Fast bereit – oder auch nicht

DONE

  • Geschenke gekauft
  • 88 % (oder so) der Geschenke eingepackt
  • Tannenbaumstamm abgeschliffen, damit er in den Ständer passt und dabei zum ersten Mal überhaupt mit einer Schleifmaschine hantiert. Das war ein Bild: Ich von Kopf bis Fuss in Pink auf dem orangefarbenen Sofa mit dem Baumstamm auf dem Schoss und der Schleifmaschine in der Hand. Damit unsere Kinder später etwas zum Lachen haben, wenn sie über die guten alten Zeiten reden.
  • Stall für die Wachteln soweit fertig gebaut, dass die Tierchen ihre erste Nacht im Hause Venditti katzensicher versorgt sind. 
  • Patenkind beschenkt
  • Nachbarn beschenkt
  • Geschenke für die Patenkinder von „Meinem“ eingekauft
  • 7 Guezlisorten gebacken
  • Vorweihnachtliches Chaos angerichtet, damit wir alle noch ein wenig nervöser werden: Schaffen wir es, die Wohnung aufzuräumen, bevor es mit all dem Geschenkpapier noch schlimmer wird?
  • To Do – Liste geschrieben
  • Eine E-Saite für Karlssons Geige gekauft (und zu Hause erst gemerkt, dass die uns eine A-Saite mitgegeben haben)

TO DO

  • Endlich entscheiden, was ich zur Familienfeier mit meinen Eltern, Geschwistern & Co.  morgen Abend zum Essen mitbringen werde
  • Endlich das Weihnachtsmenü planen. „Meiner“ wäre für Paella oder asiatisch aber wir anderen finden, dass so etwas überhaupt nicht geht. Und er findet, wir seien alle stockkonservativ und langweilig, weil wir lieber Suppe im Brot, Morcheln und Bûche de Noël wollen.
  • Wirklich einmal früh aufstehen und nicht nur davon reden. Damit ich die Erste bin in der Migros, um endlich das Essen für die Festtage einzukaufen. Und dann vor lauter Weihnachten das Katzenfutter, die Feuchttücher und den Essigreiniger nicht vergessen
  • Herausfinden, ob der Geigenbauer morgen noch offen hat, damit wir doch noch eine E-Saite auftreiben können. Karlsson will morgen vor der gesamten Verwandtschaft auftreten, was ohne E-Saite relativ schwierig sein dürfte. Und ein Karlsson, der nicht vor der ganzen Verwandtschaft auftreten darf, dürfte ebenfalls etwas schwierig sein. 
  • Endlich entscheiden, ob die Katzen auch etwas zu Weihnachten bekommen. Und wenn die Katzen etwas bekommen, warum dann die Wachteln nicht? Oder reicht es, wenn die armen Tierchen zu Weihnachten einen eigenen Stall, ein Futtergeschirr und sieben Vendittis bekommen?
  • Die restlichen 12 % (oder so) der Geschenke einpacken
  • Geschenke, die im Trubel der Vorweihnachtszeit ihr Papier schon wieder verloren haben,  wieder einpacken.
  • Weitere Geschenke für Nachbarn und Freunde verteilen
  • Tannenbaum gerade richten
  • Nicht vergessen, dass wir noch weitere Kerzenhalter kaufen müssen. „Meiner“ hat ausnahmsweise mal einen grossen Baum gekauft.
  • Tannenbaum schmücken
  • Den Stall für die Wachteln fertig bauen und endlich entscheiden, ob er vorerst mal auf den Balkon kommt, oder bereits in den Garten
  • Einstreu für den Stall kaufen
  • Mit „Meinem“ ausdiskutieren, wer sich sich morgen Abend frühzeitig davonmachen darf, um bei der Christanchtfeier zur Ruhe zu kommen 
  • Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen
  • Putzen, putzen und nochmals putzen
  • Eine Strategie entwickeln, wie wir die Kinder motivieren können, damit sie mitmachen beim Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen. Das Putzen, putzen und nochmals putzen dürfte einfacher sein, denn das machen sie gern.
  • Scharf nachdenken, ob wir beim Geschenkekauf wirklich niemanden vergessen haben und Notfallszenario entwickeln, falls uns doch noch jemand in den Sinn kommt
  • Endlich in Festtagsstimmung kommen, damit ich nicht wieder erst an Ostern Zeit finde, über den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes nachzudenken
  • Endlich begreifen, dass morgen wirklich schon der Heilige Abend ist und nicht der 24. Juli 2011

Und falls mir dann noch etwas Zeit bleibt, können wir ja noch die Spitzbuben backen, bevor der Teig, der schon längst im Kühlschrank wartet, vor lauter Kummer schlecht wird.

