Kalter Entzug

Rechtzeitig zum dritten Geburtstag des Prinzchens sind Nuggi und Nuschi – oder Schnuller und Schmusetuch, wie meine Deutschen Leser wohl sagen würden – spurlos verschwunden. Einfach weg und ich schwöre, dass weder „Meiner“ noch ich etwas damit zu tun haben. Im Gegenteil, „Meiner“ hat sich gestern gar von unserem Jüngsten noch einmal weichklopfen lassen und ihm einen neuen Nuggi gekauft. Und jetzt sind sie plötzlich weg, all die Nuggis und Nuschis, inklusive des neuesten Modells. Auf einen Schlag muss der arme Kleine ganz ohne seine Tröster zurechtkommen. Kalter Entzug, einfach so, als Geschenk zum dritten Geburtstag. Schrecklich.

Ja, ich weiss, wir hätten ihm das schon längst abgewöhnen sollen. Mit drei ist Schluss mit solchem Babykram, haben wir bis anhin jeweils gesagt. Und wir zogen das auch steinhart durch, jedes Mal. Und jetzt beim Prinzchen fehlt uns plötzlich die nötige Härte, ihm die heiss geliebten Accessoires zu verbieten. Okay, das Nuschi hätte er natürlich behalten dürfen, aber Nuschi ohne Nuggi macht nur halb soviel Spass. Und jetzt sind beide weg, einfach so, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte eine höhere Macht entschieden, dass sie für Ordnung sorgen muss, wo doch diese Eltern beim fünften Kind auf einmal schlapp machen mit konsequent sein.

Vielleicht aber war es keine höhere Macht, sondern die grossen Geschwister, die nicht mitansehen konnten, wie man ihren kleinen Bruder gewähren lässt, nachdem man mit ihnen so streng gewesen war. Indizien, dass sie dahinter stecken, gibt es nicht, aber ganz abwegig scheint mir mein Verdacht dennoch nicht. Ich war ja auch einmal jüngstes Kind…

Absturz

Und wieder einmal endet ein an sich ganz netter Samstag in einem epochalen Familienkrach. Türenknallen, Tränen, böse Worte,  ausgelöst – wie fast immer – durch eine Kleinigkeit. Genau so, wie wir uns das nie vorgestellt hatten. Genau so, wie wir es nicht möchten. Und doch gehört es wohl einfach zum Familienleben, zumindest bei solchen Hitzköpfen, wie wir sie sind. Was soll man da bloss tun? Es gibt  nur eins: Dazu stehen, dass das mal wieder ein absoluter Taucher war, einander um Verzeihung bitten und wieder vorwärts schauen. Wir sind nicht perfekt, also müssen wir auch nicht so tun als ob. 

Elternvorsätze

Vor zehn Jahren:
„Findest du es nicht auch schrecklich, wie all diese Eltern von grösseren Kindern von einem Anlass zum anderen hetzen? Fussballtraining, Blockflötenstunde, Maltherapie und danach noch kurz zu einer Geburtstagsparty. Also wenn unsere Kinder mal gross sind – zuerst müssen wir natürlich noch ein paar Kinder mehr haben als diesen einen süssen Karlsson – dann kommt so etwas nicht in Frage. Wir lassen uns doch nicht zum Chauffeur unserer Kinder degradieren. Klar, die eine oder andere Freizeitaktivität werden wir wohl erlauben müssen, aber erst, wenn sie alt genug sind, selber zu gehen. Und zeitintensive Dinge wie Fussball sind verboten. Wir wollen doch nicht jeden Sonntag auf dem Fussballplatz herumstehen und uns langweilen.“

Vor fünf Jahren:
„Okay, ganz so einfach wird es wohl nicht, hart zu bleiben. Der FeuerwehrRitterRömerPirat rennt jetzt schon wie ein Verrückter den Fussbällen hinterher und Luise wird wohl eines Tages reiten wollen. Aber wir haben ja noch viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn sie dann zehn oder elf sind, können wir dann ja sehen.“

Vor drei Jahren:
„Einfach toll, dass Karlsson jetzt Geige spielen will. Und er kann sogar selber hingehen, weil es so nahe ist. Was meinst du, sollen wir unsere Grenzen ein wenig ausweiten? Zwei Freizeitaktivitäten pro Kind, das müsste drinliegen.“

