GPS-Albtraum

Die Reise nach Italien rückt allmählich näher und mir wird von Tag zu Tag ein wenig mulmiger, wenn ich daran denke, dass ich ganz alleine mit Luise – sie hat versprochen, mit mir zu kommen, wenn ich im Gegenzug verspreche, mich nicht zu verfahren – gen Süden fahren soll. Nun gut, Anna wir natürlich auch noch mit uns kommen, aber genau dies bereitet mir am meisten Sorgen. Anna, das ist die Stimme meiner Navigations-App und mir graut schon jetzt davor, wie wir zwei miteinander klarkommen sollen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie wir uns in die Haare geraten werden:

Anna: „Nach dreihundert Metern biegen Sie links ab auf Köllikerstrasse…“
Ich: „Na, hör mal, ich könnte hier ebenso gut geradeaus fahren. So gelange ich auch zur Autobahn.“
Anna: „Biegen Sie jetzt links ab auf Köllikerstrasse…“
Ich: „Das ist doch vollkommen idiotisch. Warum kann ich nicht die Oltnerstrasse nehmen? Die hat weniger Kurven.“
Luise: „Mama, hör auf Anna, bitte! Du verfährst dich bloss wieder.“
Ich: „Okay, obschon das wirklich keinen Sinn ergibt. Woher will die Zicke wissen, welches der schnellste Weg zur Autobahn ist?“
Anna: „Bei der nächsten Abzweigung halten Sie sich links.“
Ich: „Links? Du spinnst ja wohl. Mit der Strasse rechts bin ich viel besser vertraut…“
Luise: „Nein, Mama, links!“
Anna: „Ich habe gesagt ‚halten Sie sich links‘. Warum fahren Sie dann rechts?“
Ich: „Weil ich den Weg offenbar besser kenne als du!“
Anna: „Das ist ja wohl die Höhe. Keine kennt die Strassen besser als ich. Aber nun gut, Sie haben rechts gewählt, dann folgen Sie eben der Strasse geradeaus.“
Ich: „Na, endlich sind wir uns mal einig…“
Anna: „Nach dreihundert Metern biegen Sie links ab…“
Ich: „Hat die jetzt links oder rechts gesagt?“
Luise: „Äääähm, ich glaube rechts.“
Anna: „Biegen Sie jetzt links ab.“
Ich: „Links? Ich Idiot bin mal wieder rechts gefahren. Nun ja, hier kenne ich den Weg ja noch…“
Anna: „Warum in aller Welt fahren Sie schon wieder rechts? Ich hab‘ klar und deutlich links gesagt. Allmählich habe ich das Gefühl, dass Sie gar nicht ins Ausland fahren sollten, bei diesem eindeutigen Rechtsdrall.“
Ich: „Rechtsdrall? Hast du das gehört, Luise? Die unterstellt mir, ich sei rechts. Ausgerechnet ich, die ich links wähle seit ich das Stimmrecht habe. Der Tante werde ich es zeigen, von jetzt an fahre ich nur noch links.
Anna: „Biegen Sie jetzt rechts ab.“
Ich: „Du kannst mich mal! Ich fahre links. Glaub nicht, dass ich mir von dir noch etwas sagen lasse.“
Luise: „Mama, willst du nicht doch lieber auf Anna hören? Mich dünkt, wir fahren im Kreis herum.“
Ich: „Ach was, das wird schon. Wir schaffen es auch ohne Annas Hilfe nach Italien. Früher hatten die auch kein Navi. Komm, schalte doch bitte das iPad aus.“
Luise: „Okay, wie du willst.“
Anna: „Biegen Sie rec….“
Ich: „Herrlich, diese Ruhe. Komm, schlaf ein wenig, Luise.“
Eine Weile lang herrscht Stille im Auto.
Luise: „Mama, haben wir nicht eben die Grenze nach Deutschland überquert?“
Ich: „Deutschland? Das darf doch nicht wahr sein. Himmel, wozu hat man denn ein GPS, wenn es einem nicht mal sagen kann, wo Norden und wo Süden liegt?“