Mehr als erträumt

Wenn unsere Kinder auf der Bühne ihr Bestes geben, dann erfüllt uns Mütter das mit Stolz, auch wenn wir das nicht gerne offen zugeben. Man möchte ja nicht zu den Müttern gezählt werden, die überall Talente und Erfolge ihrer Sprösslinge zur Schau stellen müssen. Solche Mütter sind nicht nur peinlich, sie stürzen auch andere Eltern in tiefe Zweifel. Warum kann mein Kind nicht, was das andere, das offenbar ein Genie ist, mit Leichtigkeit schafft? Haben wir etwas falsch gemacht? Müssten wir sie mehr fördern? Wenn ich also heute von einer für mich ganz besonderen Sternstunde erzähle, dann nur deshalb, weil es einer der schönsten Momente meines Mutterseins war und nicht, weil ich sagen will „Schaut mal her wie grossartig wir doch sind…“.

Es ist nämlich so, dass heute gleich fünf meiner Kinder einen grossen Auftritt hatten. Karlsson mit seiner Geige und als Opa im Theaterstück, Luise als eine der Hauptrollen im Katzenkostüm, der FeuerwehrRitterRömerPirat als Feuerwehrmann, der Zoowärter zum ersten Mal überhaupt als Teil einer fröhlich singenden Kindergruppe und schliesslich – der Grund für all diese Auftritte – „Leone & Belladonna“ als Theaterstück.

Als ich vor ein paar Jahren als überforderte Mutter von drei Vorschulkindern im Morgengrauen am Computer sass, um die Geschichte der beiden Katzen für eben diese drei Vorschulkinder zu schreiben, hätte ich mir das nie und nimmer träumen lassen. Ein ganzer Trupp begeisterter Kinder – darunter vier eigene – die auf der Bühne umsetzen, was in meinem Kopf entstanden ist, nein, damit hätte ich nie gerechnet und so verwundert es wohl nicht, dass mir am Ende fast die Tränen der Rührung kamen. Es ist nicht Stolz im Sinne von „Hach, bin ich nicht toll?“ sondern einfach Freude, dass da etwas herangewachsen ist, worauf ich sehr wenig Einfluss hatte, was aber dennoch nur werden konnte, weil ich einmal etwas angefangen habe. Das gilt für die Kinder und für die Geschichte, die ja auch irgendwie mein Kind ist.

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Wo steckt sie bloss?

Als Erwachsene sage ich mir, dass unsere Katze Henrietta den Heimweg bestimmt bald wieder finden wird, dass sie sich wohl einfach irgendwo vor Joachim in Sicherheit gebracht hat und wieder nach Hause kommt, wenn es endlich ruhiger wird. Ich beruhige mich damit, dass die meisten Katzen mal für ein paar Tage verschwinden. Und ausserdem hat sie den Heimweg auch bei den anderen Ausflügen wieder gefunden, wenn auch schneller.

Als Mutter von fünf Kindern, die miterleben muss, wie die Kinder weinen, weil Henrietta seit gestern Vormittag nicht mehr aufgetaucht ist, kann ich dennoch nicht ruhig bleiben. Was, wenn sie doch nicht mehr zurückkommt? Klar, es gibt noch viele Katzen auf der Welt, aber die sind eben nicht Henrietta. Und wenn die Kinder nervös werden, überträgt sich das auch auf uns Eltern. Denn sie fehlt ja nicht nur den Kindern, auch wir vermissen es, wie sie frühmorgens an unseren Zehen knabbert.