Vor zwei Jahren:
„Also gut, zwei Freizeitaktivitäten pro Kind und dann noch die Jungschar dazu. Aber das muss reichen. Und sobald sie können, sollen sie mit dem Bus in die Jungschar fahren.“

Vor einem Jahr:
„Dann lass uns mal sehen: Karlsson spielt Geige, geht in die Jungschar und möchte jetzt noch ins Orchester gehen. Luise hat mit Querflöte angefangen, will weiterhin ins Ballett gehen und natürlich auch in die Jungschar. Tja, und dann ist da noch die Therapie, aber die muss wohl sein. Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss noch ein Jahr warten mit Jungschar und Musikinstrument, aber Fussball sollte jetzt eigentlich drin liegen. Nun ja, komm, wir versuchen, ihn davon abzubringen. Landhockey wäre doch auch ganz toll und wir haben doch gesagt, Fussball kommt nicht in Frage.“

Vor einem halben Jahr:
„Jetzt, wo Luises Ballettstunde über längere Zeit ausfällt, braucht sie wohl einen Ersatz. Sie liegt mir schon die ganze Zeit in den Ohren damit. Und wann rufst du jetzt endlich den Fussballtrainer an? Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag nicht mehr länger warten. Nein, Karlsson soll nicht mit einem zweiten Musikinstrument anfangen, er kommt ja bald in die Fünfte, da hat er keine Zeit für noch mehr. Ja, ich weiss, er will, aber es geht nun mal nicht.“

Heute:
„Hmm, wie schaffen wir das bloss? Also am Montag, da musst du unbedingt pünktlich von der Arbeit zurückkommen, denn da muss ich um Viertel nach vier mit dem Zoowärter in den Schwimmkurs. Und dann müssen wir noch die Nachbarn fragen, ob sie Karlsson zur Orchesterprobe mitnehmen. Ach ja, hast du den Leichtathletik-Trainer angerufen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sich jetzt endlich entschieden, er will nicht mehr Fussball spielen. Ach so, du hast bereits alles organisiert? Toll. Wann soll es denn losgehen? Am Freitagabend? Ja, dann müssen wir schauen, wer ihn bringt und wer ihn abholt. Du, der Mittwoch wird auch etwas streng. Luise muss gleich nach dem Mittagessen in die Querflötenstunde, dann fahre ich sie zur Therapie und du bringst die beiden Jungs zum Kürbisschnitzen. Dann holst du Luise von der Therapie ab und ich bringe sie  zur Theaterprobe. Ja, ich weiss, am Mittwoch hat sie etwas zu viel los, aber das Theaterprojekt dauert ja nur bis Februar, danach wird es wieder ruhiger. Wie? Dann will sie ins Volleyball? Mal sehen, ob das auch noch drin liegt. Nein, am Samstag ist keine Jungschar, aber nächste Woche müssen wir dann gut planen. Ach, heute sass ich neben dieser schrecklichen Mutter im Bus. Den ganzen Weg über hat sie mit ihrer Tochter geklönt, weil sie nicht alle Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringt. Reiten, Pfadfinder, Fussballtraining und Gesangsunterricht. Und dann hat sie sich auch noch beklagt dass keine Zeit für den Kinderchor bleibt. Völlig übertrieben, wenn du mich fragst…“

 

 

Wir sind doch keine Teenager!

In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.

Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.

Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.

 

Neulich am Esstisch

Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“

Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“

Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)

Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“

Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“

Ach, lass sie doch…

Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.

Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener? 

Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.

In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.

Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.

 

Milano Centrale I

Samstag, 8. Oktober, ca. 12 Uhr mittags. Familie Venditti, soeben mit dem Zug aus der Schweiz angekommen, verlässt den Bahnhof Milano Centrale, um sich auf die Suche nach der Autovermietung zu machen. Nach fünf Minuten das erste Mal die Frage: „Signora, quanti Bambini ha? Cinque?“ Jawohl, fünf haben wir. „Brava, Signora! Ha fatto bene!“ Danke sehr, ich fühle mich geschmeichelt, dass man meine Gebärfreudigkeit würdigt, auch wenn ich gerade verzweifelt versuche, die fünf, die ich so freudig geboren habe, unter Kontrolle zu halten, ohne dabei einen Koffer aus den Augen zu verlieren. 

