Ich kann’s noch!

Man sollte es nicht für möglich halten, aber wenn die Bedingungen stimmen, dann kann ich es tatsächlich noch. Welche Bedingungen denn? Also, da wären mal:

1. „Meiner“ für vier Tage ausser Hauses
2. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömnerPirat für drei Tage ausser Hauses
3. Keine Termine, ausser einen Augenarzttermin mit Luise, im Pfadfinderheim kochen zu gehen, ein Weiberabend am Mittwoch und eine Hausbesichtigung am Donnerstagmorgen
4. Eine Vierkindermama im Nachbardorf, deren Familie ebenfalls gerade ausser Hauses ist
5. Zwei grosse Flaschen Cola Light
und dann schadet es natürlich nicht, wenn 6. die Vierkindermama eine  äusserst interessante Gesprächspartnerin ist

Man sieht also: Es braucht gar nicht so viel und schon bringe ich es fertig, die Zeit vollkommen zu vergessen, über Gott, die Welt und die lieben Mitmenschen zu reden, mal den Tränen nahe, weil das, was man hört so zu Herzen geht und Momente später zu brüllen vor Lachen, tief zu graben und an der Oberfläche zu kratzen, kurzum: zu reden, was das Zeug hält. Und wenn man zum ersten Mal auf die Uhr schaut, weil man sich inzwischen ein Gähnen hin und wieder nicht mehr verkneifen kann, stellt man fest, dass es viertel vor drei ist. Morgens.

Es ist mehr als sieben Jahre her, dass mich nicht die Kinder sondern die Besucher so lange wach gehalten haben. Damals allerdings stand ich kurz vor Luises Geburt und weil die Gäste partout nicht gehen wollten, verkündete ich irgendwann, die Gäste könnten von mir aus tun, was ihnen beliebe, aber ich würde mich jetzt in mein Bett verkriechen, denn ich hätte in den nächsten Tagen einen äusserst wichtigen Termin, nämlich den Geburtstermin. Worauf die Gäste peinlich berührt das Weite suchten. Gestern aber – oder war es heute? – habe ich den Besuch bis zur letzen Minute ausgekostet, obschon ich genau wusste, dass es durchaus geschehen könnte, dass ich nicht mehr als zwei Stunden Schlaf bekomme. Und die Vierkindermama war noch ärger dran: Sie musste nämlich heute früh zur Arbeit. Aber was soll’s? Wenn die Bedingungen stimmen, dann nimmt man die Konsequenzen gerne in Kauf und ich habe ja auch in absehbarer Zukunft keine Geburt mehr zu bewältigen…

Ach ja, und natürlich musste ich um fünf Uhr früh aus dem Bett wanken, weil das Prinzchen seine Windel voll und einen wunden Po hatte. Aber was macht das schon, wenn man sich a) bestens unterhalten hat und b) danach mit den kleinen Söhnen bis zehn Uhr ausschlafen kann?

Konsequenzen

Heute sei der Internationale Tag der Frau, erinnerte mich eine E-Mail heute früh, als ich zum ersten Mal den Computer aufstartete. Ich solle doch meinen Freundinnen zu diesem besonderen Tag gratulieren. Nun, weil für mich –  und wohl die meisten Frauen auf diesem Planeten – heute ein Montag war wie jeder andere, habe ich das mit den Gratulationen bleiben lassen. Ich habe ja eigentlich noch immer nicht begriffen, wie dieser Gedenktag das Schicksal der Frauen ändern soll… Doch als pflichtbewusste Frau habe ich mir natürlich dennoch ein paar Gedanken gemacht zum heutigen Tag der Frau. Das gehört sich ja wohl, wenn man zwei X-Chromosomen hat, nicht wahr?

Früher habe ich darüber allerdings noch ganz anders gedacht. Mir steigt heute noch die Schamröte ins Gesicht, wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich als Achtzehnjährige darüber echauffiert hatte, dass die Forderungen nach Bundesrätinnen immer lauter wurden. Mir ist es heute noch peinlich, dass ich allen Ernstes die Meinung vertreten hatte, die Frauen hätten in unserer Gesellschaft eigentlich genügend Rechte, es sei auf diesem Gebiet alles erreicht, was es zu erreichen gebe. Dass ich sogar ein paar Momente lang geglaubt hatte, wenn frau Kinder habe, gehöre sie in jedem Fall an den Herd, würde ich eigentlich lieber unerwähnt lassen…

