Familienzuwachs

Eigentlich haben unsere Kinder ja keinen Mangel an Geschwistern. Vielleicht an Schwestern, ja, aber an Spielkameraden fehlt es niemandem. Dennoch haben die zwei Kätzchen, die gestern bei uns eingezogen sind, sofort den Ehrentitel „kleine Schwester“ und „kleiner Bruder“ verliehen bekommen. Und die beiden zeigen sich erkenntlich für so viel Ehre: Schon am zweiten Tag lassen sie sich bereitwillig streicheln, auf den Arm nehmen und liebevoll drücken. 

Mir war ja ein wenig bang gewesen, als das Prinzchen und ich vorgestern den Katzenkorb und das Futter einkauften. Was, wenn die Tierchen uns nicht mögen? Was, wenn sie vor lauter Aufregung vergessen, dass sie stubenrein sind? Was, wenn das Prinzchen die zwei für Stofftiere hält und sie am Schwanz zieht? Was, wenn „Meiner“, der dem Familienzuwachs mit Skepsis entgegen gesehen hatte, die beiden nicht ins Herz schliessen würde? 

Heute hat sich gezeigt, dass meine Befürchtungen umsonst waren. Die Kätzchen akzeptieren uns so, wie wir sind und wenn sich einer aufs Sofa setzt, dauert es nicht lange, bis eines von beiden daneben sitzt. Ihre Stubenreinheit haben sie schön brav beibehalten, was insbesondere das Prinzchen, der übrigens keinerlei Anstalten macht, die Tierchen am Schwanz zu ziehen, tief beeindruckt hat.  Und „Meiner“ – man lese und staune – ruft mich alle paar Minuten ins Wohnzimmer, weil sie gerade wieder „so unglaublich herzig sind“ und abends geht er nicht ins Bett, ohne Kater und Katze eine gute Nacht zu wünschen. 

Man sieht also, die zwei gehören bereits voll und ganz zur Familie und weil in dieser Familie jemand ein Buch über einen Kater namens Leone verfasst hat, haben die Kinder sich dazu entschieden, unseren Kater ebenso zu rufen. Das Weibchen soll auf den Namen Henrietta hören, auch sie eine Katze aus dem Buch. Diejenige, die das Buch verfasst hat, fühlt sich natürlich zutiefst geehrt, möchte aber betonen, dass sie keinerlei Einfluss auf die Namensgebung hatte. Sie wäre auch ganz glücklich gewesen, wenn das Weibchen Kezia genannt worden wäre, der Kater… nun ja, äähm,… vielleicht….also gut, ich weiss nicht so recht wie er sonst hätte heissen können, denn schwarzweisse Kater heissen doch einfach Leone, nicht wahr?

Dann eben Pizza

Da nimmst du für einmal richtig weit Anlauf, um über deinen Schatten zu springen, brüskierst dabei ziemlich viele Leute und wo landest du am Ende? Mit „Deinem“, einer Pizza und einer Cola light auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten. Und das kam so:

Irgendwann, vermutlich vor etwa einem halben Jahr, legten wir das Datum für die Generalversammlung des einzigen Vereins, in dem ich nicht nur Mitglied, sondern auch Vorstandsmitglied bin, auf den heutigen Abend fest. Wohl etwa zur gleichen Zeit legten nette Menschen aus der Kirche, in der ich Mitglied bin, das Datum für den einzigen Paar-Abend, bei dem ich jeweils unbedingt dabei sein will, ebenfalls auf den heutigen Abend fest. Dieser Abend sieht jeweils so aus: Nette Leute, gutes Essen, ein herausforderndes Referat zu einem sehr alltagsnahen Beziehungsthema und ein Schuss Romantik. Würde man aus dem hohlen Bach heraus entscheiden, wäre eigentlich klar, wo man den Abend verbringen möchte, aber für einen pflichtbewussten Menschen wie ich einer bin, zählt gewöhnlich nicht das Wollen, sondern das Müssen und darum war ich ziemlich sicher, dass wir den Paar-Abend sausen lassen würden.

