Dialog am frühen Morgen

Mama: „Zoowärter, weisst du denn schon, was es heute zum Abschiedsessen im Kindergarten gibt?“

Zoowärter (noch ziemlich verschlafen): „Süssigkeiten…“

Mama: „Süssigkeiten? Soooo fein. Und was gibt es sonst noch?“

Zoowärter (überlegt lange): „Ketchup.“

Mama: „Und was noch?“

Zoowärter (überlegt wieder lange): „Pommes Chips.“

Mama: „Toll! Und was noch?“

Zoowärter: „Mayonnaise.“

Mama: „So ein tolles Menü für eine Abschiedsparty. Gibt es denn sonst noch etwas?“

Zoowärter (wie aus der Pistole geschossen, zumindest, wenn man bedenkt, dass er noch nicht ganz wach ist): „Wenn wir alles Ungesunde aufgegessen haben, dann essen wir Früchte.“

In den vergangenen Monaten habe ich viel gewettert über die Volksschule, aber solange es noch Kindergärtnerinnen gibt, die sich mutig über den „Wir machen immer alles auf den Punkt genau nach Vorschrift“-Wahn hinwegsetzen, ist noch nicht alles verloren. Ich bitte um einen grossen Applaus für die zwei tapferen Heldinnen.

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Umweltsünder

Ich hab’s ja gewusst, dass Karlsson eines Tages gegen uns rebellieren wird, aber dass er ausgerechnet mit der Aluminiumfolie anfangen muss, das schockiert mich doch sehr. Da setzt sich unser Ältester frühmorgens seelenruhig an den Frühstückstisch, schmiert sich ein Pausenbrot und wickelt es ohne einen Augenblick zu zögern in Aluminiumfolie ein. Die Folie, die sich irgendwann trotz meiner Wachsamkeit in unsere Küche geschlichen hat und die ich einzig dazu verwende, den Kindern eine warnende Predigt über die böse, böse Folie zu halten, die sie unter keinen Umständen verwenden sollen. „Als ich euren Papa kennen lernte“, sage ich jeweils „schmierte ihm seine Mama jeden Tag ein Pausenbrot und wickelte es in eine halbe Rolle Aluminiumfolie ein. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Einsatz es mich gekostet hat, den Armen aus den Klauen dieser schrecklichen Folie zu befreien. Kinder, haltet die Finger davon, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gefährlich sie ist…“ 

Ja, und jetzt schlägt der sonst so brave Karlsson alle meine Warnungen in den Wind, schnappt sich die Folie und wickelt sein Brot so dick darin ein, dass es seiner Nonna eine wahre Freude wäre. Und währenddem er noch wickelt, sehe ich vor meinem inneren Auge, wie die Folie am Ende der Pause im Abfalleimer landen wird. Wenn Karlsson sich schon mit Leichtigkeit über mein Alufolien-Verbot hinwegsetzt, dann wird er sich auch einen Dreck um meine Forderung, das Zeug zumindest in unserem Aluminium- und Doseneimer zwischenzulagern, bis ich Zeit finde, zur Sammelstelle zu gehen. 

Als Karlsson schon längst im Schulzimmer sitzt, sinne ich noch immer darüber nach, wie es soweit hat kommen können, dass mein nach fast allen grünen Grundsätzen erzogener Sohn mit Leichtigkeit eines der grundlegendsten Verbote übertritt. 

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Wir haben noch zu tun…

Wenn ich euch jetzt sage, dass ich ein  wenig gestresst bin weil…

…das Schuljahr zu Ende geht, alle Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben und darum in die letzten Tage noch Prüfungen, Schulreisen und Sonderprojekte gequetscht sein wollen,
…“Meiner“ nach den Sommerferien eine neue Klasse übernimmt und deshalb mehr in der Schule als zu Hause ist,
…die Kätzchen sich weigern, stubenrein zu werden,
…die Buchprojekte noch einen allerletzten Schliff nötig hatten,
…die Ferien vorbereitet sein wollen, damit wir auch wirklich einen Monat lang voll und ganz weg sein können,
…vorher unbedingt noch ein paar Schreibaufträge erledigt sein wollen,
…der Garten auf meine Abwesenheit vorbereitet werden muss,
…das Prinzchen beim Zahnarzt noch einmal seine Zähne zeigen muss,
…zwei Freundinnen angekündigt haben, dass sie mir vor den Ferien unbedingt noch das Herz ausschütten möchten,
…die Kinder einerseits übermüdet, andererseits aber auch völlig aufgedreht sind,
…am Samstag Schulhausfest ist, wo unsere Kinder entweder sein wollen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt und bitte keine Sekunde zu spät sein müssen,

