Die Sache mit dem Idealismus

Menschen, die ähnlich ticken wie ich – links, christlich und durch und durch idealistisch -, tun eine Sache nie nur um des Geldes Willen, zumindest ein Anflug von einem höheren Sinn muss da einfach sein. „Es geht mir nicht ums Geld“, sagen wir sofort, wenn jemand fragt, ob wir für das, was wir tun, auch bezahlt werden. Weil es uns nicht ums Geld geht, warten wir geduldig, bis der Empfänger unserer Dienstleistung sich bequemt, den im Vornherein vereinbaren Preis – den wir natürlich so tief wie möglich angesetzt haben, weil es uns nicht ums Geld geht – zu bezahlen. Falls wir uns dann doch dazu gezwungen sehen, den anderen daran zu erinnern, dass die gute Tat, die wir geleistet haben, etwas kostet, dann fühlen wir uns richtig schlecht und geldgierig. Am Ende könnte man noch glauben, wir hätten nur den schnöden Mammon im Sinn, dabei verfolgen wir doch ein viel höheres Ziel: Eine bessere Welt.

Menschen wie ich brauchen sehr, sehr lange, um zu erkennen, dass sich das, was auf unseren Tisch kommen soll und auch all der andere Krempel, der zum Leben auf dieser Welt – deren Rettung uns noch immer nicht gelungen ist – gehört, einzig und allein mit Geld bezahlen lässt. Klar mögen wir dieses Geld nicht,  viel lieber wäre es uns, alle Menschen würden sich so sehr lieb haben, dass sie einander alles aus lauter Güte schenken. Leider aber bewegt sich die Menschheit in eine etwas andere Richtung und der Krempel, der zum Leben gehört, verschlingt immer mehr Geld, obschon man nicht mehr bekommt. 

Seitdem ich das endlich begriffen habe, fällt es mir leichter, mit einer Haltung, die sich wie Nachdruck anfühlt (normale Menschen würden es wohl schüchternes Nachhaken nennen), das Geld einzufordern, das uns laut Vertrag zusteht, zumindest solange derjenige, der uns etwas schuldig ist, kein armer Kerl ist, der ganz dringend unserer Hilfe bedarf. Inzwischen bin ich sogar soweit, insgeheim kein Verständnis mehr für „Oh, das habe ich vergessen. Mache es gleich nächste Woche“ mehr aufzubringen. 

Nein, es darf auf keinen Fall nur ums Geld gehen, aber puren Idealismus akzeptieren sie nicht mal im Brockenhaus als Zahlungsmittel.

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Und führe mich nicht in Versuchung…

Der Nachmittag in Astrid Lindgrens Värld ist mir in bester Erinnerung geblieben und dies nicht nur, weil die Welt von Michel, Pippi und Nils Karlsson Däumling einfach toll ist. Es war auch diese eine Begebenheit, die mich an jenem warmen – für schwedische Verhältnisse heissen – Tag beeindruck hat: Direkt neben einem der grössten Restaurants im Park gab es einen Badeteich, der an diesem Tag natürlich sämtliche Kinder magisch anzog. Das Problem war nur, dass kaum jemand daran gedacht hatte, Badehosen für die Kinder einzupacken. Wirklich ein Problem? Doch nicht in Schweden. Ohne zu zögern entledigten sich die schwedischen Kinder ihrer Kleider und sprangen ins kühle Wasser. Einige behielten zwar die Unterhosen an, die meisten aber waren splitternackt. Die einzigen, die sich über diese Unbekümmertheit erstaunt zeigten, waren wir. Nicht, weil uns die nackten Kinder gestört hätten, sondern weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass Kinder in der Schweiz so frei sein dürften.

Wie ich heute bei „10 vor 10“ erfahren habe, soll hierzulande gar verboten werden, was in Schweden keinen stört. Die Kinder könnten einem Pädophilen vor die Kamera geraten, also seien sie zu schützen, indem sie beim Baden stets bekleidet seien, fordern einige Politiker. Diese Forderung ärgert mich, obschon ich Kinderpornographie und Pädophilie zutiefst verabscheue. Da sollen kleine, unschuldige Kinder nicht mehr nackt baden dürfen, weil sonst einige kranke Erwachsene auf verwerfliche Gedanken kommen könnten.