Kapituliert

„Was hältst du von einem kleinen Abenteuer?“, fragte mich das Leben neulich. Ich zögerte einen Augenblick, bevor ich antwortete: „Nun ja, du weisst ja, momentan bin ich nicht so für Abenteuer zu haben. Eine ausgiebige Ruhepause wäre mir lieber.“ „Die bekommst du ja“, antwortete das Leben. „Eine ganze Woche Nichtstun im Piemont. Ich hätte da bloss noch zwei nette kleine Komplikationen, die dich daran hindern, am Samstag mit ‚Deinem‘ und den Kindern zu reisen. Du weisst ja, dass er die Bahntickets für Samstag bereits gekauft hat und dass ihr dort unten das Auto braucht. Es bleibt dir also nichts anderes übrig, als am Sonntag im Auto nachzukommen.“ „Aber das geht doch nicht“, stammelte ich. „Du weisst doch, dass ich mich schon in Trimbach heillos verfahre. Wie soll ich es da bis nach Italien schaffen?“ „Das ist doch ein Klacks“, gab das Leben zurück. „Du musst es einfach bis zur Autobahneinfahrt schaffen und der Rest gibt sich von selbst.“ Ich lachte bitter. „Du kannst reden. Hast du das Debakel von neulich schon wieder vergessen? Als ich verzweifelt in der Gegend herumkurvte, weil ich es nicht mal fertigbrachte, hinter jemandem herzufahren? Und jetzt soll ich ganz alleine nach Italien fahren? Du bist wohl verrückt geworden.“ Das Leben grinste spöttisch. „Das war doch ganz amüsant. Nun ja, abgesehen davon, dass du die Kinder mit deinem Gezeter ziemlich erschreckt hast. Du solltest deine Emotionen ein wenig zügeln…“ „Wie denn? Wo ich doch immer die falsche Abzweigung erwische. Ich bin einfach ein hoffnungsloser Fall“, jammerte ich. „Das mag schon sein, aber wozu hat der Mensch das Navigationsgerät erfunden?“, sagte das Leben, ohne sich von meinem kläglichen Ton beeindrucken zu lassen. „Du weisst, dass ich keine Navis mag“, sagte ich ziemlich verärgert. „Die Dinger jagen mir Angst ein. Und ausserdem habe ich mein iPad, das mir jeweils auf der Karte anzeigt, wo ich gerade bin.“ Das Leben lachte schallend. „Oh ja, ich weiss, dein iPad. Das Ding ist ja ganz nett, aber was hilft es, wenn du keine Karten lesen kannst und jedes Mal nach links fährst, wenn du rechts fahren solltest? Nein, glaub mir, du brauchst ein GPS und dann kannst du ganz getrost nach Italien fahren.“ „Ich will aber kein GPS“, sagte ich trotzig. „Na dann freue ich mich doch schon darauf, wie du heulend vor dem Nordportal des Gotthards stehen wirst und nicht mehr weiter weisst“, entgegnete das Leben hämisch grinsend.

Was hätte ich dazu noch sagen sollen? Gar nichts ausser „‚Meiner‘, bist du einverstanden, wenn ich mir für die Italienreise diese sündhaft teure Navigations-App aufs iPad lade?“

So ist das nicht gemeint

Okay, lasst mich das kurz klarstellen: Wenn ich demnächst meinen Job an den Nagel hänge, ist das kein Zurück-an-den-Herd-Statement. Es ist auch keine Kapitulation im Sinne von „In der Schweiz kannst du dir als Mutter die Berufstätigkeit abschminken“. Es ist erst recht kein reumütiger Rückzug ins traute Heim, weil ich meine wahre Bestimmung erkannt hätte. Es ist einzig und alleine die nüchterne Erkenntnis, dass meine Kräfte nicht ausreichen für Grossfamilie, anspruchsvollen Job, diverse Schreib- und Korrekturaufträge, Ehrenamt und Haushalt. Klar, ich hätte noch etwas länger auf die Zähne beissen können, aber wem hätte ich damit einen Gefallen getan?

Nun scheinen aber verschiedene Leute sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, weil ich habe einsehen müssen, dass ich mein Fuder überladen habe. Sie verwechseln meine Motive mit ihren Überzeugungen und auf einmal sehe ich mich genötigt, klipp und klar zu sagen, dass ich die Dinge nicht so sehe wie sie und dass ich keineswegs gedenke, den Rest meiner Tage als zurückgezogenes Hausmütterchen zu verbringen.

