Launisch

Heute bin ich schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Warum? Ich weiss es nicht, aber es könnte etwas damit zu tun haben, dass das Prinzchen mich entgegen seiner Gewohnheit um sechs Uhr früh geweckt hat. Und das nachdem ich mich eine volle Woche auf einen gemütlichen Samstagmorgen gefreut hatte. Vielleicht liegt es auch an den Unmengen von Koffein, die ich in mich hineingeschüttet habe, weil ich mich wach halten musste. Oder vielleicht bin ich einfach nur genervt, weil ich mich auf einen friedlichen Nachmittag mit dem Prinzchen gefreut hatte, der aber ins Wasser fiel, weil Karlsson sich weigerte, in die Jungschar zu gehen und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf gar keinen Fall den Rest der Familie zum türkischen Kochkurs begleiten wollte.

Ist ja auch nicht so wichtig, warum ich schlecht gelaunt bin, Tatsache ist, dass ich so stinkig bin, dass mir nur noch eines bleibt: Backen. Das mache ich immer, wenn ich sauer bin. Nun ja, manchmal mache ich es auch, wenn ich nicht sauer bin, aber  bei schlechter Laune überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang etwas zu backen und zwar sofort. Je mieser die Laune, umso aufwendiger muss die Sache sein. Heute muss meine miese Laune einen neuen Höhepunkt erreicht haben, denn ich wagte mich tatsächlich nach Jahren des Zögerns an meinen ersten hausgemachten Plunderteig. Tour für Tour bearbeitete ich meinen Ärger mit dem Wallholz, Tour für Tour schimpfte ich auf den armen unschuldigen Teig, bis die ganze Butter aufgebraucht war und meine miese Laune sich noch immer nicht gebessert hatte.

Jetzt liegt meine schlechte Laune, ähm, Pardon, der Plunderteig, im Kühlschrank und wartet darauf, zu Croissants verarbeitet zu werden. Eine Wiedergutmachung für meine Familie, die heute eine nörgelnde, stänkernde, herumbrüllende Mama ertragen musste.

Der Wunderkuchen

So schnell behaupte ich nicht wieder, dass man aus Chick-Lit keinen Nutzen ziehen könne. Der „Earl Grey Tea Cake„, den ich nach dem Rezept aus einem jener seichten Oeuvres gebacken habe, ist der Hammer. Und mit dem Kuchen habe ich etwas fertig gebracht, was mir in meiner ganzen bisherigen Karriere als Schwiegertochter noch nie gelungen ist: Schwiegermama hat ein zweites Stück Geburtstagskuchen verlangt! Schwiegermama, die keine „Dolci“ mag. Schwiegermama, die meinen Kochkünsten mehr als skeptisch gegenüber steht. Nun ja, einer Vegetarierin kann man ja nicht trauen, wenn man selber eine italienische Mama ist. Schwiegermama, die nicht mal Tee trinkt, wenn sie krank ist. Schwiegermama, die sich eher die Zunge abbeissen würde, als mich in meiner Gegenwart zu loben. Gewöhnlich redet sie nur hinter meinem Rücken gut über mich, aber immerhin dies.

Wie oft habe ich nach dem perfekten Schwiegermama-Kuchenrezept gesucht? Wie oft war ich enttäuscht, wenn sie wieder nur mit säuerlicher Miene die sorgfältig nach ihrem Geschmack zubereitete Torte beiseite geschoben hatte? Und jetzt, wo ich die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren Geschmack je treffen zu können, backe ich einen „Earl Gray Tea Cake“ aus einem billigen Roman und Schwiegermama greift zu wie noch nie zuvor, ohne dass sie „Meiner“ dazu hätte überreden müssen. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich schon früher damit angefangen, hin und wieder einen seichten Roman zu lesen. Ich hätte mir damit manchen Frust ersparen können.

Wie? Ihr wollt das Rezept dieses Wunderkuchens? Ha! Vergesst es. Ich habe mir das Rezept mit mühseliger Lektüre hart erkämpfen müssen und euch soll es nicht besser gehen. Entweder, ihr lest das Oeuvre mit dem Titel „Sugar and Spice“ von der ersten bis zur letzen Seite und verdient euch damit jeden einzelnen Bissen des Wunderkuchens. Oder ihr sucht bei Google, aber ob ihr dann auch wirklich genau dieses Rezept findet, kann ich euch nicht garantieren. Und dann seid ihr ganz selber Schuld, wenn eure Schwiegermama kein zweites Stück Kuchen verlangt.

