Monolog

„Mama, hast du gesehen, wie schrecklich die angezogen war? Diese scheussliche Hose und dazu die Tussi-Schuhe, einfach peinlich. Und die Katharina hat auch so schreckliche Schuhe, rosarot mit Glitzerherzchen und Sternen drauf. So etwas würde ich nie anziehen. Gestern in der Schule war Mario voll frech zu mir, er hat gesagt, ich könne nicht Fussball spielen, dabei kann er es nicht viel besser als ich. Und im Volleyball ist der voll schlecht. Sieh mal, Mama, die Braut dort. Hässlich, diese Frisur, nicht wahr? Also wenn ich mal heirate, will ich eine perfekte Frisur, nicht so ein Besen. Das Kleid ist zwar noch schön, aber diese Frisur… So ein doofer Hund, voll schlecht erzogen. Der Hund von Barbara übrigens auch, kläfft immer und springt an den Leuten hoch. Und stinken tut der… Der Roland sollte sich wirklich mehr waschen, hat sogar die Lehrerin gesagt, aber er tut es trotzdem nicht. Seine Mutter müsste ihm doch mal ein Deo kaufen. Iiiih, hast du diese Wurst gesehen? Schmeckt sicher scheusslich und die Leute dort vorne haben sie gerade in ihren Einkaufswagen gelegt. Bei denen möchte ich nie essen müssen. Mann, die Verkäuferin an der Kasse war voll unfreundlich. Hat nicht mal guten Tag gesagt. Du, Mama, das Mädchen dort drüben ist voll frech. Hat uns die längste Zeit angestarrt, mit dem Finger auf uns gezeigt und dann etwas zu ihrer Mama gesagt. Ich habe zwar nicht verstanden was, aber so etwas tut man doch nicht, gell Mama?“

Nein, so etwas täte man wirklich nicht, mein Kind, aber ich bin mir nicht sicher, ob du dieser Wahrheit auch wirklich ins Gesicht sehen magst.

img_7472

Meine lieben Ordnungsliebenden

Ich hätte da mal eine Frage: Was ist das Wichtigste, das ihr euren Kindern mitgeben wollt? Natürlich, ich weiss, jetzt kommen die üblichen Begriffe, Liebe, Selbstbewusstsein, Werte, Eigenständigkeit, Toleranz, eine gute Basis fürs Leben und so fort. Den meisten von euch nehme ich das durchaus ab, bei einigen aber scheint mir, dass euch an etwas anderem viel mehr gelegen ist: An Sauberkeit und Ordentlichkeit.

Ja, auch ich weiss Ordnung und Sauberkeit zu schätzen, obschon unsere Wohnung nur selten danach aussieht, auch ich bemühe mich nach Kräften darum, dem Chaos Herr zu werden, leider meist mit geringem Erfolg. Wenn aber eines meiner Kinder mir heute peinlich berührt ausrichtet: „Du, Mama, die Eleonora hat in der Pause gesagt, ich solle dir sagen, wie du besser Ordnung halten könntest. Sie findet, du solltest alle Zimmer mal ausräumen und dann fein säuberlich wieder einräumen“, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ein Kind, das andere nur nach ihrer Ordentlichkeit beurteilt, finde ich echt beängstigend und offen gestanden höre ich hier nicht das Kind reden, sondern die Mutter, die dem Kind vor dem Besuch bei uns sagt: „Dass du mir aber auch ganz bestimmt keine schlechten Gewohnheiten mit nach Hause bringst. Du weisst, wie es diese Vendittis mit der Ordnung halten. Eigentlich sind solche Leute ja kein Umgang für dich…“

Nun könnt ihr mir natürlich sagen, ich solle das alles nicht so wichtig nehmen, Kinder seien halt gnadenlos ehrlich. Und ein Stück weit muss ich euch auch Recht geben. Luise hatte ja auch mal eine Phase, während der sie äusserst Einzelkind-feindliche Aussagen machte. „Weisst du, Sven“, hörte ich sie mal beim Spielen im Garten sagen, „du kannst eigentlich nichts dafür, dass du bist, wie du bist. Du bist eben ein Einzelkind.“ Peinlich, ganz klar, und es lässt sich nicht leugnen, dass die damals Vierjährige etwas aufgeschnappt haben musste, was „Meiner“ und ich einmal unüberlegt über ein Einzelkind in unserer Bekanntschaft dahergesagt hatten. Wenn aber eine Fünftklässlerin der Mutter eines Schulkameraden ausrichten lässt, sie solle gefälligst etwas mehr Ordnung halten, dann verletzt mich das und ich frage mich, was man diesem Kind auf den Lebensweg mitgegeben hat. 

