So geht das nicht

Weisst du, mein Prinzchen, ich kann durchaus verstehen, dass du als beinahe Dreijähriger gewisse Allmachtsfantasien entwickelst. Wer es schafft, den grossen Bruder zum Heulen zu bringen, wer den Papa so lange bestürmt, bis er ja sagt zum Eis, auch wenn noch fast das ganze Mittagessen auf dem Teller liegt, wer den Zoowärter so lange bezirzen kann, bis er seinen Keks freiwillig teilt, der sollte es doch eigentlich auch fertigbringen, die Mama vom Fleck zu bewegen, denkst du. Nun liegst du ja nicht ganz falsch in deiner Annahme, mein Sohn, bloss setzt du den Hebel am falschen Ort an. Mama bewegt sich nicht vom Fleck, wenn man an ihr herumzerrt, dabei laut heulend eine unverständliche Forderung von sich gibt und in einem Akt von Verzweiflung versucht, die Frau, die dich im Bauch getragen hat, gegen das Schienbein zu treten. Okay, wenn du lange genug schreist, kann es schon mal sein, dass ich aus lauter Sehnsucht nach Ruhe nachgebe, aber dein Versuch, mich auch physikalisch von meinem Standpunkt wegzubewegen, ist zum Vornherein zum Scheitern verurteilt. Zumindest, solange ich noch ein Mehrfaches von dir wiege. Und ich hoffe doch sehr, dass du dich dereinst, wenn du schwerer sein wirst als ich, nicht mehr schreiend auf dem Fussboden windest, weil ich mich weigere, die Milch in den Abfluss zu kippen, bloss weil es dir nicht passt, dass ich zuerst die Milch, dann den Kakao eingefüllt habe. Nein, mein Prinzchen, auch wenn du kleiner Kerl dir eine beachtliche Machtposition in unserer Familie erkämpft hast, was die körperliche Kraft anbelangt, bist du den meisten noch unterlegen und darum ist es wirklich eine Energieverschwendung, an mir herumzuzerren.

Und eigentlich wüsstest du sehr genau, welche Waffen du einsetzen musst, wenn du willst, dass dir die Mama aus der Hand frisst. Hast du denn schon wieder vergessen, wie ich dahingeschmolzen bin wie Butter an der Sonne, als du neulich ganz beiläufig bemerktest „De Mami gseht so herzig uus“, was frei ins Hochdeutsche übersetzt bedeuten soll, dass ich zum Anbeissen aussehe? Weisst du nicht mehr, wie sich meine Laune schlagartig gebessert hat, nachdem du letzthin an einem sehr grauen Morgen meine geschmackvolle Garderobe gelobt hast? „Du häs sooo schöni Kleider!“, hast du mir gesagt und schon war ich ein bisschen weniger frustriert über die magere Auswahl, die mir mein Kleiderschrank momentan bietet.

Glaub mir, mein Prinzchen, in jenen Momenten hättest du fast alles von mir haben können. Nun gut, ich hätte die Milch auch dann nicht in den Abfluss gekippt, aber ich hätte zumindest so getan als ob. Mama manipuliert man mit zuckersüssem Augenaufschlag und netten Komplimenten, nicht mit Zerren, Treten und Brüllen. Merk dir das und übe weiterhin fleissig, es könnte dir in Teenagerjahren, wenn du eine zusätzliche Stunde Ausgang herausschlagen willst, ganz hilfreich sein.

Und hier noch, wie gewünscht, die Bilder unseres Familienzuwachses, etwas verwackelt, aber ich wusste nicht, wie lange sie stillhalten:

   

Leone

Henrietta

Versagermama

Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“

Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher  nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde? 

Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“

 

Stöberfieber

Seitdem es das Internet seinen Weg in unser Zuhause gefunden hat – also schätzungsweise seit etwa hundertfünfzig Jahren, denn ihr wollt mir doch wohl nicht weismachen, dass es einmal eine Zeit ohne Internet gegeben hat -, bin ich dem Stöberfieber verfallen. War ein Baby unterwegs, stöberte ich nach dem besten Kinderwagen, der schönsten Umstandskleidung, dem perfekten Nachtlicht. Stand Weihnachten vor der Tür, verglich ich die Preise der verschiedenen Anbieter und kaufte dann die Duplo-Eisenbahn dort, wo sie am günstigsten war. Sehnte ich mich nach Ferien, machte ich mich auf die Suche nach dem perfekten Ferienort.

