Peinlich? Ich doch nicht!

Er will nicht, dass ich bis zum Feuerwehrmagazin komme, er verbietet es mir geradezu. Bis zur Bank darf ich ihn begleiten, aber dann soll ich verschwinden. „Ich will doch nicht, dass du mich vor all den anderen umarmst, mir Ratschläge mit auf den Weg gibst, am Ende gar noch heulst“, erklärte er, als ich wissen wollte, weshalb er mir so klare Grenzen setze. „Ich fahre ja nur für eine Woche ins Skilager und so, wie ich dich kenne, wirst du wieder sentimental.“ 

Ich, sentimental? Habe ich dem Jungen jemals den Eindruck vermittelt, ich könnte mich in Anwesenheit seiner Freunde und Schulkameraden wie eine überbehütende Glucke aufführen? Ich weiss doch auch, dass man Teenager nicht in aller Öffentlichkeit umarmt und küsst, es käme mir auch nicht im Traum in den Sinn, ihn mit einem lauten „Und vergiss nicht, ich hab‘ dich lieb!“ zu verabschieden, aber er bleibt dabei: Zum Feuerwehrmagazin, wo ihn der Bus abholt, geht er alleine. Gerade so, als ob er sich mit mir blamieren müsste.

Ob ich Karlsson gestehen soll, was ich über seine Abwesenheit denke? Soll ich ihm sagen, dass ich ganz froh bin, wenn er und Luise sich fünf Tage lang nicht sehen? Nach einer Woche, während der die zwei im Krankenbett lagen und sich etwa alle zehn Minuten in die Haare gerieten, kommt mir ein bisschen mehr Familienfrieden nämlich ganz gelegen. Was Karlsson wohl dazu sagen würde, wenn er das wüsste? Vermutlich würde er mich auf den Knien anflehen, ihn nicht nur bis zum Feuerwehrmagazin, sondern gar bis zur Bustüre zu begleiten. Vermisst werden will er nämlich unbedingt, egal, wie peinlich er mich findet.

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Achtung, Kind hört mit!

Zuerst muss ich zwei Dinge vorausschicken: 1. Ich bin weder prüde noch verklemmt. 2. Unsere Kinder wissen alle – ihrem Alter und ihrer Neugierde entsprechend – wie sie entstanden sind und was in ihrem Körper im Laufe der Jahre so alles abgehen wird.

Dennoch konnte ich mich gestern nur mit Mühe zurückhalten, als ich mit unseren drei Patienten nach dem Arztbesuch noch kurz in der Buchhandlung Lesestoff für die langen Tage im Bett besorgte. Zwei Frauen und ein Mann um die zwanzig unterhielten sich gleich hinter uns laut vernehmlich über einen Sex-Ratgeber. Ihr Gespräch liess tief blicken, nicht nur in den Inhalt des Buches, sondern auch unter die Bettdecke des Mannes und der einen Frau, die offenbar liiert waren und einiges aus dem Buch bereits ausprobiert hatten.

Obschon der Grossteil des Gesprächs ziemlich abstossend war, hätte ich mich vermutlich über die eine oder andere Aussage amüsiert, wäre ich alleine unterwegs gewesen. Wäre in dem kleinen Laden ein Ausweichen möglich gewesen, hätte ich versucht, mit den Kindern ausser Hörweite zu gehen. Weil aber Kinderbuchregal und Sex-Ratgeber-Regal so nah beieinander standen musste ich miterleben, wie es Luise, die das Thema gewöhnlich keineswegs scheut, immer mulmiger zumute wurde. Schliesslich wollte sie nur noch eines: Raus aus dem Laden und nach Hause, wo sie trotz hohen Fiebers mit vielen Fragen versuchte, das Gehörte irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was wir ihr bisher mitgegeben haben. 