Ich weiss, ihr, die ihr so viel Wert auf eine blitzblanke Wohnung legt, könnt nicht verstehen, weshalb mich diese Episode traurig stimmt. Ich versuche, es euch zu erklären: In meinem Leben haben Menschen allererste Priorität, mir ist fast jeder zu fast jeder Zeit willkommen. Für Menschen lasse ich fast alles stehen und liegen, auch Mopp und Besen. Oft brüskiere ich sogar meine Familie, weil ich auch dann die Tür aufreisse, wenn wir eigentlich Ruhe haben möchten  und ich eben noch laut verkündet hatte, ich wolle eine Weile lang gar niemanden sehen, nicht mal meine Liebsten. Wenn nun jemand ins Haus kommt und nur die mangelhafte Ordnung, nicht aber den Teller voller frischem Gebäck sieht, dann schmerzt das. Und weil ich weiss, dass ein Kind irgendwo gelernt haben muss, auf Menschen wie mich herabzusehen, werde ich wohl auch der Mutter dieses Kindes in nächster nicht mehr ganz unbeschwert begegnen können. 

Darum, ihr lieben Ordnungsliebenden, bitte ich euch, euren Kindern beizubringen, dass auch weniger ordentliche Menschen ihre liebenswerten Seiten haben. Im Gegenzug verspreche ich, meinen Kindern zu erklären, wer gerne alles blitzblank habe, sei deswegen noch lange nicht kaltherzig, auch wenn er vielleicht mal sagt, man solle bitte die schmutzigen Schuhe ausziehen, der Boden sei gerade frisch gewischt. Würde ich übrigens auch sagen, wäre der Boden bei uns jemals blitzblank…

P9300018-small

Wer ist hier der Vorstand?

„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.

Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.

Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen. 

Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.

Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.

Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.

Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen –  der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.

Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.

P9110054-small

 

 

 

Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

img_7326

Armer, kleiner Pjotr

Heute im Zug eine perfekte Mama mit zwei perfekten Kindern – Mädchen und Junge, ganz wie es sich gehört –  in Begleitung der perfekten Oma, die noch so jung aussieht, dass man sie auch für die Tante der perfekten Kinder halten könnte. Alle sauber gekleidet, alle ruhig, alles perfekt organisiert, der Kinderwagen auch beim zweiten Kind noch wie neu. Weil es gerade Zeit dafür ist und nicht etwa, weil die Kinder Hunger hätten, gibt’s etwas zu Essen. Für das Mädchen zuerst Apfelschnitze und dann die Süssigkeiten, welche die Oma mitgebracht hat, für den Jungen, der wohl knapp ein Jahr alt ist, einen gesunden Riegel. Der Junge isst, wie es von einem Jungen in diesem Alter zu erwarten ist: Ab und zu fällt etwas zu Boden, manchmal schmiert er ein wenig. „Aber Pjotr“, weist die Mutter ihn zurecht „so musst du jetzt nicht anfangen. Iss gefälligst anständig.“

Wie oft habe ich mich in der Öffentlichkeit doch dafür geschämt, wenn unsere Kinder sich so gar nicht bilderbuchmässig aufführten. Wenn wir mal wieder nichts dabei hatten, um schokoladenverschmierte Finger sauber zu machen. Wenn die Kleider schon nach einer halben Stunde Zugfahrt nicht mehr sauber waren. Eines aber hat mir nie etwas ausgemacht: Wenn ein Einjähriger sich aufführte wie ein Einjähriger. Und darum tat mir heute der arme Pjotr, der in äusserlich so viel perfekteren Umständen gross wird als unsere Kinder, ganz fürchterlich leid.

img_7369

 

Fossilien

Ganz klar, wir sind Fossilien. Ja, ich weiss, Leute die älter sind als ich, versuchen stets, mir die Sache auszureden, aber es hilft nichts. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie steinalt meine Eltern waren, als ich anfing, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und jetzt sind wir für unsere Kinder genau in diesem Alter, die Hinweise verdichten sich immer mehr.