Ja, und dann ist da noch Henriettas Bruder Leone, der kläglich miauend nach seiner Schwester ruft. So traurig wirkt er, dass unsere Kinder, die sich seit Tagen nur noch in den Haaren liegen, nur noch staunen, wie sehr sich Bruder und Schwester lieben könnten, wenn sie denn wollten. Da behaupte noch einer, Haustiere hätten keinen pädagogischen Nutzen…

Henrietta

Prinzchens Grosseinkauf

Ein sehr überdrehtes Prinzchen und eine sehr übermüdete Mama gehen am Donnerstagabend eine knappe Stunde vor Ladenschluss einkaufen. Hauptziel dieses Einkaufs: Das Prinzchen so richtig müde zu machen, damit der Feierabend endlich kommen kann. Weitere Ziele: Den ziemlich leeren Kühlschrank wieder auffüllen, Koffeinnachschub besorgen, den einen oder anderen kleinen Frustkauf tätigen, weil das Leben gerade so anstrengend ist. Nun ja, das zumindest sind die Ziele aus mütterlicher Sicht, diejenigen des Prinzchens sehen etwas anders aus: Möglichst alles, was Mama sonst nie kauft, in den Einkaufswagen schmuggeln, dabei alles ohne Mamas Hilfe schaffen und so ganz nebenbei noch all die „Ach, ist der Kleine aber süss“-Kommentare  ernten, die es so kurz vor Feierabend noch zu holen gibt. Dreimal raten, wer seine Ziele zuerst erreicht hat…

Man muss aber auch sagen, dass das Prinzchen alles gegeben hat und seinen Sieg voll und ganz verdient hat. Das soll ihm zuerst mal einer nachmachen, wie er wagemutig vom Einkaufswagen auf den Rand des Kühlers kletterte und mich dabei konstant beschwatzte, bis ich ihm seufzend erlaubte, die Vanille- und Schokoladencrème, zu der er sich so hartnäckig hochgekämpft hatte, in den Wagen zu legen. Seine Parodie auf sämtliche einkaufenden Mamas war schon nahezu bühnenreif. Da stand der Dreikäsehoch vor dem Wurstregal und brummte: „Wurst haben wir auch keine mehr. Dann nehmen wir doch die und dann noch die…“ Ich weiss nicht, wann wir zuletzt so viel Wurst gekauft haben, aber kann man denn einem, der mit so viel Eifer bei der Sache ist, die Wurst verbieten? Und dann erst sein Versuch, aus der ganzen Spielwarenauslage das perfekte Geschenk für jeden herauszupicken: „Das hier wünsche ich mir und das auch und das auch und das auch, nein, das nicht, das wünscht sich bestimmt Luise, aber das wünsche ich mir und das und das und das wünscht sich der Zoowärter und ich natürlich auch und der FeuerwehrRitterRömerPirat auch und das wünsche ich mir und das auch noch und das ist für Karlsson und das für mich und das auch für mich und das auch noch…“ Damit zauberte er auch noch der griesgrämigsten, abgekämpftesten und ungeduldigsten Hausfrau, die an diesem trüben Donnerstagabend ihren Einkauf so schnell als möglich hinter sich bringen wollte, ein Lächeln ins Gesicht. Also auch seiner eigenen Mutter…

 

Prävention oder so

Die Frage, die mich heute umtreibt: Wie ernst kann man eine erwachsene Frau nehmen, die sich zum Mittagessen mit ihren Arbeitskollegen ein Happy Meal bestellt und zuerst das Spielzeug auspackt? Nun mag man sich natürlich fragen, wie ich als gesundheitsbewusste Mutter, die ihren Kindern auch eine Art ökologisches Bewusstsein einpflanzen möchte, überhaupt dazu komme, eine solche Beobachtung zu machen. Und da muss ich gestehen, dass „Meiner“ und ich heute dem Prinzchen zuliebe unser allwöchentliches fast-kinderloses Mittagessen bei McDonald’s eingenommen haben. Verwerflich aber dennoch  Teil unseres pädagogischen Konzepts, wenn wir denn je eines niedergeschrieben hätten. 

Es ist nämlich so, dass wir ziemlich überzeugt sind davon, dass alles, was verboten ist, umso reizvoller wird für die Kinder und dass sie eine Sache bald einmal uninteressant finden, wenn man nicht allzu viel Geschrei darum macht. Bei Luise und Karlsson hat das ganz gut funktioniert, nicht nur bei Fast Food. Auch Barbie haben wir so mehr oder weniger schadlos überstanden und ich hoffe, dass wir es dereinst beim Alkohol ähnlich werden handhaben können. Nicht verteufeln, aber klar aufzeigen, weshalb man nicht einfach bedenken- und grenzenlos dazu ja sagen kann. Natürlich dürfen solche erziehungsbedingten (Fast Food-)Eskapaden nicht allzu oft vorkommen, denn sonst besteht die Gefahr der Gewöhnung und das wollen wir natürlich auf gar keinen Fall. 