Dabei verfolgte ich nicht primär das Ziel, auch wirklich etwas zu kaufen, denn solche Stöberorgien haben einen unschätzbaren Unterhaltungswert. Allein die gesammelten Absurditäten, die den werdenden Eltern angepriesen werden, sorgen für mehrere Tage ausgesprochener Heiterkeit. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, mir in der Schwangerschaft einen Gurt zuzulegen, der das Baby im Bauch mit klassischer Musik beschallt, um nichts in der Welt hätte ich mich dazu hinreissen lassen, einem meiner Babies eine Puppe mit leuchtendem Gesicht ins Bettchen zu legen und auch um den Baby-Anzug mit integriertem Mopp, von dem ich bis heute nicht weiss, ob es sich dabei um Spass oder Ernst handelte, machte ich einen weiten Bogen. Nein, solche Dinge habe ich nur gebraucht, um mich schiefzulachen, gekauft habe ich dann ganz vernünftig. Nun ja, bis auf dieses elende musikalische Töpchen, das ich für den Zoowärter anschaffte, aber das geschah aus reiner Verzweiflung, weil ich des Wickelns überdrüssig geworden war.

Leider werden die Gelegenheiten zum Stöbern weniger, je grösser die Kinder werden, denn jetzt stöbern sie selber. Die aktuelle Hitliste der Suchbegriffe: 1. Barockperücke 2. Empire-Kleid 3. Meerschweinchen 4. Pferd 5. Mundharmonika. Zu sagen habe ich da nicht mehr viel ausser „Nein, das kaufen wir nicht, das ist zu teuer.“ oder „Meerschweinchen kriegst du erst, wenn du endlich lernst, dein Zimmer in Ordnung zu halten“ was man auch übersetzen könnte als „Vergiss es. Solange du die Füsse unter meinen Tisch streckst kommt mir kein Tier ins Haus, dessen Käfig ausgemistet werden muss, denn am Ende bleibt die Arbeit doch an mir hängen, das weiss ich noch aus meiner eigenen Kindheit.“

Dabei sind Haustiere ja ideal dazu, die Stöberei fortzusetzen, wenn man keinen Babykram mehr braucht, denn bei Haustieren neigt der Mensch ja zu ähnlich absurden Einfällen wie bei Babies und Kleinkindern. Da gibt es zum Beispiel den Edelstahl-Trinkbrunnen, das „Erlebniscenter“, das Baldriankissen oder das Kratzschloss – alles für die Katz. Natürlich haben wir uns nicht darum dazu entschieden, unsere Familie um zwei Katzen zu erweitern, aber währenddem ich nach dem perfekten Katzenklo, der katzenfreundlichsten Transportkiste und dem kindersicheren Futternapf suche, kann ichgleich ein wenig stöbern. Nur so zum Spass. Sofern mich die Kinder überhaupt noch lassen. Möchte ja zu gerne wissen, weshalb die alle so fanatisch das Internet durchforsten…

Trifft (in hohem Mass teilweise nicht) zu

Jetzt muss ich doch noch einmal auf dieses unsägliche Laufbahnreglement zurückkommen, denn die Sache will mir einfach nicht aus dem Kopf. Mit diesem Laufbahnreglement will die Schule ja nicht nur die Leistungen der Schüler bewerten, man möchte auch das „Arbeits-, Lern und Sozialverhalten“ möglichst umfassend beurteilen. Da stellt sich die Lehrkraft unter dem Punkt „Gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“ zum Beispiel die Frage, ob sich das Kind um eine „exakte und ansprechende Darstellung bemüht“. Unter dem Punkt „Begegnet den Lehrpersonen respektvoll“ wird analysiert, ob das Kind mit Kritik umgehen kann, ob es anständig ist und „sich zu benehmen weiss“. Es gibt einen ganzen Katalog an weiteren Kriterien, welche bewertet werden sollen.

