bläschen an der Zungenspitze und im Mundwinkel liessen die Apothekerin darauf schliessen, dass da wohl schmerzstillendes Zahngel und etwas Entzündungshemmendes angebracht wären. Womit das Prinzchen ziemlich zufrieden war und bald schon friedlich einschlief.

Doch wenn ich sein erneutes Gebrüll vor ein paar Minuten richtig interpretiere, scheint er zu spüren, dass der Ladenschluss der Bahnhofapotheke naht. Mal schauen, wie lang die heutige Nacht wird…

Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….

Von Kleidern und anderen Dingen

Heute früh hatte ich mal wieder Gelegenheit in einem Zugabteil voller Gymnasiasten zu sitzen. Gewöhnlich sitze ich ja nicht um Viertel vor acht ohne Kinder im Zug und so nahm ich mir die Zeit, mir die Spätteenager etwas genauer anzuschauen. Ist ja noch gar nicht so lange her, seitdem ich noch selber ins Gymnasium ging. Also bloss etwa 15 Jahre oder so. Dennoch scheint mir, dass sich da so einiges geändert hat. Nein, es sind nicht die Handys und iPods, die damals noch keiner hatte. Es sind die Kleider, die mich irritieren. Wo sind sie denn, die Typen mir den Boxershorts auf dem Kopf? Oder jene, die das ganze Jahr über barfuss laufen? Oder die mit den grünen Haaren? Nicht mal solche, die in allen Farben des Regenbogens gekleidet sind, wie „Meiner“ und ich das während unserer Gymnasialzeit waren, sieht man mehr. Die tragen alle nur noch braun, grau und schwarz. Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Müssen die vor lauter Schulstress auf all die Verspieltheit verzichten, die das Leben in dieser Phase mit sich bringen sollte? Oder bin ich aus lauter Zufall in einem Abteil mit Schülern aus dem Wirtschaftsgymnasium gelandet? Sähe das Bild in einem Zugwaggon voller Pädagogikstudenten anders aus?

Eine ganz andere Kleiderfrage beschäftigte mich ebenfalls heute Morgen: Was zieht man zu einer „Fachtagung Betreuungsgutscheine“ an? Die Antwort lautet: Nichts. Also, ich meine natürlich nichts Besonderes. Die übliche Alltagskluft genügt vollauf. Gut, meine Jeans hat schon bessere Zeiten gesehen, meine Bluse und mein Haarschnitt auch, aber damit passte ich perfekt ins Bild, wie ich bei meiner Ankunft in Luzern mit Erleichterung feststellte. Klar, der eine oder andere Ex-Regierungsrat mochte nicht auf Anzug und Krawatte verzichten, aber die anderen trugen, was wir Idealistinnen eben zu tragen pflegen. Ob das daran liegt, dass wir Wichtigeres zu tun haben, als von Boutique zu Boutique zu ziehen, oder ob wir aus lauter Idealismus gerne auf eine anständige Bezahlung verzichten und deswegen kein Geld für schicke Kleider haben, sei dahingestellt.

Während ich also von der Kleidung her perfekt zu den anderen passte, musste ich mich hin und wieder beim Zuhören fragen, von welchem Stern ich denn komme. Da wurde zum Beispiel eingangs klar definiert, was gemeint ist, wenn das Wort „Eltern“ verwendet wird. Die Definition ist mir inzwischen wieder entfallen, doch die Frage schwirrt weiterhin in meinem Kopf: Haben wir uns soweit von der Realität entfernt, dass wir nicht mehr wissen, was Eltern sind, wenn uns nicht einer klar und deutlich sagt, was das Wort bedeutet? Besonders angetan hat es mir dafür  die Definition des Wortes „bildgunsfern“. Ich war ja stets davon ausgegangen, dass damit Leute gemeint sind, die wenig bis gar keine Schulbildung haben. Seit heute aber weiss ich, dass damit Leute gemeint sind, die keine akademische Ausbildung haben. Nun hoffe ich natürlich, dass dies bloss ein Versprecher der Referentin war, denn ich bin mir nicht so sicher, wie gerne sich Lehrer, Pflegepersonal, Schreiner, Bankangestellte und was es sonst so an nicht-akademisch gebildeten Fachleuten gibt, zu den bildungsfernen Schichten zählen lassen.