…dann nickt ihr jetzt alle verständnisvoll, denn ihr wisst genau, wie es an solchen Tagen in einem mütterlichen Gehirn aussieht. Nämlich so:

„Luise sollte noch abgefragt werden, aber zuerst muss ich noch die Katzensch…, Mist, jetzt hat schon wieder eines auf den Fussboden gepinkelt… oh je, kein Kakaopulver mehr, muss ich noch einkaufen, Milch, Joghurt und Käse auch, aber auf keine Fall zu viel, sonst muss ich das Zeug vor den Ferien wieder verschenken und es ist doch keiner zu Hause…Wie soll ich bloss Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter beibringen, dass wir nicht bereit sind, das ganze Set mit Portrait- und Klassenfotos zu kaufen? 57 Franken pro Kind ist ganz schön viel und die wollen einem ja noch Mausmatten mit dem Kinderfoto andrehen. Was sollten wir auch mit vier Mausmatten anfangen? Heutzutage hat doch keiner mehr Mausmatten…Wer ruft denn um diese Zeit schon an? Wird wohl für Familie Hamchiti sein, lassen wir es läuten…Warum bringen es unsere Kinder noch immer nicht fertig, sich ihre Unterwäsche selber zu holen? Als ich in Prinzchens Alter war…ach, was soll’s, ich muss mir ja auch noch Kleider holen gehen…Himmel, dieser Wäscheberg, der muss auch noch abgetragen werden, ehe wir verreisen, hmmm, die Badezimmer müssen auch noch geputzt werden, könnte ich heute Nachmittag machen, wenn „Meiner“…nein, das geht gar nicht, „Meiner“ bleibt ja heute länger in der Schule, weil er die Eltern seiner Schüler…Aber was mache ich dann mit Luise? Die muss doch um halb zwei…aber um halb zwei hätte ich diesen Termin. Was mache ich da bloss? Natürlich mal wieder verschieben, meine Arbeit muss ja immer hinten anstehen…mal sehen, wann ginge es denn sonst noch? Am Freitag? Da hat „Meiner“ noch Elterngespräche…dann eben am Montag? Geht auch nicht, dann machen wir noch das Geschenk für die Lehrerin – stimmt, ich muss ja noch Kaffeesirup einkochen – also, Montag geht auch nicht, Dienstag auch nicht, dann habe ich diesen Termin in Zürich…dann wird es eben Mittwoch, aber ich muss Prinzchens Zahnarzttermin verschieben…Ach ja, ein Dauerrezept für meine Asthma-Medikamente muss ich noch bestellen und die Bücher für „Meinen“ und dann brauchen wir noch Katzen-, Vogel- und Wachtelfutter für vier Wochen…was machen wir eigentlich mit all den Eiern, die die Wachteln legen, wenn wir in Schweden sind?…So ein blöder Mist! Luise braucht noch ein Picknick für die Schulreise…Wann geht denn eigentlich Karlsson auf die Schulreise? In zehn Tagen sind Sommerferien und der Lehrer hat noch immer kein Datum bekannt gegeben…So, jetzt müssen die aber wirklich los, sonst kommen sie zu spät. Und Zoowärter muss noch die Schnecken mitnehmen, die er vorgestern für den Kindergarten gesammelt hat, sonst gehen die armen Viecher noch ein in der engen Box…oder sie finden einen Ausweg und plötzlich habe ich die Küche voller Weinbergschnecken…Hmmm, was koche ich eigentlich heute? Nichts, das viel Zeit braucht, ich muss ja noch diese Kolumne…ich hoffe bloss, die anderen wecken das Prinzchen nicht auf, sonst schaffe ich den Text wieder nicht bis zum Abgabeter…Bravo! Prinzchen ist wach! Warum um Himmels Willen müssen die immer so laut sein am Morgen? Das wird mir wieder ein Spass mit dieser Kolumne…Mails sollte ich auch noch beantworten, die Leute glauben bestimmt schon, ich hätte sie vergessen…stimmt, die Rechnungen noch…und die Juniorkarte für die Kinder…und Reiseproviant…Geld wechseln, wenn nach den Rechnungen noch etwas da ist…nachfragen, warum mein E-Banking nicht funktioniert…Betten frisch beziehen…Katzenstreu kaufen…und jetzt klingelt es auch noch an der Türe und ich freue mich ja eigentlich so, dass jemand mit mir Kaffee trinken möchte, aber ich muss doch unbedingt noch einkaufen bevor…“

