Here we go again

Es ist nicht alleine die Blogstatistik, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Leute wieder im Land sind und dass der Alltag auch wieder aus den Ferien zurückgekommen ist. Es gibt da noch ein paar weitere untrügliche Zeichen:

– Die Mails, die ich vor den Ferien geschrieben hatte, werden nun eines nach dem anderen endlich beantwortet. Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Die Mailbox quillt wieder über.

– Die überquellende Mailbox führt dazu, dass auch der Terminkalender sich im Halbstundentakt mit neuen Terminen füllt.

– Nach Feierabend, also wenn die Kinder im Bett sind, wird nicht mehr faul auf dem Sofa herumgefläzt, sondern gearbeitet.

– Das Telefon klingelt wieder.

– Wenn das Telefon klingelt, ist nicht jemand aus dem Freundeskreis dran, der fragt, ob wir abends Lust zum Grillieren haben, sondern jemand, der wissen will, ob der Businessplan schon fertig ist oder ob die Traktandenliste für die Sitzung schon steht.

– Wenn Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich auf eine Distanz von einem halben Meter nähern, dann sprühen nicht mehr die Funken, weil sie sich so sehr freuen, dass sie endlich mal wieder Zeit zum Spielen haben. Nein, es fliegen die Fetzen, weil sie das Spielen inzwischen so satt haben, dass sie die Tage bis zum Schulbeginn zählen.

– Ich muss nicht mehr aufpassen, dass ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, ich muss aufpassen, dass ich genug zu mir nehme, weil die Zeit zum Essen von Tag zu Tag knapper wird.

– Der Schädel brummt wieder, weil die Tage zwar noch immer spät enden, aber bereits wieder früh beginnen.

– Wenn etwas schief geht, gerät wieder der ganze minutiös geplante Tagesablauf aus den Fugen.

– Das Prinzchen muss seinen Bedarf an Schlafliedern massiv zurückschrauben. Wer hat denn schon mitten im Alltag Zeit, stundenlang neben ihm zu liegen und sich heiser zu singen?

– Der Koffeinkonsum steigt rapide an.

– Mama Venditti brüllt wieder herum.

– Mama Venditti entschuldigt sich wieder bei ihren Kindern.

– Das Handy ist wieder in Betrieb.

– Das Zeiterfassungssystem ebenfalls.

– In der Handtasche hat es wieder Stifte und Notizpapier, dafür aber keine Windeln und Schmusetücher mehr.

– Ich schmiede wieder Ferienpläne.

Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Wachstumsschmerzen

Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….

Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.

Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen  zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.

Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.

Alles klar?

Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und so kann es schon mal vorkommen, dass an einem gewöhnlichen Mittwoch in den Sommerferien „Meiner“ um Viertel nach acht bei der Arbeit erscheinen muss, wofür er das Auto braucht, weil das E-Bike zwar bestellt, aber noch nicht abgeholt ist und weil der Zug von Schönenwerd nach Kölliken Umwege macht, die selbst einem umweltbewussten Menschen etwas zu absurd sind. Fünfundvierzig Minuten später sollte ich beim Arzt erscheinen, zu einem Termin, den ich bereits vor sechs Wochen abgemacht hatte, damals, als ich noch frohgemut behauptet hatte: „Ja, der 4. August passt perfekt. Dann haben wir Sommerferien, da bin ich vollkommen flexibel.“

Okay, bevor es richtig kompliziert wird, rekapitulieren wir kurz: Da wäre 1 x arbeiten um 8:15 Uhr und einmal Arzt um 9:00 Uhr. Was auf dem Papier gar nicht so kompliziert aussieht, in der Praxis aber sehr wohl kompliziert ist, denn wer hütet die Kinder, während Mama und Papa weg sind? Und das ist nur der eine Aspekt des Problems. Der andere wäre: Wer bringt Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Ferienkurs, wenn Mama und Papa weg sind? Nun, natürlich haben Mama und Papa Netzwerke, auf die sie in solchen Fällen zurückgreifen können und so werden die Kinder für eine Stunde bei der Grossmama, die im Haus wohnt, abgeliefert und die Grossmama stellt pünktlich um zehn vor zehn die drei Grossen an die Strasse, wo sie von einer anderen Mama abgeholt werden.