Zu meiner Verteidigung muss ich anfügen, dass ich in ziemlich konservativen evangelikalen Kreisen gross geworden bin, wo man noch traditionelle Rollenbilder vorschrieb und wo Frauen, die ihren eigenen Weg suchten, rar waren. Dennoch finde ich es rückblickend bedenklich, wie ich damals gedankenlos Meinungen übernommen und mit Eifer vertreten habe. Nun könnte man einwenden, es sei ja vollkommen normal, dass Achtzehnjährige die Welt noch nicht sehr differenziert betrachten würden. Während ich diesem Einwand zustimmen kann, fällt es mir dennoch schwer, mir selber meine damalige Ignoranz zu verzeihen. Denn ich war nicht nur ignorant, ich glaubte damals auch, dass ich ein Thema, wenn ich mal eine Meinung dazu gefasst hatte, ad Acta legen könne. Und so konnten Gedanken, deren Präsenz ich mir gar nicht mehr bewusst war, ihre eigene Dynamik entwickeln und mich dazu treiben, eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen, obschon diese mir gar nicht entspricht. Und so trage ich heute noch die Konsequenzen meiner Gedankenlosigkeit von früher.

Deshalb ist der achte März, so gerne ich ihn ignorieren möchte,  für mich ein Tag, an dem ich mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde. Mit einer Geschichte, die ich wohl mit ziemlich vielen Frauen aus unseren Breitengraden teile.

Power-Frau?

Früher, als es noch in war, dass frau leidenschaftliche Mutter und Hausfrau war, da war es ja so: Jede Hausfrau wusste, wie „man“ die Dinge macht. Jede wusste, was die andere „falsch“ macht. Jede sah auf diejenigen herab, die nicht so perfekt waren. Da kam es zum Beispiel vor, dass eine Hausfrau am falschen Tag grosse Wäsche machte, oder dass eine nicht fähig war, das erforderliche Repertoire an Kochrezepten zu beherrschen, oder dass sich eine Frau erlaubte, nicht auf die richtige Art das Haus sauber zu halten. Und mit all dem machte sie sich zu einem äusserst fragwürdigen Individuum, auf das man getrost herabschauen konnte.

Bis auf einige Ausnahmen sind diese Zeiten zum Glück vorbei. Aber weil Frauen offenbar nicht sein können ohne die leidigen Vergleiche, haben sie einen neuen Tick ersonnen, der auf dem gleichen Muster basiert, aber Auswirkungen in die gegenseitige Richtung hat. Jetzt wird nicht mehr auf angeblich fehlerhafte Hausfrauen herabgeschaut, jetzt hebt man angeblich perfekte Mütter und Hausfrauen aufs Podest und suhlt sich im Frust über das eigene Versagen. Da kommt es dann vor, dass frau Sätze wie diesen zu hören bekommt: „Du hast ja immer alles im Griff. Bei dir kommt es bestimmt nicht vor, dass du einen Termin vergisst.“ Oder: „Ich wünschte, ich könnte so ruhig bleiben wie du. Ich selber verliere so schnell die Nerven.“ Oder: „Für dich ist das ja keine Sache, du schaffst ja ohnehin alles mit Links.“ Je mehr Kinder man hat, umso öfter bekommt man solche Sätze zu hören.

Wie, ich suche mal wieder das Haar in der Suppe? Was ich bloss an diesen „netten Komplimenten“ auszusetzen habe? Nun, wenn ich ehrlich bin, ziemlich viel. Erstens einmal nerven mich diese ewigen Vergleiche an sich. Ob man nun den anderen runtermacht oder ihn aufs Podest hebt. Jeder lebt sein ganz eigenes Leben, da sind solche Vergleiche doch einfach sinnlos. Zweitens werden solche Aussagen oft dazu missbraucht, die Arbeit an jemand anderen abzuschieben. Was so nett klingt, heisst eigentlich mit anderen Worten:  „Ich bin unfähig, das Geforderte zu leisten, ich bin ja nicht perfekt. Aber du bist eine Power-Frau, für dich ist das alles kein Problem. Also kannst du die Sache erledigen.“ Drittens spricht man einer Person, die man aufs Podest gehoben hat, jegliches Recht auf Schwäche ab. Da mag die „Power-Frau“ noch so laut schreien und sagen, dass es jetzt reicht. Da mag sie  noch so oft beteuern, dass ihr das alles zuviel wird und dass sie auch nur ein Mensch ist. Es wird ihr nicht geglaubt. Die Power-Frau soll gefälligst ihrem Image gerecht werden, auch wenn sie es sich nicht selbst zugelegt hat.