Nun ist es aber so, dass „Meiner“ und ich in den vergangenen drei oder vier Wochen eine sehr anstrengende und aufreibende Phase durchgestanden haben, während der wir uns fast täglich in die Haare geraten sind.  Nicht gerade unsere Vorstellung von einer glücklichen Ehe und da sich der Streit meist am Alltagsstress entzündete, schien uns das Thema „Bis dass das Leben euch scheidet“ geradezu perfekt zu passen. Und so dämmerte sogar mir, dass für einmal nicht das Müssen, sondern das Wollen Pflicht war. Also sprang ich schliesslich mit sehr grossem schlechten Gewissen über meinen Schatten und gab den anderen Vorstandsmitgliedern bekannt, dass ich für einmal dem Privatleben den Vorrang geben würde, auch wenn ich den Termin für die GV zuerst in die Agenda eingetragen hatte. 

Wie es der Zufall wollte, schlafen Karlsson und Luise heute auswärts, so dass nur noch drei Kinder während unserer Abwesenheit überwacht werden mussten. Kein Problem, dachten wir, die sind freitags ja immer so müde, dass wir die einfach ins Bett stecken können und meine Mutter, die eine Etage tiefer wohnt, muss nur hin und wieder die Ohren spitzen, um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Ha, von wegen kein Problem! Der Paar-Abend hatte schon längst angefangen und wir sangen noch immer Schlafliedchen, wechselten Windeln und mahnten zur Ruhe.  „Na gut, dann kommen wir eben eine halbe Stunde zu spät“, meinte „Meiner“ und so lag ich eben noch ein wenig länger neben dem Prinzchen und redete ihm gut zu. Irgendwann wurde uns klar, dass aus dem Paar-Abend nichts werden würde. „Dann gehe ich halt zur GV“, sagte ich trotzig, aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mein Erscheinen auch dort nur noch peinlich gewesen wäre, weil der Vorstand wohl bereits beim letzten Traktandum angelangt war.

Da sassen wir also, „Meiner“ und ich; er ziemlich frustriert, weil aus dem Paar-Abend nichts geworden war, ich ebenso enttäuscht und dazu noch mit sehr schlechtem Gewissen, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen war und beide sehr hungrig. Und so kam es eben, dass wir den kleinen Rest des Abends, der uns noch blieb, nachdem unsere drei Jüngsten endlich ruhig geworden waren, Pizza essend auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten verbrachten.

Immerhin war die Pizza köstlich…

 

Spinnen die denn?

Nicht, dass ich je in Betracht gezogen hätte, diesen Herbst liberal zu wählen, aber nachdem mir heute unterwegs das Plakat mit dem Slogan „Mehr Leistung in der Schule“ begegnet ist, bin ich noch sicherer als zuvor, dass die Liberalen und ich das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Ich möchte ja nur zu gerne wissen, woher die Knöpfe die Energie für noch mehr Leistung nehmen sollen, wo sie doch bereits heute in der Oberstufe auf nahezu so viele Schulstunden kommen wie ein Angestellter auf Arbeitsstunden, Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen nicht eingerechnet. 

Geschmackssache

Sie sind ja schon ein wenig wunderlich, unsere Kinder. Essen zum Frühstück ohne mit der Wimper zu zucken grüne Oliven – nach Möglichkeit gefüllt mit Knoblauchzehen -, und Appenzeller Käse, vorzugsweise rezent. Tomaten stopfen sie wie Obst in sich hinein und wenn ich Wermut-Sirup für meinen nervösen Magen koche, dann kippen sie das bittere Zeug gleich literweise in sich hinein, anstatt es auszuspucken, wie es sich für anständige Kinder gehört. Selbst die Bitterorangen-Konfitüre und den Grapefruitsaft muss ich inzwischen mit einem Teil unseres Nachwuchses teilen. Karlsson hat sich gar einmal freiwillig Schnecken servieren lassen. Gott sei Dank schmeckten ihm diese nicht, denn ich weiss nicht, ob ich auf Dauer mit einem Schneckenesser unter einem Dach leben könnte.

