Naturromantiker

Tag 1, „Meiner“ und ich sitzen am Frühstückstisch und schauen aus dem Fenster:

Er: „Sieh mal, die Vögel bei unserem Auto. Sind die nicht schön?“

Ich: „Bachstelzen! Ich liebe Bachstelzen!“

Tag 2, „Meiner“ und ich schauen gedankenverloren aus dem Fenster:

Ich: „Zu Hause sieht man ja kaum mehr Bachstelzen, aber hier hat es so viele.“

Er: „Ja, und schau mal, sie sitzen schon wieder auf unserem Auto.“

Tag 3, „Meiner“ und ich sitzen wieder am Küchentisch und schauen aus dem Fenster:

Er: „Da sind sie ja wieder, die Bachstelzen.“

Ich: „Kinder, habt ihr die Bachstelzen gesehen? Sind sie nicht wunderschön? Und seht mal, die lassen sich immer auf unserem Auto nieder.“

Tag 4, am Morgen, „Meiner“ und ich schon wieder am Frühstückstisch:

Ich: „Ach, die Bachstelzen! Die werden mir fehlen…“

Er: „Ja, die sehen so lieb aus… Und sie sitzen immer wieder auf dem gleichen Seitenspiegel. Denen gefällt es bei uns.“

Tag 4, am Nachmittag auf dem IKEA-Parkplatz, wo ich gerade die Beifahrertüre unseres Autos öffnen will:

Ich: „Warum ist unser Seitenspiegel plötzlich voller Vogelkacke?“

Er: „Ach so, die Bachstelzen…“

Tag 5, „Meiner“ und ich sitzen am Frühstückstisch und schauen aus dem Fenster:

Ich: „Da muss schon wieder eine Bachstelze aufs Klo.“

Er: „Ich denke, ich muss das heute mal sauber machen.“

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Kann mir mal einer sagen,…

…weshalb Teenager ihre Handy-Wecker, die sie schon im Alltag mitten in der Nacht klingeln lassen, um sich noch einmal genüsslich im Bett umdrehen zu können, im Ferienhaus, wo die Wände so dünn sind, als existierten sie nicht, fröhlich weiter klingeln lassen müssen?

…wie man einem Kind beibringt, dass ein Pokéball nicht als Souvenir aus Schweden durchgehen kann, auch wenn es ein Exemplar ist, das in der Schweiz nicht, oder zumindest nicht zu diesem umwerfend tiefen Hammerpreis erhältlich ist?

…warum ein anderes Kind lieber mit dem „Tolino“ vor der Nase durch die Strassen stolpert, anstatt sich Göteborg anzuschauen?

…weshalb ich inzwischen in der Lage bin, das Wort „sjuksköterska“ korrekt auszusprechen, aber immer noch bei jeder Gelegenheit vergesse, artig „Nej, tack“ und „Ja, tack“ zu sagen, anstatt die Leute mit meinem knappen „Nej“ und „Ja“ vor den Kopf zu stossen?

…wie es kommt, dass sich unsere Knöpfe immer dann, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen möchten, einander nicht ausstehen können und mitten im schönsten Museum Streit anfangen, nur um ein paar Stunden später, wenn wir die Nachtruhe herbeisehnen, in ungetrübter Eintracht ein kunstvolles Ballett auf unseren Nerven zu tanzen?

…warum dieses elende Radar-Messgerät, mit dem man sich im Museum messen lassen konnte, sich erfrecht hat, von meiner durch das Messband ermittelten „Grösse“ ganze 1,3 cm abzuziehen? (Dies erst noch vor den Augen meiner vier Söhne, die nun natürlich darüber rätseln, ob ich sie in all den Jahren bezüglich meiner „Grösse“ belogen habe, oder ob der Schrumpfprozess bei mir bereits eingesetzt hat. Und wem vertrauen die Herren Söhne? Ihrer Mama, die ihnen das Leben geschenkt hat? Nicht doch! Die glauben tatsächlich diesem Radar-Dings, denn das lag ja bei ihnen angeblich goldrichtig.)