Problem gelöst, und sogleich wieder neue geschaffen. Denn um sich bei der anderen Mama für die guten Dienste zu revanchieren, bietet man ihr an, dass man im Gegenzug am späten Nachmittag deren Kind abholen wird. Was man dabei aber vergessen hat: Die eigenen Kinder müsste man am späten Nachmittag gar nicht abholen, weil die ganze Familie am Abend bei der Kursleiterin eingeladen ist und die Grossen deshalb gar nicht nach Hause kommen müssen.  Aber abgemacht ist abgemacht und deshalb will man das Kind der anderen Mama dennoch abholen. Man kann doch nicht einfach eine Dienstleistung annehmen, ohne eine zurückzugeben, nicht wahr? Man wird also am Nachmittag, nachdem man mit den beiden Jüngsten bei der Schwester zum Kaffeetrinken war, was man schon vor einer Woche abgemacht hatte, als man noch nicht wusste, dass „Meiner“ heute das Auto braucht, noch kurz das Kind abholen gehen.  Weil aber das Auto noch in Kölliken ist, muss „Meiner“ über Mittag nach Hause kommen, sich von mir am Nachmittag zur Arbeit chauffieren lassen, damit ich nachher mit den beiden Kleinen zur Schwester fahren kann und später das Kind der anderen Mama abholen kann und dann, bevor wir uns alle zusammen zu unserer Einladung begeben, „Meinen“ wieder von der Arbeit abholen kann.

Wie, ihr könnt meinen Erklärungen nicht folgen? Soll ich noch einmal rekapitulieren? Nun, vielleicht lasse ich es bleiben. Ihr müsst den Plan ja nicht im Detail verstehen.  Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, bis mir endlich klar wurde, wie wir das alles schaffen, ohne das Telefon zur Hand zu nehmen um alles umzuplanen, was die Sache noch komplizierter gemacht hätte. Irgendwann stand die perfekte Lösung fest und es sah ganz danach aus, dass der Tag zwar etwas kompliziert, aber dennoch ganz gut werden würde.

Und dann kommt das Leben, das fiese Ding, das sich nie an unsere ausgeklügelten Pläne hält und wirft alles über den Haufen, was wir so schön durchdacht haben: Das Kind der anderen Mama muss heute nicht abgeholt werden, weil Luise der anderen Mama gesagt hat, dass sie und ihre Brüder heute bei der Kursleiterin bleiben dürfen. Gut, ein Termin weniger. Das verschafft Luft und der Tag wird einfacher. Also ja, der Tag würde einfacher werden, wenn nicht der Zoowärter plötzlich zu schlottern anfinge und das Fieberthermometer nicht panisch piepsen würde, nachdem die Temperatur fertig gemessen ist. Gut, jetzt wo der Zoowärter krank ist, ist auch klar, dass wir nicht zur Schwester fahren, sondern dass sie zu uns kommen wird, was ja an sich eine weitere Vereinfachung wäre. Denn jetzt muss „Meiner“ das Auto nicht nach Hause bringen, ich muss ihn nicht zur Arbeit zurückfahren und er muss sich am Abend nicht abholen lassen. Also alles perfekt: Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, kümmere mich um das kranke Kind und quatsche mit meiner Schwester. Klingt doch um Welten besser als das Chaos vom letzten Abschnitt, nicht wahr?

Bloss dass mit den die geänderten Plänen neue Fragen und Probleme auftauchen: Mache ich das versprochene Dessert für heute Abend, oder lasse ich es bleiben, weil wir wegen des kranken Zoowärters zu Hause bleiben müssen? Müssen wir zu Hause bleiben, oder ist er abends wieder gesund? Oder geht nur „Meiner“ mit den grossen Kindern? Oder gehe nur ich mit den grossen Kindern, weil ich ja weniger aus dem Haus komme? Schaffe ich es noch, ein wenig Ordnung zu machen, bevor die Schwester kommt? Ordnung, die ich nicht hätte machen müssen, wenn ich zur Schwester gefahren wäre, weil dann keiner gesehen hätte, wie es zurzeit bei uns aussieht. Muss ich überhaupt aufräumen oder kann ich der Schwester unser Chaos zumuten?

Was ich aus dem ganzen Theater lerne?  Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters umzuplanen, ist so mühsam, dass man am besten gar nie mit dieser elenden Planerei begonnen hätte, weil ohnehin alles anders kommt.

Ach ja, und dann hätte ich noch eine Frage: Wann bekomme ich denn jetzt endlich dieses Management-Diplom?

