Die ganze Palette

Lange Zeit habe ich mir das Ganze sehr einfach gemacht: Es gab Schwarz und es gab Weiss. Es gab entweder und oder, gut und schlecht, richtig und falsch. Es gab gute Menschen und böse, es gab Rechtgläubige und Ungläubige, Dafür und Dagegen. So war ich das in der Sonntagsschule gelehrt worden und durch diese Brille betrachtete ich bald die ganze Welt. Man war entweder Mutter oder Karrierefrau, entweder Hausfrau oder berufstätig, entweder engagiert oder gleichgültig, entweder angepasst oder abgestürzt. Dazwischen gab es nichts und wenn man sich mal für die eine Seite entschieden hatte, konnte man nicht mehr wechseln, es sei denn, mann zerstörte alles, worauf man sein Leben aufgebaut hatte.

Irgendwann, mit zunehmender Lebenserfahrung und wachsender Desillusionierung stellte ich fest, dass das mit dem Weiss und Schwarz wohl nicht so ganz das Wahre sein konnte. Und wie so viele andere Menschen auch machte ich einen folgenschweren Denkfehler: „Die Mischung aus Weiss und Schwarz ist grau“, sagte ich mir. „Folglich muss ich lernen, die Grautöne des Lebens zu erkennen.“ Und das tat ich dann auch. Ich lernte abzuwägen, die Vor- und Nachteile zu sehen, zu erkennen, ob eine Sache eher hell- oder dunkelgrau war. Das Leben war ein Tasten im Nebel, der mal dichter, mal gelichteter war. Eigentlich hätte ich ja wissen müssen, dass das für mich nicht aufgehen kann, denn wenn ich etwas verabscheue, dann Grau. Während ich Schwarz zwar als hässlich, aber immerhin auch als eigenständig und deshalb mutig empfinde, ist Grau für mich die sichtbare Form eines Lebens, das nicht gelebt wird. Einfach trist und somit keine erhebliche Verbesserung in der Art und Weise, das Leben wahrzunehmen. Ob man die Dinge nun Schwarz-Weiss sieht oder Grau, farblos bleiben sie allemal.

Ich weiss ja nicht, ob das jetzt wissenschaftlich wasserdicht ist, denn den Physikunterricht habe ich mehr oder weniger verschlafen. Aber so langsam wird mir klar, dass das, was zwischen Weiss und Schwarz liegt, nicht einfach Grau sein kann. Da müssen irgendwo auch Farben sein und zwar eine Unmenge davon. Farben, die bewirken, dass nicht alles gleich aussieht, Farben, die dafür sorgen, dass die Dinge unverwechselbar werden, Farben auch, die es in den verschiedensten Abstufungen gibt, mal dunkler, mal heller. Aus dem einzig richtigen Weg, die Dinge zu sehen und zu leben wird eine Vielfalt an Wegen, aus der einzig richtigen Lösung wird eine Auswahl an Lösungen, von denen man die passendste wählen kann.

Das heisst natürlich nicht, dass Weiss und Schwarz keine Rolle mehr spielen, denn ohne ein Gerüst, welches das Ganze zusammenhält zerfällt die Sache in Beliebigkeit. Aber es ist nicht mehr entweder Weiss oder Schwarz, sondern es ist die Farbe, die da ist, je nach Farbton mit etwas mehr Weiss oder etwas mehr Schwarz. Natürlich gibt es in dieser Palette auch Grau. Leider, muss ich sagen. Aber immerhin ist das nicht der einzige Ton, in dem gemalt wird.

Das Leben mit der ganzen Palette ist nicht so simpel, wie das Schwarz-Weiss-Leben. Manchmal gibt es Dinge, die meiner Meinung nach eher grün sein müssten und nicht pink. Oder ich würde einen sanfteren Farbton vorziehen anstelle des grellen Rots, das mir ins Auge sticht. Manchmal harmonieren auch die Farbtöne, die da zusammenkommen, überhaupt nicht oder man muss aufpassen, dass nicht plötzlich eine Farbe das Ganze dominiert. Hin und wieder findet man auch, das Bild des anderen würde viel schöner aussehen, wenn er die gleichen Farben verwenden würde wie man selber. Und manchmal sitzt man stundenlang da und fragt sich, zu welcher Farbe man denn nun am besten greifen sollte und man wünscht sich, man könnte einfach wieder zum altbekannten Grau zurückkehren, ja, vielleicht gar zum Schwarz-Weiss. Doch ich glaube, wer mal angefangen hat, sich mit der Farbpalette auszutoben, wird sich auf lange Sicht nicht mehr mit diesen einzigen drei Möglichkeiten der alten Zeiten zufrieden geben.

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