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Nordisch

Es sind die kleinen Dinge, die dir vor Augen führen, dass du in Skandinavien angekommen bist:

  • Wenn die Knöpfe den EM-Final schauen, dann tönt das erst mal genau gleich wie am heimischen Fernseher. Laute Fangesänge, ein Kommentator, der aufgeregt das Geschehen auf dem Rasen kommentiert und in der Spielpause das übliche Gelaber über die Qualität des Spiels. Der grosse Unterschied: Zwei der vier Experten im Studio sind Frauen und soweit ich das beurteilen kann, befindet sich Schweden deswegen heute nicht im Ausnahmezustand. Ich will mir gar nicht ausmalen, was für ein Shitstorm aufkäme, wenn sich am Schweizer Fernsehen eine Frau anmassen würde, Fussball zu kommentieren…
  • Die Spielplätze sind mit so viel Fantasie angelegt, dass mitspielende Eltern nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Zuweilen werden gar coole Teenager für einen Moment lang wieder ganz klein und verspielt, aber darüber hüllen wir lieber gleich wieder den Mantel des Schweigens, denn sonst kommt es doch noch zu einem Aufstand und zwar hier in diesem lauschigen Ferienhäuschen am See.
  • Bei Autofahrten über Land sollte der Fuss in andauernder Bremsbereitschaft sein, denn man kann nie wissen, ob hinter der nächsten Kurve nicht gerade eine Entenfamilie über die Strasse watschelt. Vielleicht ist es auch ein Hase, der hoppelt, oder ein Reh, das rennt. (Aber ganz bestimmt nie ein Elch. Die scheinen nur auf den Verkehrsschildern zu existieren.)
  • Wenn die Menschen bei knapp zwanzig Grad sommerlich gekleidet durch die Strassen schlendern und sich auch durch den überraschenden Wolkenbruch nicht davon abhalten lassen, so zu tun, als befänden sie irgendwo im Süden an der Riviera. (Wie wohltuend das ist, nach dem ganzen Gejammer, das bei uns zu Hause wegen des verregneten Junis zu hören war…)
  • Wenn du eine halbe Stunde vor dem Regal mit Knäckebrot stehst, um herauszufinden, welche der 750 Sorten wohl die Beste ist. Und du dafür nach drei Sekunden die Brotabteilung fluchtartig verlässt, weil ein Brot mit Kruste hier ganz einfach nicht zu haben ist. (Vermutlich besteht zwischen dem ersten und dem zweiten Phänomen ein Zusammenhang, denn vielleicht möchte ein Mensch, der andauernd auf hartes Knäckebrot beisst, hin und wieder auch etwas Weiches zwischen die Zähne bekommen.)

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Allmählich werden sie frech…

„Mama, Papa, wann kommt ihr endlich wieder nach Hause?“, tönte es früher, als unsere Kinder noch klein waren, durchs Telefon, wenn „Meiner“ und ich uns alle paar Monate mal dazu aufraffen konnten, zusammen auszugehen. Manchmal kam der Anruf erst kurz vor unserer Rückkehr, manchmal auch schon bevor wir überhaupt an unserem Ziel angekommen waren. Meist war es Luise, die zum Telefon griff, manchmal auch Karlsson oder der FeuerwehrRitterRömerPirat.

Als die Kinder grösser waren, wurden diese Anrufe immer seltener. Die Momente ohne Mama und Papa wurden kostbar, der Augenblick, in dem wir wieder zur Tür hereinkamen, wurde nicht mehr herbeigesehnt. 

Gestern, als „Meiner“ und ich uns nach längerer Pause wiedermal einen gemeinsamen Saunatag gönnten, waren wir deshalb ziemlich erstaunt über Karlssons Anruf. „Na ja, vielleicht fürchtet er, wir würden zu spät zu seiner Schulschlussfeier kommen“, meinte „Meiner“. „Oder sie wollen wissen, ob die Zeit noch reicht, um das Chaos, das sie angerichtet haben, zu beseitigen“, sagte ich.

Eigentlich wollten sie aber nur wissen, wann sie sich in ihre Verkleidungen stürzen müssen. Als wir zur Tür hereinkamen, sassen sie nämlich da, Karlsson und Luise, verkleidet als „Meiner“ und ich. „Lasst mich gefälligst in Ruhe meine Netflix-Folge schauen!“, stänkerte der falsche Papa hinter seinem iPad. „Ich muss diese Woche noch mindestens 13 Stunden arbeiten und komme einfach nirgendwo hin“, klagte die falsche Mama, die ihren Laptop auf dem Schoss hielt.

Allmählich werden sie frech, die „Kleinen“.

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Schönwetterprogramm

Vielleicht haben sie ja einfach den falschen Meteorologen konsultiert.

Oder sie haben sich gesagt: „Ein bisschen Regen hat noch keinem geschadet. Lassen wir die Kinder doch laufen.“

Möglicherweise sind sie auch dem in unserer Gemeinde weit verbreiteten Glauben aufgesessen, an dem Tag, an dem hier das Jugendfest stattfindet, könne es gar nicht regnen, egal, was die Wetterprognosen sagen.