Aber wie bewertet man denn? Ähnlich wie in einer Marktforschungs-Umfrage, wie mir scheint. Die Lehrkraft kann nämlich ankreuzen: „Trifft in hohem Mass zu“, „Trifft zu“, „Trifft teilweise zu“ und „Trifft nicht zu“. Soweit so einfach. Was mich an der Sache aber beunruhigt ist, dass die Spalte „Trifft zu“ gelb unterlegt ist, denn, so hat es die Schulleitung erklärt, man wünscht sich, dass sich alle Kinder in möglichst allen Punkten in dieser Spalte befinden. Nun kann ich ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass man nicht gerade erfreut ist darüber, wenn ein Schüler in allen Bereichen ein „Trifft nicht zu“ erreicht. Ist ja nicht gerade angenehm, einen Querschläger in der Klasse zu haben, der weder mit Mitschülern noch Lehrern klarkommt und der jeden Tag die Hausaufgaben vergisst.

Was aber ist so schlimm daran, wenn man mal sagen muss, dass eine Sache nur teilweise zutrifft? Ich meine, würde man mein Arbeits- und Sozialverhalten genauer unter die Lupe nehmen, man würde wohl öfters mal ein „Trifft teilweise zu“ ankreuzen. Hätte man zum Beispiel gestern beurteilen müssen, ob ich mich „durch Erwartungen / Anforderungen unter Druck setzen lasse“, man wäre ganz klar zum Schluss gekommen, dass dies sehr wohl zutrifft. Vor allem, wenn ich nachts um eins noch immer verbissen und den Tränen nahe an dieser Broschüre arbeite, die doch endlich in Druck gehen sollte. Würde man an einem ganz gewöhnlichen Tag untersuchen, ob ich anständig bin und mich zu benehmen weiss, man könnte bestätigen, dass dies durchaus zutrifft. Aber glaubt mir, das Urteil würde ganz anders ausfallen, wenn man mich zufällig an einem Hausfrauenfrusttag kombiniert mit quengeligen Kindern und PMS erlebte. An solchen Tagen ist ein „Trifft teilweise zu“ eine Glanzleistung, die nicht zu verachten ist. Unter Erwachsenen akzeptiert man, dass es im Leben gute und schlechte Tage gibt und solange einer nicht komplett ausfällig wird, drückt man schon mal ein Auge zu, auch wenn der Tonfall etwas gehässiger als gewöhnlich war. Warum aber erwartet man von den Kindern eine Ausgeglichenheit, die wir selber nicht hinkriegen? Haben die Kinder kein Recht auf „Trifft teilweise zu“-Tage? Oder gar auf „Trifft nicht zu“-Tage?

Ja, dann wäre da natürlich noch die Spalte „Trifft in hohem Mass zu“. Auch die ist offenbar unerwünscht. Zumindest verstehe ich das so, denn wäre sie erwünscht, wäre sie bestimmt auch gelb eingefärbt. Wenn ich ganz nett und gnädig gestimmt bin, erkläre ich mir dies damit, dass man Kinder und Eltern nicht zu sehr unter Druck setzen will. Vermutlich will man uns sagen, dass gut schon ausreichend ist und dass es nicht nötig ist, sich abzukämpfen, um es auf Stufe „sehr gut“ zu bringen. Wenn ich weniger gnädig gestimmt bin – und das kann durchaus vorkommen, wenn man mir beim Schulbesuch sagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat hätte zwar eine geniale Zeichnung gemacht, hätte dafür aber viel zu viel Zeit gebraucht -, dann sehe ich darin eine andere Aussage: „Du darfst gut sein, ja, du musst sogar. Aber bitte sei nicht zu gut, denn damit bringst du unser Programm durcheinander und das ist anstrengend.“

Wenn ich meine Kinder so anschaue, an all die unzähligen Hochs und Tiefs unseres Zusammenlebens denke, mir überlege, mit welchen Stärken sie brillieren und mit welchen Schwächen sie an ihre Grenzen stossen, dann wird mir klar, dass sie keine „Trifft zu“-Kinder sind. Das Spektrum reicht von „Trifft in hohem Masse zu“ bis zu „trifft überhaupt nicht zu“ und zwar bei jedem Kind, an jedem Tag. Natürlich, so, wie ich sie kenne, werden sie sich ernsthaft darum bemühen, ins „Trifft zu“-Schema zu passen, sie nehmen die Schule ja ernst und das ist soweit okay. In meiner Erfahrung ist es aber so, dass sie vor lauter Anstrengung, in der Schule in die gelbe Spalte zu passen, zu Hause so ausgelaugt sind, dass sie in den Bereichen „Kann sich mühelos entspannen und fröhlich sein“ nur noch ein „Trifft teilweise zu“ erreichen würden. Und an ganz anstrengenden Schultagen müsste ich beim Bereich „Geniesst das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern und trägt zu einem friedlichen, hilfsbereiten Familienklima bei“ ein „Trifft nicht zu“ eintragen.