Im Grossen und Ganzen war die Tagung aber eine gelungene Sache. Bis auf diese eine Aussage vielleicht: „In gewissen Fällen unterstützen wir auch Mütter, die nicht arbeiten.“ Und dann vielleicht auch noch diese: „Manchmal wären auch Kinder von Eltern, die nichts arbeiten, auf familienergänzende Betreuung angewiesen.“ Ja, und auch diese Formulierung hat mir ein wenig zu Schaffen gemacht: „Wenn die Mutter nicht arbeitet, heisst das noch lange nicht….“ Als Mutter, die „nichts arbeitet“ erstaunt es mich doch sehr, dass man sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit der Verwendung des Begrifsf „Eltern“ niemanden auszuschliessen und gleichzeitig ohne mit der Wimper zu zucken Müttern und Vätern, die zu Hause bleiben, zu unterstellen, sie würden den lieben langen Tag überhaupt gar nichts tun.

Er liebt mich, er liebt mich nicht….

„Nein, du liebst mich nicht“, sagte der Zoowärter zu mir, nachdem ich ihm zehn Minuten lang vorgeschwärmt hatte, wie begeistert ich doch von ihm sei. Er sei ein wunderbares Geschenk, sagte ich ihm. Ich sei hin und weg gewesen, als ich ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hätte. Seine Augen seien so wunderschön. Und seine Haare. Und sein Lachen. Er könne so wunderbar singen, schwärmte ich. Unglaublich witzig sei er auch und dazu noch ein sehr sehr mutiger kleiner Römer. Das alles beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Er blieb bei seiner Meinung: „Nein, du findest mich doof. Du liebst mich nicht.“ Also fuhr ich fort mit meinen Liebesbezeugungen. Ich umarmte ihn, nahm ihn auf den Schoss, erzählte ihm von früher, als er noch ganz winzig klein war. Aber er wollte mir noch immer nicht glauben und so fragte ich schliesslich: „Warum glaubst du denn, dass ich dich nicht liebe?“ Die Antwort kam prompt: „Weil du immer fort bist.“

Bevor nun meine Leserschaft beginnt, auf mir rumzuhacken und zu zetern, ich sei eben eine dieser überambitionierten Mütter, die ihre Kinder vernachlässigt, muss ich betonen, dass ich zwar tatsächlich hin und wieder einen Termin ausser Hause wahrnehmen muss, dass diese Termine aber meist auf die Zeiten gelegt werden, wenn der Zoowärter ohnehin in der Spielgruppe ist, oder wenn er schon längst schläft oder wenn er gerade mit Papa unterwegs ist. Den grössten Teil meiner Zeit verbringe ich nach wie vor zu Hause bei meiner Familie.

Wäre ich keine Mama, ich hätte diese Fakten ins Feld geführt, um des Zoowärters Angriff auf mein mütterliches Zentrum für Schuldgefühle sogleich abzuschmettern. Aber ich bin eine Mama und deshalb genügen diese fünf Worte, um mich in die Knie zu zwingen. Sofort ging ich in mich, um herauszufinden, ob er vielleicht Recht hat, mein kleiner Sohn. Nach eingehender Gewissensprüfung hätte ich eigentlich zum Schluss kommen müssen, dass des Zoowärters Vorwurf jeglicher Berechtigung entbehrt. Klar, ich arbeite viel. Klar, ich bin oft in Gedanken irgendwo, nur nicht am Herd. Klar muss ich immer mal wieder sagen, ich hätte jetzt keine Zeit, mit ihm zu spielen, weil ich gerade Mittagessen kochen müsse. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht am Morgen für die Kinder da bin, kein Tag, an dem ich nicht mit ihnen zusammen esse und meist auch mit ihnen zusammen koche, kein Tag ohne Liedersingen, Sorgen anhören, Trösten, Streit schlichten und Geschichten erzählen. All das sagte ich zu mir selber, was aber natürlich nicht dazu führte, dass die Gewissensbisse aufhörten. Im Gegenteil: Sie wurden noch schlimmer, weil ich mir sogleich einredete, ich müsste eben mehr Lieder singen, mehr Geschichten erzählen, mehr Sorgen anhören….

Als pflichtbewusste Mama beschloss ich, ab sofort mehr Zeit mit meinem Zweitjüngsten zu verbringen. „Wollen wir Lieder singen?“, fragte ich ihn. Er wollte, ich sang. Genau zwei Lieder, dann fand er, er möchte jetzt eigentlich, dass ich in die Küche gehe, weil ich ihn mit meinen Liedern beim Asterix-Studium störe. Etwas später, als er in der Küche auftauchte, um sich eine Stärkung zu holen, drückte ich den Zoowärter an mich, kitzelte ihn und wollte ihm einen Kuss auf die Stirn drücken. Was mir aber tüchtig misslang. „Hör auf, Mama. Das mag ich nicht.“ So ging es den ganzen Tag weiter. Ich suchte nach Wegen, dem Zoowärter meine Liebe zu zeigen, er suchte nach Wegen, meinen Liebesbezeugungen zu entrinnen.