Bruderliebe

Theoretisch gilt bei Vendittis die Regel, dass man am Esstisch sitzen bleibt, bis alle gegessen haben, es sei denn, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich mal wieder so viel Zeit mit dem Essen, dass selbst „Meiner“ und ich genug Pause gemacht haben. Die Regel gilt allerdings erst theoretisch, da das Prinzchen und der Zoowärter noch nicht so ganz begriffen haben, dass eine Regel nicht zum Brechen da ist und so gestatten wir unseren zwei Jüngsten jeweils eine Ausnahme, worauf sie sich dann jeweils ein paar Dummheiten erlauben, währenddem wir den Rest der Mahlzeit in relativer Ruhe geniessen.

Heute stand ein Ausflug ins Badezimmer auf dem Programm. Zuerst einmal hörte man nicht viel, dann Wasserrauschen, schliesslich ein dumpfes Geräusch und danach lautes Prinzchen-Gebrüll. „Meiner“ und ich brachen natürlich sofort die Tischregel, und stürzten ins Badezimmer, wo wir ein aus dem Mund blutendes Prinzchen und einen verschämt dreinblickenden Zoowärter vorfanden. Da zuerst das Prinzchen zu trösten und zu verarzten war, verschoben wir die Zoowärter-Standpauke auf später.

Nachdem unser Jüngster sich beruhigt hatte und vor lauter Erschöpfung gar ohne das momentan übliche Schlaflieder-Konzert in tiefen Schlaf gefallen war, fand ich endlich Zeit für das Verhör unseres Zweitjüngsten. „Was hast du denn mit dem Prinzchen gemacht?“, fragte ich streng. „Ich habe ihn geschubst“, gestand der Zoowärter unumwunden und mir schien, dass er sich für seine Untat nicht im Geringsten schuldig fühlte. „Warum hast du ihn denn geschubst?“, fragte ich noch eine Spur strenger, denn mangelndes Schuldbewusstsein bringt mich in Rage. Bei der doch ziemlich unerwarteten Begründung für die Gewaltanwendung mit blutigen Folgen war es allerdings sehr schwer, ernst zu blieben:  „Ach Mama, ich wollte dem Prinzchen doch ‚Heile heile Segen‘ singen und da musste ich ihn eben zuerst umschubsen, damit er weint.“

Spielverderber oder nicht?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass mir der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, herzlich wenig bedeutet. Zwar darf man dies in einer Zeit, in der man sich wieder auf Heimatgefühle besinnt, kaum laut sagen, aber ich kann meine Gefühle auch nicht ändern. Zwar bin ich von Herzen dankbar, dass ich in einem Land zur Welt kam, in dem es den Menschen mehr als gut geht, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, wie sich Krieg anfühlt, dass man uns alle paar Monate zur Abstimmungs-Urne ruft, auch wenn ich meistens nicht zu den Abstimmungsgewinnern gehöre. Ich finde es grossartig, dass ich mich nicht verschleiern muss, dass ich als Frau zumindest auf dem Papier gleiche Rechte habe wie ein Mann, auch wenn es mit der Umsetzung zuweilen noch hapert. Ich lebe gerne hier, schätze die Sprachenvielfalt, die verschiedenen Regionen, die unterschiedlichen Mentalitäten. Man sieht also, auch wenn ich nicht gerne in Hurra-Patriotismus mache und auch wenn ich an meiner Heimat durchaus den einen oder anderen Makel ausmachen kann, auf meine Art und Weise liebe ich das Land, in dem ich geboren wurde dennoch. Bloss das mit dem Nationalstolz kriege ich nicht hin, denn was habe ich schon dazu beigetragen, dass ich hier und nicht in Darfur oder in Afghanistan zur Welt gekommen bin? Und weil mir das mit dem Nationalstolz nicht so recht gelingen will, würde ich eigentlich auch nicht zu jenen Menschen gehören, die am 1. August mit Raketen und Knallfröschen um sich schiessen.

Wenn ich denn keine Kinder hätte.