Sonntagsbrunch

Zwei Jahre lang hing es an unserer Pinnwand, das Ticket zu Aaraus Sonntagsbrunch-Paradies: Ein Gutschein im Wert von 50 Franken für den Sonntagmorgen-Familientreffpunkt. Das Lokal biete eine sensationelle Auswahl, eine gemütliche Einrichtung, (kinder)freundliches Personal, frische Zutaten, sei kinderwagentauglich und jeden Sonntag voll besetzt, sagte man uns. Zwei Wochen vorher müsse man reservieren, wenn man sonntags dort schlemmen wolle. Und weil wir selten zwei Wochen im Voraus wissen, was der übernächste Sonntag bringen wird, – Magen-Darm-Grippen, Schwiegertanten aus Italien und durchwachte Nächte mit nachfolgendem Brummschädel melden ihre Besuche selten an – blieb der Gutschein lange uneingelöst. Vor zwei Wochen nun war unser Optimismus endlich gross genug, damit wir uns einen Tisch reservierten. Und siehe da: Keine Magen-Darm-Grippe, keine Schwiegertante aus Italien und keine durchwachte Nacht mit nachfolgendem Brummschädel stand unserem Glück im Wege.

Und so sassen wir heute um Viertel nach elf mit unserer Horde inmitten von Singles, kinderlosen Paaren und Einbaby-Familien – wo waren bloss all die Familien mit grösseren Kindern? – und störten deren ausgedehntes Sonntagsfrühstück. Mal nahm das Prinzchen Reissaus, weil er am Nachbartisch einen interessanten Menschen entdeckt hatte, dann wieder musste Luise, eskortiert von ihren Brüdern, die Toilette aufsuchen. Oder der Zoowärter meldete seine unstillbare Lust auf Melonen an, kaum waren wir mit vollbeladenen Tellern, jedoch ohne Melonen, vom Buffet zurückgekehrt. Oder Karlsson musste unbedingt noch eine Scheibe von der „allerbesten Pastete, die er je in seinem Leben gegessen hat“ holen. Und sassen endlich mal alle für drei Sekunden gemeinsam am Tisch, wollte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat die Häschendekoration auf dem Fensterbrett aus der Nähe ansehen, ohne dabei seine Semmel aus den Händen zu geben.

Kurz: Die Sache war das reinste Spektakel und ich bin sicher, dass einige junge Paare heute den endgültigen Entschluss gefasst haben, nie und unter gar keinen Umständen eigene Kinder zu bekommen. Und falls sie dennoch welche bekommen sollten, haben sie sich bestimmt geschworen, dass ihre Kinder nie so werden wie unsere. (Wir werden dann ja sehen… So naiv waren wie auch mal, vor vielen vielen Jahren.) Wir aber  liessen uns von den irritierten Blicken nicht beirren und genossen unseren Sonntagsbrunch in vollen Zügen und bis zum letzten Krümel. Wenn wir schon mal auswärts essen, dann richtig.

Eines aber beschäftigt uns nach unserem Besuch: Die Lobeshymnen auf die Auswahl, die Gemütlichkeit und die Frische der Speisen waren keineswegs übertrieben gewesen. Es war wirklich wunderbar. Doch wie in aller Welt bekommt ein Lokal von Eltern das Prädikat familienfreundlich verliehen, wenn die Einrichtung für Kinder aus gerade mal einem Kinderhochstuhl besteht, um den man sich mit anderen Eltern prügeln muss, weil der zweite Kinderhochstuhl, den das Lokal noch hätte,  gerade in Reparatur ist? Kein Wunder, ist die Schweiz noch immer eine Wüste der Kinderunfreundlichkeit, wenn Eltern sich mit so wenig Service schon zufrieden geben.