Seither frage ich mich, ob es richtig gewesen war, die drei einfach reden zu lassen. Ja, ich wäre mir vorgekommen wie eine prüde alte Tante, hätte ich sie auf das Offensichtliche hingewiesen, nämlich darauf, dass ihr Gespräch auch für aufgeklärte Kinder einfach zu viel des Guten war. Vermutlich hätten sie sich über mich aufgeregt, sie hätten sich gefragt, ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als ihnen ihren Spass zu verderben. Dennoch würde ich genau dies tun, könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen. Wer mit zwanzig noch nicht begriffen hat, dass nicht alles, was im Bett geschieht, vor Kindern ausgebreitet werden muss, der sollte dies gesagt bekommen. Wenn’s sein muss, halt von mir…

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Morgenstimmung

So sehr ich es auch immer wieder versuche, der frühe Morgen wird dennoch nie meine Lieblingszeit. Nun gut, es lohnte sich, es mit sanftem Erwachen zu Geigenklängen zu versuchen. Dazu den Duft von frisch geröstetem Toast und eine dampfende Tasse Tee. Alles, was es dann noch brauchte, wäre eine druckfrische Zeitung voller interessanter Artikel und ich bin fast sicher, dass ich so gegen neun frisch und gut gelaunt aus dem Bett hüpfen würde. Solange daraus nichts wird, werde ich wohl weiterhin mit Überlebensstrategien auskommen müssen. Zum Beispiel…

… Mir Mitten im Anziehstress eine ganze Kanne Earl Grey für mich alleine erschleichen
Nichts leichter als das: „Kinder, wer möchte eine Tasse Tee?“ in die Runde fragen, Earl Grey aufbrühen, nur ganz leicht süssen, servieren und dann nur noch den ersten Schluck abwarten. Spätestens nach dem dritten „Ih, Mama, der Tee ist ja überhaupt nicht süss“ gehört die ganze Kanne mir und weil der Inhalt bereits auf Tassen verteilt ist, hat der Tee genau die richtige Trinktemperatur.

… Für Ruhe sorgen ohne herumzubrüllen
Auch das wäre nicht schwierig, nur denke ich zu selten daran und brülle darum doch immer wieder herum. Dabei wäre es der einfachste Trick überhaupt: iPad an, Lautstärke regeln und dann den Zauber des guten alten Johann Sebastian wirken lassen. Fragt mich nicht, wie der das macht, aber der vermag sogar die Verächter barocker Musik innert Augenblicken zu beruhigen.

… Gehirn-Blogging
Egal, ob das Prinzchen den Kakao verschüttet, Luise wegen eines Flecks auf dem Lieblingspulli beinahe den Verstand verliert oder „Meiner“ mich frühmorgens damit überrascht, dass er früher zur Arbeit geht und ich darum alleine für fünf – momentan gar sechs – widerwillige Frühaufsteher sorgen muss. Wenn ich das ganze Zeug im Kopf verblogge, lässt sich noch die misslichste Morgenstimmung irgendwie ertragen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie inspirierend das Morgenchaos ist. Wie, ihr wollt wissen, weshalb mein Blog nicht überquillt vor lauter Morgenkatastrophen? Nun ja, die Sätze verflüchtigen sich jeweils wieder, wenn sich das nächste Desaster anbahnt.

…Flucht nach oben
Das Dümmste wäre, wenn ich alle frischen Unterhosen, Socken und T-Shirts gleichzeitig oben vom Wäscheständer holte, anstatt alle paar Minuten die Gelegenheit zur Flucht nach oben ergriffe. Immer wieder fehlt einem Kind irgend etwas. Natürlich wäre es pädagogisch sinnvoller, die Kinder selber nach oben zu schicken, aber nirgendwo lassen sich tiefe Seufzer, Schimpftiraden und Stossgebete so gut loswerden wie auf den vielen Treppenstufen, die zum Wäscheständer führen.