Aber ich habe Kinder, Gott sei Dank, und weil ich weiss, dass Kinder die leuchtenden Sterne am Nachthimmel lieben, gibt’s eben auch bei uns ein Mini-Feuerwerk. Das darf zwar nicht mehr als fünfzig Franken kosten – unser sauer verdientes Geld ist doch nicht zum Verbrennen da – und mein grünes Gewissen muss ich jeweils auch für ein paar Tage in die Ferien schicken, aber das alles kann  ich noch ganz knapp verantworten, ohne das Gefühl zu haben, ich würde Wasser predigen und Wein trinken. Und so zählten unsere Kinder seit Mitte Juli die Tage bis zum ersten August und seit heute Morgen die Stunden bis zum Eindunkeln. Doch dann, eine halbe Stunde vor dem Eindunkeln, zog ein Gewitter auf. Was „Meinen“ natürlich sofort hoffen liess, wir könnten das Zündeln bleiben lassen. Was aber auch die Kinder bangen liess, das Feuerwerk würde ins Wasser fallen, was ganz fürchterlich wäre, denn „morgen ist ja nicht mehr August“, wie Luise zu sagen pflegt, auch wenn wir ihr schon unzählige Male erklärt haben, dass der August mit dem Ersten erst anfängt.

Was also sollten wir tun? Die Kinder heulend ins Bett schicken? Abwarten und damit riskieren, dass wir die Kinder einfach eine Stunde später dennoch heulend ins Bett schicken? Schliesslich hatte Luise die zündende Idee: Wir könnten ja beten, dass der Liebe Gott den Regen abstellt. Was natürlich sogleich eine theologische Diskussion auslöste: „Meinst du wirklich, dass der Liebe Gott das macht, wo doch Feuerwerk die Umwelt zerstört?“, meinte Karlsson nachdenklich, worauf Luise auch vorübergehend an der theologischen Richtigkeit ihres Vorhabens zweifelte. Schliesslich einigten sich die zwei, man könnte es ja versuchen, man werde dann ja anhand des Resultats sehen, ob der Liebe Gott eher Spielverderber und Umweltschützer oder Kinderfreund und Patriot sei. Das haben die Kinder natürlich nicht so gesagt, aber ziemlich genau so gemeint.

Und siehe da: Der Regen hörte fast sofort auf und fing exakt fünf Minuten, nachdem unser letztes Kind in tiefen Schlaf gefallen war, wieder an. Was wohl die Frage nach dem Kinderfreund eindeutig mit Ja, die nach dem Spielverderber eindeutig mit Nein beantworten würde. Es sei denn, dem Lieben Gott wäre die ganze Angelegenheit mit unserem Nationalfeiertag ohnehin nicht so wichtig, weil er nämlich weitaus dringendere Fälle zu behandeln hat, woraus man den Schluss ziehen könnte, dass das mit dem Regen reiner Zufall war. Was uns zu einer Frage führt, die seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert wird und ich masse mir nicht an, zu behaupten, Vendittis hätten heute, am 1. August 2010, eines der grössten theologischen Rätsel gelöst.

Wie dem auch sei, dankbar waren unsere Kinder heute Abend allemal. Und sei es nur, weil das Feuerwerk so wunderschön war.

Glucken-Test negativ!

Karlsson ist wieder da und ich bin erleichtert. Erleichtert, dass der Glucken-Test negativ ausgefallen ist. Nachdem ich nämlich letzten Sonntag beim Abschied ganz eindeutige Glucken-Symptome gezeigt hatte, beschloss ich, mich während Karlssons Abwesenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bin ich tatsächlich eine Glucke, oder neige ich nur in Extremsituationen wie Abschied nehmen zu Gluckentum? Liege ich nachts stundenlang wach, weil ich mich um mein Kind sorge? Muss ich mich mit aller Macht davon abhalten, zum Telefon zu greifen? Gehe ich in der Gegend des Ferienhauses einkaufen, nur  damit ich, weil ich gerade „zufällig in der Gegend bin“ meinem Sohn einen ganz kurzen Kontrollbesuch abstatten kann? Nein, nichts dergleichen. Alles völlig normal, wie an anderen Tagen auch.