Ich schreibe „würde“ und „müsste“, weil wir bei uns in der Familie davon absehen eine „Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens“ zu erarbeiten. Ziemlich unprofessoinell, ich weiss, aber deutlich lebensnaher, wenn ihr mich fragt.

Schulfrust

Okay, ich weiss, das Thema hängt euch wohl langsam zum Hals heraus, aber einmal muss ich mir noch Luft verschaffen, bevor ich das Thema für eine Weile bleiben lasse. Versprochen, grosses Ehrenwort. Ich werde euch nicht mehr mit meinem derzeitigen Schulfrust belästigen, bis… nun, sagen wir, bis zum nächsten Elternabend, der… hmmm…lasst mich mal in der Agenda nachschauen, wann der schon wieder stattfindet…. ach ja, hier steht es: Nächsten Montag. Mist, das ist keine besonders lange Nicht-über-Schulfrust-jammern-Pause. Dann werde ich eben versuchen, meinen Frust beim nächsten Mal hinunterzuschlucken. Aber heute muss ich einfach noch einmal…

Angefangen hat es bereits heute früh, als der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder nicht rechtzeitig aus dem Haus kam. Er hat mir ja damals im Kindergarten hoch und heilig versprochen, dass er, wenn er erst mal ein Erstklässler sei, morgens immer schön brav aus dem Haus gehen würde. Und, wie lange hat er sein Versprechen gehalten? Genau zwei Wochen lang, in der Schulwoche drei ist er meines Wissens noch kein einziges Mal rechtzeitig im Unterricht erschienen. Nun verstehe ich natürlich schon, dass ein Kind rechtzeitig zur Schule antraben muss, aber so langsam stellt sich mir die Frage, warum denn ausgerechnet unser drittes Kind, das mit einem Wissensdurst von beinahe unbegrenztem Ausmass ausgestattet ist, sich so schwer damit tut, zu der Stätte des Lernens zu gehen. Liegt das wirklich nur an ihm? Oder gar an mir, die ich nicht fähig bin, das Kind richtig zu motivieren?

Frust Nummer zwei erwartete mich, als ich mittags nach Hause kam. Auf dem Küchentisch fand ich einen Zettel mit einem sehr traurig dreinblickenden Zahn drauf. Die Zeichnung war wirklich originell, aber mir schwante dennoch Übles. „Mist! Der Zoowärter hat wohl Löcher in den Zähnen. Ich hab’s doch geahnt, dass nicht jedes unserer Kinder vom Schulzahnarzt kerngesunde Zähne attestiert bekommt.“, waren meine ersten Gedanken. Als ich dann las, was auf dem Zettel konnte ich fürs Erste aufatmen. Keine Löcher, gut so, mein kleiner Zoowärter. Doch was ich las, stimmte mich dennoch nicht fröhlich.  „Liebe Frau Venditti“, stand da nämlich „Der Zoowärter hat die Untersuchung verweigert. Neuer Termin: (Sie + Kind)….. Ich bitte Sie, pünktlich zur Untersuchung zu erscheinen.“ Da habe ich das Urteil also schwarz auf gelb: Mein viereinhalbjähriger Sohn ist ein Schulzahnarztverweigerer. Hat sich einfach geweigert, sich auf diesen absolut schrecklichen Zahnarztstuhl, der nicht nur mich, sondern auch andere Eltern, an ein Foltergerät aus alten Zeiten erinnert, zu setzen. Seufzend legte ich den Brief beiseite, trug den Termin, zu dem ich + Kind gefälligst pünktlich zu erscheinen haben, in den Kalender ein und dachte voller Sehnsucht daran zurück, wie die Besuche beim Schulzahnarzt zu Zeiten von Karlsson und Luise noch waren. Die mussten zwar auch in jenes hässliche Untersuchungszimmer, aber die Lehrerin setzte sich gemeinsam mit dem Kind auf den Stuhl des Schreckens, wenn  die Angst vor dem Zahnarzt zu gross war. Dass das Lieblingsstofftier dabei sein durfte, war selbstverständlich; wenn ich mich recht erinnere, schrieb die Kindergärtnerin gar einen Brief an die Eltern, mit der Bitte, man möge dem Kind doch ein Stofftier mitgeben, wenn es dies wünsche. Ich glaube, es gab damals kein einziges Kind, das sich gegen den Untersuch gewehrt hat, und falls doch, dann war danach bestimmt nicht von Verweigerung die Rede, sondern wohl eher von Angst, welche das Kind überwältigt hatte.