Nun gut, mir ist natürlich auch bewusst, dass dieser Grundsatz spätestens dann versagt, wenn es um Dinge wie Kokain und dergleichen geht und man kann mir auch jetzt schon vorwerfen, dass mein Verhalten nicht ganz konsequent ist. Aber nachdem ich sehr viele Jugendliche gekannt habe, die vor lauter Verboten erst recht über die Stränge geschlagen haben, sehe ich nicht allzu viele andere Wege, mit dem Problem von wollen und besser nicht sollen umzugehen. Am Ende verfolge ich doch nur das Ziel, dass die Kinder den faulen Zauber von Happy Meal & Co. durchschaut haben werden, bevor sie erwachsen sind. Denn die Frage, ob man einen erwachsenen Menschen, der sich zum Mittagessen ein Happy Meal bestellt und zuerst das Spielzeug auspackt, muss ich eindeutig mit Nein beantworten. 

Wie ausgewechselt

Eben noch hast du dich heiser gebrüllt, weil keiner auf dich hören wollte. Du hast erfolglos mit Dessertenzug gedroht, hast dir den Mund fusselig geredet, um ihnen beizubringen, dass es so nicht weitergehen kann, weil sie dir sonst noch den letzten Nerv ausreissen. Du hast geklagt, geseufzt, nach Ursachen geforscht und manchmal, wenn sie sich ganz quer stellten, warst du den Tränen nahe. Wann ist sie endlich vorbei, diese elende Vorweihnachtszeit, die aus deinen sonst so umgänglichen Kindern quengelnde, ungehorsame kleine Monster macht, die dich in den Wahnsinn treiben?

Und dann, wenn du glaubst, es könne nicht mehr schlimmer kommen, sind sie plötzlich wie ausgewechselt. Du willst wie üblich den Dritten zur Eile antreiben, damit er nicht zu spät zur Schule kommt, aber da steht er schon vor dir, geputzt und gestriegelt, bereit zu gehen und rechtzeitig anzukommen. Du kommst mittags von der Arbeit nach Hause und stellst erstaunt fest, dass der Älteste den Tisch gedeckt hat und allen schon Saft eingeschenkt hat. Keiner hat sich mit Joghurt und Bananen den Appetit verdorben, weil er nicht warten konnte, bis Mama und Papa da sind und nach dem Essen helfen alle widerspruchslos, den Tisch abzuräumen. Abends, als die Wäsche dran ist, noch einmal das gleiche Bild: Alle helfen brav mit, als hätte noch nie eine Diskussion um die Frage „Warum müssen ausgerechnet wir bei der Wäsche helfen? Wir haben sie ja nicht gewaschen“ gegeben. Ja, und dann kommt es doch noch zu einem kleinen Krach, weil deine Tochter den Tisch ganz alleine decken und dekorieren will, was der grosse Bruder nicht einfach so hinnehmen will. Das geht doch nicht, dass jemand die ganze Arbeit an sich reisst. Abends, als bereits um Viertel nach neun himmlische Ruhe herrscht, reibst du dir verwundert die Augen und du fragst dich, ob da jemand heimlich deine widerspenstigen Kinder gegen diese wunderbar netten Geschöpfe aus dem Erziehungsratgeber ausgetauscht hat.

Du fragst dich natürlich auch, ob du selbst vielleicht etwas zu diesem Wandel beigetragen hast. „Hoffentlich habe ich sie mit meinem ewigen Genörgel der letzten Tage nicht eingeschüchtert“, sagst du zu dir selbst. Nun, in einem Punkt kannst du dich beruhigen. Die Mär von „Santa Claus bringt dir keine Weihnachtsgeschenke, wenn du nicht spurst“ kennen deine Kinder nicht. Weihnachtsgeschenke dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, denn derjenige, der an Weihnachten gefeiert wird, liebt auch bedingungslos. Ein Dessert kann man schon mal verweigern, aber ein Weihnachtsgeschenk? An der Angst, dass sie an Weihnachten leer ausgehen könnten, kann es also nicht liegen, dass die Kinder wie verwandelt sind. Aber was ist es dann? Die Vorfreude? Das gute Gefühl, dass schon bald ganz viele Träume wahr werden? Oder liegt es nur daran, dass der Mond wieder abnimmt?