Nein, wenn es um Bitteres, Salziges und Ekliges geht, entsprechen unsere Kinder nicht unbedingt dem Klischee. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht ebenso heikel wären wie die meisten Kinder unserer übersättigten Welt. Serviert man ihnen nämlich Fischstäbchen mit Kartoffelbrei aus der Packung, gibt’s mit ziemlicher Sicherheit ein Gemotze und am Ende bleiben wir auf vielen Resten sitzen. Und das mit den Dosenravioli, die wir als Kinder so sehr geliebt hatten, habe ich ein einziges Mal ausprobiert, danach baten sie mich inständig, „so etwas“ nie, nie, nie wieder aufzutischen.

Mir soll’s recht sein…

Versagermama

Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“

Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher  nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde? 

Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“

 

Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.

Stöberfieber

Seitdem es das Internet seinen Weg in unser Zuhause gefunden hat – also schätzungsweise seit etwa hundertfünfzig Jahren, denn ihr wollt mir doch wohl nicht weismachen, dass es einmal eine Zeit ohne Internet gegeben hat -, bin ich dem Stöberfieber verfallen. War ein Baby unterwegs, stöberte ich nach dem besten Kinderwagen, der schönsten Umstandskleidung, dem perfekten Nachtlicht. Stand Weihnachten vor der Tür, verglich ich die Preise der verschiedenen Anbieter und kaufte dann die Duplo-Eisenbahn dort, wo sie am günstigsten war. Sehnte ich mich nach Ferien, machte ich mich auf die Suche nach dem perfekten Ferienort.

Dabei verfolgte ich nicht primär das Ziel, auch wirklich etwas zu kaufen, denn solche Stöberorgien haben einen unschätzbaren Unterhaltungswert. Allein die gesammelten Absurditäten, die den werdenden Eltern angepriesen werden, sorgen für mehrere Tage ausgesprochener Heiterkeit. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, mir in der Schwangerschaft einen Gurt zuzulegen, der das Baby im Bauch mit klassischer Musik beschallt, um nichts in der Welt hätte ich mich dazu hinreissen lassen, einem meiner Babies eine Puppe mit leuchtendem Gesicht ins Bettchen zu legen und auch um den Baby-Anzug mit integriertem Mopp, von dem ich bis heute nicht weiss, ob es sich dabei um Spass oder Ernst handelte, machte ich einen weiten Bogen. Nein, solche Dinge habe ich nur gebraucht, um mich schiefzulachen, gekauft habe ich dann ganz vernünftig. Nun ja, bis auf dieses elende musikalische Töpchen, das ich für den Zoowärter anschaffte, aber das geschah aus reiner Verzweiflung, weil ich des Wickelns überdrüssig geworden war.

Leider werden die Gelegenheiten zum Stöbern weniger, je grösser die Kinder werden, denn jetzt stöbern sie selber. Die aktuelle Hitliste der Suchbegriffe: 1. Barockperücke 2. Empire-Kleid 3. Meerschweinchen 4. Pferd 5. Mundharmonika. Zu sagen habe ich da nicht mehr viel ausser „Nein, das kaufen wir nicht, das ist zu teuer.“ oder „Meerschweinchen kriegst du erst, wenn du endlich lernst, dein Zimmer in Ordnung zu halten“ was man auch übersetzen könnte als „Vergiss es. Solange du die Füsse unter meinen Tisch streckst kommt mir kein Tier ins Haus, dessen Käfig ausgemistet werden muss, denn am Ende bleibt die Arbeit doch an mir hängen, das weiss ich noch aus meiner eigenen Kindheit.“