Oder sie dachten, Kinder und Lehrer wären zu enttäuscht, wenn sie nicht präsentieren dürfen, woran sie in den vergangenen Wochen gearbeitet haben.

Es könnte natürlich auch sein, dass sie fanden, man könne doch nicht einfach für nichts und wieder nichts Geld aus dem Fenster schmeissen, darum müsse der Festumzug jetzt halt trotz Wolkenbruch stattfinden.

Vielleicht steckten auch ganz andere Beweggründe dahinter, als sie heute Morgen bei strömendem Regen die Böllerschüsse, welche die Durchführung des Schönwetterprogramms ankündigten, knallen liessen. 

Was auch immer die Beweggründe gewesen sein mögen, das Resultat war auf alle Fälle deprimierend: Bis auf die Knochen durchnässte Kinder, vom Regen aufgeweichte Bastelarbeiten, Schulklassen, die so schnell als möglich ans Trockene drängten, lauter lange Gesichter.

Da war es auch kein Trost mehr, dass „Meiner“ und ich es tatsächlich fertig gebracht hatten, jedes Kind im richtigen T-Shirt zur richtigen Zeit am richtigen Ort abzuliefern. 

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Jugendfestvorabend

Falls das Wetter morgen mitspielt, sollte also das Prinzchen im weissen T-Shirt um zwanzig nach neun im unteren Schulhaus sein, der Zoowärter im roten T-Shirt um neun im oberen Schulhaus, der FeuerwehrRitterRömerPirat im blauen T-Shirt um zehn nach neun ebenfalls im oberen Schulhaus, Karlsson und Luise mit den Kleidern, die sie in der Schule bereit gemacht haben, bei der Turnhalle und zwar keine Minute später als elf nach neun.

Oder waren es Karlsson und Luise, die im weissen T-Shirt um fünf nach neun im unteren Schulhaus sein müssen, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in den Kleidern, die er in der Schule bereit gemacht hat, um halb zehn bei der Turnhalle, der Zoowärter und das Prinzchen, die im schwarzen T-Shirt um zehn vor neun beim oberen Schulhaus erscheinen müssen?

Vielleicht aber liege ich auch gänzlich falsch und es ist so, dass sie alle zusammen um zwanzig nach neun beim oberen Schulhaus sein müssen, das Prinzchen in Blau, der Zoowärter in Grün, der FeuerwehrRitterRömerPirat in Violett, Luise in Gelb und Karlsson in Schwarz. Und natürlich dürfen sie ihre Papageien, die sie gebastelt haben, nicht vergessen. Oder waren es die Lollipops? Oder die Feuerwehrautos? Ach nein, die können es nicht sein, die sind nämlich in der Schule. 

Irgendwie so muss es sein, aber ich denke, es ist wohl besser, wenn ich jetzt aufhöre zu schreiben, um noch einmal ganz genau all die Zettel, die wir bekommen haben, zu studieren. Nicht dass ich morgen das Prinzchen in meiner geblümten Bluse zum Bahnhof schicke, den Zoowäter in den Matrjoschka-Shorts, die „Meiner“ neulich geschenkt bekommen hat, zur Tankstelle, den FeuerwehrRitterRömerPirat im Bademantel zum Feuerwehrmagazin, Luise in eine Tagesdecke eingehüllt zum Kirchgemeindehaus und Karlsson in Badehosen zum Waldhaus.

So ein Jugendfest ist doch immer wieder eine intellektuelle Herausforderung.

 

Ach, da fällt mir ein: Das Prinzchen muss ein schwarzes T-Shirt tragen, das weiss ich mit Sicherheit, ohne vorher die Elternbriefe zu studieren. Eine herzensgute Person ist nämlich vor ein paar Wochen eigens in fünf verschiedene Geschäfte gerannt, um für ihn eines ohne Aufdruck aufzuspüren. 

Nachtkerze

 

 

 

Grosse Tage

Ausgerechnet jetzt, wo es nur noch ein paar Tage bis zu Karlssons Schulabschluss sind, fällt mir dieses Bild von mir an meinem letzten Schultag in die Hände. Eine Aufräumaktion, wie sie in unserem Haus leider des Öfteren stattfinden muss, hat es zu Tage befördert und jetzt muss sich Karlsson natürlich wieder anhören, wie anders und wie viel besser solche Tage zu „unseren Zeiten“ noch waren.