Und bald schon ist die vermeintliche Power-Frau sehr sehr einsam, weil sie niemandem ihr Herz ausschütten kann, ohne zu hören zu bekommen, für sie sei doch das alles kein Problem, sie schaffe ja alles mit links. Und so ist man wieder am gleichen Punkt, wie damals, als es noch das Ideal der perfekten Hausfrau gab: Man sieht nicht die Person, sondern das Ideal, das es zu erfüllen gilt. Und das ist und bleibt ungesund, auch dann, wenn die Ideale sich gewandelt haben.

Rosarote Brille

Nun also zu den neugeborenen Müttern. Darüber wollte ich ja schreiben, bevor unser Internetverbindung sich gestern ganz eigenmächtig eine Pause verordnet hatte. Diese Internetverbindungen glauben, sich alles erlauben zu können, aber das ist ein anderes Thema.

Also, diese neugeborenen Mütter erkenne ich auf den ersten Blick und das ohne, dass ich das Baby an ihrer Seite gesehen haben muss. Ich meine die Mamas, die erst ein paar Tage alt sind. Die mit den viel zu grossen, in der Bauchregion ausgebeulten Kleidern. Die mit dieser unglaublich blassen, fast durchscheinenden Haut, mit diesem leicht schwankenden Gang, mit diesem weggetretenen Blick, der sagt: „Eigentlich sollte ich glücklich sein und ich bin es wohl auch, aber ich habe eben erst vor ein paar Tagen das unglaublichste Erlebnis meines Lebens hinter mich gebracht und ich weiss noch nicht, was auf mich zukommt und überhaupt bin ich erst vor ein paar Stunden aus dem Spital entlassen worden und das alles überfordert mich unglaublich.“ Meistens sehe ich diese neugeborenen Mütter im Einkaufszentrum, an ihrer Seite ein neugeborener Vater, den ich daran erkenne, dass er ganze Zehn Minuten darauf verwendet, sich dafür zu entscheiden, ob die blaue oder die weisse Babybadewanne besser zum Stubenwagen passt. Und daran, dass er morgens um halb elf Zeit hat, sich in der Babyabteilung über die perfekte Farbe einer Babybadewanne den Kopf zu zerbrechen.

Wenn mein Auge das alles registriert hat, dann sollte ich eigentlich schleunigst Kehrt machen, denn als Nächstes kommt das Baby in mein Blickfeld und dann ist es um mich geschehen. Dann muss ich mich mit aller Kraft zurücknehmen, um nicht einen laaaaaaangen, sehnsüchtigen Blick in den Maxi Cosi – neugeborene Eltern transportieren ihre Babys beim ersten Einkauf fast immer im Maxi Cosi – zu werfen. Und die Mama zu fragen, wie denn die Geburt verlaufen sei. Und wie schwer das Baby sei. Wie gross. Wie es heisse. Ob es mit dem Stillen gut laufe. Wo sie geboren habe. Ob sie jemanden habe, der ihr zu Hause helfe. Und dann würde ich mich vielleicht sogar dazu erdreisten, das arme Kindchen zu berühren und ich weiss ja, wie neugeborene Eltern das hassen. Und dann würde ich vielleicht mit Tränen in den Augen davon erzählen, wie wundervoll doch diese ersten Tage mit dem Baby immer gewesen seien. Bei meinen fünf Kindern, die ich übrigens alle ohne Kaiserschnitt geboren hätte, die alle immer ganz brav gewesen seien und mich nie, aber auch gar nie, ermüdet und gestresst hätten…

Und dann würde ich dastehen als die erste Mama auf diesem Planeten, die einen nahtlosen Übergang von der Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs zur sentimentalen, besserwisserischen Oma geschafft hat. Und das, bevor sie nur annähernd alt genug ist, Oma zu werden.

Stark?