… Mich taub stellen
Diese äusserst asoziale Strategie kommt nur in Notfällen und leider auch nur an Tagen, an denen „Meiner“ die Frühsicht voll übernehmen kann zur Anwendung. Dafür ist sie am einfachsten durchzuführen: Decke über den Kopf, so tun, als ginge mich das ganze Geschrei nichts an und dann so schnell als möglich wieder einschlafen, damit ich nicht lügen muss, wenn ich später schlaftrunken aus dem Bett wanke und frage: „Wie, schon so spät? Wo sind denn alle?“

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20 lebensverändernde Minuten

Sie haben mal wieder herausgefunden, dass Kinder besser lernen, wenn sie nicht zu früh zur Schule müssen. Haben sie auch früher schon herausgefunden, aber meiner Meinung nach hätten sie gar keine Studien durchführen müssen. Sie hätten auch erfahrene Eltern fragen können und die hätten dann wohl gesagt, dass es bei jedem Kind ein wenig anders ist. Die einen sind morgens um sechs bereits voll aufnahmefähig, die anderen kommen erst gegen elf in die Gänge. Im Grossen und Ganzen – das würden die Eltern wohl sagen – würde die Mehrheit der Kinder lieber länger liegen bleiben, auch jene, die frühmorgens schon taufrisch sind. Weil man aber so etwas nicht einfach so glauben mag, wird nun an einigen Schulen getestet, ob die Schüler glücklicher sind, wenn sie – und jetzt bitte festhalten – zwanzig Minuten später antraben müssen. Glaubt mir, diese zwanzig Minuten werden die Schweiz verändern…

Von solchen Fortschritten dürfen unsere Kinder nicht mal träumen, bei ihnen soll es nämlich nicht später anfangen, sondern früher und zwar auch zwanzig Minuten, wenn ich richtig gelesen habe. Im Grunde genommen müsste ich jetzt aufschreien wollen, denn als bekennender Morgenmuffel, der mindestens drei, vielleicht gar vier  ebenso überzeugten Morgenmuffeln das Leben geschenkt hat, graut mir vor dem Morgengrauen. Dennoch habe ich erst einmal laut gejubelt über die Stundenplanänderung, denn fünfmal zwanzig Minuten früher bedeuten einen zusätzlichen freien Nachmittag für unsere stressgeplagten Kinder. 

Für mehr Freizeit hätte man natürlich auch eine Stundenreduktion ins Auge fassen können, aber vermutlich braucht es noch ein paar Studien, die belegen, dass mehr Lektionen nicht automatisch mehr Wissen bedeuten. Nun ja, man könnte auch die Eltern fragen, ob ihre Kinder klüger geworden sind, seitdem sie mehr die Schulbank drücken müssen…

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Gaaaack

Besonders leicht ist es mir noch nie gefallen, Enttäuschungen anderer Menschen wegzustecken. Nun ja, auch an eigenen Enttäuschungen kau(t)e ich natürlich auch, aber noch schlimmer waren und sind für mich die Momente, in denen für einen geliebten Menschen die Welt zusammenbricht. Am allerschlimmsten – wie könnte es anders sein – ist es, wenn es eines meiner Kinder trifft. 

Dieser traurige Blick, der klägliche Versuch, die Tränen der Enttäuschung zurückzuhalten, das leere Schlucken und schliesslich das hemmungslose Schluchzen, weil ein grosses Ziel nicht erreicht worden ist oder ein kleiner, aber wichtiger Traum nicht in Erfüllung gegangen ist. In solchen Momenten bricht mir fast das Herz, ich möchte gegen alles und jeden zu Felde ziehen, der es gewagt hat, meinem geliebten Kind Schmerzen zuzufügen. 

Oh ja, ich weiss, Enttäuschungen gehören zum Leben, die lieben Kleinen müssen eben lernen, dass nicht immer alles läuft wie erhofft und überhaupt kann nur enttäuscht werden, wer sich hat täuschen lassen, bla, bla, bla… Das alles mag objektiv gesehen zutreffen, aber subjektiv gesehen ist es mein Kind, das mit einer – vielleicht nur in seinen Augen – harten Realität konfrontiert wird. Darum muss mir in solchen Momenten keiner kommen mit „Vielleicht ist es das Beste für dein Kind…“, denn in solchen Momenten bin ich nur eines: Eine Glucke, die ihr kleines, enttäuschtes Küken vor der grossen, bösen Welt beschützen will.

Das gilt übrigens auch dann, wenn das Küken gar nicht mehr besonders klein ist.

