Zu Hause?

Natürlich fällt es mir jedes Mal schwer, wenn die Ferien zu Ende gehen, doch wenn die Koffer gepackt sind und wir im Zug sitzen, freue ich mich dann doch darauf, wieder zu Hause zu sein. Vielleicht ist es bloss eine Joghurtsorte, die ich im Ausland vermisst habe, vielleicht ist es auch ein unbequemes Bett, das mir die Rückkehr nach Hause erleichtert. Irgend eine Kleinigkeit finde ich immer, auf die ich mich freuen kann.

Fast immer. Diesmal halfen nämlich weder die Vorfreude auf Katzen, Wachteln und Garten noch die Aussicht auf eine endlich wieder stabile Internetverbindung. „Soll doch mein Leben nach Schweden kommen, ich habe nicht die geringste Lust, jetzt schon zu ihm zurückzukehren“, grollte ich, als sich der Zug Richtung Süden in Bewegung setzte.  Natürlich liegt dies zum Teil daran, dass ich seit Jahren nicht mehr so entspannt war wie in diesen viereinhalb Wochen, doch die Wurzeln meines Widerwillens, nach Hause zurückzukehren, liegen tiefer: Ich liege im Clinch mit meinem Herkunftsland.

Ausgeprägter Patriotismus war noch nie mein Ding, zurzeit aber muss ich darum ringen, überhaupt noch Gutes zu sehen. Denke ich an die Schweiz, dann kommen mir die Menschen in unserem Quartier in den Sinn, die wegen jeder Bagatelle die Polizei rufen – nicht nur wegen der Fensterscheibe, die der FeuerwehrRitterRömerPirat zertrümmert hat, sondern auch wegen Auswärtigen, die einfach so ihr Auto auf öffentlichen Parkplätzen abstellen, wenn sie im Quartier zur Arbeit gehen. Ich denke an das Totschläger-Argument „Das könnte unserer Wirtschaft schaden“, mit dem alles, was irgendwie anders wäre, als man es bisher gemacht hat, im Keim erstickt wird. Ich denke an das hohle Geschwätz von unserer „hohen Lebensqualität“, einer Lebensqualität, welche die Menschen scharenweise in den Wahnsinn treibt, wie auch immer dieser Wahnsinn aussehen mag. Ich denke an das vergiftete Klima, in dem jeder das Gefühl hat, der andere könnte ihm etwas von seinem Überfluss nehmen. Ich denke an das übersteigerte Selbstbewusstsein, mit dem wir uns einreden, bei uns sei fast alles besser als andernorts.

Ja, ich weiss, ich müsste daran denken, dass wir nicht nur mehr als genug zu Essen haben, sondern auch sehr gute Qualität und viel Abwechslung. Ich müsste daran denken, dass wir  nahezu unbegrenzte Möglichkeiten haben. Ich müsste daran denken, dass bei uns vieles sehr gut funktioniert und ich denke ja auch viel daran, doch irgendwie reicht mir das nicht mehr, um mich darüber zu freuen, wieder in dem Land zu sein, das meine Heimat ist. Vor allem, weil ich wieder einmal mit eigenen Augen gesehen habe, dass im verrufenen europäischen Ausland nicht alles so schlecht ist, wie man uns gerne glauben macht. 

Nun, wir sind wieder hier und ich werde Wege finden müssen, wieder gerne hier zu leben. Und bis ich diesen Weg gefunden habe, freue ich mich, dass es hierzulande an den Bahnhöfen Gepäckwagen gibt und dass mein Gemüse bei dem hier herrschenden Klima ganz prächtig gedeiht. 

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Museumsbesuch in Kopenhagen

„Ich komme mir vor, als würde ich durch alle meine Bücher wandern. Es ist so schön hier. Können wir nicht jeden Tag hierher kommen?“, meint der FeuerwehrRitterRömerPirat.