Frust Nummer drei schliesslich war der erste Punkt am heutigen Elternabend der Erstklässler: „Laufbahnreglement – Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits- Lern und Sozialverhaltens“. Ich werde euch nicht mit Details langweilen, für einmal drücke ich mein Empfinden „mathematisch“ aus: Laufbahnreglement + quirliger Erstklässler = schulfrustrierte Mama. So einfach ist das. Und so schwierig zugleich.

Ob er mir damit etwas sagen will?

Notiz von einem meiner Söhne: „Liebe Mama, ich konnte nicht weitermachen  beim Bücherstempeln – weil Stempel verklemmt ist. Und du nicht reagiert hast. Liebe Grüsse Dein Sohn“

Mist! Zuweilen können diese Kinder einen ganz schön in Frage stellen mit ihrer Ehrlichkeit.

Ob ich etwas zuviel gearbeitet habe in letzter Zeit?

Elterngespräche

Elterngespräch 2006
Karlsson ist wirklich ein netter Junge. Er hört sehr interessiert zu, führt seine Aufträge gewissenhaft aus und man spürt auch, dass er viel weiss. Leider zeigt er dies aber viel zu wenig, man muss ihn regelrecht dazu drängen, sein Wissen preiszugeben. Im Kreis meldet er sich nie zu Wort, im Einzelgespräch schafft man es manchmal, ihn zum Reden zu bringen. Mir scheint, dass man sein Selbstvertrauen dringend stärken sollte. Haben Sie auch schon daran gedacht, den Jungen in einen Selbstverteidigungskurs zu schicken? Oder vielleicht  ins Karate? Einfach etwas, was ihn etwas selbstbewusster macht? 

Elterngespräch 2008
Luise ist wirklich ein nettes Mädchen. Sie hört interessiert zu, führt ihre Aufträge gewissenhaft aus und ab und zu wagt sie, zu zeigen, was sie kann. Meistens aber ist sie im Unterricht sehr still und zurückhaltend, beobachtet man sie in der Pause, erkennt man einige Ansätze von ihrem Temperament, welches sie durchaus öfters auch im Unterricht einbringen dürfte. Es wäre schön, wenn sie etwas selbstbewusster auftreten würde. Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht darüber, wie Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Tochter stärken könnten?

Elterngespräch 2010
Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist  wirklich ein netter Junge. Er hört interessiert zu und weiss auch sehr viel. Im Kreis meldet er sich jedoch kaum zu Wort, sein Wissen und seinen Schalk erkennt man nur im Einzelgespräch. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er ziemlich bockig sein, ansonsten dürfte er durchaus noch etwas selbstbewusster auftreten. Vielleicht können Sie ihn dazu ermutigen, sich etwas mehr einzubringen.

Erste Rückmeldung der Lehrerin 2011
Der Zoowärter ist wirklich ein netter Junge. Ich hätte gar nicht erwartet, dass er sich bereits am ersten Kindergartentag so laut und deutlich zu Wort meldet. Manchmal erweckt er den Anschein, etwas verträumt zu sein, aber wenn er mal aufdreht, erkennt man, dass er sehr genau weiss, was er will. Im Vergleich zu seinem grossen Bruder tritt er deutlich selbstbewusster auf.

Elterngespräch 2013???
Das Prinzchen ist wirklich ein netter Junge. Er bringt sich überall ein und hat auch keine Angst davor, sich im Kreis zu Wort zu melden. Manchmal tritt er aber etwas allzu selbstbewusst auf. Sehen Sie eine Möglichkeit, wie Sie Ihrem Sohn etwas mehr Zurückhaltung beibringen könnten? Vielleicht einen Meditationskurs, bei dem das Kind lernt, etwas zur Ruhe kommen kann…. 