Irgendwie erinnert mich das an den alleinstehenden Mann mittleren Alters, der mich einst nach einem Gottesdienst bat, nächstes Mal doch bitte ein anderes Kleid zu tragen, weil er meinetwegen schmutzige Gedanken gehabt habe. Und wenn ich kein anderes Kleid anziehen wolle, solle ich gefälligst heiraten, damit er durch mich nicht zur Sünde verleitet würde. (Äh, nein, das ist nicht achtzig Jahre her, sondern knapp zwanzig.)

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Ein paar kleine Absurditäten

Da hat vor ein paar Tagen ein – gelangweilter? – Journalist ein altes Bild von Angelina Jolie hervorgekramt und festgestellt, dass die „schon als 15-Jährige“ „unverkennbar grosse blaue Augen“ hatte. Unglaublich! Die Augen der gewöhnlichen Menschenjungen öffnen sich ja erst so etwa um den 18. Geburtstag herum und natürlich bleibt auch die blaue Farbe nur bei den Allerwenigsten erhalten. Wenn Angelina Jolie also bereits im zarten Teenager-Alter grosse, blaue Augen hatte und diese sogar behalten hat, grenzt dies an ein Wunder und ich frage mich, weshalb es diese Nachricht nicht auf die Frontseite geschafft hat.

Vorletzte Woche brachte der Zoowärter einen Elternbrief nach Hause. Am nächsten Tag gehe es auf die Schulreise, wir sollten dafür sorgen, dass das Kind gutes Schuhwerk trage. Warum, so fragte ich mich, informieren die so weit im Voraus. Es würde doch auch reichen, am Morgen fünfzehn Minuten vor Abmarsch ein Rundtelefon zu starten. Da Kinderfüsse kaum wachsen, hat bestimmt jede Familie ein gut eingelaufenes Paar Wanderschuhe, in die das Kind schlüpfen kann. Und der mit Leckereien vollgestopfte Rucksack steht selbstverständlich auch jederzeit bereit.

Neulich ging ich mit Karlsson an einem Lokal vorbei, dessen Besitzer mit grossen Plakaten auf eine Neuerung hinwies: „Neu! Fumoir für Raucher!“ Wie gut, dass die Raucher nicht länger im Fumoir der Nichtraucher sitzen müssen, denn dort stinkt es bestimmt ganz gewaltig nach Nichtrauch.

Vor einiger Zeit verspürte ich das grosse Bedürfnis, ein wenig zu jammern und da ich zufälligerweise gerade jemandem in die Arme lief, legte ich los mit meinem Geklöne. Nachdem ich mein Problem geschildert hatte, meinte meine Gesprächspartnerin: „Oh je, das war bei mir auch mal so. Glaub mir, es hat Jahre gedauert, bis ich das hinter mir lassen konnte. J-A-H-R-E! Das war die mühsamste Zeit meines Lebens.“ Hach, wie hat mir dieses Gespräch doch gutgetan. So frisch entmutigt liess es sich gleich wieder viel beschwingter leben.

Da lässt sich doch heute ein Politiker in der Tageszeitung mit dem Satz zitieren, die Familien in der Schweiz würden schon mehr als genug Vergünstigungen erhalten, da müsse man nicht auch noch die Kinderzulage von der Bundessteuer befreien. Seitdem ich diesen Satz gelesen habe, suche ich mein Familienleben verzweifelt nach den vielen Vergünstigungen ab, von denen der geschätzte Herr Politiker faselt, doch bisher habe ich noch keine einzige gefunden. Na ja, vielleicht kann ich die Chips für Prinzchens Kindergartenreise, die ich in der Migros zum halben Preis erstanden habe, als Vergünstigung ansehen, damit ich mich nicht so schrecklich unvergünstigt fühlen muss.

Kaum zu glauben, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat nimmt es mir tatsächlich übel, dass er erst dann ein Eis bekommt, wenn es wieder gefroren und nicht mehr von der Autofahrt aufgeweicht ist. Dabei kann er doch während der Wartezeit so schön seine Hausaufgaben erledigen…

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Zwei Polizisten-Geschichten

Sonntagnachmittag, eine junge Schweizerin, knapp über zwanzig, gerät mit ihrem VW Polo, Schweizer Kennzeichen, in eine Polizeikontrolle. Sie hat weder Führerschein noch Fahrzeugausweis bei sich. Zwei mit ihr verwandte Kinder fahren mit, sitzen aber nicht wie eigentlich vorgeschrieben auf einer Sitzerhöhung. Sonst ist meines Wissens alles in Ordnung. Die Polizisten sind zwar nicht gerade erfreut, winken aber die junge Frau anstandslos durch. Noch einmal Glück gehabt.