„Ich halte das keine Sekunde länger aus hier drinnen. Diese Hitze und all die langweiligen Sachen. Aber das Kindermuseum ist super, vor allem, weil sie nicht immer nur Prinzessinnenkleider zum Verkleiden haben, sondern auch mal Sachen aus Indien und so. Und das Essen, einfach traumhaft…“, meint Luise.

„Die Indianer waren cool, die Griechen, die Ägypter und das Kindermuseum, aber können wir jetzt endlich raus hier? Ich will jetzt endlich meinen Veloständer wieder haben, den ich auf der Strasse gefunden habe. Und einen Wikinger-Hot Dog esse ich ganz auf gar keinen Fall“, meint das Prinzchen.

„Ich bin ein Ritter und dann hätten wir vom Schiff aus angegriffen und dann hätten wir die Burg angegriffen und dann wären wir auf das andere Schiff gegangen und dann hätten wir gekämpft und dann wäre ich…und jetzt habe ich Hunger“, meinte der Zoowärter.

„Einen tollen Shop haben die hier und die Sachen sind viel günstiger als im letzten Museum, dabei sind sie doch viel spezieller. Diese Schreibfeder hier, zum Beispiel, kostete am anderen Ort 45 Kronen und hier kostet sie nur 30“, meint Karlsson.

„Du weisst ja, ich kann mit solchen Museen überhaupt nichts anfangen, aber das hier ist wirklich super. Bei den Inuit-Kleidern hat es mir den Ärmel reingenommen und das Kindermuseum musst du dir unbedingt anschauen, so etwas hast du noch nie gesehen. Das müssten sich die Museumspädagogen in der Schweiz mal ansehen. Und das Essen kostet auch fast nichts“, meint „Meiner“.

„Wahnsinn, hier kommst du vom Hundertsten ins Tausendste! Immer, wenn du denkst, du hättest alles gesehen, kommt noch etwas, was du unbedingt sehen willst. Einfach genial, genau so müssen Museen sein. Und das alles erst noch gratis. Kann mir mal einer erklären, warum die das in der Schweiz nicht können?“, meine ich.

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10 Dinge, die ich vermissen werde

Als wir heute die Öresundbrücke in der falschen Richtung überquerten, war mir klar, dass nicht einfach eine Ferienreise zu Ende geht, sondern eine Zeit, in der alte Sehnsüchte und neue Träume wach geworden sind. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was „Meinen“ und mich – und bis zu einem gewissen Grad auch die Kinder – in diesen Wochen bewegt hat; ich weiss nicht, ob einiges davon früher oder später sicht- und fassbar wird, oder ob das hektische Leben in der Schweiz alles wieder ersticken wird, ehe es keimen konnte. Mehr als deutlich weiss ich aber jetzt schon, was ich zu Hause vermissen werde:

1. Das Grün: Glaubt mir, ich habe es versucht, aber man kann sich schlicht und einfach nicht satt sehen an all dem Grün. Dabei mag ich Grün als Farbe gar nicht besonders.

2. Die Stille: Nein, es war nie vollkommen still, da war stets ein Rauschen des Windes in den Bäumen, ein Zwitschern der Vögel oder nachts das Rascheln eines Tiers im Gebüsch und natürlich der Lärm, den unsere Kinder veranstalten. Doch all die Zivilisationsgeräusche, die ich zu Hause schon gar nicht mehr wahrnehme, weil sie auch an scheinbar abgeschiedenen Orten stets zu hören sind, die waren einfach ausgeschaltet. Erst in dieser Stille wurde mir bewusst, wie sehr mir die pausenlose Geräuschkulisse zusetzt. 

3. Die Dunkelheit: Ja, ich weiss, sommers wird es in Schweden nie so richtig dunkel, aber das meine ich auch nicht. Ich rede von den Strassenlampen, die eben nicht da waren und somit nachts nicht in mein Gesicht scheinen konnten, von den Leuchtreklamen, die nicht mal in den Städten besonders zahlreich anzutreffen sind, vom Mond und den Sternen, die dank der Abwesenheit von künstlichem Licht trotz der nächtlichen Helligkeit zu leuchten vermochten.