Natürlich werde ich mich nicht sogleich ins nächste Abenteuer stürzen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich früher oder später wieder zu neuen Aufgaben herausfordern lassen werde. Wenn mich denn „Meiner“ gewähren lässt. Neulich soll er nämlich jemandem erzählt haben, er wolle eine Frau, die zu Hause sei und den Haushalt mache. Ich habe den starken Verdacht, dass die Person nicht gehört hat, was „Meiner“ wirklich gesagt hat, sondern nur das, was sie zum Thema von ihm hätte hören wollen.

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Zurück in die Vergangenheit

Neulich unterhielt ich mich mit einem Elfjährigen. Das Gespräch verlief etwa so:

Er: „Vor ein paar Tagen habe ich mir ‚Zurück in die Zukunft‘ angesehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie die sich damals unser heutiges Leben vorgestellt haben.“
Ich: „Nun ja, ich erinnere mich daran, wie das damals war…“
Er: „Die dachten im Ernst, die Leute würden nur noch mit Hovercrafts unterwegs sein. Vollkommen durchgeknallt…“
Ich: „Ja, damals dachte man, im Jahr 2000 würde alles sein wie in einem Science Fiction Film. Wir mussten haufenweise Aufsätze darüber schreiben, wie wir uns…
Er: „Die Filmemacher hatten ja keine Ahnung. Die wussten nichts von iPhones… „
Ich: „Damals gab es doch tatsächlich noch an jeder Strassenecke eine Telefonzelle. Ach ja, und diese lächerlichen Autotelefone…“
Er: „…die haben nicht mal Internet, keine E-Mails…“
Ich: „Das hätte man sich damals nicht vorstellen können. Man schrieb sich ja auch noch Briefe…“
Er: „…wirklich keine Ahnung hatten die. Und dann die Angst vor dem Jahr 2000…“
Ich: „Oh ja, da gab es die Panik um den Millennium-Bug. Und die Millennium Babies…“
Er: „Millennium? Was soll das wieder sein?“
Ich: „Na, der Jahrtausendwechsel natürlich. Aber da warst du noch gar nicht auf der Welt… Es gab Leute, die wollten unbedingt ein Millennium Baby haben, aber deine Eltern wohl nicht. Wir übrigens auch nicht…“
Er: „Und wenn das Baby dann einige Minuten zu früh zur Welt gekommen wäre? Wäre es dann kein Millennium Baby gewesen?“
Ich: „…die waren alle vollkommen aus dem Häuschen wegen der Sache…“
Er: „Aber eben, die im Film mit all den Hovercrafts und den fliegenden Skateboards waren total irre…“

Mir scheint, der Junge und ich haben da ein wenig aneinander vorbeigeredet. Kein Wunder, ich kann mich ja auch noch ziemlich lebhaft an die Zeiten erinnern, die dem Jungen so fremd erscheinen.

Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Garderobe

Für das Prinzchen bitte nur Kleidung, die wie angegossen passt, auf gar keinen Fall Pullis, die zu lang sind. Bitte auch nicht zu weich. Und schon gar nicht zu warm. Als Aufdruck kommen einzig Bob der Baumeister, Elefanten, Mickey Mouse und kleine Monster in Frage. Die Hose nur mit Knopf und Reissverschluss, Bändel sind streng verboten, zu lange Hosenbeine auch. Und um Gottes Willen keine Socken! Auch nicht in die Gummistiefel.

Der Zoowärter setzt auf cool, am besten Ton in Ton mit weissen Turnschuhen dazu. Wenn ein anderer im Kindergarten das Gleiche hat, ist das eine Auszeichnung, kein Grund, den Pullover im hintersten Winkel des Kleiderschranks zu verstecken. Neu ist immer gut, am liebsten jeden Tag, vom grossen Bruder nachtragen lieber nicht. Dann schon eher die vom kleinen Bruder verschmähten Stücke. Vor allem die gestreifte Kapuzenjacke, die Komplimente anzieht wie ein Magnet.

Rot, neu und einzigartig muss es für den FeuerwehrRitterRömerPiraten sein. Wenn das nicht zu haben ist, dann eben das Gegenteil: abgetragen, ausgefranst und zahnpastabefleckt. Dazu ein trauriges Gesicht, denn der ungepflegte Aufzug ist ein Statement. „Nie bekomme ich etwas Neues. Den anderen bringst du immer schöne Sachen nach Hause, nur mir nicht.“ Das Statement lässt sich mit einem kurzen Wühlen im Wäscheberg leicht widerlegen. Sind die zu Tage beförderten Kleidungsstücke sauber, strahlt einen bald schon ein wie aus dem Ei gepellter Zweitklässler an. Müssen die schönen Sachen zuerst in die Waschmaschine, bleibt das traurige Gesicht. Und wer ist Schuld daran, dass der Wäscheberg den Weg in die Waschmaschine nicht von selbst gefunden hat?