Klar, hin und wieder habe ich schon an meinen Ältesten gedacht, habe mich gefragt, ob es ihm wohl gut gehe. Aber als ich gestern Abend erfuhr, dass mein armer kleiner Karlsson im Lager krank geworden war, rief ich nicht wutentbrannt den Leiter an und entriss meinen Sohn augenblicklich den Klauen der Lagerleitung. Nein, ich war mir sicher, dass es nichts allzu Schlimmes sein konnte, denn sonst hätte man uns bestimmt angerufen. Mit dieser doch ziemlich abgeklärten Reaktion bin ich in den Augen gewisser Mütter wohl schon eher den Rabenmüttern zuzuordnen und ganz bestimmt nicht den Glucken. Aber ich kann alle beruhigen, die sich darum sorgen, ob meine Kinder auch genügend Liebe bekommen: Gegen Ende der Woche begann ich mich riesig auf das Wiedersehen mit Karlsson zu freuen und als er heute auf der Bühne stand, da konnte ich den Moment, in dem ich meinen Sohn in die Arme schliessen konnte, kaum mehr erwarten. Also keine Rabenmutter.

Aber auch ganz eindeutig keine Glucke. Denn wäre ich eine, dann wäre ich nach Karlssons ersten Sätzen bei der Begrüssung in Tränen ausgebrochen: „Ich will nicht nach Hause kommen“, meinte mein Ältester, kaum konnte er wieder reden, nachdem ich ihn an mich gedrückt hatte. „Und ich will mich sofort wieder für das Lager im nächsten Sommer anmelden.“ Eine Glucke wäre jetzt wohl am Boden zerstört, weil ihr Kind auch ohne sie zurecht kommt. Ich aber freue mich, dass mein Sohn die Zeit ohne uns genossen hat, dass er zwar einmal eine kurze Heimwehattacke hatte, sonst aber so glücklich war, dass er kaum mehr aufhören kann mit Erzählen.

Nachdem nun also der Glucken-Test ganz eindeutig negativ ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass ich einfach eine ganz normale Mutter bin.

Das sehen wir doch gleich, oder?

Wer heutzutage in den Zoo geht, geht nicht in erster Linie, um Tiere zu beobachten. Die sind nämlich inzwischen derart artgerecht gehalten, dass man sie nur noch mit ganz viel Glück zu Gesicht bekommt. Wenn sie denn überhaupt im Zoo logieren und nicht vorübergehend ausquartiert sind, weil sie gerade ein noch artgerechteres Gehege gebaut bekommen. Da ich ein tierliebender Mensch bin, begrüsse ich diese Entwicklung und ich kann endlich ungehindert das tun, was ich im Zoo schon immer am liebsten getan habe: Die Menschen beobachten. Was in Zeiten eines kleineren Babybooms bedeutet, hochschwangeren Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühselig durch den Zoo schleppen, an der einen Hand einen Dreikäsehoch, an der anderen Hand ein Kindergartenkind, das in Richtung Giraffengehege drängt, während Mama mit letzter Kraft versucht, einen Sitzplatz auf der letzten freien Parkbank am Schatten zu ergattern.

Sehe ich solche Szenen, wird mir ganz warm ums Herz. Vor sechs Jahren, als „Meiner“ und ich eben geraden den Schritt von der Kleinfamilie zur Grossfamilie wagten – in der Schweiz ging man damals mit drei Kindern bereits als Grossfamilie durch -, tuschelte man hinter unserem Rücken: „Schau mal, das Zweite kann noch kaum laufen und schon ist das Dritte unterwegs!“. Heute entspricht das Bild, das damals noch exotisch war, der Norm. Und so schaue ich mit leiser Wehmut dabei zu, wie Mama den Kampf gegen das Kindergartenkind verliert und sich zum Giraffengehege schleppt, wo sie es trotz ihrer Erschöpfung fertigbringt, die Begeisterungsstürme ihrer Kinder zu teilen. Und wie ich so meine eigene Kinderschar mustere, – Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so gross, dass der Zoobesuch sie schon fast langweilt, der Zoowärter und das Prinzchen auch schon so selbständig und Karlsson gar nicht erst dabei, weil er schon eigene Wege zu gehen beginnt – da kommt sie in mir hoch, die leise Sehnsucht nach einem weiteren Kind. „Ach, wäre das schön! Nur noch einmal so ein klitzekleines Baby zu haben….“, seufzt die Urmutter in mir und schon will ich mich mit schmachtendem Blick „Meinem“ zuwenden und ihn daran erinnern, wie schön es doch war, als wir noch schwanger sein konnten. Vielleicht können wir ja zusammen ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.