Dabei sind Haustiere ja ideal dazu, die Stöberei fortzusetzen, wenn man keinen Babykram mehr braucht, denn bei Haustieren neigt der Mensch ja zu ähnlich absurden Einfällen wie bei Babies und Kleinkindern. Da gibt es zum Beispiel den Edelstahl-Trinkbrunnen, das „Erlebniscenter“, das Baldriankissen oder das Kratzschloss – alles für die Katz. Natürlich haben wir uns nicht darum dazu entschieden, unsere Familie um zwei Katzen zu erweitern, aber währenddem ich nach dem perfekten Katzenklo, der katzenfreundlichsten Transportkiste und dem kindersicheren Futternapf suche, kann ichgleich ein wenig stöbern. Nur so zum Spass. Sofern mich die Kinder überhaupt noch lassen. Möchte ja zu gerne wissen, weshalb die alle so fanatisch das Internet durchforsten…

Trifft (in hohem Mass teilweise nicht) zu

Jetzt muss ich doch noch einmal auf dieses unsägliche Laufbahnreglement zurückkommen, denn die Sache will mir einfach nicht aus dem Kopf. Mit diesem Laufbahnreglement will die Schule ja nicht nur die Leistungen der Schüler bewerten, man möchte auch das „Arbeits-, Lern und Sozialverhalten“ möglichst umfassend beurteilen. Da stellt sich die Lehrkraft unter dem Punkt „Gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“ zum Beispiel die Frage, ob sich das Kind um eine „exakte und ansprechende Darstellung bemüht“. Unter dem Punkt „Begegnet den Lehrpersonen respektvoll“ wird analysiert, ob das Kind mit Kritik umgehen kann, ob es anständig ist und „sich zu benehmen weiss“. Es gibt einen ganzen Katalog an weiteren Kriterien, welche bewertet werden sollen.

Aber wie bewertet man denn? Ähnlich wie in einer Marktforschungs-Umfrage, wie mir scheint. Die Lehrkraft kann nämlich ankreuzen: „Trifft in hohem Mass zu“, „Trifft zu“, „Trifft teilweise zu“ und „Trifft nicht zu“. Soweit so einfach. Was mich an der Sache aber beunruhigt ist, dass die Spalte „Trifft zu“ gelb unterlegt ist, denn, so hat es die Schulleitung erklärt, man wünscht sich, dass sich alle Kinder in möglichst allen Punkten in dieser Spalte befinden. Nun kann ich ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass man nicht gerade erfreut ist darüber, wenn ein Schüler in allen Bereichen ein „Trifft nicht zu“ erreicht. Ist ja nicht gerade angenehm, einen Querschläger in der Klasse zu haben, der weder mit Mitschülern noch Lehrern klarkommt und der jeden Tag die Hausaufgaben vergisst.

Was aber ist so schlimm daran, wenn man mal sagen muss, dass eine Sache nur teilweise zutrifft? Ich meine, würde man mein Arbeits- und Sozialverhalten genauer unter die Lupe nehmen, man würde wohl öfters mal ein „Trifft teilweise zu“ ankreuzen. Hätte man zum Beispiel gestern beurteilen müssen, ob ich mich „durch Erwartungen / Anforderungen unter Druck setzen lasse“, man wäre ganz klar zum Schluss gekommen, dass dies sehr wohl zutrifft. Vor allem, wenn ich nachts um eins noch immer verbissen und den Tränen nahe an dieser Broschüre arbeite, die doch endlich in Druck gehen sollte. Würde man an einem ganz gewöhnlichen Tag untersuchen, ob ich anständig bin und mich zu benehmen weiss, man könnte bestätigen, dass dies durchaus zutrifft. Aber glaubt mir, das Urteil würde ganz anders ausfallen, wenn man mich zufällig an einem Hausfrauenfrusttag kombiniert mit quengeligen Kindern und PMS erlebte. An solchen Tagen ist ein „Trifft teilweise zu“ eine Glanzleistung, die nicht zu verachten ist. Unter Erwachsenen akzeptiert man, dass es im Leben gute und schlechte Tage gibt und solange einer nicht komplett ausfällig wird, drückt man schon mal ein Auge zu, auch wenn der Tonfall etwas gehässiger als gewöhnlich war. Warum aber erwartet man von den Kindern eine Ausgeglichenheit, die wir selber nicht hinkriegen? Haben die Kinder kein Recht auf „Trifft teilweise zu“-Tage? Oder gar auf „Trifft nicht zu“-Tage?