Nein, als unehrlich würde ich uns Mamas wirklich nicht bezeichnen. Da kann und will ich dem Herrn Novotny nicht Recht geben. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb wir Mamas untereinander nicht offener darüber reden, wie es uns wirklich geht. Dass wir zwar unser Kinder über alles lieben und sie nie wieder hergeben würden, dass wir uns aber das Leben als Mutter in einer Gesellschaft, in der angeblich alles möglich ist, etwas anders vorgestellt hatten. Warum muss ich erst ziemlich viel von meinem inneren Elend preisgeben, bis ich endlich erfahre, dass zig Frauen in meinem Umfeld ebenfalls darunter leiden, dass sie intellektuell verkümmern? Warum erzählt man mir erst dann von Zusammenbrüchen, wenn ich offen dazu stehe, dass mir vor drei Jahren alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich je wieder glücklich sein könnte? Warum erfahre ich erst im Wartezimmer bei der Psychiaterin, dass Frauen aus meinem Bekanntenkreis mit genau den selben Problemen zu kämpfen haben wie ich? Warum haben wir Mütter so unglaublich viel Angst davor, zu gestehen, dass trautes Heim nicht Glück allein ist? Warum können wir lauthals über Kopfschmerzen jammern, verschweigen aber zugleich, dass es uns woanders viel mehr weh tut?

Wo doch die Depression schon fast so selbstverständlich zur Mutterschaft gehört wie die Schwangerschaftsstreifen und die dunklen Augenringe. Wo doch fast alle Mütter im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen. Doch anstatt einander ungeniert das Herz auszuschütten geben wir uns stark, zeigen nicht, wie sehr es uns belastet, dass wir nicht die Bilderbuchmama sind, die wir hätten sein wollen. Reden nicht darüber, wie unfähig wir uns fühlen, zugleich Hausfrau, Berufstätige und Mutter zu sein. Klar, wir klönen gerne über unsere Wäscheberge und durchwachten Nächte. Aber seien wir doch ehrlich: Das ist es nicht, was uns fertig macht; es ist nicht das, was viele von uns in die Depression treibt. Es ist dieses unerreichbare Ideal der stets glücklichen, stets liebevollen, stets organisierten, stets besonnenen Mama, das uns unglücklich macht. Es ist die Illusion, dass alle anderen Mamas ihre Sache im Griff haben, dass ich die Einzige bin, die nichts auf die Reihe kriegt. Es ist das sture Festhalten an dem Irrglauben, dass all die anderen es schaffen, moderne Powerfrauen zu sein, während ich selber vor lauter Überforderung nur noch heulen könnte. Es ist das Bild der perfekten Frau, die es zwar nie gegeben hat, die aber so lange auf dem Sockel stand, dass sie noch immer, tief in uns drinnen, das Mass aller Dinge ist, auch wenn wir dies nicht wahr haben wollen.

Vielleicht ist es eine gewagte Behauptung, aber ich mache sie dennoch: Würden wir Mamas ebenso offen über  unsere tiefen Nöte reden, wie wir über volle Windeln und eitrige Mittelohrentzündungen reden, es würde uns nicht so schwer fallen, das Leben mit den wunderbarsten Geschöpfen auf diesem Planeten zu geniessen. Und es würden wohl auch nicht so viele von uns beim Psychiater landen. Würden wir auch mal hemmungslos losheulen, wenn uns danach ist, anstatt gequält zu lächeln, wir hätten wohl auf lange Sicht mehr zu lachen. Würden wir früher um Hilfe rufen, wir wären die weitaus stärkeren Frauen als wir es sind, wenn wir stets auf die Zähne beissen und bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus die starke Frau markieren.

Begegnung

Neulich hatte ich nichts mehr anzuziehen. Und zwar nicht so, dass ich vor dem vollen Schrank stand und mit nichts zufrieden war, sondern so, dass alles entweder zu eng, zu weit, zu lang, zu kurz, zu löchrig oder zu abgetragen war. In der Verzweiflung griff ich zu den einzigen Kleidern, die irgendwie noch passten: Ein magentafarbener Rock mit orangefarbenem Abschluss, dazu eine knallbunt gemusterte Bluse, hauptsächlich in Violett und Orange gehalten und eine pinkfarbene Strumpfhose. Ich schlüpfte in die Kleider und plötzlich sah ich im Spiegel nicht mehr mich, sondern mich.