4. Die Tiere: Gut, die Tatsache, dass die in unserem Ferienhaus ein Gerät hatten, um Ratten fernzuhalten, hat mich leicht beunruhigt und die Sache mit den Schlangen ging mir nie ganz aus dem Hinterkopf. Doch wann habe ich zu Hause zum letzen Mal ein  Reh beobachten können, Feldhasen oder einen Raubvogel? Wo habe ich schon je so viele Kühe gesehen, die ihre Hörner behalten durften? Schafe mit grauem, gekräuseltem Fell, Pferde, die sich zu dritt eine Weide von der Grösse eines Fussballfeldes teilen? Oh ja, natürlich haben wir auch Elche gesehen, aber die waren in einem Gehege, also zählen die nicht wirklich.

5. Früher oder später musste ich ja aufs Essen zu sprechen kommen: Nein, die schwedische Küche bietet nicht allzu viel Abwechslung, schon gar nicht für Vegetarier. Aber wer braucht denn Abwechslung auf der Speisekarte, wenn er Blaubeer-, Hagenbutten- und Fruchtsuppen, Fruchtkräm in allen Variationen, Gurken, Zimt- und Kardamomwecken, geräuchten Käse, frische Beeren, Pfifferlinge, Pfannkuchen, Sauermilch und Lakritze  zur Auswahl hat? Keine Ahnung, wie ich zu Hause ohne all das Zeug auskommen soll.

6. Die Kinderfreundlichkeit: Nein, die Schweden machen nicht viel Aufhebens um Kinder, für sie gehören sie einfach dazu. Also werden sie nicht von Fremden angemotzt. Man lässt sie klettern, auch wenn das vielleicht aus Sicht eines Erwachsenen nicht unbedingt angebracht wäre. Man hat vor den Schulhäusern eine verkehrsberuhigte Zone . Man hat ein Kinderprogramm und zwar nicht irgend einen aufgesetzten Kitsch, sondern eine richtig gute Sache, die Erwachsene davon träumen lässt, noch einmal Kind sein zu dürfen. Man bekommt überall ein halbwegs anständiges Kindermenü und natürlich müsste man auch nie nach einem Wickeltisch suchen, wenn man denn ein Wickelkind hätte. 

7. Die Häuser: Man hat nie genug rote Häuser gesehen, denn kaum eines ist gleich wie das andere. Und dann gibt es die schmucken Dinger ja auch in Gelb, Blau, Rosa, Grün, Himmelblau, Braun… Ja, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein schwarzes Haus gesehen, das mich wegen seiner Schönheit aus den Socken gehauen hätte, so ich denn welche tragen würde.

8. Die netten Menschen: In unseren Breitengraden glaubt man ja, nur im Süden seien die Menschen gastfreundlich und aufgeschlossen. Nun, vielleicht hatten wir einfach nur Glück, aber die Menschen, die wir getroffen haben, waren äusserst warmherzig, gastfreundlich und nur zu gerne bereit, uns die Schönheiten ihres Landes zu zeigen. So sehr, dass unsere Kinder das fast ein bisschen aufdringlich fanden…

9. Die Seen: Ich finde keine Worte, ihre Schönheit zu beschreiben. Man muss sie einfach gesehen haben, um es zu glauben.

10. Die vielen Cafés, Museen, Badestellen, Waldlichtungen,…, die wir nur von ferne gesehen haben und deretwegen wir unverzüglich unsere nächste Ferienplanung in Angriff nehmen müssen.

Aber ehe ich zu heulen anfange, geniessen wir noch ein paar Tage in Kopenhagen…

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Strandleben

Hätte mir vor zwanzig Jahren einer gesagt, ich würde dereinst mit Schwimmbrillen, Schwimmtieren und Kühltasche an einem kinderfreundlichen Strand mit Rutschbahnen und Hüpfkissen im Liegestuhl sitzen und mich von der Sonne bescheinen lassen, dann hätte ich ihn ausgelacht. „Meiner“ und ich am Strand und dann erst noch im Liegestuhl? Vergiss es! Auch Kinder werden uns nicht dazu bringen, so langweilige Ferien zu machen.