Doch bevor ich etwas sagen kann, wendet sich „Meiner“ mir zu und meint: „Weisst du, was ich so unglaublich toll finde? Dass ich weiss, dass du nie mehr schwanger sein wirst. Dass du dich nie mehr so durch den Zoo schleppen musst, an der einen Hand ein Dreikäsehoch, an der anderen ein Kindergartenkind, das dich mit sich zerrt.“

Okay, dann sehen wir die Vergangenheit eben nicht ganz gleich  verklärt, „Meiner“ und ich.

Zum Glück können „Meiner“ und ich uns wenig später den Mund zerreissen über eine Hochschwangere, die sich am Eingang zum Aquarium eine Zigarette anzündet. Man sieht, in gewissen Dingen bleiben wir uns einig, selbst wenn es um Schwangerschaft geht….

Jetzt reicht’s!

Und zwar endgültig. Jetzt müssen sie weg, die Kilos, die ich seit der Prinzchen-Geburt noch nicht losgeworden bin. Und die grauen Haare ebenfalls. Und die schwarzen Augenringe erst recht. Und das alles so schnell wie nur immer möglich.

„Weshalb diese Eile plötzlich?“, mag man sich fragen. „Bis jetzt hat dich das alles ja auch nicht gestört.“ Die Antwort liegt irgendwo auf der Zugstrecke zwischen Basel und Aarau, ich vermute es war irgendwo bei Sissach. Da kam sie, diese nette Kondukteuse und wollte unsere Billette sehen. Artig zeigte ich, was sie sehen wollte: Das Billett für „Meinen“ und mich, mein Halbtax-Abo, die Junior-Karten für Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Die Kondukteuse musterte unsere Familie, schaute etwas verwirrt auf die Ansammlung von Fahrkarten und wollte dann wissen: „Und dieser junge Herr dort? Wo haben Sie sein Billett?“ Zuerst wollte ich nicht so recht verstehen, wen sie mit „dieser junge Herr dort“ meinte. Ob sie wohl wissen wollte, wo der Besitzer der dritten Junior-Karte sei? Wohl kaum, oder? Oder meinte sie gar, der Zoowärter oder das Prinzchen müssten auch schon eine Fahrkarte lösen? Endlich dämmerte mir, wen sie mit der schmeichelhaften Umschreibung meinte: „Meinen“!

Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Da zeugen „Meiner“ und ich fünf Kinder zusammen, schlagen uns gemeinsam zehn Jahre lang die Nächte mit Füttern, Trösten und Wickeln um die Ohren, kämpfen uns gemeinsam durchs Haushaltschaos, zerbrechen uns gemeinsam den Kopf, wie wir wohl im nächsten Monat finanziell durchkommen und toben gemeinsam mit unseren Knöpfen durchs Leben. Aber während „Meiner“ nach zehn Jahren wie ein „junger Herr“ aussieht, sehe ich aus wie seine Mutter. Am liebsten hätte ich gebrüllt: „Der ‚junge Herr da‘ ist mein ‚Meiner‘ und er ist ganz genau gleich abgekämpft wie ich, auch wenn ihm das kein Mensch ansieht! Er tut bloss so, als sei er jung, relaxed und cool, aber Sie müssten ihn mal sehen, wenn er abends um halb zehn auf dem Sofa einpennt vor lauter Erschöpfung. Dann sieht er nicht mehr ganz so frisch aus.“ Aber was hätte das denn noch gebracht? Die Kondukteuse war schon längst verschwunden und vermutlich schüttelte sie im Herausgehen den Kopf über die modernen Mütter, die sich zuerst einen Haufen Kinder zulegen, um danach mit einem jungen Lover im Schlepptau durchs Land zu ziehen. Oder dachte sie vielleicht, „Meiner“ sei mein Ältester, den ich irgendwann, kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse bekommen hätte?

Es ist doch einfach zum Heulen. Demnächst wird man hinter unserem Rücken tuscheln: „Er sieht ja noch richtig gut aus, aber sie…. Wie hat die es bloss geschafft, sich einen solchen Mann zu angeln?“ Da gibt’s nur eins: So schnell als möglich wieder so jung aussehen, wie ich in Wirklichkeit bin.

Oder aber ich sorge dafür, dass „Meiner“ genauso alt aussieht wie ich. Was gar nicht so einfach sein dürfte, denn schwanger werden kann er ja nicht und meine Verschleisspuren sind wohl vor allem auf die Schwangerschaften zurückzuführen. Na dann, ich denke mal, in Zukunft wird er die Nachtschicht ganz alleine übernehmen müssen….