Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Zerredet

Gibt es irgendwo auf diesem Planeten einen Flecken Erde, an dem die Menschheit noch richtig tickt? Falls ja, dann würde ich mich gerne mit meiner Familie dorthin verkriechen. Die Schweizer, die sich auch nach bald einer Woche Fukushima noch allen  Ernstes an den Erhalt der Atomkraft klammern, hängen mir zum Hals raus. Ich kann Sätze wie „Zuerst müssen wir mal analysieren, was in Japan überhaupt passiert ist, bevor wir zum voreiligen Schluss gelangen, dass wir aus der Kernenergie aussteigen müssen“, nicht mehr hören. Allein schon das Wort „Kernenergie“ treibt mich zum Wahnsinn, dieser Euphemismus, der nur dazu gebraucht wird, um zu verschleiern, womit da gespielt wird. Von „Experten“, die noch heute so tun, als könne man das Risiko je in Griff bekommen, habe ich die Nase voll.

Also noch einmal meine Frage: Gibt es einen Ort auf der Welt, wo die Katastrophe nicht zerredet wird, bis man wieder frohgemut weitermachen kann mit dem Mist? Oder muss ich mir einfach  einen Ort  suchen, an dem ich die Sprache nicht verstehe, damit ich mich nicht nach jeder Politidiskussion so fürchterlich aufregen muss.

Keine Antwort

Da will man nach einem Grippetag, den man damit verbracht hat, die deprimierenden Nachrichten aus aller Welt in der Sonntagspresse eingehend zu studieren, noch ganz kurz die Nachrichten schauen. Um zu erfahren, ob noch immer so getan wird, als sei die Sache mit den Japanischen AKWs weiter nicht schlimm. Um etwas darüber zu erfahren, ob man hierzulande inzwischen nicht vielleicht doch ein klein wenig daran zweifelt, ob neue AKWs gebaut werden sollen.

Aber die Nachrichten lassen auf sich warten, denn in der Schweiz hat man wichtigere Sorgen: Wer wird das Rennen um den Titel „Das grösste Schweizer Talent“ machen? Man schaut zu, wie Menschen für irgendwelchen Mist bejubelt werden und plötzlich fragt man sich, ob all der Klamauk vielleicht nur da ist, um zu kaschieren, dass man auf die harten Fragen des Lebens keine Antworten weiss.

Ach und übrigens, über die Katastrophe in Japan habe ich den Kindern für einmal nichts erzählt, denn von unserem Küchenfenster aus geniessen wir beste Sicht auf den Kühlturm. Und ich glaube nicht, dass ich eine beruhigende Antwort auf die kindliche Frage „Was wäre wenn…“ aus dem Hut zaubern könnte.

Muss das sein?

Mussten die zwei jungen Frauen ausgerechnet ein Restaurant bei uns in der Region überfallen, um ein paar hundert Franken Bargeld zu erbeuten? Und musste Luise ausgerechnet gestern, als dies am Radio gemeldet wurde, bei den Nachrichten genauer hinhören? Ich weiss nicht, was unsere Tochter mehr schockiert hat: Die Tatsache, dass die Welt auch bei uns nicht immer nur heil und schön ist, oder die Tatsache, dass es Frauen waren, die Gewalt angewendet haben. Junge Frauen, nur ein paar Jahre älter als Luise.

Seit jener Nachrichtensendung von gestern Nachmittag löchert sie uns mit Fragen. War die Waffe echt, oder haben die eine Spielzeugpistole gekauft? Wurde jemand verletzt? Waren das vielleicht die zwei Frauen, die wir vor einigen Monaten am Basler Hauptbahnhof gesehen hatte? Die mit den schwarzen, bodenlangen Mänteln? Was ist, wenn die Frauen zu uns kommen?

Tagsüber schafft es unsere Tochter noch, die aufwühlende Geschichte mit Fragen zu verarbeiten. Aber abends, wenn alles dunkel ist, wenn die Schatten sich bewegen und es knackt im Gebälk, dann helfen all die beruhigenden Antworten, die „Meiner“, das Au Pair und ich tagsüber geben, nichts mehr. Dann sitzt unsere Tochter starr vor Angst im Bett und traut sich nicht, zu uns zu kommen, weil ihr bereits der Weg zum Lichtschalter zu gefährlich erscheint. Erst, wenn zufällig jemand Licht macht im Treppenhaus, wagt sie sich aus dem Bett, zitternd, blass und so aufgewühlt, dass wir sie nur mit grösster Mühe beruhigen können.