Währenddem ich diese Zeilen schreibe, tun „Meiner“ und ich genau das, was wir nie hätten tun wollen. Fast komme ich im Versuchung, zu verachten, was wir geworden sind. Aber nur fast, denn die Liegestühle, auf denen wir sitzen, gehören nicht uns, „Meiner“ hat sie nur geliehen. Von der Abfallsammelstelle auf einem Campingplatz und dort kommen sie auch wieder hin, wenn unser Ausflug ins Strandleben zu Ende ist.

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Alltagseinbruch

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber auch in den Ferien gibt es Tage, die man am liebsten wieder vergessen möchte. Zum Beispiel heute, als ich mich im Einkaufszentrum aussetzen liess, in der Hoffnung, dort endlich WLAN zu haben, damit ich meine Kolumne schreiben und ein paar Rechnungen bezahlen kann. Zugang zum Internet gab es nicht, dafür riss der Riemen meines fast neuen Schuhs, also humpelte ich von einem Laden zum nächsten und schliesslich über die breite, viel befahrene Strasse, in der Hoffnung, irgendwo Schuhe in Grösse 37 zu finden und nicht nur riesige Latschen für Riesinnen. Fündig wurde ich schliesslich im Supermarkt. Als ich diesen verliess, waren „Meiner“ und die Kinder bereits vom Museumsbesuch zurück und ich fand keine Zeit mehr, meinen Ärger verpuffen zu lassen, also mussten sie als Abfalleimer herhalten. Frustriert liess ich mich auf eine Sitzbank fallen, wo ich ganz unerwartet auf Internet-Zugang stiess. Die Zeit reichte gerade mal, um drei Rechnungen zu begleichen, ehe meine Bank mich wissen liess, sie traue meiner Internet-Verbindung nicht, weshalb sie keine weiteren Daten mehr empfangen werde. Und weil jetzt a) der Akku des Laptops leer war und b) die Kinder nicht mehr länger auf mich warten mochten, suchte ich meinen Kram zusammen und verliess das elende Einkaufszentrum, nur um Augenblicke später mit Luise noch einmal zurückzukehren, weil sie keinen Augenblick länger ohne Flip Flops sein konnte.

Jetzt, wo dieser eine miese Ferientag zu Ende geht, quält mich nur noch die Frage, wie ich Kolumne und Rechnungen zu Ende bringen kann, ohne einen weiteren Alltagseinbruch erleben zu müssen.

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Work in progress

Da unsere Ferienwohnung einem Theaterverein gehört, befindet sich auf dem Grundstück eine Freilichtbühne und da liegt es wohl nahe, dass unsere Kinder schon kurz nach unserer Ankunft beschlossen, ein eigenes Stück auf die Bühne zu bringen. Uraufführung ist am ersten August, aber wir Eltern amüsieren uns jetzt schon köstlich. Hier ein kurzer Abriss der Ereignisse der vergangenen Tage:

Sonntag, 21. Juli
Erstes Brainstorming führt zu heftigen Auseinandersetzungen. Warum darf der FeuerwehrRitterRömerPirate keinen Affen in Ritterrüstung spielen und wenn alle so gemein sind, macht er nicht mehr mit. Das Prinzchen möchte immer nur Michel aus Lönneberga sein, der Zoowärter immer nur Karlsson vom Dach und dabei wollen doch Luise und Karlsson – unserer, nicht derjenige vom Dach – unbedingt auch Figuren dabei haben, die sie selber erfunden haben.

Montag, 22. Juli
Der Autor – also Karlsson – ist fleissig am Werk, denn obschon es gestern nicht danach ausgesehen hatte, hat man sich doch auf ein gemeinsames Projekt mit diversen Rollen für alle einigen können. Luise übt derweilen mit ihren kleinen Brüdern die Astrid Lindgren-Lieder, die vorgetragen werden. Damit alle die Lieder in- und auswendig kennen, dürfen wir bei der Autofahrt nur noch „Lille Katt“, „Världens bästa Karlsson“ und „Grisen gal i granens topp“ hören.