Weil die Autovermietung ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt liegt, bleibe ich mit Gepäck, Zoowärter und Prinzchen auf dem Bahnhofplatz, während „Meiner“ sich mit den Grossen aufmacht, das Auto abzuholen. Es dauert nicht lange, bis uns der erste fliegende Händler entdeckt hat. Aber der versucht gar nicht erst, uns Sonnenbrillen anzudrehen, er kommt gleich zur Sache: „How many children? Five? Well done!“ Und dann will er alles wissen: Wie viele Jungs, wie viele Mädchen, wie alt sie sind, ob ich noch berufstätig bin und ob die Schweiz sich in der Familienförderung grosszügig zeigt. Und dann, als er sich daran erinnert, dass er ja selber auch eine Familie zu ernähren hat – ob in Italien oder in Bangladesh hat er mir nicht erzählt – , verabschiedet er sich von uns mit den Worten:  „You’re such a hard-working woman. Very well done!“

So langsam wird mir die Bewunderung peinlich, bin ich doch alles andere als die perfekte Mama, besonders jetzt nicht, wo ich das Prinzchen mit pädagogisch fragwürdigen Methoden daran hindern muss, Milano Centrale sauber zu machen und jedes kleinste Papierfetzchen vom schmutzigen Boden aufzuheben, um es im noch schmutzigeren Abfalleimer zu entsorgen. Aber die Lobhudelei hat noch längst kein Ende. Drei freundliche Damen kommen auf mich zu, um mich für die Zeugen Jehovas anzuheuern. In der Schweiz habe ich schon öfters erlebt, dass diese nie locker lassen und meist ziemlich gehässig reagieren, wenn ich ihnen mitteile, dass ich meinen Glauben bereits gefunden habe und nicht gedenke, ihn demnächst gegen einen neuen einzutauschen. Hier aber läuft das Gespräch anders ab. Zuerst natürlich die übliche Frage, ob ich etwas zum Lesen haben möchte, weil ich mit zwei kleinen Jungs unterwegs bin natürlich etwas über Erziehung. „Wie soll ich die bloss wieder loswerden?“, frage ich mich, da kommt mir der rettende Einfall. Warum nicht von meinen fünf Kindern zu reden anfangen, wo diese hier doch ganz offensichtlich eine Attraktion sind? Also bemerke ich ganz beiläufig, dass die zwei süssen kleinen Jungs, die sich gerade um ein zerbrochenes Brillengestell streiten, nicht meine einzigen Kinder sind. Und siehe da, die netten Damen beissen an. Bald bin ich diejenige, die redet und sie hören mit grossen Augen zu. Ja, es ist manchmal ein ziemlicher Stress, ja wir lieben die fünf über alles, nein, wir möchten keins mehr, nun ja, ich schon, aber „Meiner“ nicht, ja, wir freuen uns, dass wir mit unseren Knöpfen in die Ferien reisen dürfen, oh ja, natürlich sind sie alle ganz lieb und nett, ach ja, die Wäscheberge, Sie wissen schon….

Ich glaube, wenn sie mir noch etwas mehr Zeit gegeben hätten, ich hätte sie dazu bekehrt, eine Grossfamilie zu gründen, aber leider hatte ich gerade kein Traktat dabei, das ihnen aufgezeigt hätte, wie sinnlos ein Leben ohne grosse Kinderschar doch ist. Und sie hatten keine Zeit mehr, mir länger zuzuhören, weil sie ganz dringend auch noch jemanden bekehren mussten. Ja, und dann fährt zum Glück „Meiner“ vor und holt uns mitsamt unseren Koffern ab. Wirklich höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Der fliegende Händler von vorhin hat nämlich bereits einen Kollegen herbeigerufen, dem er unbedingt noch die Sensation zeigen will, die er mitten im Getümmel von Milano Centrale entdeckt hat. 