Und das alles, bevor der Tag überhaupt richtig angefangen hat…

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Reisevorbereitungen

Nachdem das Prinzchen sich bereits vor einer Woche bei einer unsanften Landung auf dem Kiesplatz eine aufgeplatzte Oberlippe zuzog, schlug er sich heute beinahe ein paar Zähne aus, weil er seinem besten Freund zeigen wollte, wie er vom Regal, auf dem eine Spielzeugkiste steht, auf sein Bett springen kann. Oder wie er es könnte, wenn die doofe Spielzeugkiste nicht so wackelig wäre und dieses blöde Bett nicht so weit weg vom Regal stünde. Es dauerte eine ganze Weile, bis alle Blutspuren aufgewischt waren, Prinzchens Freund uns den genauen Unfallhergang geschildert hatte und die Dame von der Notaufnahme uns am Telefon versichert hatte, wir müssten nicht vorbeikommen, ein Zahnarztbesuch im Laufe der nächsten Tage würde reichen. Danach aber war es an der Zeit, einige ernste Worte an unsere Kinder zu richten. 

„Hört mal, solche Dinge liegen jetzt einfach nicht mehr drin“, sagten wir, als wir alle beim Abendessen versammelt waren. „Für die kommenden zwei Wochen herrscht absolutes Verletzungs- und Krankheitsverbot.“ Die jüngeren Kinder sahen uns mit grossen Augen an und fragten sich wohl, wie so etwas möglich sein sein soll. „Okay, wir springen höchstens noch vom Garagendach“, versprachen die Älteren. „Kommt nicht in Frage“,  sagte ich gestreng und „Meiner“ doppelte nach: „Wer springt und sich die Beine bricht, bekommt es mit mir zu tun. Wir blasen keine Ferien ab, bloss weil einer den Eindruck hat, er müsse vom Garagendach springen.“ „Aber ich habe mich doch nur vom Dach baumeln lassen und bin dann ganz sorgfältig gesprungen“, wehrte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Ich habe es nur ein einziges Mal getan. Dabei bricht man sich doch nichts“, versuchte Luise zu beschwichtigen, doch „Meiner“ und ich blieben hart. In den kommenden Wochen dulden wir weder Leichtfertigkeiten noch Knochenbrüche noch Spitalaufenthalte.

Wenn wir dann erst mal in Schweden angekommen sind, können wir wieder über solche Dinge reden, aber wir dulden es nicht, dass uns eines unserer Kinder wegen eines läppischen Adrenalinkicks dazu zwingt, die seit Langem herbeigesehnten Ferien abzublasen.

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Du bist ja soooo altmodisch…

Aber natürlich war ich darauf vorbereitet, dass Karlsson uns bald einmal furchtbar altmodisch finden würde, bloss die Art und Weise, wie sich dies äussert, überrascht mich ziemlich. Neulich unterhielten wir uns über die angemessene Garderobe beim Konzertbesuch. „Also Jeans und Hemd geht gar nicht“, sagte Karlsson bestimmt. „Na ja, es kommt ein wenig auf den Anlass an. Wenn es nicht allzu formell ist, finde ich das nicht so schlimm“, antwortete ich. „Nein, Klassik und Jeans, das passt ganz und gar nicht“, insistierte Karlsson. „Ich finde…“, wollte ich einwenden, doch Karlsson unterbrach mich: „Mir ist schon klar, dass du das anders siehst, Mama. Zu deinen Zeiten wart ihr ja alle irgendwie verfilzte Hippies, die Lehrer wie die Schüler. Kein Anstand alle zusammen und die Lehrer kamen bestimmt immer bekifft zum Unterricht.“