 

 

 

Heute verstehe ich…

… weshalb meine Mutter sich stets so dagegen stemmte, den „Döschwo“ mit offenem Verdeck zu fahren. Damals dachte ich ja, sie sei eine Spielverderberin, heute bewundere ich sie masslos dafür, dass sie immerhin ab und zu üble Nackenschmerzen in Kauf nahm, um uns den Spass nicht bei jeder Fahrt zu verderben. Ich stimme ja bereits ein Gezeter an, wenn Wohnungs- und Balkontüre zur gleichen Zeit offen stehen.

… weshalb meine Mutter bei Kind Nummer sieben nicht allzu erpicht war darauf, es bei jedem Spaziergang auf den Arm zu nehmen. Zumal Kind Nummer sieben damals mindestens vier Jahre alt und durchaus in der Lage war, auf eigenen Füssen zu gehen. Bei mir kommt ja bereits Kind Nummer fünf öfters mal zu hören, dass Mamas müde Knochen einfach keine Lust haben auf die ganze Schlepperei. Und dabei ist Kind Nummer fünf noch nicht mal drei Jahre alt, aber sehr wohl in der Lage, selber zu gehen, auch wenn er in letzter Zeit immer mal wieder das Gegenteil behauptet.

… weshalb sich meine Eltern Sonntag für Sonntag nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnten. Damals wollte ich natürlich nicht verstehen, weshalb sie nicht lieber mit uns in den Zoo oder in den Wald gingen, aber heute, wo ich selber Sonntag für Sonntag nach dem Mittagessen gar nicht anders kann, als tief und fest zu schlafen, muss ich sagen, dass sie damals genau das Richtige getan hatten. 

… dass meine Mutter meinen Bruder manchmal einfach gewähren liess, wenn er beim Einkauf Schokolade und Gummibärchen in den Einkaufswagen schmuggelte. Damals hatte ich das Gefühl, der Junge könne sich alles erlauben, bloss, weil er diese hinreissende Grübchen hatte, wenn er lächelte. Heute ahne ich, dass meine Mutter es wohl einfach müde war, immer und immer und immer wieder zu fordern, dass er die Schmuggelware sofort ins Gestell zurücklegt. Vielleicht aber war sie auch gar nicht richtig wach, sondern schleppte sich schlafwandelnd mit ein paar Kindern im Schlepptau durch den Laden und bekam deswegen gar nichts mit von all den Schmuggelversuchen. Das ist natürlich nur eine Vermutung, basierend auf eigenen Erfahrungen. Ich möchte meiner Mutter ja nichts unterstellen…

… noch so Vieles, was ich damals nicht verstand. Weshalb meine Mutter beim Bezahlen der Rechnungen immer so angespannt war und dabei nicht gestört werden wollte. Weshalb sie es nicht ausstehen konnte, wenn wir beim Telefonieren stets um sie herumschwirrten und wissen wollten, wer am anderen Ende der Leitung war. Warum sie es nicht ausstehen konnte, wenn ich von der Schule nach Hause kam und motzte, weil es nicht das Essen gab, das ich so gerne gehabt hätte. Weshalb sie mir dann trotzdem erlaubte, Brot zu essen, anstatt stundenlang mit angewidertem Gesichtsausdruck vor einem Teller mit Spinatwähe zu sitzen. 

Ja, ich verstehe meine Mutter heute ziemlich gut. Eines aber begreife ich noch immer nicht: Warum liess mich meine Mutter als Fünfzehnjährige nicht zu der einzigen Party gehen, zu der ausnahmsweise mal ganz nette, wohlerzogene Jungs und nicht irgendwelche zwielichtigen, vernachlässigten Rotznasen eingeladen hatten? Und warum brummte sie mir, als ich mich trotz ihres Verbots heimlich aus dem Haus schlich, drei Monate Hausarrest auf? Das kann ich nun wirklich nicht verstehen, noch immer nicht. Ob ich es in vier oder fünf Jahren verstehen werde?