Du kannst dir den Kopf zerbrechen, soviel du willst, die Antwort wirst du kaum finden und schon gar nicht den Schalter, mit dem du deine Kinder von „Ich stelle mich aus Prinzip quer“ auf „Ich bin ein kooperatives Wesen, das sich aktiv dafür einsetzt, dass in der Familie alles rund läuft“ umschalten kannst. Am besten hörst du so schnell wie möglich auf mit dem Grübeln und freust dich stattdessen an dem völlig unerwarteten Frieden. Die anderen Tage werden auch wieder kommen und dann darfst du dich getrost fragen, was du jetzt schon wieder falsch gemacht hast.

Wo bitte sehr geht’s zur Entspannung?

„Ins Hamam müsst ihr mal. Dort könntet ihr euch wunderbar entspannen“, hatte man uns immer und immer wieder gesagt. So oft, dass ich „Meinem“ vor zwei Jahren einen Gutschein zu Weihnachten schenkte. Ein Gutschein, der heute verfallen wäre, also meldeten wir uns für heute an. Und fanden den Gutschein nicht mehr. Aber die Massage war gebucht, die Kinder waren versorgt, also gingen wir doch, auch wenn wir den vollen Preis bezahlen mussten. Natürlich kamen wir vor lauter Gutscheinsuchen eine halbe Stunde zu spät. Es reichte gerade noch fürs Umziehen und die ersten zwei Prozeduren, bevor man uns zur Massage abführte. Eine Massage, die durchaus entspannend gewesen wäre, wären wir von der Anfahrt nicht so gestresst gewesen.

Nach der Massage dann blieben uns noch genau zehn Minuten bis man uns zum Rhassoul erwartete und zu spät kommen geht nicht, weil sonst der ganze Zeitplan durcheinander gerät. Fünfzehn Minuten und eine Schlammschlacht später waren wir porentief sauber, aber noch immer nicht sonderlich entspannt. Wir wussten nämlich, dass wir zehn Minuten später unseren Bademantel und die im Preis inbegriffene orientalische Zwischenverpflegung abholen mussten und dies, obwohl wir drei Räume erst von aussen gesehen hatten. Also noch schnell, schnell Dampfbaden – den Fachbegriff habe ich vergessen -, dann sofort raus, bevor man einen Suchtrupp in den Dampf schicken würde.

Bei Früchtebrot, Brie und Schokoladenkuchen dann endlich so etwas wie Entspannung. Wohl vor allem deshalb, weil wir wussten, dass wir uns beim Essen so viel Zeit lassen konnten, wie wir wollten. Nun ja, wir hätten entspannen können, wenn wir nicht ganz dringend wieder nach Hause hätten fahren müssen, weil für die Kinder Schlafenszeit war.

Nichts zu sagen?

An den Anblick von Paaren, die sich gegenseitig anschweigen, ist man sich ja gewöhnt. Aber Eltern und Kinder, die einander anschweigen? Für mich vollkommen neu und unverständlich. Nein, ich meine jetzt nicht Eltern und Teenager nach einem heftigen Krach. Ich meine Schulkind, perfekt gestylt, Mama, ebenfalls perfekt gestylt, beide vollkommen zufrieden während einer Pause beim Shoppen. Da sitzen sie nebeneinander, die Mama mit Kaffee und Kuchen, der Sohn mit Cola und Sandwich und würdigen sich keines Blickes, wechseln nicht ein Wort. Nicht nur zwei oder drei Minuten lang, sondern mindestens so lange, wie Karlsson und ich ein paar Tische entfernt sitzen und uns gegenseitig vollquatschen. Also etwa fünfzehn Minuten. Ich glaube, so lange könnte ich es nicht mal aushalten, wenn ich mir mit einem meiner Kinder einen Mordskrach geliefert hätte.