Dienstag, 23. Juli
Die Liederauswahl wurde über den Haufen geworfen, also hören wir jetzt im Auto nicht mehr „Världens bästa Karlsson“, sondern „Merja,merja, mojsi“ und zusätzlich „Liten vaggvisa“, weil drei Lieder einfach zu wenig sind. Das Stück ist jetzt fast fertig geschrieben und Karlsson hütet es wie seinen Augapfel.

Mittwoch, 24. Juli
Die Schauspieler sollen ihren Text bekommen und Karlsson wird leicht nervös, weil es hier weder Drucker noch Kopierer gibt, was für ihn einen Haufen Schreibarbeit bedeuten könnte. Erst der Hinweis, dass einer der Schauspieler des Lesens noch nicht mächtig ist und die anderen ein sehr gutes Gedächtnis haben, vermag ihn zu beruhigen. „Dann schreibe ich also nur eine Fassung“, verkündet der Autor freudestrahlend, was Luise in Panik versetzt, denn wie soll sie ohne Text ihre Zeilen lernen? Sie schreibt sie schliesslich aus dem Gedächtnis auf, was Karlsson in Rage versetzt, denn wenn die Texte einfach so frei herumflattern, könnte ja einer daherkommen und das Stück klauen. Einmal mehr entgeht das Projekt nur knapp seinem frühen Tod.

Donnerstag, 25. Juli
Die Rollen sind verteilt, das Datum der Aufführung wird bekannt gegeben und dann bricht Panik aus: „Wir können keine Ausflüge mehr machen. Wann sollen wir denn noch proben?“ Wir erlauben spätes Zubettgehen und abends lauschen wir voller Rührung den Liedern, die auf der Bühne gesungen werden. Obschon wir eigentlich gar nichts gehört haben dürften…

Freitag, 26. Juli
Proben, Ausflug, Proben, Schwimmen am See, Proben

Samstag, 27. Juli
Ausflug nach Kosta, Picknick am See mit anschliessendem Baden, Proben, Diskussion über das Menü anlässlich der Premiere. Es soll Flusskrebse geben und Chips, natürlich.

Sonntag, 28. Juli
Kostümprobe führt zu heftigem Streit. Karlsson und Luise drohen, sie würden alles hinschmeissen, worauf der Zoowärter und das Prinzchen beschliessen, ihr eigenes Stück zu spielen. Karlsson und Luise beruhigen sich wieder, aber jetzt will das Prinzchen nicht mehr mitmachen, denn „Meiner“ und ich weigern uns, mit ihm die 173 Kilometer nach Vimmerby zu fahren, um ihm ein echtes Michel-Kostüm zu besorgen. Das Prinzchen kriegt sich wieder ein, aber jetzt bockt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er werde zum Tanzen auf gar keinen Fall die Holzschuhe anziehen, denn von denen bekäme er Blasen an den Füssen. Ich überrede ihn dazu, wenigstens zur Hauptprobe und zur Aufführung die Holzschuhe zu tragen und rette damit die Produktion. Sofern nicht noch eine absolut unüberwindbare Differenz auftaucht…

(Un)vorbereitet

Wir haben uns so ziemlich auf alles eingestellt, als wir zu Hause unsere Koffer packten: Auf die legendären schwedischen Mücken, von denen wir aber herzlich wenig merken und die laut unserer Vermieterin dieses Jahr tatsächlich kaum anzutreffen sind. Auf die Zecken, die entgegen eines weit verbreiteten Irrtums sehr wohl auch in Südschweden ihr Unwesen treiben. Auf kühle Abende, die man angeblich nicht ohne warmen Pulli überstehen kann. Auf Elche, die ausser uns wohl jedem Schwedentouristen irgendwann den Weg versperren. Auf die kinderfreundlichen Schweden, die es gemäss Berichten von Freunden nicht allzu sehr schätzen, wenn man die eigenen Kinder mit lauter Stimme in die Schranken weist. Ja, sogar mit der Existenz von Schlangen habe ich mich kurz – wenn auch äusserst widerwillig – auseinandergesetzt.