Ich bemühte mich, meinem Sohn zu erklären, die Achtziger und Neunziger seien nie und nimmer so wild gewesen, wie er sich dies vorstellt, doch in seinen Augen bleiben wir wohl prinzipienlose Taugenichtse, die sich an keine Regeln halten wollen. Vollkommen altmodisch eben, denn der heutige Teenager weiss spätestens mit vierzehn, was sich gehört und wie hoch hinaus ihn seine Karriereleiter führen soll. Ich frage mich, ob die heutige Jugend überhaupt noch Zwischenjahre einschaltet, oder ob man so etwas inzwischen als vergeudete Zeit ansieht.

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Schon wieder…

Noch einmal so ein Anlass, bei dem ich erkennen musste, dass ich einfach nicht mehr ins Bild passe: Kindergartenbesuch mit dem Prinzchen, die meisten Mütter mit dem ersten Kind, eine oder zwei mit dem Zweiten und ich mit dem Fünften. Wäre ich mit dem dritten Kind hier, würde ich von den anderen Müttern wohl als wandelnder Kindergartenratgeber angesehen, so aber bin ich in den Augen der anderen die abgebrühte Mehrfachmama, die sich nicht mehr richtig um ihren Nachwuchs sorgen mag.

Es ist ja auch wirklich schlimm, was ich da von mir gebe. Die Mamas empören sich über den schlimmen Schulweg, ich teile zwar ihre Meinung, dass es durchaus ein paar gefährliche Stellen gibt, merke dann aber noch an, es sei doch erstaunlich, wie gut die meisten Kinder mit diesen Gefahren umzugehen wüssten und dass ein Kind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger Begleitung benötige. Mit entrüsteten Blicken gibt man mir zu verstehen, dass ich mit meiner Aussage ziemlich daneben liege. Naiv, wie ich bin, schweige ich nicht, sondern merke an, die Strasse, von der die Rede ist, sei schon länger ein Thema, man könne ja vielleicht bei der Gemeinde noch einmal nachhaken, ob inzwischen konkrete Sicherheitsmassnahmen geplant seien. Mist, schon wieder das Falsche gesagt. Nachhaken war nämlich populär, als unsere Ältesten in Prinzchens Alter waren, heute bevorzugt man Hilfe zur Selbsthilfe, was ich übrigens vollkommen okay finde. Als ob ich mich nicht schon genug in die Nesseln gesetzt hätte, bitte ich ein paar Minuten später meine Mitmütter darum, mich nicht weiter nach einem bestimmten Thema zu fragen, weil ich mich dazu momentan nicht äussern möchte.

Innert wenigen Minuten ist es mir gelungen, einen ziemlich schlechten Eindruck zu hinterlassen und das alles nur, weil es mir nach all den Stunden, die ich schon an solchen Anlässen verbracht habe, nicht mehr gelingen will, nett lächelnd allem beizupflichten, was in der Runde gesagt wird.

Und wo ich heute schon dabei war, meinen Ruf zu schädigen, habe ich abends auch noch fröhlich mit Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter im Schwimmbad herumgeblödelt und sie von Kopf bis Fuss nass gespritzt. Ein Blick auf all die trockenen Mamas am Beckenrand überzeugte mich davon, dass eine richtige Mama auch das nicht tut. Solche Dinge überlässt man den Papas…

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Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Überstanden

Angedeutet hatte er es schon öfters, seit heute aber ist es offiziell: „Meiner“ und ich sind unfair, haben ihn immer nur an der kurzen Leine gehalten, erlauben ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts, die jüngeren Geschwister hingegen dürfen alles, sie können tun und lassen, was sie wollen. Keine zehn Schritte darf er aus dem Haus machen, es ist ein Wunder, dass wir ihn überhaupt in die Schule gehen lassen. Unsere Behauptung, wir hätten ihn immer mal wieder dazu ermutigt, grössere Schritte zu wagen, ist eine fette Lüge. Er hätte ja schon gewollt, aber wir haben immer alles zu verhindern gewusst. Okay, er weiss auch nicht so recht, was er denn überhaupt hätte machen wollen, aber hätte er eine Idee gehabt, hätten wir ganz bestimmt nein gesagt. Wie immer, wenn er etwas will. Wenn aber die anderen fragen, sagen wir immer ja. Immer… Er schäumte vor lauter Wut und auch mir fiel es alles andere als leicht, die Fassung zu bewahren, vor allem, als er… Nein, das schreibe ich hier nicht, das ist privat und ich hätte es auch nicht geschätzt, wenn meine Mutter so etwas breitgeschlagen hätte.

