Ausnahmsweise mal ein Kochrezept oder wie man verschrumpelten Heidelbeeren das Leben rettet

Heulen hätte ich können, als ich bei unserer Heimkehr aus den Ferien sah, was die Sommerhitze unseren Heidelbeerbüschen angetan hatte. Nämlich das hier:

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Beeren trugen die Büsche noch, aber sie waren verschrumpelt und trocken. Gut, ich konnte mir somit immerhin die Stromkosten für den Dörrex sparen, aber wer hat denn behauptet, ich hätte die Beeren dörren wollen? Nein, frisch und saftig hätten wir sie geniessen wollen, oder zumindest frisch und saftig aus dem Tiefkühler.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. Ob wir denn in Schweden nicht genug Blaubeeren gegessen hätten? Nein, haben wir nicht. Kann ein Mensch je in seinem Leben genug Blaubeeren essen? Ich bezweifle es und darum schmerzte mich das Schicksal unserer Beeren zutiefst. Also beschloss ich, die armen verschrumpelten Dinger dennoch abzulesen und zu Blåbärkräm zu verarbeiten. Das geht so:

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Also, etwas genauer ausgedrückt so:
500 Gramm Heidelbeeren (oder 500 Gramm von sonst irgend etwas Himmlischen, z. B. Pfirsiche, Erdbeeren, Aprikosen, Himbeeren…) mit etwas Wasser aufkochen und – wenn man unbedingt kompliziert sein will – durch ein Sieb streichen. Die Beeren mit 4 dl Wasser und ca. 70 bis 100 Gramm Zucker in die Pfanne zurückgeben und aufkochen. 2.5 Esslöffel Kartoffelstärke in etwas Wasser auflösen, die Pfanne vom Herd nehmen, die Stärke einrühren. Zurück auf den Herd, aber nur noch so lange kochen, bis sich erste Blasen bilden.
Die abgekühlte Kräm mit oder ohne Rahm geniessen und von Schweden träumen.

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Nicht alles Gold, was glänzt

Ja, ich weiss, wenn ich jetzt schreibe, in Schweden sei auch nicht alles perfekt, dann glaubt ihr mir nach meiner Schwärmerei der vergangenen Tage nicht mehr. Aber es gibt tatsächlich ein paar Dinge, mit denen ich absolut nich klarkomme:

1. An der riesigen Bonbon-Auswahl komme ich inzwischen locker vorbei. In meinem Alter lässt man sich nach dem ersten Zuckerrausch nicht mehr so leicht verführen. Bei den zig Varianten Lakritze wird es schon schwieriger, doch auch hier werde ich nur noch schwach, wenn der Einkauf mit den Kindern allzu herausfordernd war. Doch wie um alles in der Welt soll ich widerstehen können, wenn nach den Süssigkeiten und der Lakritze das Regal mit den Nüssen kommt? Wer ist denn schon stark genug, nein zu sagen zu Kardamom-Joghurt-Haselnüssen und Zimt-Mandeln?

2. Die Schweden scheinen noch nicht bemerkt zu haben, dass die Welt nicht ausschliesslich von normannischen Riesen bevölkert ist. Ob Einkaufswagen, Ladentheke, Bankomat oder Kasse, alles ist so hoch, dass Mama Venditti sich vorkommen muss wie ein Zwerg, der sich in die Welt der Riesen verirrt hat.

3. Eigentlich könnten mir die schwedischen Nacktschnecken ja vollkommen egal sein, ist es doch nicht mein Gemüse, das sie anfressen. Doch wer die Biester mal auf dem Rasen vor dem Haus gesehen hat – riesengross und rabenschwarz -, der wagt sich nur noch mit äusserster Vorsicht barfuss aus dem Haus.

4. Warum können diese guten Menschen nicht einfach von Wasser, Knäckebrot und Hering leben? Wie um alles in der Welt sollen wir es in vier Wochen schaffen, uns durch die ganze Auswahl zu probieren: Lingon, Smultron, Jordgubbar, Apelsin, Hjortron, Päron, Hallon, Blåbär, Björnbär, Flädder, Kanel und das in jeder Abteilung, von den Getränken über die Milchprodukte bis hin zum Brot? Zum Glück bin ich Vegetarierin, dann kann ich zumindest das ganze Kött- und Korv-Sortiment links liegen lassen. Und glaubt mir, das Zeug ist einzeln gar nicht so teuer. Teuer wird es erst, wenn man immer noch etwas findet, das man kosten möchte.