Ketzerisch

Als ich neulich meine Leserinnen und Leser an meinen Gedanken zur „Privatsache Kind“ teilhaben liess, warnte mich eine Freundin, dass ich mich auf gefährliches Terrain begeben würde, womit sie wohl Recht hatte. Heute nun begebe ich mich auf noch gefährlicheres Terrain, ja, ich riskiere gar, unter den Eltern als Ketzerin zu gelten. Ich stelle nämlich die Frage, ob es denn wirklich so wichtig sei, dass ein Kind immer esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin neulich hin und wieder auf Ratschläge gestossen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich lese von Müttern, die ihre Kinder hemmungslos anlügen, um sie dazu zu bringen, Gemüse zu essen. Ich sehe Fotos von belegten Brötchen mit Smiley-Gesichtern. Ich bekomme Tipps, wie dafür gesorgt werden kann, dass ein Kind, das Fleisch verabscheut, dennoch Fleisch isst. Jede Familie kämpft mit dem Problem, wie sie ihre Kinder dazu bringt, alles zu essen, was auf den Tisch kommt; viele sind gestresst wegen der Sache. Doch keiner fragt: Ist es das ganze Theater überhaupt Wert?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde ausgewogene Ernährung eine sehr wichtige Sache. Aber ist es denn wirklich ein Problem, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat seine fünf Portionen Grünzeug am Tag in Form von zwei Äpfeln, einer Banane und zwei rohen Karotten zu sich nimmt, anstatt zu gekochtem Fenchel, gefüllten Peperoni und grünem Salat zu greifen? Ist es denn eine Tragödie, wenn Karlsson sich auch nach dem zwanzigsten Mal Probieren noch immer nicht dazu durchringen kann, Champignons zu mögen? Ich muss doch nicht jedes Mal mit dem Kind kämpfen, wenn das Zeug auf den Tisch kommt. Solange er Steinpilze, Pfifferlinge und Morcheln – die Morcheln natürlich am allerliebsten – isst, darf er doch ungeniert dazu stehen, dass er keine Champignons mag.

Als ich noch nicht lange Mutter war, machte ich mir einen grossen Stress aus der Sache mit dem Essen. Nicht, weil ich der Meinung war, dass man das müsse, sondern einfach darum, weil andere Familien einen grossen Stress daraus machten. Wenn bei Freunden die Regel galt, dass die Kinder alles essen mussten, was auf den Tisch kam, fühlte ich mich elend, weil ich nicht den Nerv hatte, das durchzuziehen. Wenn eine Familie darauf bestand, dass jedes Kind nur zwei Nahrungsmittel auswählen durfte, die es nicht essen muss, glaubte ich, dies auch tun zu müssen. Wenn Freunde mir sagten, dass ihre Kinder immer den Teller leer essen müssen, fühlte ich mich als Versagerin, weil ich es nicht schaffte, so konsequent zu sein.

Bis ich merkte, dass das alles gar nicht zu uns passt. Bis ich erkannte, dass das Ganze eigentlich ein Luxusproblem ist. Wie viele Menschen auf unserem Planeten können sich denn überhaupt Gedanken machen darüber, wie sie ihre Kinder dazu bringen sollen, aus der Fülle von Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung stehen,  von allem zu essen?  Und weil es ein Luxusproblem ist, habe ich für mich und meine Familie beschlossen, dass ich mir deswegen nicht weiter das Leben erschweren will. Und deshalb gelten bei uns nur noch diese fünf „Regeln“:

1. Der Überfluss, den wir haben, ist ein unglaubliches Privileg, als sei dankbar für das, was du essen darfst.
2. Es wird nicht gemotzt. Irgend jemand auf der Welt würde das, was ich nicht mag, mit Freuden essen. Und irgend jemand – meistens ich – hat sich viel Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Also wird nicht herumgemäkelt.
3. Es wird von allem probiert, was aber nicht heisst, dass man auch alles ausessen muss. Man darf Dinge nicht mögen. Ich esse ja auch keine Fleisch.
4. Die Ernährung muss ausgewogen sein, doch wie diese Ausgewogenheit zustande kommt, ist mir eigentlich egal.
5. Essen ist eine wunderschöne Sache, also versaut mir nicht den Genuss!

Das Verrückte an der Sache ist: Je weniger Stress ich aus der Sache mache, umso experimentierfreudiger werden unsere Kinder. Und weil er nicht mehr unbedingt muss,  isst der FeuerwehrRitterRömerPirat inzwischen sogar Randensalat…

Ach, tatsächlich? Ist ja interessant.