Immer wieder fällt mir auf, wie oft wir schräge Blicke ernten, wenn wir mit unseren größeren Kindern quatschend und lachend unterwegs sind. Dass man mit einem Dreijährigen redet, findet man vollkommen normal. Dass man Kinder egal welchen Alters zurechtweist – und glaubt mir, auch das kommt bei uns öfters mal vor -, akzeptiert man auch, aber wer sich mit seinem Schulkind angeregt über Gott und die Welt unterhält, fällt auf. Nicht negativ, wohlverstanden. Die Blicke sind durchaus wohlwollend und oft klinken sich die Beobachter ins Gespräch ein, woraus sich ganz amüsante Begegnungen mit Fremden ergeben. Begegnungen, die unsere Kinder lehren, dass man sich mit jedem Menschen unterhalten kann, egal, wie fremd er einem ist.

Nachdenklich stimmt mich die Sache trotzdem, denn das Schönste am Muttersein ist für mich, mich mit den Kindern über alles, was uns unterwegs begegnet, zu unterhalten, ihre Fragen zu beantworten, mit ihnen Witze zu reissen und von ihnen zu lernen, wie sie die Welt sehen und verstehen.

Schildkröten und damit basta!

Neulich unterhielt ich mich mit einer anderen Mutter über Haustiere. „Das einzige Haustier, das für uns in Frage kommt, ist eine Schildkröte. Die Tiere sind einfach toll. So schön langsam und weil sie die kalte Jahreszeit verschlafen, ist die Freude über das Tier jeden Frühling wieder neu“, erklärte mir die Mutter und ich kam mir vor, ich würde mich selber reden hören. So, wie ich vor wenigen Monaten noch geredet hatte. Bevor die Ratte auf dem Balkon mich dazu getrieben hat, mich auf die Suche nach zwei Kätzchen zu machen. Bevor Leone und Henrietta, die Katzen, die schliesslich den Weg zu uns gefunden haben, unsere Herzen im Sturm eroberten.

„Schildkröten könnt ihr von mir aus haben“, sagte ich jeweils zu den Kindern, wenn sie mir wieder in den Ohren lagen mit „Ich will Kaninchen und Katzen und einen Hund und Hamster und Meerschweinchen und … einen Eisbären oder einen Braunbären und zwar sofort.“ „Wozu wollt ihr überhaupt noch mehr Haustiere haben? Wo ihr euch doch schon um die nicht kümmert, die ihr bereits habt. Wann habt ihr denn zum letzten Mal die Spinnen gefüttert und die Ameisen gestreichelt? Und um die kleinen, braunen Käfer auf dem Fensterbrett kümmert sich auch keiner“, pflegte ich zu sagen. Vor den Katzen fiel es mir noch leicht, bei meinem Nein zu bleiben, doch jetzt, wo wir uns ein Leben ohne die zwei nicht mehr vorstellen können, ist der Damm rissig geworden und ich fürchte, bald wird er vollends brechen.

Schuld daran sind nicht alleine die Katzen, auch „Meiner“ hat seinen Teil dazu beigetragen. Ausgerechnet er, der anfangs sogar bei Schildkröten gemauert hatte. Da bemühte ich mich den ganzen Herbst hindurch, Luise davon zu überzeugen, dass sie keine Häschen zu Weihnachten bekommt, weil ihr Zimmer einem Saustall gleicht. Und dann, als ich sie schon fast so weit hatte, sich doch wieder eine Puppe zu wünschen, kommt mein lieber Herr Gemahl daher und setzt unserer Tochter den Floh mit den Wachteln ins Ohr. Die Häschen sind vergessen, die neue Puppe auch, es müssen Wachteln sein und ohne die Unterstützung von „Meinem“ bin ich machtlos gegen diesen Wunsch. Die Tiere sind also reserviert, die Suche nach dem geeigneten Käfig läuft und wenn alles läuft wie geplant, werden sie ihre Körner schon bald bei uns picken. Wie soll ich da noch dem Zoowärter seinen Geburtstagswunsch nach „ganz vielen echten Meerschweinchen“ abschlagen können, wenn Luise ohne Toben und Schreien Wachteln bekommt? Nun ja, der Zoowärter ist noch so klein, dass er sich auch mit einem Playmobil-Zoo zufrieden geben wird, aber was mache ich bloss, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat uns im Sommer um einen Hund bittet?

Das ist also geworden aus meinem Grundsatz „Schildkröten könnt ihr von mir aus haben, aber sonst gibt’s keine Tiere“ und ich habe den leisen Verdacht, dass es der Mutter, mit der ich über das Thema geredet habe, nicht viel anders ergehen wird als uns.

Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.