Ja, dann wäre da natürlich noch die Spalte „Trifft in hohem Mass zu“. Auch die ist offenbar unerwünscht. Zumindest verstehe ich das so, denn wäre sie erwünscht, wäre sie bestimmt auch gelb eingefärbt. Wenn ich ganz nett und gnädig gestimmt bin, erkläre ich mir dies damit, dass man Kinder und Eltern nicht zu sehr unter Druck setzen will. Vermutlich will man uns sagen, dass gut schon ausreichend ist und dass es nicht nötig ist, sich abzukämpfen, um es auf Stufe „sehr gut“ zu bringen. Wenn ich weniger gnädig gestimmt bin – und das kann durchaus vorkommen, wenn man mir beim Schulbesuch sagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat hätte zwar eine geniale Zeichnung gemacht, hätte dafür aber viel zu viel Zeit gebraucht -, dann sehe ich darin eine andere Aussage: „Du darfst gut sein, ja, du musst sogar. Aber bitte sei nicht zu gut, denn damit bringst du unser Programm durcheinander und das ist anstrengend.“

Wenn ich meine Kinder so anschaue, an all die unzähligen Hochs und Tiefs unseres Zusammenlebens denke, mir überlege, mit welchen Stärken sie brillieren und mit welchen Schwächen sie an ihre Grenzen stossen, dann wird mir klar, dass sie keine „Trifft zu“-Kinder sind. Das Spektrum reicht von „Trifft in hohem Masse zu“ bis zu „trifft überhaupt nicht zu“ und zwar bei jedem Kind, an jedem Tag. Natürlich, so, wie ich sie kenne, werden sie sich ernsthaft darum bemühen, ins „Trifft zu“-Schema zu passen, sie nehmen die Schule ja ernst und das ist soweit okay. In meiner Erfahrung ist es aber so, dass sie vor lauter Anstrengung, in der Schule in die gelbe Spalte zu passen, zu Hause so ausgelaugt sind, dass sie in den Bereichen „Kann sich mühelos entspannen und fröhlich sein“ nur noch ein „Trifft teilweise zu“ erreichen würden. Und an ganz anstrengenden Schultagen müsste ich beim Bereich „Geniesst das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern und trägt zu einem friedlichen, hilfsbereiten Familienklima bei“ ein „Trifft nicht zu“ eintragen.

Ich schreibe „würde“ und „müsste“, weil wir bei uns in der Familie davon absehen eine „Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens“ zu erarbeiten. Ziemlich unprofessoinell, ich weiss, aber deutlich lebensnaher, wenn ihr mich fragt.

Schulfrust

Okay, ich weiss, das Thema hängt euch wohl langsam zum Hals heraus, aber einmal muss ich mir noch Luft verschaffen, bevor ich das Thema für eine Weile bleiben lasse. Versprochen, grosses Ehrenwort. Ich werde euch nicht mehr mit meinem derzeitigen Schulfrust belästigen, bis… nun, sagen wir, bis zum nächsten Elternabend, der… hmmm…lasst mich mal in der Agenda nachschauen, wann der schon wieder stattfindet…. ach ja, hier steht es: Nächsten Montag. Mist, das ist keine besonders lange Nicht-über-Schulfrust-jammern-Pause. Dann werde ich eben versuchen, meinen Frust beim nächsten Mal hinunterzuschlucken. Aber heute muss ich einfach noch einmal…