5. Natürlich ist es nett, dass die Menschen hier so zuvorkommend sind, doch wie soll ich meine rudimentären Schwedischkenntnisse je erweitern, wenn die immer gleich Englisch mit mir reden, wenn ich um Worte verlegen bin?

6. Für meinen Geschmack hat es eindeutig zu viele Beeren im Wald. Wie sollen wir je einen Elch zu Gesicht bekommen, wenn wir pausenlos auf den Boden starren, damit wir uns mit Heidel- und Walderdbeeren vollstopfen können?

Ihr seht also, auch in Schweden ist nicht alles Gold, was glänzt. Und das Schlimmste ist: Wenn man mal hier ist, träumt man sogleich davon, nächstes Jahr wieder zu kommen.

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Traumhaft

Wenn ein Abendspaziergang mit der Familie ganz unerwartet zu einer privaten Führung mit einem ortskundigen Reiseleiter wird,…

Wenn du nur mal schnell dem Prinzchen die Kälbchen zeigen willst und ihr gleich in den Stall gebeten werdet, wo dein staunender Jüngster sieht, wie die Milch von der Kuh in den Tank kommt,…

Wenn dich die Leute bei jedem Wort, das du auf Schwedisch stammelst, mit Lob überhäufen,…

Wenn du zum ersten Mal im Leben wild wachsende Bartnelken siehst,…

Wenn es an jeder Strassenecke frische, süsse Erdbeeren zu kaufen gibt,…

Wenn du anfängst, mit einem wildfremden Menschen in einem Mix aus gebrochenem Englisch und gebrochenem Schwedisch über die Vorzüge eines Gewächshauses zu fachsimpeln,…

Wenn die Häuser rot, gelb, blau, rosa, hellgrün, dunkelgrün… auf gar keinen Fall aber grau sind,…

Wenn du keine Worte findest, um die Schönheit der Natur zu beschreiben,…

Wenn Lachs aus nachhaltiger Fischerei so günstig ist, dass die ganze Familie davon satt wird,…

…dann läuft Mama Venditti Gefahr, zu glauben, in Schweden sei alles besser als zu Hause.

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Dialog am frühen Morgen

Mama: „Zoowärter, weisst du denn schon, was es heute zum Abschiedsessen im Kindergarten gibt?“

Zoowärter (noch ziemlich verschlafen): „Süssigkeiten…“

Mama: „Süssigkeiten? Soooo fein. Und was gibt es sonst noch?“

Zoowärter (überlegt lange): „Ketchup.“

Mama: „Und was noch?“

Zoowärter (überlegt wieder lange): „Pommes Chips.“

Mama: „Toll! Und was noch?“

Zoowärter: „Mayonnaise.“

Mama: „So ein tolles Menü für eine Abschiedsparty. Gibt es denn sonst noch etwas?“

Zoowärter (wie aus der Pistole geschossen, zumindest, wenn man bedenkt, dass er noch nicht ganz wach ist): „Wenn wir alles Ungesunde aufgegessen haben, dann essen wir Früchte.“

In den vergangenen Monaten habe ich viel gewettert über die Volksschule, aber solange es noch Kindergärtnerinnen gibt, die sich mutig über den „Wir machen immer alles auf den Punkt genau nach Vorschrift“-Wahn hinwegsetzen, ist noch nicht alles verloren. Ich bitte um einen grossen Applaus für die zwei tapferen Heldinnen.

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Veggie-Pride?

Nein, ich esse das Zeug nicht, schon seit ich zehn war nicht mehr. Wirklich nicht, auch keinen Schinken und keine Salami. Tut mir Leid, auch kein Poulet. Habe ich zwischendurch mal, der Schwiegermutter zuliebe, doch dann tischte sie mir Hühnerhälse auf. Ja, ganz selten einmal Fisch, aber nicht viel. Echt, es fehlt mir nicht. Nein, auch das saftige Steak nicht, wenn grilliert wird. Habe noch nie im Leben eines gegessen, wie sollte es mir da fehlen? Früher hätte ich es noch eher gekonnt, aber heute? Nie im Leben.

