WM-Kummer


Himmel, hätten die Brasilianer heute nicht etwas besser spielen können? Ein bisschen mehr Anstrengung wäre doch bestimmt möglich gewesen. Immerhin sind das Profis…

Eigentlich geht es mir ja am Allerwertesten vorbei, wenn die und all die anderen für viel zu viel Geld einem Ball hinterher rennen und so tun, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Aber ich bin nun mal Prinzchens Mutter und muss mit wehem Herzen mitansehen, wie der Arme ab Spielminute 31 Rotz und Wasser heulend vor dem Fernseher sitzt, sich nach der Niederlage schluchzend auf den Boden wirft und sich danach in den Schlaf weint.

Wie um alles in der Welt soll ich das Kind trösten können, wenn ich seinen Kummer so ganz und gar nicht nachvollziehen kann? Wie soll „Meiner“ ihm helfen, wo er doch ebenfalls nicht verstehen kann, was an dem Theater auf dem Rasen so spannend sein soll? Uns fällt da nicht mehr ein, als hilflos daneben zu stehen, ein paar tröstende Floskeln zu murmeln und uns zu fragen, wie wir zwei Fussballmuffel ein solches Kind zustande gebracht haben. Und weil er sich nicht mal in den Arm nehmen lässt, um sich bei seinen verständnislosen Eltern auszuheulen, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn traurig ins Bett gehen zu lassen und uns grün und blau zu ärgern über ein Spielresultat, das uns eigentlich so herzlich egal wäre.

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Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

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Von Fussball- und anderen Verrückten

So ein kleines bisschen in Verlegenheit gebracht hat er uns ja schon mit seinem Geburtstagswunsch, unser FeuerwehrRitterRömerPirat: Ein Schweizer Fussballdress mit Schienbeinschonern, Fussballschuhen und Ball. Wie soll man dies als Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestelltes Elternpaar bloss fertigbringen, ohne den Verdacht zu erwecken, die Sache mit dem Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestellt sei bloss gespielt? Zumal zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn seinen Herzenswunsch äusserte, die WM eben gerade begonnen hatte und die Dinge für die Schweiz noch eher rosig aussahen. Hätten wir in jenen schon fast vergessenen Tagen den Einkauf getätigt, die Verkäuferin hätte uns wohl mit einem feurigen „Hopp Schwiiiiiiz!“ begrüsst. Und das Fussball-Tenue hätte ein Zehnfaches seines üblichen Preises gekostet.

Also warteten wir ab, bis die Fussballbegeisterung im Lande etwas abgekühlt war. Dass sie mit dem frühen Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft so rapide absinken würde, hätten wir natürlich auch nicht erwartet. Und so wagten wir uns in jenen Tagen des allgemeinen Katzenjammers wieder nicht in die Läden, weil wir fürchteten, wir müssten am Boden zerstörtes Verkaufspersonal trösten. Ausserdem war es nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zu kaufen. Wer will denn schon sein über alles geliebtes Kind als Loser abstempeln? Nur so nebenbei bemerkt: Wie sehr wir unseren Dritten lieben, merkt man nicht alleine daran, dass wir ihm Fussballkleidung kaufen, ihm erlauben, ins Fussballtraining zu gehen und ihm versprechen, bei seinen Spielen voller Begeisterung dabei zu sein, nein, wir halten uns gar auf dem Laufenden über sämtliche grossen Fussballturniere, damit wir ihm am Morgen jeweils die aktuellen Resultate liefern können.

Und weil wir uns natürlich auch gestern auf dem Laufenden  hielten, sahen wir heute den Zeitpunkt gekommen, endlich das Geburtstagsgeschenk einzukaufen. Jetzt, wo fest steht, dass die Schweizer die einzigen waren, die an dieser WM dem Weltmeister die Stirn bieten konnten, muss man ja nicht mehr vor lauter Scham im Boden versinken, wenn man ein Schweizer-Trikot kauft. Und vielleicht gibt’s die Dinger ja jetzt im Sonderangebot, dachten wir uns und begaben uns frohgemut nach Schwyz zum Einkauf, während unsere vier grösseren Kinder das Kinderprogramm in Anspruch nahmen.

Aber in Schwyz scheint man nichts von Fussball zu halten. Im Geschäft Nummer1, einem national bekannten Sportgeschäft, beschied man uns, Fussballsachen habe man nicht, man sei hier „nicht so in“. Im Geschäft Nummer 2 empfahl man  uns ein Einkaufzentrum an einem anderen Ort, dort gebe es ein grosses Sportgeschäft. Doch bevor wir unser übermüdetes Prinzchen mit einer weiteren Autofahrt stressen wollten, schauten wir noch kurz bei Geschäft Nummer 3 vorbei. Und wurden endlich fündig: Eine komplette Schweizer-Ausrüstung und einen Italien-Fussball. Wie war das nochmals mit Loser? Aber wir sagten uns „Nach der WM ist vor der WM“ – es gibt bestimmt irgend einen frustrierten Fussballtrainer, der solche nichtssagenden Sätze von sich gibt, oder? – und kauften die Sachen. Und jetzt freuen wir uns auf Freitag, wenn unser fussballverrückter FeuerwehrRitterRömerPirat endlich seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. So sind wir nun mal, wir  kinderverrückten Eltern….