Heute früh um vier hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, dem Prinzchen eine Milch zu servieren. Und währenddem ich darauf wartete, bis die Milch Prinzchentemperatur angenommen hatte – nicht zu warm und nicht zu kalt – hatte ich Zeit, mir die Milchtüte etwas genauer anzuschauen. Wie man weiss, trinkt unser Prinzchen seit ein paar Monaten lactosefrei. Und so durfte ich auf der Tüte lesen, dass diese Milch einen „Genuss ohne Beschwerden“ garantiere. Das mit den Beschwerden kann ich bestätigen: Das Prinzchen hat keinen wunden Po mehr und er brüllt nicht mehr die halbe Nacht hindurch. Aber das mit dem Genuss wage ich zu bezweifeln, wo doch unsere Grossen speien, wenn sie mal zufälligerweise einen Schluck Prinzchen-Milch erwischen.

Aber ist ja egal, lesen wir weiter: „Milch und Milchprodukte sind eine wichtiger Bestandteil unserer täglichen Ernährung. Bei gewissen Konsumenten verursacht der Genuss von Milch und Milchprodukten Verdauungsbeschwerden. Diese treten auf, wenn Milchzucker (=Lactose) nicht richtig verdaut werden kann. Dank einem schonenden und natürlichen Verfahren enthält dieses Milchprodukt keine Lactose mehr….“ Ein Milchprodukt für Allergiker also. Aber kann man denn wirklich sicher sein, dass der Konsument, der an einer Lactoseintoleranz leidet und desahlb keine gewöhnliche Milch gekauft hat, auch tatsächlich verstanden hat, dass es sich bei der weissen Flüssigkeit, die sich in einer Tüte mit der Aufschrift „Milk– lactosefrei, Milchgetränk mit 3,5% Milchfett“ tatsächlich um den Saft handelt, der aus dem Euter der Kuh stammt? Ich meine ja, eindeutig. Der Hersteller aber meint nein, eindeutig nicht und bringt auf der Tüte noch folgenden Hinweis an:

In den See, mit einem Gewicht an den Füssen

„Machen wir uns doch wieder mal einen gemütlichen Fondue-Abend“, sagte ich heute zu meiner Familie. Man weiss ja nie, wie lange der Winter noch dauert und plötzlich ist es zu warm für geschmolzenen Käse. Ausserdem hatte ich heute keine Lust auf eine komplizierte Kocherei. Also schnell Schwarztee gekocht, „Meinen“ zum Brotschneiden abkommandiert, den Käse bereitgestellt – und festgestellt, dass sowohl der Weisswein als auch die Maisstärke fast leer waren. Macht ja nichts, dachte ich mir und machte mich ans Käseschmelzen. Man kann ja so ein Fondue auch mit Apfelsaft zubereiten. Habe ich als Kind beim „Blauen Kreuz“ gelernt.

Bald schon sass die hungrige Horde am Tisch, doch das Fondue wollte nicht binden. Also schnell Karlsson nach unten zur Grossmama geschickt, um Maisstärke-Nachschub zu holen. Der perfekte Moment für den Zoowärter, um seinen Schwarztee über den ganzen Tisch zu giessen. Zugleich auch der perfekte Moment für das Prinzchen, um aus dem Trip Trap zu stürzen. Und natürlich auch der perfekte Moment für Karlsson, um den Maisstärke-Nachschub auf dem Fussboden zu verschütten. Schon mal Maisstärke aufgeputzt? Ist ein wahres Erlebnis. Muss man unbedingt mal ausprobiert haben. Besonders dann, wenn zwei Elternteile verzweifelt versuchen, ein Prinzchen zu trösten, Schwarztee aufzuwischen, eine heulende Luise, einen heulenden FeuerwehrRitterRömerPiraten und einen heulenden Karlsson zu beruhigen und dazu noch zu verhindern, dass das Fondue anbrennt. Wahrlich gemütlich, dieser Fondue-Abend! So gemütlich, dass mir eine ganz böse Beleidigung über die Lippen rutschte, für die ich mich danach etwa zehnmal entschuldigte. Bis Karlsson mich fragte: „Mama, findest du es schlimm, wenn ich dir sage, dass es gar nicht so schlimm war, was du gesagt hast?“ Hä?