Aus Überzeugung, ja. Und auch einfach darum, weil ich es nicht mag, noch nie richtig gemocht habe. Vor allem nicht, wenn die Lämmer, denen wir eben noch die Flasche gegeben hatten, auf dem Teller landeten. Ja, für die Familie koche ich Fleisch, aber nicht viel, etwa zwei- bis dreimal die Woche. Ich kann die anderen ja nicht dazu zwingen, es mir gleich zu tun. Nein, das geht schon, ich richte mich einfach nach meiner Nase: Wenn es für mich nicht mehr stinkt, dann ist es gut. Echt, sie sind dann jeweils ganz zufrieden.

Ich weiss nicht, wie oft ich in den vergangenen 28 Jahren die immer gleichen Fragen beantwortet habe und es erstaunt mich, dass sie noch immer gestellt werden, wo doch inzwischen jeder Zweite irgendwie Vegetarier ist, oder es schon versucht hat, oder es gerne wäre, wenn er denn die Willensstärke dazu hätte. Manchmal nerven mich die Fragen. Ganz selten einmal wünsche ich mir, die Auswahl im Restaurant wäre grösser, aber das kommt kaum noch vor. Hin und wieder ärgere ich mich über Leute, die Hühnchen-Lasagne für ein vegetarisches Gericht halten. Dennoch käme es mir nicht im Traum in den Sinn, auf die Strasse zu gehen, um für mehr Akzeptanz für Vegetarier zu demonstrieren. 

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Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

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Wieder mal ein paar Dinge gelernt

  • Man kann durchaus ein paar Monate damit leben, das Geschirr jedes Mal zwei Treppen hochzutragen, um den Geschirrspüler zu füllen. Man kommt sogar einige Monate ganz ohne Geschirrspüler klar, wenn der Ersatzgeschirrspüler ebenfalls seinen Geist aufgibt. Mit funktionierendem Geschirrspüler im gleichen Raum, in dem gekocht wird,  ist das Leben jedoch ganz eindeutig schöner als ohne. 
  • Auch wenn gewisse Ämter einen miesen Ruf haben, trifft man dort gelegentlich auf sehr nette Menschen. Gut, vielleicht waren die Leute nur nett, weil sie auf den ersten Blick erkannten, dass ich ihre Leistungen weder wünsche noch brauche. 
  • Auch zwei vollkommen unsportliche Menschen bringen es fertig, ein Kind miteinander zu zeugen, das beim Rennen um den Titel „Der Schnellste im Dorf“ mitmachen darf. Es sagt wohl ziemlich viel über die Unsportlichkeit des Paares aus, wenn es ganze vier Versuche braucht, bis ein solches Kind zustande kommt…
  • Musst du morgens nicht aus dem Haus, bringst du es auch weit über Dreissig noch zustande, eine Nachtschicht nach der anderen zu schieben. Wehe aber, du musst eines Morgens raus. Dann spürst du sehr schnell, was für eine Memme dein Körper geworden ist.
  • Nacktschnecken ist es vollkommen egal, ob die Pflanzen im Freiland oder im Gewächshaus wachsen. Gibt es einen Weg, wie sie ins Gewächshaus reinkommen, dann finden sie ihn, darauf kannst du Schneckenkörner nehmen.
  • Bloss weil du nach wochenlangem Regenwetter und Fronleichnams-Brücke die Nase voll hast von Kindern, die gelangweilt auf dem Sofa herumlümmeln, heisst das noch lange nicht, dass die Magen-Darm-Seuche einfühlsam genug ist, um deine Kinder bei dieser Runde zu verschonen. Und weil du die Knöpfe erst wieder zur Schule schicken kannst, wenn sie voll und ganz genesen sind, lümmeln sie eben noch ein wenig länger.
  • Mitt Buttermilch und Zitronenschale im Teig isst sogar das Prinzchen Vollkornbrot, auch dann, wenn seine Nase ihm vorgegaukelt hat, die Mama habe Butterzopf gebacken. 
  • Gummistiefel sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher stand ein Paar locker zehn Geschwister hintereinander durch und leistete danach auf irgend einem Bauernhof in Rumänien noch mal zwanzig Jahre  tadellosen Dienst. Heute brauchst du in jeder Saison mindestens ein Paar pro Kind. Kaufst du teure Modelle, brauchst du zwei bis drei Paar pro Kind, denn die teuren Modelle sind nur teuer, weil irgend ein Designer viele Stunden aufgewendet hat, um einen Gummistiefel zu gestalten, der nicht wie ein Gummistiefel aussieht. Dass auch ein Gummistiefel, der nicht wie einer aussieht, bei Regenwetter dicht halten sollte, hat der Designer dabei übersehen. 