Samstagnachmittag, ein junger Italiener, etwas über zwanzig, seit einigen Monaten in der Schweiz wohnhaft und fleissig am Deutsch lernen, gerät mit seinem Fiat Panda, Italienisches Kennzeichen, in eine Polizeikontrolle. Ach, was sage ich da? Es ist gar keine Polizeikontrolle, die Polizisten haben ihm regelrecht aufgelauert. Schon als er beim ersten Mal an ihnen vorbeigefahren war, hatten sie ihn mit scheelem Blick beobachtet, als er wieder zurückfährt, fahren sie hinter ihm her und halten ihn an. Was er hier zu suchen habe, wollen sie wissen. Er sei in zwei oder drei Brockenhäusern gewesen, gibt der junge Mann wahrheitsgetreu zur Antwort. Die Polizisten glauben ihm nicht, wollen Papiere sehen. Er zeigt sie, zumindest jene, die er hat. Einen Ausländerausweis hat er noch nicht bekommen, weil sein Arbeitsvertrag noch befristet ist. Ob er Drogen genommen oder Alkohol getrunken habe, fragt der eine Polizist, währenddem sich der andere das Auto anschaut. Der junge Mann verneint, auch diesmal wahrheitsgetreu. Man glaubt ihm noch immer nicht. Er sehe aber so aus, als hätte er etwas genommen, sagt derjenige, der für die Fragen zuständig ist. Der junge Mann besteht darauf, nichts genommen zu haben, bietet an, sich einem Alkohol- oder Drogentest zu unterziehen. Der Polizist geht nicht darauf ein und will stattdessen noch einmal wissen, was er in dem Quartier zu suchen gehabt habe. Erneut sagt der junge Mann, er sei in der Brocki gewesen. Das stimme nicht, er sei auf der Suche nach Drogen, behauptet der Polizist.

So geht es zehn oder fünfzehn Minuten weiter. Man fragt schon längst nicht mehr, ob der junge Mann etwas intus hat, sondern nur noch was und von wem er es bekommen hat. Man könne es seinen Augen ansehen, dass er auf Drogen sei, sagt der Polizist. Der junge Mann erklärt, er hätte bis spät nachts gearbeitet und sehe deswegen noch müde aus. Der Polizist wird spöttisch. „Gearbeitet?“ Ja, gearbeitet. Und heute Morgen ausgeschlafen, weil die Arbeit ziemlich anstrengend sei. Als Beweis, dass er nicht lügt, weist der junge Mann seinen Arbeitsvertrag, den er gerade dabei hat, vor. Leider bewirkt auch das nichts, doch inzwischen hat der zweite Polizist die Inspektion des Autos abgeschlossen und mischt sich ins Gespräch ein. Vielleicht seien die Pupillen des jungen Mannes einfach etwas klein wegen des Sonnenlichts, meint er. Zwar will sein Kollege auch diesen Einwand nicht gelten lassen, kann sich aber trotzdem endlich dazu durchringen, den jungen Mann laufen zu lassen. 

Und das Schlimmste an der Sache: Es gibt jetzt ganz bestimmt Menschen, die das hier lesen und sagen, dieser Vorfall sei zwar äusserst bedauerlich, aber man müsse das verstehen, die jungen Männer würden eben heutzutage…erst recht, wenn sie aus dem Ausland stammten… bla bla bla

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Was ich uns Müttern zum Muttertag wünsche

Vielleicht ist es etwas vermessen, Wünsche zu äussern, wo ich doch eigentlich ganz zufrieden sein könnte mit dem, was meine Lieben heute für mich tun. Aber es gibt dennoch ein paar Dinge, die ich mir und meinen Mitmüttern wünsche:

Ich wünsche uns, dass keine Mutter den Karren ganz alleine ziehen muss. Nein, das wünsche ich nicht nur meinen allein erziehenden Mitmüttern, sondern auch denen, die fast alle Lasten alleine tragen, obschon sie nicht alleine sind.

Ich wünsche uns Nachbarn, Politiker, Pädagogen, Kellner, Vorgesetzte, Schwiegermütter, Museumsaufseher und Buspassagiere, die uns grundsätzlich gute Absichten unterstellen und uns deshalb das Leben nicht unnötig schwer machen. Dann fällt es uns auch leichter, unsere guten Absichten in Tat umzusetzen.

Ich wünsche uns Supermärkte, die sich nicht auf Kosten unserer ohnehin schon arg strapazierten Nerven bereichern.

Ich wünsche uns, dass nie mehr darüber diskutiert wird, ob Stillen in der Öffentlichkeit anstössig ist.