Zuerst war ich ein wenig baff ob meines Anblicks, doch als ich die Fassung wieder erlangt hatte, fragte ich mich mit leisem Vorwurf in der Stimme: „Wo hast du all die Jahre bloss gesteckt? Ich habe dich bestimmt seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen.“ „Und das verwundert dich?“, fragte ich ziemlich eingeschnappt zurück und fuhr dann, ohne eine Antwort von mir zu erwarten, fort: „Das war ja nicht mehr auszuhalten mit dir. Du hast das Versprechen gebrochen. Du bist nicht die, die ich sein wollte.“ „Versprechen? Welche Versprechen denn?“, wollte ich wissen. „Erinnerst du dich vielleicht noch an die Zeit, als es mein ganz grosser Stolz war, dass in meinem Schrank kein einziges schwarzes Kleidungsstück hing? Und an das Versprechen, dass es auch so bleiben würde. Auch dann, wenn ich Hausfrau und Mutter sein würde? Und was ist daraus geworden? Hä? Dein Schrank quillt über vor braunen Pullovern, schwarzen Hosen und dunkelblauen T-Shirts. Ja, du hast sogar einen schwarzen Mantel.“Der ist grau“, warf ich zu meiner Verteidigung ein. „Grau? Noch schlimmer! Du weisst genau, was ich von Grau halte“, entrüstete ich michIch errötete. Ja, ich hatte Recht, es war anders gewesen, damals, als ich noch jung und idealistisch war. Doch auch wenn ich die Wahrheit sagte, es war dennoch nicht fair von mir, dass ich mir solche Vorwürfe machte und deshalb verteidigte ich mich mit ziemlich weinerlicher Stimme: „Du weisst ja gar nicht, was ich durchgemacht habe in den letzten Jahren. Endloser Stress, keine Zeit für mich, finanzielle Engpässe, Depression, Hausfrauenfrust,Glaubenskrisen …“

„Halt!“, schrie ich und stopfte mir die Finger in die Ohren. „Ich mag dein Gejammer nicht mehr hören. Natürlich hattest du es nicht immer leicht in den vergangenen Jahren. Aber musst du dich denn deswegen gleich derartig gehen lassen, dass man dir die frustrierte Hausfrau schon aus zehn Kilometern Distanz ansieht? Und das, was man von aussen sieht, spiegelt nur das wider, was in dir steckt: Eine Frau, die sich selber verloren hat.“ Das sass. „Mag ja sein, dass du Recht hast“, gab ich etwas kleinlaut zu. „Aber es war wirklich nicht immer einfach, ich zu sein, während so Vieles anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Und ich habe mir in den vergangenen Monaten wirklich Mühe gegeben, wieder mehr ich zu werden.“ „Darum bin ich ja zurückgekommen“, sagte ich. „Komm, wir gehen Shoppen!“. Ich zog mich zum Computer, loggte uns bei La Redoute ein und bestellte grüne Strumpfhosen, einen knallroten Mantel, violette Hosen, und orangefarbene Unterwäsche.

„So gefällst du mir schon besser“, sagte ich zu mir, als heute Morgen die Kleider geliefert wurden. „Wenn du es jetzt auch noch schaffst, das Innere mit den Äusseren abzustimmen, dann passen ich und du wieder zusammen. Dann bist du wieder ich und ich erkenne mich in dir wieder.“

Das Ganze war ein wenig verwirrend, aber ich glaube, die Begegnung mit mir hat mir gut getan.

Soap Opera?

Es gibt da eine Frau, der ich, wenn immer möglich, aus dem Weg gehe. Nicht, dass sie unfreundlich wäre oder besonders unsympathisch. Sie erzählt mir einfach zu viele intime Details aus ihrem Leben, wenn sich etwa einmal im Jahr unsere Wege kreuzen. Über diese Frau weiss ich fast mehr als über meine engsten Freunde: Jedes Detail ihrer Fehlgeburten, jeden Fehltritt, den ihr Mann je begangen hat, alle Schandtaten ihrer Schwiegermutter, ihrer Nachbarn, – die sich übrigens gerade getrennt haben, – der Lehrer ihrer Kinder. Einfach alles, was ich nicht unbedingt erfahren möchte. Schon gar nicht beim Einkauf. Wenn ich sie treffe, fühle ich mich immer in eine Soap Opera versetzt.