Da standen wir neulich zusammen im Kindermuseum, meine Schwester, Luise und ich und betrachteten ein Paar schlichte, dunkelblaue Schnallenschuhe, wie wir sie als Mädchen jeweils trugen. Währenddem mir beim Anblick warm ums Herz wurde und meiner Schwester der gleiche Widerwille wie damals ins Gesicht geschrieben stand – wir hatten schon damals nicht den gleichen Geschmack in Sachen Kleidung -, sagte Luise kein Wort. Sie war wohl zu beschäftigt mit dem Gedanken, wie uralt ihre Mutter und ihre Tante sein müssen, wenn ihre Kinderschuhe es bereits in eine Museumsvitrine geschafft hatten. 

Jetzt, wo allmählich die prägenden Figuren unserer Kindheit das Zeitliche segnen, will vor allem Karlsson von uns Zeitzeugen wissen, wie es damals wirklich war. Ob Maggie Thatcher tatsächlich stets Blau getragen habe, oder ob dies nur im Film so sei, fragte er heute. Wie hätte ich ihm eine für ihn verständliche Antwort geben sollen? Die Farbbilder in den Tageszeitungen liessen sich damals noch an einer Hand abzählen und Fernsehen hatten wir nicht. Und Maggie Thatcher kannte ich ohnehin nur aus den Karikaturen im Satiremagazin, die ich furchtbar lustig fand, obschon ich sie nicht verstand. Anstatt Karlssons Frage zu beantworten, fing ich an, im Schatz meiner Erinnerungen zu kramen. Ich wäre wohl vom Hundertsten ins Tausendste geraten, hätte nicht Karlsson bald einmal den gleichen glasigen Blick in den Augen gehabt, den ich immer hatte, wenn meine Eltern zu lange von einem „Früher“ erzählten, das für sie lebendige Erinnerung war, für mich jedoch nur ein halbwegs interessanter Stummfilm in Schwarzweiss. 

Dank YouTube ist unser „Früher“ für unsere Kinder kein Stummfilm mehr, sondern ein ziemlich dilettantisch gedrehter Streifen in körnigen Farbbildern von Menschen mit lächerlichen Frisuren und schrecklichen Kleidern. Manchmal lachen sie sich halb krank darüber, manchmal haben sie auch nur ein müdes Schulterzucken dafür übrig, zum Beispiel, wenn ich zu erzählen beginne, welche Sensation es war, als 1985 der erste CD-Player im Wohnzimmer stand und mein Vater verkündete, dank dieser neuen Technologie gehörten Kratzer auf der Schallplatte der Vergangenheit an und umdrehen müsse man die Scheiben auch nicht mehr nach der Hälfte der Spielzeit. Natürlich langweilt diese Erzählung unsere Kinder, man muss ja auch so schrecklich viel erklären, damit sie überhaupt verstehen, wie die Geräte damals funktionierten. 

Sie werden sich vermutlich auch langweilen, wenn ich ihnen morgen erzähle, wie traurig mich die Nachricht von Trudi Gersters Tod gestimmt hat, denn sie waren nicht dabei, als wir stundenlang bäuchlings vor dem gelben Kinderplattenspieler lagen und der unvergleichlichen Stimme lauschten, bis wir die Geschichten inklusive Kratzer auswendig kannten. Oh ja, unsere Kinder wissen, wer Trudi Gerster war, sie haben auch schon CDs von ihr gehört, aber wir Fossilien haben eine ganz andere Beziehung zu ihr, denn wir kannten die Märchenerzählerin in einer Zeit, als man noch nicht jederzeit Musik, Informationen und Unterhaltung – ob gewollt oder ungewollt – im Ohr hatte.

Kaum mehr vorstellbar, wie still es damals gewesen sein muss. 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wenn ich bitten darf

Meine lieben Kinderlein

Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen? 

Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht. 

Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst. 

img_7277

Busgespräch

Neulich sass ich im Bus hinter zwei jungen Frauen, die – wie man aus ihrem Gespräch erfahren konnte – zusammen zur Schule gegangen waren und nun in einem Praktikum ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelten.