Ich wünsche uns Freundinnen und Freunde, die in einer ganz anderen Lebenslage stecken als wir, damit wir es nicht verlernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Ich wünsche uns Selbstbewusstsein, damit wir die Mütter sein können, die unsere Kinder brauchen und nicht die Mütter, die irgend jemand anders als gute Mütter bezeichnet.

Ich wünsche uns, dass Mütter ihre Kinder nicht mehr schützen müssen vor Menschen, die vergessen haben, dass ein Kind nicht angetastet werden darf.

Ich wünsche uns, dass man von uns nicht automatisch erwartet, wir könnten und wollten basteln.

Ich wünsche uns die Fähigkeit, uns im Jetzt an unseren Kindern zu freuen und nicht erst im Rückblick, wenn sie unserer Obhut entwachsen sind. Das muss nicht jeden Tag übersprudelnde Begeisterung sein, immer mal wieder ein kleines Lächeln wäre schon ganz gut, auch an den Tagen, an denen nichts so ist, wie man es uns in der Werbung versprochen hat und wir uns wünschten, es gäbe ein Umtauschrecht.

Ich wünsche uns spannendere Gespräche unter Müttern. Ich meine, wollt ihr wirklich wissen, ob die andere lieber Pampers oder Huggies hat?

Ich wünsche uns, dass wir aufhören, einander zu sagen, wie man es „richtig“ macht.

Ich wünsche uns, dass wir nicht so tun, als wären wir bessere Menschen, weil wir Kinder geboren haben. Ich wünsche uns aber auch, dass wir nicht so tun, als seien wir schlechtere Menschen, weil wir es wegen der Kinder „nicht so weit gebracht haben“ wie andere.

Ich wünsche uns, dass wir nicht immer so ein elendes Affentheater machen müssen um jeden kleinen Mist.

Ich wünsche uns, dass unsere Kinder uns heute nicht nur sagen müssen, sie hätten uns lieb, sondern dass sie dies auch sagen wollen.

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Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

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Ab auf den Mars?

Wir sind also mal wieder soweit in der Schweiz: Man ist entweder für die EU, oder dagegen. Das gleiche Bild in Schwarz-Weiss, wie vor Jahren schon. Entweder, man erkennt in der EU die Inkarnation des Bösen, oder aber man ist ein Landesverräter, der die Schweiz am liebsten an Brüssel verschachern möchte. 

Himmel, sind wir denn nicht fähig, die Sache ein wenig differenzierter anzuschauen? Wäre es denn eine Schande, zu gestehen, dass die EU zwar bei Weitem nicht perfekt ist, dass sie aber durchaus ein paar beachtliche Dinge zustande gebracht hat? Klar, die Bürokratie ist haarsträubend, die Versuche, alle über den gleichen Kamm zu scheren sind unsinnig und meiner Meinung nach dürften die Bürger durchaus etwas mehr Mitspracherecht bei der ganzen Sache haben. Aber hat das Staatengebilde nicht auch seine guten Seiten? Ist es denn zum Beispiel nichts Wert, dass wir heute ungehindert in Länder reisen können, die vor wenigen Jahren noch verschlossen waren? Würden wir uns in einem Europa sicherer fühlen, in dem die Mächtigen bei jeder kleinsten Spannung die Soldaten aufeinander hetzen?

Nein, sie ist beileibe nicht perfekt, diese EU und würden wir morgen darüber abstimmen, ob die Schweiz beitreten soll, würde ich den Stimmzettel wohl leer einlegen. Aber ich wünschte, wir würden endlich lernen, sowohl das Gute als auch das Schlechte zu sehen. Denn ob es uns nun passt oder nicht: Solange die Schweiz inmitten dieses Kontinents platziert ist, werden wir nicht umhin kommen, uns mit denen zu arrangieren, die rund um uns herum leben. Oder sollen wir etwa demnächst darüber abstimmen, ob die Schweiz auf den Mars umziehen will?

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Sind wir denn noch immer nicht weiter?

Keine Ahnung, wie der Prospekt seinen Weg zu uns gefunden hat, aber weil er gerade herumlag und ich nichts besseres zu tun hatte, sah ich ihn mir genauer an. „Mit Frau Sieber und Herrn Marti durchs neue Fiskaljahr“, lautete der Titel, abgebildet waren eine schwangere Frau und ein Mann mit Kissen unter dem Hemd, beide dezent geschäftlich gekleidet. Die zwei werben für eine digitale Agenda, die dem Chef dabei helfen soll, die schwangere Mitarbeiterin so durch die Schwangerschaft zu begleiten, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub wieder zur Arbeit zurückkehrt. 