Luises Schrank ist vollgestopft mit Geblümtem, Gerüschtem und Romantischem. Wunderschöne Sachen, die sie unbedingt haben wollte. Sachen, die nicht für den Alltag gedacht sind, auch wenn Luise beim Kauf hoch und heilig versprochen hat, sie zu tragen. Dafür alle drei Tage das gleiche Drama, weil die einzige für den Schulgebrauch zugelassene Kluft in der Wäsche ist. Das Gremium, welches über die Schultauglichkeit der Kleidung befindet, nennt sich „die anderen“ und ist äusserst gnadenlos. Die Höchststrafe nennt sich „Auslachen“ und wird offenbar immer dann angewendet, wenn Luise – oder ein anderes Mädchen – das trägt, was ihr wirklich gefällt.

Für Karlsson ist alles ganz einfach: Bei Temperaturen unter dreissig Grad trägt man Hemd, Krawatte und Jackett, bei Temperaturen über dreissig Grad knielange Hose – vorzugsweise kariert – und unifarbenes T-Shirt. Daran wird nicht gerüttelt. Versucht man es trotzdem, stösst man im besten Fall auf wenig Verständnis, im schlimmsten Fall fliegt die Zimmertür ins Schloss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht dies, dass Karlsson auf unerklärliche Weise immer mal wieder die sauberen Kleider ausgehen. Oft tauchen sie erst wieder auf, nachdem sich „Meiner“ Zugang zu Karlssons Zimmer verschafft hat, um den Wäscheberg aus der Gewalt unseres Ältesten zu befreien.

Sämtliche dieser Kleidervorschriften sind von der Mutter unbedingt zu berücksichtigen und zwar innerhalb der ersten dreissig Minuten des Tages. Wie, hat da jemand gefragt, warum ich selber jeweils kurz vor Mittag noch immer im Pyjama anzutreffen bin?

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Das kann (auf gar keinen Fall) gutgehen

„Das kann auf gar keinen Fall gutgehen“, hätte ich früher gesagt. „Sie und ich unter einem Dach? Du spinnst wohl! Sie würde mich immer nur kritisieren und ich würde mich über jede ihrer Bemerkungen ganz furchtbar aufregen. Immer reden wir aneinander vorbei; will ich ihr etwas Gutes tun, ist sie beleidigt, will sie mir eine Freude machen, fühle ich mich vor den Kopf gestossen. Wir können einfach nicht miteinander auskommen.“

So dachte ich – und so dachte wohl auch sie – und darum fürchtete ich mich vor dem Moment, in dem sie uns brauchen würde. Wie sollte ich für sie tun können, was ich für richtig erachte? Wie für sie da sein, wo ich mich doch stets von ihr zurückgewiesen fühlte? So, wie sie sich von mir zurückgewiesen fühlte.

Ich bin dankbar, dass ich damals, als ich noch so dachte, nicht für sie da sein musste. Dankbar, dass wir beide inzwischen erkannt haben dass wir einander nicht verändern können, auch nicht verändern müssen. Dankbar, dass wir gelernt haben miteinander auszukommen, ja, einander gar zu mögen, auch wenn wir viele Dinge nie gleich sehen werden. Dankbar, dass wir Themen gefunden haben, über die wir ganz entspannt miteinander plaudern können, so dass es kein Krampf mehr ist, Zeit miteinander zu verbringen. Dankbar, dass ich zu meinem eigenen Erstaunen heute ganz ehrlich sagen kann: „Herzlich willkommen, Schwiegermama. Lass es dir wohl sein bei uns und erhole dich von deiner Operation, wir sind gerne für dich da.“

Offen

Jetzt, wo es offiziell ist, dass ich ab Ende November wieder hauptsächlich Hausfrau sein werde, kommen allmählich Zweifel auf, ob das gut kommen wird. Nein, ich bezweifle nicht, dass es der richtige Entscheid war, meinen Teilzeitjob zu künden. Wenn Familie, Job und Ehrenamt insgesamt mehr von dir abverlangen, als deine Gesundheit verkraften mag, dann ist es an der Zeit, zu ändern, was sich ändern lässt. So viel ist mir inzwischen klar geworden.