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Betrugssimulator

Ich war blauäugig, das gebe ich offen zu. In einem Bereich, in dem ich gewöhnlich skeptisch bin, habe ich mich blind auf das Urteil anderer verlassen und den grossen Kindern etwas erlaubt, was ich nun wieder rückgängig machen muss. Ja, es war falsch, nicht auf die Alterslimite zu achten. Ich habe einfach darauf vertraut, dass unseren Kindern nicht schaden kann, was für andere, mir äusserst sympathische Kinder, okay ist. Ganz klar, ich habe meine Aufsichtspflicht nicht so wahrgenommen, wie ich dies von mir erwarten würde. Immerhin aber habe ich das Spiel gespielt, um zu wissen, was unsere zwei Ältesten so in Bann zieht.

Tja, und dann war ich schockiert. Da wird hemmungslos herumgezickt, dreingeschlagen, angemacht und betrogen. Die Figur im Spiel ist bereits liiert? Na und, man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Wenn die Partnerin etwas dagegen hat, kann man sie zur Not ja demütigen und verprügeln. Je mehr du betrügst, den Arbeitgeber bestiehlst und Mülltonnen umwirfst, umso grösser ist das Wohlbefinden deines Alter Ego. Klar, du kannst auch brav und strebsam sein, kannst auf ganz seriösem Weg Karriere machen, aber dann dauert es nicht allzu lange, bis der Computer dich daran erinnert, dein Alter Ego langweile sich. Um dies zu verhindern, könnte man ja vielleicht versuchen, drei Affären gleichzeitig am Laufen zu haben. Wo man schon dabei sei, könne man noch kurz ins Nachbarhaus eindringen, den Kühlschrank plündern und die Dusche benutzen. Und wie wär’s wenn man mal versuchte, mit allen Stadtbewohnern gleichzeitig zerstritten zu sein? Falls du die Mittelalterversion des Spiels wählst, kannst du auch mal mit einer rostigen Axt einen Hühnerdieb umlegen. Einfach so, weil er es ja nicht besser verdient hat. Das alles unter dem Hinweis, Gewalt und sexuelle Inhalte seien nur „schwach ausgeprägt/angedeutet“.

Ja, ich war naiv und habe vorher nicht gut genug kontrolliert, ob es okay ist, wenn Luise das Spiel spielt, das Gleichaltrige mit dem Segen ihrer Eltern auch spielen. Darum werde ich mich jetzt unbeliebt machen müssen, ich werde zurückrudern und es nachträglich verbieten müssen. Laut Altersfreigabe sollte aber zumindest Karlsson nicht mehr um meine Erlaubnis bitten müssen. Ich werde ihm dennoch erklären müssen, warum ich es nicht goutiere, wenn er am Betrugssimulator trainiert.

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Pause! Ruhe! Jeder für sich!

Es mag vorkommen, dass jemand an unserem Haus vorbeigeht und lautes, mehrstimmiges Geheule hört. Wenn der Passant so tickt, wie die meisten Erwachsenen hierzulande, wird er denken, dass hier wohl ganz grausame, ungerechte Eltern wohnen, die ihre Kinder hungern lassen und ihnen die Ohren lang ziehen. Dies zumindest stelle ich mir vor, wenn mal wieder alle zusammen wehklagen, als hätte man sie geschlagen und ihnen für die kommenden zwei Jahre sowohl Taschengeld als auch Dessert gestrichen. 

Ich möchte ja nicht behaupten, „Meiner“ und ich seien unfehlbar; selbstverständlich gibt es hin und wieder mal Tränen, weil wir eine Situation falsch eingeschätzt und darum den Falschen zurechtgewiesen haben. Manchmal sind wir auch schlecht gelaunt und werden deshalb schneller laut, als eigentlich angebracht wäre. In den meisten Fällen aber, wenn mal wieder das mehrstimmige Geheule einsetzt, haben die Kinder einfach zu viele Stoppsignale übersehen. 