Und für alle, die nicht wissen, was ein „Döschwo“ ist, hier seht ihr einen und zwar einen, wie wir ihn hatten, als ich noch sehr jung und sehr verständnislos war, so verständnislos, dass ich mir der Gefahren eines zurückgerollten Verdecks noch in keiner Weise bewusst war:

Sinnkrise abgewendet

Unser Planungswerk schreitet munter voran. Legten wir vergangenen Sonntag bloss fest, was wann getan werden muss und wer zu welchem Zeitpunkt überhaupt nichts tun muss/darf, so sind wir heute einen Schritt weiter gegangen: Wir haben zumindest auf dem Papier die ärgsten Stressfallen eliminiert. Jetzt wissen wir also nicht bloss, an welchen Tagen die Kinder bei der Wäsche helfen müssen und wann und bei welchen Lehrerinnen der erste Elternabend der diesjährigen Saison stattfindet, wir haben jetzt auch festgelegt, an welchen Tagen „Meiner“ das Prinzchen in die Krippe bringt und an welchen Abenden das Mittagessen vorgekocht werden muss. Damit ich morgens nicht mehr wie eine Furie mit Kindergarten- und Kleinkind durchs Dorf hetzen muss und sich mittags nicht mehr sieben hungrige und genervte Vendittis gegenseitig die wohlverdiente Pause verderben. Wenn das so weitergeht mit uns – und wenn wir es hinkriegen, die Pläne vom Papier in den Alltag zu übertragen – dann werden wir am Ende noch eine ganz gewöhnliche Grossfamilie, die ohne viel Drama ihren Alltag meistert. 

Eigentlich bin ich ja ganz froh, wenn wir das Chaos zumindest ansatzweise in den Griff kriegen. Und doch kam heute Abend, als ich den Dampfnudelteig für morgen Mittag knetete, eine leise Angst in mir hoch. „Entwickelst du dich jetzt allmählich zu einer jener Hausfrauen, die einmal im Monat drei oder vier Gerichte in riesigen Mengen vorkochen und dann einfrieren, damit sie nicht mehr zu oft in der Küche stehen müssen?“, fragte ich mein müdes Selbst, das sich eigentlich viel lieber mit der Zeitung aufs Sofa verzogen hätte. „Kommt es tatsächlich noch so weit, dass du, die du so gerne kochst und noch lieber isst, deine Familie und dich selber mit dem immer gleichen Futter abspeist, nur damit dein Alltag etwas beschaulicher wird?“ Ich war auf dem besten Weg, mich in eine uferlose Sinnkrise zu stürzen, die wohl darin geendet hätte, dass ich den wahnwitzigen Entschluss gefasst hätte, wieder Vollzeithausfrau zu werden. Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass hausgemachte Dampfnudeln wohl kaum in die Kategorie der „im Handumdrehen zubereitet“-Rezepte gehören und dass ich somit weiterhin von mir behaupten darf, zwar eine miserable Hausfrau, dafür aber immerhin eine leidenschaftliche Köchin zu sein. 

Hinterhältig? Na und?

Ihr dürft mich getrost ein hinterhältiges Miststück schimpfen, ich schäme mich trotzdem nicht dafür, dass ich dem Prinzchen heute Abend heimlich Gute-Nacht-Tee in den Feierabend-Kakao gemischt habe. Nach zwei Wochen Prinzchen bis kurz vor Mitternacht liegen meine Nerven derart blank, dass ich meinen allerliebsten Jüngsten nach neun Uhr abends nur noch friedlich schlafend aushalten kann. Ich weiss, das klingt jetzt hart, aber ihr könnt mir glauben, dass man es am Ende eines sehr langen Tages nicht mehr besonders süss findet, wenn ein kleiner Mensch abends um halb elf die Vorratskammer plündert, den Küchenschrank ausräumt und mit der WC-Bürste hantiert, anstatt brav im Bett zu liegen, wie es sich für einen mehr oder weniger wohlerzogenen, übermüdeten beinahe-Dreijährigen gehört.

Darum also der Gute-Nacht-Tee, darum die ungewohnte Ruhe abends um halb zehn, darum auch die wunderbare Aussicht auf ein völlig ungehindertes Wäscheaufhängenfaltenwaschenküchesaubermacheneingangaufräumenfussbodenfegen. Wenn ich mich dabei nicht vollkommen ungeschickt anstelle, reicht die Zeit vielleicht noch für die ersten zehn Minuten des Films, den ich mir für heute Abend ausgeliehen habe.

Zuweilen muss man einfach hinterhältig sein, wenn man für die lieben Kleinen auch in ihren anstrengenden Lebensphasen noch genügend Nerven haben will.