Nur etwas haben wir nicht bedacht: Dass im Norden die Sonne im Sommer nicht nur kaum untergeht, sondern dass sie trotz angenehmer Temperaturen durchaus auch brennen kann. Oh ja, wir haben die Sonnencreme von zu Hause mitgenommen, aber wir sind doch tatsächlich naiv genug, sie im Ferienhaus zu vergessen, wenn wir auf die Insel Öland ausfliegen. Nun ja, ganz so schmerzhaft, wie er im Süden ausfallen würde, ist der Sonnenbrand hier nicht.

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Bildungsfragen

Als ich noch in streng konservativen christlichen Kreisen verkehrte, wurde ich manchmal gefragt, wozu ich überhaupt eine Matura machen wolle, als Frau würde ich mich früher oder später ohnehin um die Kinder kümmern. Später, als ich an der Uni war, bekam ich die gleichen Fragen wieder zu hören, diesmal einfach mit leicht aggressivem Unterton. Ja, ich weiss, ihr glaubt mir nicht. Ihr denkt wohl, ich könne unmöglich so alt sein, dass ich mich noch mit solchen Vorwürfen hätte herumquälen müssen. Doch die Kreise, in denen ich mich in den Neunzigern bewegte, waren ziemlich konservativ und sie blieben es auch, als ich schon längst begriffen hatte, dass ich mit solchen Ansichten nicht leben konnte.

Doch darüber möchte ich ja eigentlich gar nicht schreiben, sondern viel eher über die Frage, wie ich ohne diese vielen Ausbildungsjahre und den Mann mit der pädagogischen Ausbildung unsere Kinder je unterstützen könnte. Wie kann es sein, dass ein sprachlich absolut nicht unbegabtes Kind nach zwei Jahren Kindergarten und vier Jahren Primarschule noch nicht einmal eine Postkarte fehlerfrei schreiben kann? Was ist falsch gelaufen, wenn ich einem durchaus intelligenten Kind nach zwei Jahren Kindergarten und zwei Jahren Schule erklären muss, welche Wortarten man gross schreibt und welche klein? Wie kommt es, dass „Meiner“ und ich peinlich genau überprüfen müssen, was Töchterchen im Französisch lernt, weil sie schon zu viele falsche Satzstrukturen gelehrt bekommen hat? Wo würden unsere Kinder in der Mathematik stehen, wenn nicht „Meiner“ den ganzen Stoff zu Hause noch einmal mit ihnen durchackern würde? Wenn er nicht die Fragen beantworten würde, die nach den spärlichen Erklärungen des Lehrers noch geblieben sind? Werde ich das Gleiche tun müssen, wenn Karlsson und Luise nach den Sommerferien Englisch lernen?

Und warum in aller Welt schlagen die Lehrer immer nur dann Alarm, wenn ein Blatt ein paar Tage zu spät abgegeben wird, jedoch nie, wenn das mit der Rechtschreibung einfach nicht im Kopf bleiben will? Warum müssen wir das Material selber zusammensuchen, wenn Vertiefung nötig ist? Was hätten unsere Kinder ohne unsere Unterstützung gelernt, ohne die bestimmt nicht immer akkuraten Antworten, die wir ihnen geben, ohne die Geschichten, den Garten, die Haustiere, die Ferienaufenthalte, die Ausflüge, ohne die Bücher und Zeitschriften, die bei uns überall herumliegen und für noch mehr Unordnung sorgen? Klar müssen Schule und Elternhaus einander ergänzen, aber ich frage mich allmählich, was bliebe, wenn das, was wir beitragen, wegfiele. Und warum müssen all diese Fragen ausgerechnet in den Sommerferien über mich hereinbrechen?