„Wo bleibt bloss das Herzblut?“, fragte ich entrüstet, als er mir erzählte, sie hätten letzte Woche beschlossen, heute elegant, morgen als Nerds und übermorgen als Hippies zur Schule zu gehen, um sich gebührend von der Schule zu verabschieden. „So einen Entscheid fällt man doch nicht erst ein paar Tage vor dem letzten Schultag, so etwas will wochenlang leidenschaftlich ausdiskutiert werden“, erklärte ich meinem Ältesten und begann zu erzählen, wie das bei uns war. Wochenlang wurde darüber debattiert, wie wir uns mit Getöse verabschieden sollten. Streiche wurden ausgeheckt, Verse geschmiedet, Kassetten mit passender Musik aufgenommen. Ganze Nachmittage verbrachte ich, die handwerklich Ungeschickte, damit, meine Hose mit Glitzerfaden und Pailletten zu verzieren, damit ich mir einreden konnte, ich sähe aus wie ein waschechter Hippie. Eine Schulkameradin kam gar auf dem Pferd auf den Pausenhof geritten, weil so ihre Verkleidung am besten zur Geltung kam. 

„Auf den letzten Schultag bereitet man sich mit heiligem Ernst vor und nicht so halbherzig wie ihr. So ein Tag ist doch etwas ganz Besonderes, an den willst du für den Rest deines Lebens denken können“, dozierte ich, während ich in meinem Schrank nach Kleidungsstücken wühlte, die aus unserem gewöhnlich so seriösen Sohn ein Blumenkind machen sollen. Hätte ich nicht sehr bald eine passable Verkleidung für Karlsson gefunden, hätte ich tiefer im Schrank graben müssen und dann wäre mir bestimmt die Hose von damals in die Hände gefallen, denn die liegt dort irgendwo noch. 

Zum Glück blieb das gute Stück verborgen. Karlsson hätte sonst gesehen, wie stümperhaft meine Stickereien aussehen und dann würde er am Ende noch auf die Idee kommen, der grosse Tag sei in Wirklichkeit nicht halb so glanzvoll gewesen, wie ich ihn heute in Erinnerung habe. 

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Sommerabend

Am einen Nebentisch prahlt ein zwielichtiger Kerl in breitem Basler Dialekt mit seinen unsauberen Geschäften, am anderen Nebentisch behauptet ein eingebildeter Schnösel, Krankenpflege sei etwa ähnlich anspruchslos wie bei Lidl die Kasse zu bedienen, etwas weiter vorne grölen Fussballfans. Der überteuerte Apéroteller kommt mit Bergen von leicht verfärbtem Fleisch, ein paar gummiartigen Käsewürfeln und blassen Baguettes, die den Vakuumbeutel eben erst verlassen haben, daher. Beim Spaziergang durch die Stadt musst du aufpassen, dass du den Italien-Fans, die in den Strassencafés gebannt vor dem Bildschirm sitzen, nichts durchs Bild läufst und beim Bezahlen im Parkhaus findest du dich plötzlich von einem Trupp schnatternder Mittfünfzigerinnen umringt, die eben aus dem Kino gekommen sind und sich über den Film austauschen müssen. (In Unkenntnis des aktuellen Kinoprogramms habe ich auf Nicholas Sparks getippt, aber nachdem ich nachgeschaut habe, bin ich ziemlich sicher, dass es Jojo Moyes gewesen sein muss.)

Wäre da nicht dieser traumhaft schöne Sommerhimmel und dieser hinreissende Mann, den ich im Schuljahrsendspurt kaum je zu Gesicht bekomme und den ich jetzt endlich wieder einmal ganz für mich habe, dann könnte man diesen Abend als vergeudete Zeit abtun. So aber ist er etwas vom Schönsten, was ich in den vergangenen Wochen erlebt habe.

Na ja, das Ganze hätten wir auch im eigenen Garten mit weniger Lärm und für fast gar kein Geld haben können. Wir hätten bloss warten müssen, bis die Meute schläft.