Ach übrigens, von wegen verrückt: Wie durchgeknallt muss man denn sein, um im strömenden Gewitterregen mit dem Laptop durch die ganze Ferienanlage zur Lobby zu rennen, wo man triefend nass – zum Glück gibt’s hier keine „Wet-T-Shirt-Contests“, sonst würden die noch glauben, ich wollte auch mitmachen – einen Blogpost in die Tasten zu hauen, während im Hintergrund eine Hotel-Pianistin „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ heult und die Gäste mitheulen?

Gewonnen

Was ich heute Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr getan habe? Na, was wohl? Fussball geschaut habe ich. Was denn sonst? Und je länger das Spiel dauerte, umso nervöser wurde ich. Erfrechte sich eines der Kinder, sich so vor den Fernseher zu stellen, so dass ich nichts mehr sehen konnte, wurde ich laut. Kamen die Spanier dem Schweizerischen Tor zu nahe, zitterte ich.

Weshalb ich mir das angetan habe, wo ich mich doch gar nicht für Fussball interessiere? Na, warum wohl? Weil die Migros versprochen hat, dass es morgen zehn Prozent Rabatt gibt, wenn die Schweiz heute Spanien schlägt. Und weil ich als pflichtbewusste Hausfrau weiss, dass es nichts gratis gibt, musste ich mir eben die ganzen 90 Minuten inklusive Nachspielzeit ansehen. So kann mir morgen keine Kassierin kommen und behaupten, Spanien habe gewonnen, ich bekäme keinen Rabatt. Immerhin geht es um rund 35 Franken, die ich sparen kann. Und die fallen in der zweiten Monatshälfte ganz schön ins Gewicht. Deshalb bin ich für einmal überglücklich, dass die Schweizer heute ein Tor geschossen haben. Endlich sind diese Fussballer mal zu etwas nütze….

Gut, der schnöde Mammon war nicht der einzige Grund, weshalb ich mir das Spiel angeschaut habe. Meine beiden mittleren Söhne waren auch nicht ganz unschuldig daran. Während der Zoowärter verkündete, er wolle auch „Tschuttiballer“ werden, wenn er mal gross sei, erklärte mir der FeuerwehrRitterRömerPirat, mit welcher Taktik er dereinst die Spanier besiegen werde, wenn er für die Schweiz auf dem Rasen stehe. Und mutterliebend wie ich nun mal bin, habe ich meinem zukünftigen Fussballstar natürlich hoch und heilig versprochen, dass ich seine Spiele nicht bloss an der Glotze mitverfolgen werde. Da kann ich doch nur hoffen, dass unsere unsportlichen Gene dem Jungen einen Strich durch die Karriererechnung machen.

Wie war das nochmals mit den Genen?

Woher hat er das bloss? Der Papa drückt sich seit frühester Kindheit erfolgreich ums Fussballspielen und dies trotz italiensicher Wurzeln. Die Mama begreift noch immer nicht, was es mit der Offsideregel auf sich hat. Und der Sohn bricht in Tränen aus, wenn Deutschland das EM-Finalspiel verliert. 

Es waren tatsächlich echte Tränen, die der Vierjährige am frühen Morgen vergoss, als er erfuhr, dass die Spanier den Pokal mit nach Hause nehmen. Ja, es schüttelte ihn regelrecht durch. Während der Rest der Familie die EM als mehr oder weniger notwendiges Übel betrachtet hatte, entschied sich unser Dritter gleich zu Beginn dafür, die Deutschen zu unterstützen. Und dabei blieb er bis zum bitteren Ende. 
Wie sehr er sich die Sache zu Herzen genommen hatte, merkten wir aber erst heute Morgen. Wie er da betrübt auf dem Sofa sass und sich nur noch mit einem ganz süssen Kakao und einer langen Umarmung trösten liess, konnte er einem richtig Leid tun. 
Das kann ja heiter werden, wenn er erst mal grösser ist. Wenn er einer jener Männer wird, die bei jeder Niederlage „ihres“ Vereins in eine mittelschwere Depression verfallen. Nun, er wird in bester Gesellschaft sein mit unzähligen Männern auf diesem Planeten. Woher er das hat, wird jedoch für immer ein Rätsel bleiben.