Und jetzt frage ich mich natürlich, ob mein kleiner Junge mich überhaupt liebt….

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Kleine Spielverderber

Ausnahmsweise verzichte ich heute auf Namensnennungen. Denn die Kunst, uns einen schönen Moment zu versauen, beherrschen sie alle gleich gut, unsere lieben kleinen Vendittis und deswegen wäre es unfair, einzelne Kinder besonders zu erwähnen. Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen: Seit Tagen schon hatten sich „Meiner“ und ich auf den heutigen Gottesdienst gefreut. Nun kann man sich natürlich darüber wundern, weshalb man sich tagelang auf einen Gottesdienst freut. Immerhin haben Predigten nicht gerade den besten Ruf. Aber zum Glück gibt es Kirchen, deren Gottesdienste Wellness für die Seele sind. Zeit, in sich zu gehen, still zu werden, zu staunen, Antworten zu suchen und neue Fragen zu finden. Einfach wunderbar. Besonders nach einer hektischen Woche, in der man kaum einmal zum Nachdenken gekommen ist.

Dumm nur, dass eines unserer Kinder sich zwar ebenso sehr auf den Kindergottesdienst freute, aber nicht begriffen hat, dass man sich auch anziehen und die Zähne putzen müsste, wenn der Vorfreude ein freudiges Erlebnis folgen soll. Kenner unserer Familie mögen erahnen, wer es hier fertig gebracht hat, mit viel Gebrüll, Herumtoben und Verweigern unsere Vorfreude zu dämpfen. So sehr, dass „Meiner“ am Ende mit dem störrischen Kind zu Hause blieb, während ich in der Kirche dennoch ein kleines bisschen Stille zu finden versuchte.

Um dem Tag doch noch eine gute Wendung zu geben, beschlossen „Meiner“ und ich, dass wir uns nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnen würden. Nach einer Woche, in der wir kaum je vor halb eins ins Bett gekommen waren, konnten wir ein wenig Zusatzschlaf gut gebrauchen. Weshalb wir schweren Herzens einen unserer Erziehungsgrundsätze brachen und die Kinder bei strahlendem Sonnenschein mit einer DVD beglückten. Was auch wieder tüchtig in die Hose ging, weil zwar alle DVD schauen wollten, ein Kind aber die Augsburger Puppenkiste ziemlich doof findet und deshalb lieber „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ sehen wollte, den aber alle schon in- und auswendig kennen. Also wieder lautes Gebrüll, diesmal einfach aus einer anderen Kehle und deswegen etwas schriller. Was dazu führte, dass nicht nur des Prinzchens Mittagsschlaf drastisch gekürzt wurde, sondern auch dazu, dass der elterliche Mittagsschlaf ins Wasser fiel. Nun gut, wir haben dann in Schichten geschlafen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Und einschlafen kann man auch nicht besonders gut, wenn man sich eben noch so sehr geärgert hat.

Ein weiterer Spassverderber brachte es fertig, dass „Meiner“ und ich schliesslich resignierten und zur Wunderwaffe „Eisessen am Küchentisch“ greifen mussten, um dem Gebrüll endlich ein Ende zu setzen. Kurz vor Feierabend mussten wir dann auch noch erkennen, dass hausgemachte Kürbisgnocchi mit dem ersten Butternut-Kürbis aus eigener Ernte nur halb so gut schmecken, wenn einer am Tisch ständig quengelt.

Nach einem solchen Tag bin ich ganz froh, dass mir keiner die Vorfreude auf morgen versauen kann. Wer freut sich denn schon auf den Montag?

Ach, ist ja interessant

Dass ich auf Erziehungstipps nicht immer gut zu sprechen bin, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aufgrund dieser Abneigung liegen bei mir auch erstaunlich wenige Elternzeitschriften auf den Nachttisch. Hin und wieder findet aber dennoch die eine oder andere Probeausgabe ihren Weg dorthin. Wenn „Meiner“ mal wieder das Lehrerzimmer ausgemistet hat und all die Probeexemplare, welche keiner wollte, nach Hause schleppt. In einer dieser Zeitschriften bin ich auf diese unsinnige Horoskop-Serie gestossen, in welcher die Kinder anhand ihres Sternzeichens schubladisiert ääähm, ich meine natürlich charakterisiert werden. Nun muss man wissen, dass mein Vertrauen in die Astrologie nicht grösser ist als mein Vertrauen in Erziehungsratgeber. Dennoch habe ich mir den Artikel zu Gemüte geführt, in dem das „Krebs-Kind“ beschrieben wurde. Obschon mich allein der Titel schon in Rage getrieben hat. Aber weil ausgerechnet dasjenige meiner Kinder, von dem ich das Sternzeichen weiss, im Juli geboren wurde, machte ich mich daran, herauszufinden, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat denn nach Ansicht der Astrologin sein sollte.