Na ja, eigentlich ist das Thema für mich erledigt, aber man hat so seine Erfahrungen gemacht mit Chefs und Schwangerschaften. Zum Beispiel die, dass man im vierten Monat dazu gedrängt wurde, sich festzulegen, wie es nachher weitergehen soll – und auch naiv genug war, sich auf das miese Spiel einzulassen. Oder die, dass der Chef Monate brauchte, um sich endlich einmal nach dem Befinden zu erkundigen. Oder die, dass der Bürokollege weiterhin ungeniert am Nebentisch rauchen durfte. Oder die, dass der Chef drei Tage nach der Geburt ins Spital anrief, um zu verkünden, der Job werde leider gestrichen. Wahrlich, nicht jeder bringt es fertig, eine frischgebackene Mama mitten im schlimmsten Baby Blues noch mehr zum Heulen zu bringen. 

Wer solche Erfahrungen gemacht hat, sollte es also begrüssen, dass man die Arbeitgeber auf ihre Pflichten aufmerksam macht und ihnen dabei hilft, sich im Dschungel der Mutterschutz-Paragrafen zurechtzufinden. Und irgendwie begrüsse ich es ja auch. Ist doch gut, wenn endlich einmal schwarz auf weiss steht, welche Rechte die (werdende) Mama hat. 

Aber es ärgert mich auch, dass wir noch immer nicht weiter sind. Muss man Chefs denn noch immer sagen, wie sie sich gegenüber einer schwangeren Mitarbeiterin zu verhalten haben (Nämlich nach dem Vorgehen GEZI: Gratulieren, Einladen, Zuhören, Informieren)? Brauchen die wirklich noch eine Vorlage, wie man das Gratulationsschreiben nach der Geburt verfasst? Muss man denen wirklich noch ans Herz legen, während des Mutterschaftsurlaubs in Kontakt zu bleiben? Ist die Schwangerschaft einer berufstätigen Frau tatsächlich noch so eine verkorkste Sache, dass man Merkblätter mit Verhaltensregeln erarbeiten muss?

Offenbar schon, sonst hätte man keine so grosse Kampagne aufgezogen. Schade, ich hatte so gehofft, es hätten sich ein paar Dinge geändert, seitdem ich allen Mut zusammennehmen musste, um meinem Chef zu verkünden, dass ich Mutter werde (Ja, ich war sehr jung, sehr berufsunerfahren und sehr naiv und heute würde ich die Sache deutlich selbstbewusster angehen…).

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Am Tag danach

Sie sagen: „Das Volk hat ein Zeichen gesetzt.“ Als ob wir, die wir nur ganz knapp unterlegen waren, nicht auch zum Volk gehörten. 

Sie sagen: „Das Resultat ärgert mich, aber ich bin nicht zur Urne gegangen. Hätte ja doch keinen Unterschied gemacht.“ Ausgerechnet jetzt sagen sie das, wo die Differenz zwischen Ja- und Nein-Stimmen so klein ist wie selten einmal.

Sie sagen: „Das wird schon nicht so schlimm kommen.“ Vielleicht haben sie recht. Was aber, wenn sie sich irren? Haben sie dann die Grösse, dies zuzugeben, oder finden sie dann einfach einen Sündenbock, auf den sie alles abschieben?

Sie sagen: „Jetzt können wir anfangen, die Probleme zu lösen.“ Dass Probleme da sind, leugne ich nicht, aber ist dies der Weg, sie zu lösen? Oder wurde gestern der Grundstein für viele neue Probleme gelegt? Kann man überhaupt Lösungen finden, wenn sich so deutlich wie noch selten eine Spaltung zeigt?

Sie sagen: „Nun seht doch nicht immer alles so schwarz.“ Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man weiss, mit wie viel Gift und Häme die politischen Diskussionen geführt werden. Und die Diskussionen werden weitergehen, denn wie das Ganze umgesetzt werden soll, scheint bis anhin noch keiner zu wissen. 

Sie sagen viel, sowohl jene, die dafür waren, als auch jene, die dagegen waren. Und natürlich auch die, die uns von aussen beobachten. Vor lauter Gerede weiss man gar nicht mehr, was man denken soll. Ich schätze, so richtig wissen wird man das erst wieder, wenn man in ein paar Jahren zurückschaut und sieht, was aus der Sache geworden ist.

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