Das Problem bei uns Grossfamilien ist nur, dass man nie wissen kann, wie schnell die öffentliche Meinung von „Ach, wie toll, so eine grosse Familie“ zu „Die haben auch gar nichts im Griff, weder die Geburtenkontrolle noch ihre Rotznasen“ kippt. Und darum ist es immer gut, sich in ein schützendes Auto flüchten zu können, wenn wir zu sehr beachtet werden. 

Zurück an den Herd, aber schnell

Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“

Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch  etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…

Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…

Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.

Grässlich, diese Erwachsenen

Allmählich komme ich in ein Alter, in dem es immer weniger Spass macht, den eigenen Geburtstag zu feiern. Nun gut, ich bin ja noch nicht alt, aber so langsam steigt das Bewusstsein, dass man sich schneller auf die Lebensmitte zubewegt, als einem lieb sein kann. Folglich fällt es mir immer schwerer, meinen Kindern eine befriedigende Antwort zu liefern, wenn sie wissen wollen, ob ich mich auf meinen Geburtstag freue. Kinder, das weiss ich noch aus der eigenen Erinnerung, können es nicht verstehen, wenn Erwachsene seufzen: „Schon wieder Geburtstag? So ein Mist, ich wünschte, ich könnte das Rad der Zeit zurückdrehen. Oder zumindest alles ein wenig verlangsamen.“ Wie kann man bloss so doof und abgelöscht sein, sich nicht über den eigenen Geburtstag – das Highlight des Jahres – zu freuen wie ein kleines Kind? Und dann erst dieses „Ach weisst du, mein Kind, ich wünsche mir gar nichts zum Geburtstag. Ich hab‘ doch schon alles…“ Haben die denn gar keine Träume mehr, diese Erwachsenen? Grässlich, nicht wahr? Zumindest in den Augen eines Kindes.

Und sie haben mal wieder Recht, die kleinen Menschen. Was ist denn schon schlimm dabei, ein Jahr älter zu werden? Ist doch eigentlich ein Geschenk, dass man überhaupt da sein darf, nun ja, zumindest, wenn man es schafft, den ganzen Irrsinn auf diesem Planeten auszublenden. Ist doch wunderbar, von Menschen umgeben zu sein, die einen feiern wollen. Und auch wenn man tatsächlich nichts braucht, schön ist es doch trotzdem, dass es Menschen gibt, die einem etwas schenken, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Ja, sie haben Recht, die Kinder, wenn sie fordern: „Dein Geburtstag wird ebenso gefeiert wie der unsere. Es muss Kuchen geben und Geschenke und gutes Essen, sonst wird das nichts.“ 

Und weil ich von meinen Kindern lernen will, habe ich heute, an dem Tag, an dem ich 37 Jahre alt geworden bin, beschlossen, dass ich in Zukunft nicht mehr über Geburtstage jammern werde. Ich will sie feiern, sie geniessen und dankbar sein, dass ich leben darf. 

Ich hoffe bloss, dass ich meinen Entschluss nächstes Jahr nicht bereits wieder vergessen habe. In meinem Alter kann man sich da nicht mehr so sicher sein.

Ich mach‘ da nicht mit!

Da klagt Mama seit dem ersten Tag des neuen Schuljahres darüber, wie streng doch die Schule geworden sei und was tun die Kinder an ihrem ersten Herbstferientag? Richten sich im Garten ein Schulhaus ein, küren den Strengsten unter ihnen zum Lehrer – wo es in der richtigen Schule für zehn bis fünfzehn Regelverstösse eine Zeugniseintrag gibt, gilt es hier schon nach fünfen ernst – und schreiben freiwillig Tests, die „Meiner“ und ich dann auch noch unterschreiben sollten. Wir haben die Kinder spielen lassen, aber die Unterschrift habe ich verweigert. Wenn sie unbedingt auch in den Ferien Schulstress haben wollen, dann sollen sie von mir aus. Ich hingegen gönne mir ganz ohne schlechtes Gewissen eine Pause von all dem Druck, der mir offenbar mehr zusetzt als ihnen. 

Ach ja, und neuerdings gilt auch noch die Regelung, dass jeder, der drucken oder kopieren will, 5 Rappen pro Ausdruck zahlen muss. So langsam werden sie mir unheimlich, meine Kinder.