Nun, irgendwie schaffte ich es in all dem Chaos das Fondue mit dem Rest Maisstärke zu binden. Und zwar so sehr, dass es bei uns am Tisch schon bald aussah wie bei „Asterix bei den Schweizern“. Endlose Käsefäden überall. Und natürlich verlangte Luise alsbald nach Stockhieben, weil sie ihr Brot in der zähen Käsesuppe steckengeblieben war. Und bald schon wollte sie die Peitsche. Und dann in den See, mit einem Gewicht an den Füssen. Was wir ihr natürlich alles verweigerten. Wir sind doch keine Barbaren, … ähm, pardon, wollte sagen: Wir sind doch keine Römer. Auch wenn man es zuweilen meinen könnte.

Ein Klacks

Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, einen weiteren verregneten Sonntagnachmittag mit der „NZZ am Sonntag“ auf dem Sofa zu verbringen? Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, unsere Kinder könnten mal wieder etwas Kultur vertragen? Vielleicht war mir auch einfach langweilig? Vielleicht fand ich, „Meiner“ hätte auch ein wenig Ruhe verdient, nachdem er mich vier Tage alleine hatte ziehen lassen? Oder vielleicht wollte ich mir einfach etwas beweisen? Ich weiss nicht so recht, was es war, aber irgend etwas trieb mich dazu, heute Mittag den wahnwitzigen Entschluss zu fassen, alleine mit Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter nach Basel ins Puppenhausmuseum zu fahren. Mit dem Zug. Ist ja ein Klacks, mit vier Kindern alleine unterwegs zu sein, das sind ja nicht so viele, wie ich theoretisch mit mir mitschleppen könnte. „Meiner“ hat solche Ausflüge ja zig Mal unternommen, als es mir nicht gut ging. Damit die Sache nicht allzu langweilig würde, erlaubte ich jedem Kind, einem Teil seines Taschengeldes mitzunehmen, weil ich weiss, dass sie an keinem Museums-Shop vorbeikommen, ohne Geld zu verschleudern. Aber wenn sie schon Geld verschleudern wollen, dann sollen sie das mit ihrem eigenen tun. Ich verschleudere ja auch mein eigenes, oder zumindest dasjenige, das mir „Meiner“ grosszügigerweise zur Verfügung stellt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir hatten Spass. Die Kinder sehr viel und ich ein bisschen. Nachdem ich auf dem Weg zum Bahnhof etwa fünfmal den Tarif durchgegeben hatte, verhielten sich die Kinder auch mustergültig: Sassen artig im Zug, stiegen brav an meiner Hand ins Tram, staunten sich im Museum fast die Augen aus dem Kopf und Luise fiel beinahe in Ohnmacht ob all der wunderschönen Puppen. Die Kinder stellten tausend Fragen, ich bemühte mich, sie alle wahrheitsgetreu und möglichst fundiert zu beantworten und wir alle zusammen freuten uns an den unzähligen Teddybären, den zierlichen Puppenmöbeln und den witzigen Sujets. Es was einfach traumhaft, genau so, wie ich mir das Muttersein einst vorgestellt hatte.

Und dann kam der Museumshop. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise erledigten ihren Einkauf in Rekordzeit, der Zoowärter am Anfang auch: Er riss kurzerhand das Preisschild von einem Plüschdelfin und damit war das gute Stück gekauft, da kennt man im Puppenhausmuseum kein Pardon. Und dann lag der Zoowärter plötzlich schreiend und mit feuerrotem Kopf auf dem Fussboden, weil er gar keinen Delfin haben wollte sondern einen Löwen. Im Puppenhausmuseum scheint man derartiges noch nie gesehen zu haben. Dies zumindest schliesse ich daraus, dass die Verkäuferinnen sich zwar angestrengt darum bemühten, sich nicht aufzuregen, es dann aber nicht lassen konnten, vor den Augen unserer anderen Kinder entnervt den Kopf zu schütteln. Während ich versuchte, den Zoowärter zu beruhigen und gleichzeitig darauf achtete, dass kein Kunde im Getümmel versehentlich auf meinen lieben kleinen Jungen trat, konnte Karlsson sich einfach nicht entscheiden, was von all den tausend Sachen er denn jetzt kaufen wollte. Irgendwann entschied er sich für eine winzige „St. Edward’s Crown“, echt vergoldet, zu einem Wucherpreis erhältlich. Das ganze Puppenhausmuseum atmete erleichtert auf, als Venditts endlich draussen waren.