„Mann ey“, klagte die eine „ich muss immer so früh raus am Morgen. Musst du auch so früh anfangen?“

„Na ja, es geht“, antwortete die andere. „Ich kann anfangen, wann ich will, ich muss einfach spätestens um halb neun dort sein, aber meistens fange ich schon um acht an.“

„So gut möchte ich es auch haben. Bei mir motzen sie immer, wenn ich nur ein kleines bisschen zu spät bin. Und dann muss ich auch immer so blöde Arbeiten machen, dabei reicht mein Lohn kaum für die Miete.“

„Wie viel bekommst du denn?“

„Siebenhundert und dann bekomme ich noch etwas von den Eltern, aber das geht alles für Miete, Krankenkasse und Essen drauf. Ich kann fast nicht mehr in den Ausgang.“

„Ich bekomme auch siebenhundert.“

„Was musst du denn so machen im Betrieb?“

„Na ja, anfangs vor allem Briefe abtippen und einpacken und so, aber jetzt lassen die mich manchmal auch den Empfang machen. Ist voll cool…“

„Wahnsinn! Ich muss ja immer nur diese doofen Sachen machen, Boden wischen und so. Du hast es voll easy und mir sagen sie, vielleicht werde ich die Probezeit nicht bestehen.“

„Dann bau jetzt bloss keinen Mist.“

„Ja, Mann, ich weiss. Aber mich kotzt das halt so an, immer so lange arbeiten und dann dieser kleine Lohn. Darfst du die Leute dort duzen?“

„Anfangs habe ich alle gesiezt, aber da hat die Chefin gesagt, ich dürfte alle duzen, ausser den Personalchef natürlich. Erst habe ich mich fast nicht getraut, aber jetzt ist es voll cool…“

„Voll doof bei mir, ich muss alle siezen. Und dann reden die auch nie mit mir…“

„Wir haben es voll lustig miteinander. In der Pause quatschen wir immer endlos.“

„Ey Mann, voll unfair, ich will auch. Ich muss immer arbeiten, voll anstrengend und dabei verdiene ich fast nichts. Ich glaub‘ ich mach das nicht mehr lange mit.“

„Komm, bau keinen Mist. Ist ja nicht lang, dieses Praktikum.“

„Ja, aber du hast es voll easy und bei mir ist alles so streng. Und die Miete kann ich mir auch fast nicht leisten.“

„Bist ja auch früh ausgezogen.“

„Ja, Mann, die Wohnung ist eben echt der Hammer. Sechseinhalb Zimmer zu zweit, alles neu und ein riesiger Balkon…“

„Wie viel bezahlt ihr denn?“

„Zweitausend, aber mit meinem Lohn bleibt da fast nichts mehr übrig für den Ausgang. Mann, wenn ich es doch so easy hätte wie du…“

Nur mit Mühe gelang es mir, mich aus diesem Gespräch herauszuhalten. Zum Glück für die arme Praktikantin war die Busfahrt hier aber zu Ende, sonst hätte ich sie vielleicht irgendwann am Kragen gepackt und tüchtig durchgeschüttelt, in der Hoffnung, sie dadurch aus ihrem Traum von der ach so ungerechten Welt, die sich gegen sie verschworen hatte, aufzuwecken.

img_6992

 

 

Von wegen „grüner Daumen“

Früher habe ich das Märchen vom grünen Daumen auch noch geglaubt, ja, ich habe es gar weitererzählt. Als unwiderlegbaren Beweis für seine Existenz führte ich die Jericho-Rose an, die unter meiner Aufsicht zu schimmeln begann. Klagten andere über ihren farblosen Daumen, nickte ich verständnisvoll und tröstete, mir ginge es genau gleich. Heute nicke ich nicht mehr, ich spreche auch keinen Trost mehr aus, ich denke nur noch „bla, bla, bla“.