So, wie ich unsere Luise kenne, wird es eine ganze Weile dauern, bis sie wieder ruhig schläft, bis sie wieder sorglos und glücklich sein wird. Wenn ich sehe, wie sehr die Geschichte unserer Tochter zusetzt, dann packt mich die Wut und ich wünschte, wir würden in einer Welt leben, in der kleine Mädchen keine Angst vor den Taten grosser Mädchen haben müssten.

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.

In oder out?

Okay, eigentlich bin ich ganz glücklich, dass es in unserem Haushalt weder Wii, noch x- Box, noch all den anderen Mist gibt, mit welchem unsere Kinder die Zeit vertrödeln könnten. Ich bin auch nicht traurig darüber, dass die kleinen Vendittis scheinbar die einzigen Kinder sind, die Star Wars nur vom Hörensagen kennen. Und ich finde es auch nicht weiter schlimm, dass Hannah Montana in Luises Kleiderschrank noch nicht Einzug gehalten hat.

Es ist nicht so, dass wir unseren Knöpfen das alles einfach verbieten, sie haben bis anhin einfach kein großes Interesse an solchen Dingen gezeigt, und ich sehe keinen Grund, dieses Interesse künstlich zu wecken. Wir sind auch nicht grundsätzlich gegen technischen Fortschritt, aber wir sehen nicht ein, weshalb wir immer gleich jeden Mist mitmachen sollten. Unsere Kinder scheinen auch ohne den ganzen Kram ganz glücklich zu sein und immerhin dürfen sie ja hin und wieder mit Mamas iPad spielen.

Zuweilen aber Stelle ich mir die Frage, ob wir hier nicht ein gigantisches Nachholbedürfnis herbeizüchten, das unsere Kinder dereinst werden stillen wollen. Die Zweifel befallen mich zum Beispiel dann, wenn wir gemeinsam einen Katalog durchblättern und unsere Kinder nicht wissen, dass man dieses hässliche schwarze Ding auf dem Bild x-Box nennt. Noch mulmiger wird mir, wenn ich ihnen nicht erklären kann, wozu diese gut sein soll. Hätten wir nicht ein sehr schlaues Au Pair, unsere Kinder würden weiter im Dunkeln tappen.

Mulmig wird mir auch, wenn ich mit einem Ohr zuhöre, wie unsere Kinder beim Zeichnen miteinander reden. „Ich zeichne der Frau eine Hannah Montana auf den Pullover“, verkündet Luise und Karlsson meint, er hätte doch schon
immer geahnt, dass Luise Hannah Montana cool finde. Worauf Luise so laut protestiert, dass mir sofort klar wird, wie sehr unsere Tochter hin- und hergerissen ist zwischen Faszination und Abscheu. Ganz ähnlich wie damals ihre Mutter, die zwar wusste, dass Barbie fürchterlich doof und stillos ist, die aber dennoch ganz gerne mal so ein doofes, stilloses Ding ihr Eigen genannt hätte.

Als Kind von Eltern, die schon vor dreißig Jahren auf Bio, Handgestricktes, Umweltschutz und Konsumverzicht schworen, weiss ich nur zu gut, wie sehr es nerven kann, wenn Erwachsene einem mit ihren Überzeugungen jeden politisch oder ökologisch inkorrekten Spass verderben. Als Erwachsene, die weiß, dass ihr diese Erziehung nicht geschadet hat, sondern sie zu einem mehr oder wenigen kritisch denkenden Menschen gemacht hat, bin ich aber heute überzeugt, dass meine Kinder durchaus auch zu glücklichen Menschen heranwachsen, wenn sie nicht jeden Mist mitmachen müssen.