So schnell, wie der grosse Zorn aufgezogen war, war er auch wieder verflogen. Bald konnten wir wieder ganz vernünftig miteinander reden und inzwischen bin ich froh, dass wir endlich unsere erste halbwegs heftige pubertätsbedingte Auseinandersetzung hatten, denn je länger sie ausbleibt, umso mehr fürchtet man sich vor ihr. Mir kommt es vor, als hätten sich die Auseinandersetzungen in der Trotzphase nach einem ganz ähnlichen Muster abgespielt, wenn auch damals mit weniger direkten Angriffen auf „Meinen“ und mich. Die Trotzphase haben wir auch irgendwie überstanden, also werden wir auch das mit den Teenagerjahren irgendwie packen. Auch wenn er uns natürlich in ein paar Jahren – teilweise zu Recht – vorwerfen wird, mit den kleinen Geschwistern seien wir viel weniger streng gewesen als mit ihm.

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Luise hört mit

Luise ist eine Meisterin im Lauschen und so bringt sie uns immer wieder Dialogfetzen mit nach Hause. Heute zum Beispiel aus dem Schwimmbad:

Mama: „Kinder, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Etwas, was euer Leben verändern wird.“

Die Kinder, nach Luises Schätzung etwa sieben und zehn Jahre alt, schauen ihre Mama mit grossen Augen an.

Mama: „Gottfried und ich werden heiraten.“

Jüngeres Kind (den Tränen nahe): „Aber Mama, was ist mit dem Papa?“

Mama: „Den liebe ich nicht mehr. Aber den Gottfried schon.“

Das jüngere Kind fängt an zu weinen, das ältere Kind sagt nichts, kämpft aber ebenfalls mit den Tränen.

Luise meinte,  es hätte wohl einen geeigneteren Ort als das öffentliche Schwimmbad gegeben, um den Kindern diese niederschmetternden Neuigkeiten mitzuteilen. Unsere Tochter kennt halt noch kein Reality-TV und weiss deshalb nicht, dass einschneidende familiäre Veränderungen  heutzutage öffentlichkeitswirksam inszeniert sein wollen. 

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Die Sache mit der Geduld

Liebe Kinderlein, heute möchte ich euch etwas zum Thema Geduld weitergeben. Der Volksmund behauptet gerne, die Geduld einer Mutter kenne keine Grenzen und ein paar ganz irregeleitete Menschen haben sogar mir unterstellt, äusserst geduldig zu sein, aber leider muss ich euch mitteilen, dass mütterliche Geduld sehr wohl begrenzt ist, in meinem Fall sind die Grenzen sogar ziemlich eng gesteckt. Oft marschiert ihr trotz klarer Markierung frisch und fröhlich über diese Grenzen hinweg und wenn’s dann irgendwann zur grossen Explosion kommt, reibt ihr euch erstaunt die Augen und klagt lauthals über eure böse Mama. Wie, meine Ausführungen sind euch zu theoretisch? Dann schauen wir uns doch an einem taufrischen Praxisbeispiel an, wie man meinen Geduldsfaden so lange strapaziert, bis er schliesslich mit grossem Donnerwetter reisst. 

Meist fängt es abends gegen neun Uhr an, wenn sich mein Organismus allmählich auf Feierabend einstellt und ihr euch weiterhin standhaft weigert, dies zu respektieren. Ob ihr nun mit freudigen Nachrichten wie „Mama, ich hab in zwei Stunden ein ganzes Buch gelesen“, mit Schreckensnachrichten wie „Mist, morgen haben ich einen Test und noch überhaupt nichts geübt“ oder mit Nöten wie „Ich hab plötzlich so grossen Hunger, weil ich nichts essen mochte, als es Abendessen gab“ aus dem Bett geschlichen kommt, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Ich bin dann einfach nicht mehr ganz fit und darum entsprechend kurz angebunden, wenn auch durchaus bereit, euch zu helfen, wenn es angebracht ist. 