Ein Beispiel gefällig? Da verkünden „Meiner“ und ich nach dem Mittagessen für alle vernehmlich, wir würden einen Mittagsschlaf halten und wollten nicht gestört werden. Eine halbe Stunde, mehr nicht und für jene, die noch nicht wissen, was eine halbe Stunde ist, stellen wir den Wecker. Die Kinder sollen derweilen auch eine Pause machen und zwar jeder für sich. Eine eindeutige Ansage, nicht wahr?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sie offenbar trotzdem nicht verstanden, denn kaum haben wir uns hingelegt, steht er mit der Trompete im Schlafzimmer. Freundlich, aber bestimmt machen wir klar, dass wir jetzt kein Ständchen wünschen. Fünf Minuten später ist er wieder da, diesmal mit einem Asterix-Band, in dem er einen besonders amüsanten Witz entdeckt hat. Nur noch halb so freundlich, dafür umso bestimmter erinnern wir ihn an unsere Pause. Augenblicke später heult im Wohnzimmer einer, bald rennen der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter aufgebracht im Zimmer. Der eine will Knete haben, der andere rückt sie nicht heraus und wir sollen schlichten. Wir wollen aber nicht schlichten, weil die zwei den Auftrag bekommen hatten, getrennt Pause zu machen. Also noch einmal die klare Ansage: Pause! Ruhe! Jeder für sich! 

Kaum haben die Streithähne das Zimmer verlassen, erscheint Luise. Sie will nur mal kurz Bescheid geben, dass ihre Wachteln – Überlebende eines Marderangriffes, denen ich in meinem Büro Asyl gewährt habe – wohlauf sind. „Meiner“ gibt im Gegenzug Bescheid, dass wir nicht wohlauf sind, weil die vereinbarte Pausenzeit bald um ist und wir noch kein Auge zugetan haben. Eingeschnappt zieht Luise sich zurück, macht Platz für den Zoowärter, der bestätigt haben will, dass sein Pinguin, den er geknetet hat, unversehrt bleiben darf, auch wenn wir gesagt haben, er müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas von der Knete abgeben. Wir knurren unser Einverständnis. Jetzt bloss nicht explodieren… Bloss wie, wenn jetzt das Prinzchen heulend angerannt kommt, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gepiesackt haben? Wie soll man ein Donnerwetter zurückhalten, wenn eine klar gezogene Grenze innerhalb von weniger als dreissig Minuten mehrmals überschritten wird?

Tja, und dann heulen sie eben mehrstimmig und wir, die wir eigentlich eingeschnappt sein müssten, sind mal wieder die Bösen. Und keiner, der an unserem Haus vorbeigeht und das Heulen hört, denkt sich, wie unfair diese Kinder doch zu ihren Eltern sein können…

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Bruderzwist

Prinzchen sitzt heulend auf dem Sofa, Zoowärter sitzt zerknirscht daneben. Friedensmission für Mama Venditti:

Zoowärter: „Mama, das Prinzchen hat…“
Prinzchen: „Mama, der Zoowärter hat…“
Mama: „Halt, ich will nicht hören, was der andere getan hat. Zoowärter, was hast du getan?“
Zoowärter: „Das Prinzchen hat…“
Mama: „Nein, Zoowärter, ich will wissen, was du getan hast. Das Prinzchen heult lauter als du, also erzählst du zuerst.“
Zoowärter: „Ich habe ihn ganz fest gehauen, so richtig fest.“
Mama: „Okay, Prinzchen, was hast du getan?“
Prinzchen: „Ich wollte die Bilder in seinem Buch anschauen, dann hat der Zoowärter mich ganz fest auf dem Kopf gekratzt.“
Mama: „Aber Zoowärter, wegen so etwas muss man doch nicht gleich so brutal werden.“
Zoowärter: „Weisst du, Mama, das Prinzchen hat mir auch weh gemacht. Er hat mir das Herz gebrochen.“

Was soll Mama da anderes sagen, als dass beide sich entschuldigen müssen? Eine zerkratzte Kopfhaut ist schlimm, aber ein gebrochenes Herz ist ja auch nicht ohne…

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Himmeltraurig

Über die Gräuel von Massentierhaltung und europaweiten Tiertransporten weiss in der Schweiz jedes Kind Bescheid, die Krippenhaltung von kleinen unschuldigen Kindern aber ist nach wie vor ein Tabuthema. Hätten wir die SVP nicht, wir hätten nie erfahren, wie unsere armen Kleinen in den Betreuungseinrichtungen gehalten werden: Halbnackt, mit Ohrmarke und Strichcode versehen hinter dicken Mauern und Gitterstäben. So müssen die verängstigten Knöpfe Tag um Tag ausharren, währenddem ihre geldgierigen, vom Ehrgeiz zerfressenen Mütter die Karriereleiter hochklettern, die doch eigentlich den Vätern vorbehalten wäre.