War vielleicht doch besser, dass wir nicht zu Hause geblieben sind. Den letzten Nachtschwärmer habe ich kurz nach der Heimkehr so gegen zwanzig nach elf erwischt…

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Das Murmeltier ist zurück

Da sitzen sie am Tisch, unsere drei Grossen, und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, von dem sie in Kindertagen nie genug bekommen konnten. Immer und immer wieder wollten sie die CD hören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Eine Geschichte von einem kleinen Murmeltier, das gemeinsam mit seinem zerstreuten Opa einen Haufen Dummheiten anstellt. „Jetzt kommt dann gleich die Stelle mit dem Kaugummi!“, rufen sie begeistert und wenig später brüllen sie vor Lachen, wenn sie die altbekannten Worte hören. „Hier hatte ich immer ganz furchtbar Angst“, sagen sie wenig später mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung. „Früher habe ich nie ganz verstanden, was das heissen soll“, bemerkt der eine, während der andere darüber nachsinnt, warum ihm die Geschichte überhaupt so gefallen hat. „Heute klingt das alles irgendwie doof“, sagen sie zueinander. „Aber es war halt doch unsere Lieblingsgeschichte.“ 

Da sitzen wir Eltern neben ihnen am Tisch und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, das wir noch immer in- und auswendig kennen. Immer und immer wieder mussten wir es uns anhören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Und jetzt hören wir sie also wieder und dabei denken wir zurück an die Zeiten, als die Drei, die jetzt schon so gross sind, noch mit dem Teddy im Arm hinten im Auto sassen und lautstark nach der Murmeltier-CD verlangten. 

Irgend etwas an dieser Situation fühlt sich schräg an für uns. Kindheitserinnerungen – dieses Feld war bis vor Kurzem „Meinem“ und mir überlassen. Natürlich begannen auch unsere Kinder ihre Sätze immer mal wieder mit: „Als ich noch klein war…“, oder: „Früher habt ihr doch immer…“, aber dabei ging es meist darum, mit unserer Hilfe Erinnerungsstücke korrekt in das Puzzle ihrer Vergangenheit einzufügen. Heute aber, bei diesem Hörspiel aus vergangenen Kindertagen, fühlte es sich zum ersten Mal an, als wollten sie ein Bad in der Erinnerung nehmen, als versuchten sie, noch einmal dort anzuknüpfen, wo sie schon längst nicht mehr sind.

Ich kenne diese Sehnsucht von mir. Sie kam auf, als ich erkannte, dass ich nun endgültig kein Kind mehr bin und anfing, mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Tage zurückzublicken. 

Sind sie jetzt tatsächlich auch schon an diesem Punkt im Leben angelangt?

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Aufwind?

In grosser Runde sitzen wir jetzt also regelmässig beisammen. Der Lehrer, die Heilpädagogin, die Fachärztin, die Vertreterin des Kantons, die Eltern. Mit am Tisch, wenn auch nicht persönlich anwesend, die Gemeindepolitik, die sich für ein bestimmtes Schulmodell entschieden hat, die Finanzpolitik, die darauf achtet, dass nur derjenige Geld bekommt, der hieb- und stichfest beweisen kann, dass er wirklich nicht anders kann, das Schulsystem, das Mühe hat, mit Kindern klarzukommen, die zwar intelligent aber halt doch deutlich eingeschränkt sind. Dann natürlich das Kind selber, auch nicht persönlich anwesend, aber doch im Zentrum des Gesprächs. 

Man redet, verfasst Berichte, fragt sich, wie es ihm geht, was sich verbessert hat, wo neue Schwierigkeiten aufgetaucht sind, wägt ab, wie es weitergehen soll. Ein anstrengender Prozess, zuweilen auch schmerzhaft, vor allem, wenn man daran denkt, welche Chancen über die Jahre vergeben worden sind. 

Und doch auch ein Prozess, der Mut macht, denn endlich, nach all den Jahren, in denen man das Kind kritisiert und bestraft hat, steht sein Wohlergehen im Zentrum. Endlich sollen nicht mehr die Schwächen ausgemerzt, sondern die Stärken hervorgeholt werden. Endlich ist das Kind nicht mehr der störrische Gegner, sondern der mutige Kämpfer, der nicht vollends aufgegeben hat, sondern immer wieder neuen Anlauf genommen hat, um die vielen Dinge, die es eigentlich können möchte, doch noch zu lernen. Und endlich, nach so langer Zeit, redet man darüber, wie man ihm helfen könnte, damit es nicht mehr alleine kämpfen muss.  

Noch ist vieles unklar, die unterstützenden Massnahmen werden in kleinen Schritten eingeführt, doch schon jetzt ist zu spüren, wie dem Kind eine schwere Last von den Schultern fällt. Und allmählich kommt die Hoffnung auf, dass es vielleicht doch noch den Aufwind bekommt, den es sich stets gewünscht hat, um endlich abheben zu können. 

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