Natürlich sind Matura und Uni keine Voraussetzungen, um Kinder grossziehen zu können, wie das mit unseren Kindern an unserer Schule gutgehen sollte, kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.

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Improvisationstheater

Seit unserer Ankunft in Schweden steht das gleiche Theaterstück auf dem Programm. Es trägt den Titel „Wir wollen noch nicht ins Bett“, unsere Kinder spielen die Hauptrollen und da es ein modernes Stück ist, legen die Schauspieler grossen Wert auf die Mitwirkung des Publikums. Deswegen haben auch „Meiner“ und ich unseren Part zu spielen, den Part der fiesen Bösewichte, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Während man mir immerhin zugesteht, im Laufe des Stücks zur geläuterten Schlafliedchensängerin zu mutieren, muss „Meiner“ bis zum bitteren Ende den Fiesling spielen.

Kein Wunder, dass er dies allmählich satt hat und das trieb ihn wohl dazu, heute Abend die zwei Sätze auszusprechen, die ich zuerst für das Dümmste hielt, was er in seiner fast dreizehn Jahre dauernden Karriere als Vater je geäussert hat: „Ich spiele nicht mehr mit. Heute Abend geht ihr dann uns Bett, wann es euch passt.“ Die Schauspieltruppe konnte ihr Glück kaum fassen, endlich nicht mehr das gleiche öde Stück spielen zu müssen. Der Älteste der Truppe bemerkte zwar, wir würden also heute Abend einen auf antiautoritäre Erziehung machen, doch er spielte dann doch bereitwillig mit. Auch ich war nicht unglücklich über die Programmänderung, fürchtete aber, das improvisierte Stück könnte ganz gewaltig in die Hose gehen.

Anfangs sah es auch ganz danach aus. Einige beschmierten sich im Badezimmer mit einer fürchterlichen Kriegsbemalung, die anderen machten sich über die Wassermelone her, die ich heute Nachmittag gekauft hatte. Später servierten sie uns Dessert und gekühlte Getränke, veranstalteten damit zwar ein riesiges Chaos in der Küche, bescherten uns aber dennoch einen ziemlich gemütlichen Abend. Sie beseitigten sogar die ärgsten Spuren ihres kreativen Abendprogramms. Gegen halb zehn gab der Erste bekannt, er wolle jetzt ins Bett gehen und bald darauf griff einer nach dem anderen zur Zahnbürste. Nicht später als in den vergangenen Tagen üblich wurde ich um ein paar Schlaflieder und ein Abendgebet für die Katzen zu Hause gebeten und bald darauf war es still im Kinderzimmer.

Ein durchschlagender Erfolg also, dieses Improvisationstheater. Ob sich daraus wohl ein neues Stück machen lässt?

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Zweite Etappe

Gewöhnlich würden unsere Familienferien ja spätestens nach zwei Wochen enden, doch diesmal folgte auf den Auszug aus dem roten Smålandhaus nicht die Rückreise in die Schweiz. Wir sind lediglich etwas weiter in den Süden gereist, in ein altes Schulhaus, wie es wohl die Bullerbü-Kinder besuchten. Eine gemütliche Wohnung mit traumhafter Aussicht, umgeben von hohen Bäumen und ganz nahe beim See gelegen. Noch einmal ein wahr gewordener Traum, diesmal in einer Gegend, in der alle paar Meter ein Hinweis auf eine Glasbläserei oder eine kulturelle Veranstaltung hinweist. Und das alles bei schönstem Sommerwetter.

Ehe ihr jetzt vor Neid erblasst, denkt bitte daran, dass wir nicht nur sehr viel Gepäck, sondern auch alle unsere Macken mit nach Schweden genommen haben. Deshalb brülle ich mehrmals am Tag: „Wollt ihr wohl endlich aufhören zu streiten! Könnt ihr denn nicht einen einzigen Augenblick lang die ganze Schönheit hier geniessen?“ Meistens sollten sich Luise und „Meiner“ angesprochen fühlen…

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