Heute, so erklärt uns die SVP, ist es den Eltern noch freigestellt, ob ihre Kinder in Krippenhaltung zu uniformen, vom Staat abhängigen Marionetten genormt werden, oder ob sie in freier Wildbahn zu heldenhaften, starken Eidgenossen, die sich vom Staat nichts vorschreiben lassen, heranwachsen dürfen. Wehe aber, wenn das Stimmvolk am 3. März den Familienartikel annimmt! Dann ist es vorbei mit den Freiland-Kindern, dann wird es nur noch Batteriekinder geben. Arme, von ihren Eltern verstossene Geschöpfe, die kaum je die Sonne sehen, für die Liebe und Geborgenheit Fremdwörter sind. Vermutlich werden die Kinder, die von ihren renitenten Eltern zu Hause behalten werden, frühmorgens von der Polizei abgeholt und in die Einrichtung gebracht, wo sie zu braven „Staatskindern“ erzogen werden.

Und wisst ihr, was das Schlimmste an der Sache ist? In diesen Einrichtungen werden die wehrlosen Kleinen einer Gehirnwäsche unterzogen. Das weiss ich nicht von der SVP, das habe ich selber herausgefunden. Sämtliche Krippenkinder in meinem Umfeld bestreiten nämlich vehement, dass sie an den Tagen, die sie ausser Hause verbringen, ein himmeltrauriges Dasein hinter Gittern fristen. Ja, einige von ihnen behaupten gar, sie könnten es absolut nicht verstehen, dass ihre Mamas und Papas sie nicht jeden Tag dorthin bringen.

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Bloss kein Stress…

Mag sein, dass andere Mütter unter Druck geraten, wenn sie sehen, wie die Freunde ihrer Kinder Geburtstagsparties feiern. Ich lasse mich dadurch nicht stressen, denn die Auseinandersetzung mit meinem Alten Ich, das mit Übereifer Kindergeburtstagsparties organisierte, reicht vollauf, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen:

Ende Dezember 2012:

Altes Ich: „In einem Monat hat der Zoowärter Geburtstag. Du solltest allmählich an die Planung denken. Wann willst du denn überhaupt seine Kindergartenfreunde einladen?
Ich: Was soll der ganze Stress? Jetzt haben wir eben erst Weihnachten hinter uns gebracht und du redest schon wieder von Geburtstag. Das hat noch Zeit…
Altes Ich: „Von wegen! Eigentlich solltest du mit den Plänen für den Zoowärter-Geburtstag bereits fertig sein und dich um Luises Party im März kümmern, aber weil du ja immer alles auf dem letzten Drücker machst, habe ich dich damit noch nicht belästigt.“
Ich: „Ich empfinde aber schon das mit dem Zoowärter-Geburtstag als Belästigung, also lass mich bitte noch ein paar Wochen in Ruhe damit.“
Altes Ich: „Wie du willst. Aber glaube bloss nicht, ich würde dir aus der Patsche helfen, wenn alles schief läuft, weil du zu spät angefangen hast…“

Anfang Januar 2013:

Altes Ich: „Hast du die Einladungen geschrieben?“
Ich: „Welche Einladungen?“
Altes Ich: „Na, welche wohl? Die für Zoowärters Geburtstagsparty.“
Ich: „Die Party steigt erst Ende Monat, das eilt noch nicht.“
Altes Ich: „Von wegen das eilt nicht. Weisst du eigentlich, wie vielbeschäftigt die heutigen Kindergartenkinder sind? Du willst doch nicht etwa, dass dein Sohn alleine feiern muss, weil alle ihren Terminkalender bereits voll haben.“
Ich: „In zwei Wochen mache ich die Einladungen, versprochen.“
Altes Ich: „Bist du wahnsinnig? Dann ist es längst zu spät. Früher, bei Karlsson und Luise warst du immer zeitig dran.“