Es ist nämlich so: Den Pflanzen ist es vollkommen egal, ob der Daumen grün ist oder nicht, solange sie deine volle Hingabe haben, gedeihen sie prächtig. Wasser, wenn ihnen danach steht, weder zuviel noch zu wenig, Sonne, aber bitte auch davon nicht zuviel, den richtigen Boden, nur die Tierchen, die ihnen nicht schaden und dann dulden sie noch nicht mal jeden beliebigen pflanzlichen Nachbarn. Da reicht irgend so ein magischer grüner Daumen nicht aus, ohne leidenschaftliche Liebe zu den kleinen, rätselhaften Wundern wird nichts aus der Sache. Liebe und ziemlich viel Einsatz, Tag für Tag, damit ihnen die Schädlinge nicht zu nahe treten, das Wetter nicht die Laune verdirbt und die unerwünschten Nachbarn ihnen nicht den Lebensraum streitig machen. 

Nachdem ich nun über Jahre geübt habe, kleinen, anspruchsvollen Wesen meine ganze Liebe und Hingabe zu schenken, damit sie gedeihen können, ist es plötzlich gar nicht mehr so schwierig, mit den zarten Pflänzchen ähnlich umzugehen. Darum gedeihen sie wohl auch, obschon ich noch immer keinen grünen Daumen habe.

dsc07228-small-e1298486752129

Flüster-Panik

Natürlich ist mal wieder die Schule Schuld, genauer gesagt eine Lehrerin, die den Kindern vor einiger Zeit völlig zu Recht erklärt hat, flüstern sei für die Stimmbänder äusserst ungesund. Kann ich voll und ganz verstehen, das ewige Geflüster würde mir auch auf die Nerven fallen, stünde ich Tag für Tag vor einer Klasse. Nun nimmt aber Luise ihre Lehrerin immer dann besonders ernst, wenn sie nicht gerade Hausaufgaben aufgibt oder sie zu mehr Fleiss in der Mathematik ermahnt und darum hat sie sich die Sache mit dem Flüstern sehr zu Herzen genommen.

Als wir nun gestern Abend allen Kindern mit Ausnahme von Karlsson, der lieber seine Ruhe haben wollte, erlaubten, gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen, stellten wir irgendwann die Bedingung, dass nur noch geflüstert wird, weil sonst einfach nie Ruhe einkehren würde. Eine Weile lang hielten sie sich daran, dann kam Luise ins Wohnzimmer geschlichen: „Aber Mama, die Lehrerin hat gesagt, flüstern sei nicht gut für die Stimme. Wenn wir jetzt den ganzen Abend flüstern müssen, machen wir unsere Stimme kaputt.“ „Ja, meine liebe Luise, da hatte deine Lehrerin natürlich vollkommen Recht, aber wenn ihr eine halbe Stunde flüstert, werdet ihr nicht gleich vollends verstummen. Und ihr könnt ja auch einfach leise reden, wichtig ist einfach, dass es endlich ruhiger wird.“

Mit dieser frohen Nachricht ging Luise ins Zimmer zurück, aber dort hatte sich die Flüster-Panik bereits breit gemacht. Was die grosse Schwester einmal gesagt hat, hat einfach mehr Gewicht als das, was die Mama entgegnet. „Ich will aber meine Stimme nicht verlieren“, klagte das Prinzchen. „Wir dürfen nie flüstern, Luises Lehrerin hat es gesagt“, mahnte der Zoowärter den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Immer aufgeregter und lauter wurde die Diskussion um die Gefahr des stimmlosen Redens und wir mussten mehrmals mit ziemlich viel Stimmeinsatz zur Ruhe mahnen. Als endlich alle schliefen, dachten wir, das Problem habe sich von selbst erledigt, doch heute Morgen wurden wir durch lautes Heulen geweckt. „Was ist denn mit dem Zoowärter los?“, fragten wir Luise, weil unser Zweitjüngster trotz mehrmaligen Nachfragens nichts als laute Schluchzer herausbrachte. „Er hat geflüstert“, erklärte Luise, „und jetzt fürchtet er, er habe seine Stimme verloren.“

Nach einigem Zureden brachten wir den Zoowärter endlich dazu, uns zu glauben; das Schluchzen hörte auf und er redete wieder, ein wenig heiser zwar, was nach dem langen Geschrei wenig verwunderlich war. Erstaunlich, dass der Zoowärter Luise und ihrer Lehrerin mehr Glauben schenkt als seiner eigenen Stimme, die schon am frühen Morgen durch Mark und Bein dringen kann, wenn ihr Besitzer fürchtet, sie verloren zu haben.

IMG_6834