Heute war es mal wieder so weit und weil ich keine Fluchtmöglichkeit sah, liess ich mich auf ein Gespräch ein. Fragte nach dem Befinden der Kinder, hörte mir ein paar Schauergeschichten an. Als sie gerade richtig in Fahrt geraten will, nimmt sie plötzlich das Prinzchen wahr, das still im Einkaufswagen sitzt. „Ist das dein Jüngster?“, will sie wissen. „Der sieht ja gar nicht aus wie die anderen!“ Sie mustert mich prüfend. Erwartet sie etwa, dass ich rot werde, oder dass ich ihr erzähle, ich hätte „Meinem“ ein Kuckucksei untergejubelt? Hofft sie, eine Schauergeschichte zu erfahren, die sie in ihrem Bekanntenkreis weitererzählen kann. Etwa so:  „Ich kenne eine, die hat fünf Kinder und das Fünfte sieht den anderen vier kein bisschen ähnlich…“

Ich versuche ihr zu erklären, dass das Prinzchen eben ganz die Mama sei, dass er ausserdem Luise so ähnlich sieht, dass er ihr eineiiger Zwilling sein könnte, wäre da nicht der Altersunterschied. In ihren Augen lese ich, dass all dies sie kalt lässt. Wenn sie sich mal dazu entschieden hat, daran zu zweifeln, dass „Meiner“ des Prinzchens Vater ist, dann lässt sie sich nicht mehr davon abbringen. Da würde nicht mal das eindeutige Resultat eines Vaterschaftstests etwas ändern. Ein Sohn, der der Mama gleicht, ist in ihren Augen doch einfach suspekt. Und überhaupt: Wozu hat man all die Soaps geschaut, wenn man nicht wenigstens ein kleines Bisschen Menschenkenntnis daraus ins reale Leben einfliessen lassen kann?

Nun, drei Dinge lässt die gute Frau ausser Acht: Erstens hätte ich gar keine Zeit, mich mit irgendwelchen fremden Männern einzulassen und zweitens liebe ich „Meinen“ auch nach siebzehn Jahren noch wie am ersten Tag. Und das lebhafte, – man könnte auch sagen das überdrehte, –  Wesen kann das Prinzchen unmöglich von mir geerbt haben. Das sind eindeutig die Gene von „Meinem“. Aber wenn jemand von Klatsch und Tratsch lebt, spielen solche Kleinigkeiten  keine Rolle…

 

Das ist ganz schön hart

Neun Jahre lang habe ich geglaubt, ich würde ein anstrengendes Leben führen. Wenig Schlaf, viel Arbeit, quengelnde Kinder, Wäscheberge, Wocheneinkäufe, die man mit dem Sattelschlepper nach Hause fahren muss, endloses Putzen und was sonst noch alles dazu gehört. Seit heute Abend aber weiss ich, dass andere Frauen viel mehr zu tragen haben.

Weil ich zu faul war, meinen Hintern vom Sofa zu schwingen, als „Meiner“ mal wieder „Glanz und Gloria“ geschaut hat, weiss ich jetzt endlich, dass die Miss Schweiz-Finalistinnen ein viel härteres Los gezogen haben als wir Hausfrauen alle miteinander. Die armen Frauen müssen nämlich den ganzen Tag in High Heels herumstöckeln und das ist wirklich anstrengend und „total hart“, wie die Finalistinnen einhellig bestätigen. So hart, dass einige dieser Frauen vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen, auch wenn sie sich geschworen haben, dies erst im Hotelzimmer zu tun. Sie halten es einfach nicht mehr aus, die Armen. Das Leben ist so unfair!

Seitdem ich das gesehen habe, schäme ich mich natürlich zutiefst, dass ich jemals gejammert habe über meinen Knochenjob. Aber damals habe ich eben noch nicht gewusst, wie hart es andere Frauen trifft. Und das Gemeinste am Ganzen ist: Währenddem ich mich aus vollkommen freien Stücken für das anstrengende Leben mit fünf Kindern habe entscheiden dürfen, sind die armen Miss Schweiz-Finalistinnen allesamt erbarmungswürdige Opfer. Denn welche junge Frau meldet sich schon freiwillig zu einer solchen Wahl an? Die werden ja immer alle zwangsangemeldet von überambitionierten Müttern, missgünstigen Freundinnen und Verlobten, die sich aus dem Staub machen, kaum hat man das Krönchen und all die Lasten, die es mit sich bringt.

Ich glaube, ich werde heute Abend eine Kerze anzünden für all die armen Finalistinnen. Vielleicht werde ich auch noch ein bisschen weinen. Und sollte mir morgen die Arbeit mal wieder zu schwer werden, denke ich einfach an die armen Missen auf ihren High Heels und schon wird es mir wieder besser gehen. Und zum Büssen für all mein bisheriges Jammern über meine Arbeit werde ich in Zukunft meinen Job in High Heels verrichten. Damit ich wenigstens eine leise Ahnung davon bekomme, was andere Frauen durchstehen müssen.

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Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…