Angefangen hat es bereits heute früh, als der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder nicht rechtzeitig aus dem Haus kam. Er hat mir ja damals im Kindergarten hoch und heilig versprochen, dass er, wenn er erst mal ein Erstklässler sei, morgens immer schön brav aus dem Haus gehen würde. Und, wie lange hat er sein Versprechen gehalten? Genau zwei Wochen lang, in der Schulwoche drei ist er meines Wissens noch kein einziges Mal rechtzeitig im Unterricht erschienen. Nun verstehe ich natürlich schon, dass ein Kind rechtzeitig zur Schule antraben muss, aber so langsam stellt sich mir die Frage, warum denn ausgerechnet unser drittes Kind, das mit einem Wissensdurst von beinahe unbegrenztem Ausmass ausgestattet ist, sich so schwer damit tut, zu der Stätte des Lernens zu gehen. Liegt das wirklich nur an ihm? Oder gar an mir, die ich nicht fähig bin, das Kind richtig zu motivieren?

Frust Nummer zwei erwartete mich, als ich mittags nach Hause kam. Auf dem Küchentisch fand ich einen Zettel mit einem sehr traurig dreinblickenden Zahn drauf. Die Zeichnung war wirklich originell, aber mir schwante dennoch Übles. „Mist! Der Zoowärter hat wohl Löcher in den Zähnen. Ich hab’s doch geahnt, dass nicht jedes unserer Kinder vom Schulzahnarzt kerngesunde Zähne attestiert bekommt.“, waren meine ersten Gedanken. Als ich dann las, was auf dem Zettel konnte ich fürs Erste aufatmen. Keine Löcher, gut so, mein kleiner Zoowärter. Doch was ich las, stimmte mich dennoch nicht fröhlich.  „Liebe Frau Venditti“, stand da nämlich „Der Zoowärter hat die Untersuchung verweigert. Neuer Termin: (Sie + Kind)….. Ich bitte Sie, pünktlich zur Untersuchung zu erscheinen.“ Da habe ich das Urteil also schwarz auf gelb: Mein viereinhalbjähriger Sohn ist ein Schulzahnarztverweigerer. Hat sich einfach geweigert, sich auf diesen absolut schrecklichen Zahnarztstuhl, der nicht nur mich, sondern auch andere Eltern, an ein Foltergerät aus alten Zeiten erinnert, zu setzen. Seufzend legte ich den Brief beiseite, trug den Termin, zu dem ich + Kind gefälligst pünktlich zu erscheinen haben, in den Kalender ein und dachte voller Sehnsucht daran zurück, wie die Besuche beim Schulzahnarzt zu Zeiten von Karlsson und Luise noch waren. Die mussten zwar auch in jenes hässliche Untersuchungszimmer, aber die Lehrerin setzte sich gemeinsam mit dem Kind auf den Stuhl des Schreckens, wenn  die Angst vor dem Zahnarzt zu gross war. Dass das Lieblingsstofftier dabei sein durfte, war selbstverständlich; wenn ich mich recht erinnere, schrieb die Kindergärtnerin gar einen Brief an die Eltern, mit der Bitte, man möge dem Kind doch ein Stofftier mitgeben, wenn es dies wünsche. Ich glaube, es gab damals kein einziges Kind, das sich gegen den Untersuch gewehrt hat, und falls doch, dann war danach bestimmt nicht von Verweigerung die Rede, sondern wohl eher von Angst, welche das Kind überwältigt hatte.

Frust Nummer drei schliesslich war der erste Punkt am heutigen Elternabend der Erstklässler: „Laufbahnreglement – Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits- Lern und Sozialverhaltens“. Ich werde euch nicht mit Details langweilen, für einmal drücke ich mein Empfinden „mathematisch“ aus: Laufbahnreglement + quirliger Erstklässler = schulfrustrierte Mama. So einfach ist das. Und so schwierig zugleich.

Ob er mir damit etwas sagen will?

Notiz von einem meiner Söhne: „Liebe Mama, ich konnte nicht weitermachen  beim Bücherstempeln – weil Stempel verklemmt ist. Und du nicht reagiert hast. Liebe Grüsse Dein Sohn“

Mist! Zuweilen können diese Kinder einen ganz schön in Frage stellen mit ihrer Ehrlichkeit.

Ob ich etwas zuviel gearbeitet habe in letzter Zeit?