Schön für die anderen. Bei mir ging der Stress erst los: Der Zoowärter brüllte weiter, ganz Basel starrte uns entsetzt an. „Das Kind hat Hunger“, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte die Wahl zwischen Sushi-Bar, Asiatischen Nudeln und Mc Donald’s. Ratet mal, wo wir landeten… Und nicht nur wir landeten, sondern auch der halbe Liter Cola Light, den ich mir gegönnt hatte, landete. Auf der Treppe. Aber immerhin hatte der Zoowärter sich inzwischen beruhigt. Irgendwie schaffte ich es, die Raubtiere zu füttern, mich durch die Menschenmassen zu kämpfen, ohne ein Kind zu verlieren – es war inzwischen dunkel geworden – und den Zug nach Hause zu erwischen. Wo eine Horde biertrinkender junger Erwachsener die „Familienzone“ besetzt hatten und sich darüber ärgerten, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat etwas aufgedreht waren. Ich hätte sie ja darauf hinweisen können, dass sie gefälligst unsere Plätze freigeben sollten, doch nachdem ich mich bei Mc Donald’s schon mit zwei Teenagern angelegt hatte, verspürte ich keine Lust mehr auf weitere Kämpfe. Zumal ich nicht wusste, wie viel Bier die jungen Männer bereits intus hatten.

Der Rest der Heimfahrt verlief ereignislos. Bis auf die Episode am Bahnhof Olten, wo Luise aus lauter Langeweile um die Sitzbank zu rennen begann und ihre jüngeren Brüder dazu verleitete, es ihr nachzutun und den Geleisen gefährlich nahe zu kommen. Ach ja, und dann verschwand auch noch der Zoowärter in der Dunkelheit und wir hätten beinahe den Delfin verloren, den der Zoowärter inzwischen sehr lieb gewonnen hatte. Aber sonst war da wirklich nichts mehr.

Ist doch wirklich  ein Klacks, so ein Sonntagnachmittags-Ausflug.

Eingewickelt

Wenn eine zufriedene, nicht gestresste Mama Venditti an einem Samstagmittag alleine mit einem gut gelaunten Karlsson unterwegs ist, kann es vorkommen, dass Mama Venditti Dinge kauft, die sie sonst nie kauft. Und das geht so: Man achte darauf, dass Mama Venditti genügend Zeit hat und einen Kontostand, der höher ist als erwartet. Dann schicke man die beiden in eine grosse Migrosfiliale und sorge dafür, dass Mama und Sohn am Degustations-Stand für Corn Flakes vorbeikommen. Und dann geschieht Folgendes:

Corn Flakes-Dame zu Karlsson: „Möchtest du etwas probieren?“

Karlsson murmelt etwas und nickt.

CF- D: „Von welchen möchtest du probieren?“

Karlsson zeigt auf die Vollkornflocken mit den Feigenstückchen.

CF-D warnt: „Die haben aber keine Schokolade drin. Das sind Vollkornflocken.“

K: „Ich möchte aber die.“

Mama Venditti, mit stolzem Unterton: „Er ist sich gewöhnt, Vollkornflocken zu essen. „

CF-D: „Das ist aber erstaunlich. Die meisten Kinder meinen, das seien Schoko-Corn Flakes, weil sie so dunkel sind. Und dann sind sie enttäuscht, weil sie nicht süss sind.“

Karlsson mampft mit Genuss seine Corn Flakes und strahlt übers ganze Gesicht: „Die sind sooooo gut.“

Schön, dass Karlsson seinen Gratis-Snack genossen hat, aber Mama Venditti möchte jetzt weitergehen.

CF-D zu Mama Venditti: „Die haben viele Ballaststoffe, kaum Fett, wenig Zucker und sie regen die Verdauung an.“

M V denkt: Bla bla bla. Das weiss ich alles schon. Aber deswegen kaufe ich das überteuerte Zeug dennoch nicht. So leicht lasse ich mir nichts aufschwatzen.
und sagt, um zu unterstreichen, dass Karlsson kein Kind von der Stange ist: „Magst du die Corn Flakes, Karlsson? Sind sie besser als die Vollkornflocken, die wir sonst immer zu Hause haben?“

Karlsson nickt. Mama Venditti will jetzt wirklich weitergehen. Die Corn Flakes kann sie je bei Gelegenheit mal kaufen, aber jetzt steht gerade eine neue grosse Schachtel zu Hause in der Vorratskammer.