Schwieriger wird es, wenn es um halb elf noch immer Streit zu schlichten, Monster zu verscheuchen und vermeintliche Schrammen zu verarzten gilt. Vielleicht merkt ihr, dass ich dann nicht mehr allzu nett bin, aber vermutlich schert ihr euch einen Dreck darum, denn ihr könnt einfach nicht verstehen, weshalb ich so altmodisch auf Nachtruhe bestehe. 

Natürlich stehe ich bereitwillig auf, wenn nachts um halb eins die Angst ins Kinderzimmer geschlichen kommt, auch wenn ich innerlich frustriert seufze. Wenn ich mir dann aber neunzig Minuten lang das Geheule anhören muss, die Wohnungstür stehe noch immer offen, obschon ich sie eigenhändig geschlossen habe, nachdem sich Kater Leone endlich zum Drinnenbleiben hat durchringen können, dann zerrt das ganz schön an meinen Nerven. Ja, ich weiss, die Angst ist eine nahezu unüberwindbare Macht, aber wenn ich sage, ich hätte die Tür geschlossen, dann könntet ihr mir das getrost glauben.

Brüllt einer von euch morgens um halb fünf seine Geschwister an, weil sie ihm den Platz im Bett streitig machen, versuche ich so gut als möglich, dies zu ignorieren. Was kann ich denn dafür, dass ihr darauf besteht, euch das Bett zu teilen, wo doch jeder sein eigenes hat? Meiner Nachtruhe und damit meiner Geduld kommt es natürlich trotzdem nicht zugute, wenn der Streit schon im Halbschlaf losgeht.

Ab sieben Uhr kommen dann unzählige Kleinigkeiten hinzu, die meinen Geduldsfaden weiter strapazieren: Einer will partout nicht wach werden, was auch kein Wunder ist, wo er doch abends dem Schlaf so lange widerstanden hat, eine behauptet, nichts anzuziehen zu haben, zwei streiten sich um eine Tasse Kakao, einer überhört meine hundertste Ermahnung, sich jetzt endlich anzuziehen, eine will eine Unterschrift, die sie schon vor drei Wochen hätte einholen müssen, vier ignorieren meine dringende Bitte, das Prinzchen nicht zu wecken, einer weigert sich, die Hose anzuziehen, die sauber gefaltet im Schrank lag und will stattdessen jene, die noch feucht am Wäscheständer hängt, einer wünscht ein Gebet gegen die Prüfungsangst, zwei wollen gleichzeitig haarklein ihre endlosen Träume erzählen, aber keiner will der Erste sein, der zuhören muss, einer kippt in der Eile die Milchschale der Katzen um und will es nicht gewesen sein…

Sechzig Minuten Hochbetrieb, die locker zu schaffen wären, hätte ich abends und nachts dienstfrei gehabt. Weil ich aber mal wieder ziemlich anspruchsvollen Bereitschaftsdienst  hatte, der nur in den wenigsten Fällen auch wirklich notwendig gewesen wäre, bin ich morgens nicht taufrisch, sondern bereits am Ende mit meiner Geduld. Irgendwann in diesen sechzig Minuten fällt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ich werde laut, wütend, vielleicht auch ungerecht, weil sich das Gewitter über dem Falschen entlädt. Ich bin die böse, launische Mama und ihr seid die armen, hilflosen Kinder, die obendrein auch noch zur Schule gehen müssen und alles ist so furchtbar unfair. 

Seht ihr, Kinderlein, so kommt es, wenn ihr wieder und wieder an meinem Geduldsfaden zerrt und so sehr ich euch wünschte, ihr hättet eine endlos geduldige und gütige Mama aus dem Märchenbuch, ihr werdet dennoch dazu gezwungen sein, euch mit eurer äusserst ungeduldigen Mama, die obendrein auch noch hormonellen Schwankungen unterworfen ist, zu arrangieren. Glaubt mir, wenn ihr dieser Mama spätabends und nachts so viel Ruhe wie möglich gönnt und sie während dieser Zeit nur im Ernstfall beansprucht, reisst ihr Geduldsfaden deutlich später, als wenn ihr pausenlos an ihm herumzerrt. 

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