Und jetzt weiss ich, dass mein Dritter vor allem über Themen redet, die „Sensibilität voraussetzen“. Nun, vielleicht kann mir da ja mal jemand weiterhelfen, aber ich weiss nicht, wie viel Sensibilität es braucht, um Tag für Tag vom Gemetzel der Gladiatoren, den Raubzügen der Wikinger und dem Unterschied zwischen gewöhnlicher Luft und Helium zu reden. Weiter erfahre ich, dass im Sternzeichen Krebs geborene Kinder besonders fähig seien, „Wünsche anderer zu erspüren und diese zu erfüllen.“ Nun hat unser FeuerwehrRitterRömerPirat zahlreiche sehr gute Eigenschaften, aber wenn es darum geht, die Wünsche anderer zu erfüllen, dann stellt er die Ohren auf Durchzug. Nicht alleine dies, er weigert sich schlichtweg, etwas zu tun, was ein anderer von ihm wünscht. Er entscheidet, wann er grosszügig ist, wem gegenüber und auf welche Art. Also nichts von schwacher „Antriebskraft und Eigeninitiative“, welche die Astrologin ihm gerne bescheinigen würde. Auch nichts von „lässt sich bei seinen Zielen mehr vom Gefühl als vom Intellekt lenken“ und schon gar nichts von „aus Rücksicht lässt es keine Aggressionen aufkommen.“

Ach, und dann haben „Meiner“ und ich etwas ganz Wichtiges übersehen, als wir unsere Familie planten: „Wegen seiner ausgeprägten emotionalen Seite eignet sich ein Krebs-Kind gut für die Rolle des Nesthäkchens“. Und wir haben unsere Kinder einfach so drauflosgezeugt, ohne zu beachten, dass ein mittleres Kind besser nicht im Juli zur Welt kommen sollte, weil es ja dann keine Möglichkeit hat, die Rolle, für die es angeblich so geeignet wäre, zu spielen.

Natürlich hat die Astrologin vorausgesehen, dass ich und viele andere Eltern ihr Kind in der Beschreibung nicht werden erkennen können, deshalb merkt sie am Ende des Textes an, diese Themen bezögen sich „lediglich auf den astrologischen Grundtenor des Sonnenstandes eines Geburtshoroskops“. Wenn wir mehr wissen wollten, müssten wir schon eine persönliche Analyse und Beratung machen lassen. Ich glaube, darauf verzichten wir. Denn meiner Meinung nach passt die Beschreibung nur deshalb nicht, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht einfach irgend ein „Krebs-Kind“ ist, sondern weil der FeuerwehrRitterRömerPirat eben der FeuerwehrRitterRömerPirat ist und niemand sonst.

Schlaf, Philipp, schlaf!

„Filit au flaffe?“, will das Prinzchen seit einigen Tagen wissen, wenn ich ihn ins Bett lege. Egal, ob Vormittag, Nachmittag, Abend oder späte Nacht, stets muss sich das Prinzchen vergewissern, dass Philipp auch tief und fest schläft, sonst legt er sich nicht hin. Warum ausgerechnet Philipp? Keine Ahnung. Er hat wohl gerade an einen der vielen Philipps aus unserem Bekanntenkreis gedacht, als ich ihm sagte, dass jetzt alle schlafen würden und deshalb ist es ihm nun ein grosses Anliegen, nur dann zu schlafen, wenn auch Philipp schläft.

Nun kann ich natürlich unmöglich jedes Mal, wenn das Prinzchen müde ist, nachfragen, ob Philipp  jetzt auch schläft. Zumal ich gar nicht weiss, welchen Philipp das Prinzchen meint. Wir kennen nämlich ziemlich viele davon. Aber meinem Kind einen Bären aufbinden möchte ich auch nicht. Sein „Bä!“ ist schon riesig genug. Also bitte ich eben sämtliche Philipps, mit denen das Prinzchen je in seinem Leben zu tun hatte und haben wird, sie möchten etwas häufiger schlafen. Vorzugsweise abends von sieben bis morgens um sieben, von elf bis halb eins und hin und wieder vielleicht auch kurz von drei bis vier Uhr nachmittags. Es würde mein Gewissen sehr entlasten, wenn ich mein Prinzchen nicht so oft anlügen müsste.

Eigentlich schade, dass ich nicht Philipp heisse. Ein bisschen mehr Schlaf könnte nicht schaden.