CF-D: „Das ist ja ganz erstaunlich. Ein Kind das so gerne Vollkornflocken mag! Ich finde auch, dass man gesünder essen sollte. Aber dass die Kinder da mitmachen, kommt ja ganz selten vor. Das sieht man wirklich nicht alle Tage.“

Und schon legt Mama Venditti ein Schachtel Vollkornflocken mit wenig Fett, wenig Zucker und noch weniger Feigenstückchen in den Einkaufswagen und bezahlt viele Franken dafür. So eine nette Dame, die sofort erkennt, welch besonderes Kind der Karlsson ist, verkauft bestimmt besonders gute Corn Flakes. Nicht wahr?

Na ja

Die vielen Komplimente gestern haben mich wohl etwas übermütig gemacht. So sehr, dass ich glaubte, beweisen zu müssen, dass noch mehr perfekte Hausfrau – oder Albtraum aller Mütter, wie andere dies nennen ;-),- in mir steckt. Und so sieht das Resultat aus:

Na ja. Es könnte schlimmer sein. Immerhin hat der Zoowärter seine Geburtstagskuchen als Winnie the Pooh erkannt. Die Farben haben es wohl verraten. Aber meine Träume, dass ich irgendwann auf der Hausfrauen-Karriereleiter steigen werde, begrabe ich wohl besser wieder. Ist wohl doch nichts für mich.

Wenn man bedenkt, ….

… dass ich gestern vor lauter Bloggen beinahe vergessen hätte, dem Zoowärter eine Geburtstagstorte für die Spielgruppe zu backen,

dass ich um elf Uhr abends alle Zutaten, die das Pech hatten, mir über den Weg zu laufen, zusammengemixt habe,

dass ich den Kuchen dann nachts um halb eins aus dem Ofen gezogen habe,

dass ich heute früh gemerkt habe, dass Glasur rosarot wird, wenn man den Puderzucker mit Blutorangensaft mischt,

dass ich, weil der Kuchen jetzt schweinchenrosa war, spontan entschieden habe, eine Piglet-Torte daraus zu machen,

dass ich zwischen Frühstück servieren, Geschirrspüler ausräumen und Windeln wechseln im Internet schnell nach einem Piglet-Bild gesucht habe und das Tier dann aus Marzipan, den ich zufällig noch vorrätig hatte, ausgeschnitten habe,

dass ich dann sogar noch drei Kerzen aufgetrieben habe, obschon ich vergessen hatte, welche zu kaufen,

dass Karlsson findet, er möchte an seinem nächsten Geburtstag auch so eine Torte haben, einfach nicht mit einem Piglet drauf, und ihr wisst ja, Karlsson ist anspruchsvoll,

dass ich pünktlich um neun Uhr mit einem glücklichen Zoowärter und einer fast perfekten Piglet-Torte in Schweinchenrosa in der Spielgruppe aufkreuzte,

dass den  Kindern die Torte ganz offensichtlich geschmeckt hat,

dann müsste man zum Schluss kommen, dass ich doch nicht eine vollkommen missratene Hausfrau bin. Und dann klopfe ich mir für einmal voller Stolz auf die Schulter, auch wenn ich bezüglich perfekte Hausfrau nicht allzu grosse Ambitionen hege. Wenn man aber bedenkt, dass ich ausgerechnet an dem Tag, an dem ich einmal beweisen könnte, dass trotz allem tief in meinem Inneren eine perfekte Hausfrau schlummert, wenn ich genau an diesem Tag die Kamera nicht finden kann, um ein Bild meines Prachtsexemplars zu schiessen, dann ist das doch einfach eine Gemeinheit. Wenn es Misserfolge zu dokumentieren gibt, dann ist sie immer zur Stelle, die Kamera, aber kaum gibt es mal einen Erfolg zu vermelden, macht sie sich aus dem Staub, das fiese Ding. Und darum habe ich, nachdem die Torte gegessen und die Kamera wieder gefunden war,  ganz schnell ein neues Piglet gebastelt, um der Welt zu zeigen, dass auch ein blindes Huhn manchmal ein Körnchen findet.