Alles andere aber ist momentan ein einziges, grosses Fragezeichen. Wird mir die Decke auf den Kopf fallen, wenn ich wieder mehr zu Hause bin, oder werde ich die neu gewonnenen Freiheiten geniessen können? Finde ich den Weg zurück ins Schreiben? Wird mir das endgültige Loslassen gelingen, oder falle ich zuerst einmal in ein Loch? Suche ich mir einen neuen Job, oder wird mich eine neue Aufgabe finden, wie es in meinem Leben schon so oft der Fall war? Werde ich mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer stürzen, oder bleibe ich meinem Vorsatz treu, zuerst einmal zur Ruhe zu kommen und zu sehen, was daraus entsteht? Ist das Hausfrauendasein noch immer so unerträglich für mich, oder komme ich jetzt, wo die Kinder grösser sind, besser damit klar? Soll ich am Ende gar etwas ganz Neues wagen? Eine Weiterbildung, zum Beispiel?

Oh ja, ich wünschte, zumindest auf eine dieser Fragen bereits eine Antwort zu haben. Gleichzeitig aber bin ich auch froh, dass noch so vieles offen ist – offen für Neues, was auch immer es sein wird.

Zeitungslektüre

Es war ein ziemlich langer Arbeitstag. Bevor wir die Kinder ins Bett bringen, gönne ich mir deshalb fünfzehn Minuten Zeitungslektüre:

„Dr. Blocher und die…“
„Mama, ich will ein Skateboard!“ „Ja, FeuerwehrRitterRömerPitat, coole Idee.“
„Dr. Blocher und die Gips…“
„Mama, erzählst du mir mein Bibliotheksbuch?“ „Gleich, Zoowärter, gleich. Lass mich kurz die Zeitung fertig lesen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blo…“
„Mama, sag Karlsson, er soll meine Schablonen wieder hergeben!“ „Karlsson, gib Luises Schablonen zurück. Jetzt sofort!“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich…“
„Ich habe eine Zehnernote, zwei Zweifränkler, einen Fünfliber und heute habe ich noch fünfzig Rappen gefunden. Wie viel habe ich dann, Mama? Reicht das für ein Skateboard?“ „Moment, FeuerwehrRitterRömerPirat, ich möchte nur schnell diese Kolumne fertig lesen, dann helfe ich dir beim Ausrechnen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich mache die NZZ auf und sehe ein wunderschönes Bild…“
„Das sind dann siebzehn Franken fünfzig, stimmt’s, Mama?“ „Kann sein, Karlsson. Ich hab‘ dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ja gesagt, dass ich es nachher ausrechne…“
„und sehe ein wunderschönes Bild von Philipp Müller, dem Präsidenten der FDP, das eigentlich…“
„Mama!“
„…das eigentlich…“
„Mama!!!!!“
„… das eigentlich gar nicht zu ihm…“
„Mama, ich will einen Kakao!“ „Ja, Prinzchen, lass mich doch bitte noch schnell den Satz zu Ende lesen, dann komme ich.“
„… gar nicht zu ihm passt: Er ist sehr geschmackvoll angez…“
„Mama, Karlsson hat mir die Schablonen noch immer nicht zurückgegeben! Sag‘ ihm, dass er sie zurückgeben soll, sonst macht er sie noch kaputt, dieser…“ „Luise! So redet man nicht! Karlsson, gib endlich diese Schablonen zurück!“
„…ogen – hellbraunes Jackett, dunkelbraune Krawatte und ein Hemd. Geschniegelt wie aus einem…“
„Ich will jetzt einen Kakao haben!“ „Ja, Prinzchen, nur noch dieser eine Satz…“
„…Geschniegelt wie aus einem Werbeprospekt – dieser Präsident der Freis…“
„Mama, könnten wir vielleicht heute noch das Skateboard kaufen gehen?“ „Nein, Mama, zuerst musst du mir die Geschichte erzählen!“ „Zuerst mein Kakao!“ „Nein, meine Schablonen!“ „Die gebe ich aber erst her, wenn du anständig fragst…“

Tut mir Leid, die Herren Blocher und Müller. Sie müssen warten, bis es ruhiger wird. Hier tobt gerade das reale Leben.

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