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Bitte erst nach dem Frühstück lesen

Heute früh beim ersten Erwachen eine beängstigende Entdeckung: Isst den Kind abends Fast Food einer bekannten Sorte, riecht das Erbrochene am nächsten Morgen – nach gar nichts. Du kannst aufputzen und danach ganz beruhigt wieder einschlafen, weil du so etwas einfach nicht richtig ernst nehmen magst. Wenn schon erbrechen, dann richtig, mit Drama und Gestank, dann weiss man zumindest, dass das Kind sich mit anständigem Essen den Magen verdorben hat. Ein Grund mehr, so wenig Fast Food wie möglich zu essen.

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Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

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Ausgedient

Unser Mikrowellengerät ist tot. Ein Relikt aus der Zeit, als ich mich innerlich von meinem grünen Elternhaus distanzierte, ist nicht mehr. Zu meiner Ehrenrettung muss ich klarstellen, dass das Gerät während unserer fast fünfzehn Jahre dauernden Beziehung nicht eine Mahlzeit gekocht hat. Mehr als auftauen und aufwärmen gestattete ich ihm nie.

Wie das Leben so spielt, begann das, was meine Eltern mir mitgegeben haben, erst im Laufe der Jahre zu spriessen und inzwischen könnte ich all das, was sie damals predigten, voll und ganz unterschreiben. Dies führte auch dazu, dass mein Mikrowellengerät und ich uns allmählich auseinanderlebten. Ich brauche hier nicht ins Detail zu gehen, man weiss ja, wie viele kleine Meinungsverschiedenheiten allmählich zum grossen Zerwürfnis führen können. Irgendwann duldete ich das Gerät nur noch aus sentimentalen Gründen. Ein Hochzeitsgeschenk der ältesten Schwester stellt man nicht einfach so vor die Türe.

Ich weiss, es spricht nicht für mich, dass ich dem Gerät insgeheim den Tod wünschte, aber ich ertappte mich dennoch öfters bei diesem Gedanken. Heimlich begann ich, mich nach einer Alternative umzusehen und irgendwann war klar, dass mein nächster Gefährte ein Steamer sein muss. Diesen Gedanken behielt ich lange für mich. Man posaunt seine Trennungsabsichten ja nicht einfach so heraus. Als ich aber neulich dabei zusah, wie meine Schwester mal kurz die Milch im Steamer erwärmte, konnte ich nicht mehr länger an mich halten. „Das wird mein Nächster“, gestand ich ihr und erstaunlicherweise bekräftigte sie mich in meinem Ansinnen.

Obschon ich das Geständnis in einer fremden Küche ablegte, muss mein Mikrowellengerät doch gespürt haben, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht ist. Zwei oder drei Tage später gab es den Geist auf und ich treuloses Wesen ersteigerte bei Ricardo einen Steamer, noch ehe die ausgediente Mikrowelle der Entsorgung zugeführt war.

Jetzt, wo meine neue Liebe ihren Platz in der Küche eingenommen hat, frage ich mich, wie ich die freudlose Beziehung so lange habe aushalten können. Wenn das Prinzchen zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig und mit Genuss Kürbis isst und wohl etwa zum vierten Mal im Leben überhaupt nach Nachschlag verlangt, kann man ohne Übertreibung von einem durchschlagenden Erfolg reden. Ich geh dann mal Gemüse dämpfen…

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