20. Januar, Zoowärters Geburtstag:

Altes Ich: „Okay, mir ist klar, dass die Kinder nicht heute zu Besuch kommen, es ist ja Sonntag. Aber hast du das Fest am 31. bereits geplant, sind die Einladungen raus?“
Ich: „Morgen bringt der Zoowärter die Einladungen in den Kindergarten, ganz bestimmt. Ich mache sie heute Abend.“
Altes Ich: „Wundere dich bloss nicht, wenn lauter Absagen kommen. Die Party soll ja schon in zehn Tagen stattfinden.“

25. Januar:

Altes Ich: „Was macht ihr denn am 31. mit den Kindern?“
Ich: „Na ja, irgend etwas wird uns schon einfallen. Etwas mit Rittern und Prinzessinnen…“
Altes Ich: „Ich fasse es nicht! Weisst du noch, wie ihr damals für Karlsson eine Turnhalle gemietet habt? Und die tollen Bastelsachen, die du jeweils für Luises Fest eingekauft hast, weil die alle so gerne kreativ waren…“
Ich: „Ja, ich erinnere mich, das war toll. Aber du hast bestimmt nicht vergessen, wie die Kinder jeweils gemotzt haben, weil sie lieber frei spielen wollten, als unser Programm mitzumachen.“
Altes Ich: „Also daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Dafür werde ich Fräulein Bock nie vergessen.“
Ich: „Fräulein Bock?“
Altes Ich: „Ja, Fräulein Bock, an Karlssons zweiter Party. Du mit der Schürze, Bergen von Fleischbällchen und Zimtwecken, Karlsson mit einem Kartonpropeller auf dem Rücken, die Kinderschar, die versuchen musste, Fleischbällchen und Zimtwecken zu stehlen. Das war ein Spass…“
Ich: „Stimmt, das war ein Spass. Aber dazu bin ich inzwischen einfach zu müde. Und der Zoowärter kennt auch die Karlsson-Geschichte zu wenig….“
Altes Ich: „Oh ja, die kennt er zu wenig und wessen Schuld ist das? Früher hast du dir noch richtig Mühe gegeben, aber heute…“
Ich: „Heute gebe ich mir auch noch Mühe, ich singe einfach mehr und erzähle etwas weniger Geschichten.“
Altes Ich: „Früher hättest du beides gemacht, gesungen und erzählt und das am gleichen Abend.“
Ich: „Früher hatte ich ja auch noch keine Teenager, die nach Feierabend Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Dafür habe ich tagsüber mehr Zeit für die Kleinen.“
Altes Ich: „Mich dünkt, wir kommen etwas vom Thema ab, obschon wir uns dringend mal darüber unterhalten sollten, wie sehr deine Einsatzbereitschaft nachgelassen hat. Aber Zoowärters Geburtstag hat jetzt Priorität und da du, wie mir scheint, noch überhaupt keine Vorbereitungen getroffen hast, nehme ich das jetzt an die Hand. Also, her mit dem Laptop. Wir besorgen jetzt Deko, Servietten und Kartonteller. Aber die Schönsten, wenn ich bitten darf. Der Zoowärter soll nur das Beste bekommen, wo seine Mama schon zu faul ist, dasFräulein Bock zu machen.“
Ich: „Einverstanden, obschon ich noch einmal klar und deutlich festhalten möchte, dass ich nicht faul geworden bin, sondern realistisch.“
Altes Ich: „Ich ziehe es vor, diese letzte Bemerkung zu ignorieren. Also, lass mal sehen, diese Ritterteller hier sind wirklich cool und die Teekannen für die Mädchen, die der Zoowärter eingeladen hat…“

Gestern:

Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, du hast für morgen alles vorbereitet.“
Ich: „Ja, das Dekomaterial ist heute eingetroffen, die Süssigkeiten sind gekauft, den Kuchen mache ich dann morgen früh und den Rest werden wir ja sehen.“
Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, dass ich mich verhört habe.“
Ich: „Nein, hast du nicht. ‚Meiner‘ und ich haben beschlossen, das Programm morgen zu besprechen.“
Altes Ich: „Das ist ja wohl die Höhe! Bei Karlsson musste ich dich jeweils davon abhalten, den Tagesplan am Computer zu erstellen und heute weisst du noch nicht mal, was ihr morgen machen werdet.“
Ich: „Nun ja, in groben Zügen ist das Programm natürlich schon geplant. Wir werden Geschenke auspacken und Kuchen essen.“
Altes Ich: „Ich bin tief beeindruckt, dass dir zumindest schon die obligatorischen Programmpunkte bekannt sind.“
Ich: „Siehst du, so schlecht sind wir gar nicht dran.“

Heute, 10:00 Uhr:

Altes Ich: „Und, darf ich jetzt den Tagesplan sehen?“
Ich: „Nun ja, ich habe gedacht, dass ich jetzt dann gleich mit dem Kuchen anfange…“
Altes Ich: „Wie, der ist noch nicht gebacken? Und das Programm?“
Ich: „Nachher setze ich mich dann mit ‚Meinem‘ hin, um die Details anzuschauen.“
Altes Ich: „Nachher? Wann nachher?“
Ich: „Wir werden sehen…“

Mittag:

Altes Ich: „Programm, aber sofort!“
Ich: Zuerst Geschenke, dann Smoothie mixen, Geschichte erzählen, Schatzsuche, Basteln, Kuchen essen, freies Spielen, noch einmal Geschichte erzählen dann Schluss.
Altes Ich: „Auf den ersten Blick ganz beeindruckend, aber kommen wir zu den Details: Welche Geschichte denn?“
Ich: „Nun ja, etwas mit Rittern. Suche ich dann nach dem Mittagsschlaf aus. Wir haben ja viele Bücher…“
Altes Ich: „Beschämend. Was kommt in den Smoothie?“
Ich: „Nun ja, ich habe Beeren aufgetaut und dann haben wir noch Blaubeersaft, den Rest werden wir dann sehen…“
Altes Ich: „Noch einmal beschämend. Wie steht’s mit dem Schatz?“
Ich: „Wir suchen dann noch die Kiste nach dem Mittagessen. Ich glaube, Prinzchen weiss, wo sie ist…“
Altes ich: „Und die Bastelarbeit?“
Ich: „‚Meiner‘ und ich sind uns noch nicht ganz einig. Er will Fensterbilder, ich möchte Tischsets. Klar aber ist, dass wir laminieren werden.“
Altes Ich: „Na dann, viel Glück bei der Party…“

18 Uhr:

Altes Ich: „Und, wie war die Party?“
Ich: „Sehr friedlich. Wir hatten wirklich viel Spass.“
Altes Ich: „Nur ihr, oder auch die Kinder?“
Ich: „Nun, soweit ich es beurteilen kann, hatten die Kinder viel Spass. Zumindest gab es nie Streit und gemotzt hat auch keiner. Weisst du noch, wie das jeweils bei Luises Parties war und einmal, als beim FeuerwehrRitterRömerPiraten keiner Kuchen haben wollte, weil er Kokosraspel im Teig hatte?“
Altes Ich: „Du meinst, es gab keine solchen Vorfälle?“
Ich: „Nicht einen einzigen. Es war einfach nur schön und ich glaube, es hat allen ganz gut gefallen.“
Altes Ich: „Kein Chaos, weil ihr so schlecht vorbereitet wart?“
Ich: „Nein, kein Chaos. Alles klappte wie am Schnürchen.“
Altes Ich: „Keine Tränen?“
Ich: „Keine Tränen.“
Altes Ich: „Keine Langeweile?“
Ich: „Nein, keine Langeweile. Ausser bei ‚Meinem‘ und bei mir, weil die Kinder so brav waren, dass wir kaum gebraucht wurden.“
Altes Ich: „Nahezu beeindruckend, dass man mit solch schlampiger Organisation ein solches Fest zustande bringt. Aber ich nehme an, das liegt nur an den Kindern. Sie sind vermutlich ausserordentlich wohlerzogen.“

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