Und so wird mir einmal mehr bewusst, dass es in der Erziehung nicht den einzig gangbaren Weg gibt, dass es ein stetiges Abwägen bleibt zwischen Ja und Nein, sinnlos und sinnvoll, In-sein und Out-sein. „Meiner“ und ich werden wohl nicht davor verschont werden, uns hin und wieder sehr unbeliebt zu machen bei unseren Kindern, aber ich hoffe doch sehr, dass wir es auch ab und zu hinkriegen, Dinge zu erlauben, die unseren Überzeugungen nicht in allen Punkten entsprechen.

Für den Moment aber bin ich einfach nur froh, dass unsere Kinder noch ganz zufrieden sind, wie die Dinge sind. Zumindest dieses Jahr werde ich noch guten Gewissens sämtliche Weihnachtswünsche erfüllen können. Mal abgesehen davon, dass Luises „Sylvanian Famileis“ in China hergestellt worden sind.

Von Kleidern und anderen Dingen

Heute früh hatte ich mal wieder Gelegenheit in einem Zugabteil voller Gymnasiasten zu sitzen. Gewöhnlich sitze ich ja nicht um Viertel vor acht ohne Kinder im Zug und so nahm ich mir die Zeit, mir die Spätteenager etwas genauer anzuschauen. Ist ja noch gar nicht so lange her, seitdem ich noch selber ins Gymnasium ging. Also bloss etwa 15 Jahre oder so. Dennoch scheint mir, dass sich da so einiges geändert hat. Nein, es sind nicht die Handys und iPods, die damals noch keiner hatte. Es sind die Kleider, die mich irritieren. Wo sind sie denn, die Typen mir den Boxershorts auf dem Kopf? Oder jene, die das ganze Jahr über barfuss laufen? Oder die mit den grünen Haaren? Nicht mal solche, die in allen Farben des Regenbogens gekleidet sind, wie „Meiner“ und ich das während unserer Gymnasialzeit waren, sieht man mehr. Die tragen alle nur noch braun, grau und schwarz. Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Müssen die vor lauter Schulstress auf all die Verspieltheit verzichten, die das Leben in dieser Phase mit sich bringen sollte? Oder bin ich aus lauter Zufall in einem Abteil mit Schülern aus dem Wirtschaftsgymnasium gelandet? Sähe das Bild in einem Zugwaggon voller Pädagogikstudenten anders aus?

Eine ganz andere Kleiderfrage beschäftigte mich ebenfalls heute Morgen: Was zieht man zu einer „Fachtagung Betreuungsgutscheine“ an? Die Antwort lautet: Nichts. Also, ich meine natürlich nichts Besonderes. Die übliche Alltagskluft genügt vollauf. Gut, meine Jeans hat schon bessere Zeiten gesehen, meine Bluse und mein Haarschnitt auch, aber damit passte ich perfekt ins Bild, wie ich bei meiner Ankunft in Luzern mit Erleichterung feststellte. Klar, der eine oder andere Ex-Regierungsrat mochte nicht auf Anzug und Krawatte verzichten, aber die anderen trugen, was wir Idealistinnen eben zu tragen pflegen. Ob das daran liegt, dass wir Wichtigeres zu tun haben, als von Boutique zu Boutique zu ziehen, oder ob wir aus lauter Idealismus gerne auf eine anständige Bezahlung verzichten und deswegen kein Geld für schicke Kleider haben, sei dahingestellt.

Während ich also von der Kleidung her perfekt zu den anderen passte, musste ich mich hin und wieder beim Zuhören fragen, von welchem Stern ich denn komme. Da wurde zum Beispiel eingangs klar definiert, was gemeint ist, wenn das Wort „Eltern“ verwendet wird. Die Definition ist mir inzwischen wieder entfallen, doch die Frage schwirrt weiterhin in meinem Kopf: Haben wir uns soweit von der Realität entfernt, dass wir nicht mehr wissen, was Eltern sind, wenn uns nicht einer klar und deutlich sagt, was das Wort bedeutet? Besonders angetan hat es mir dafür  die Definition des Wortes „bildgunsfern“. Ich war ja stets davon ausgegangen, dass damit Leute gemeint sind, die wenig bis gar keine Schulbildung haben. Seit heute aber weiss ich, dass damit Leute gemeint sind, die keine akademische Ausbildung haben. Nun hoffe ich natürlich, dass dies bloss ein Versprecher der Referentin war, denn ich bin mir nicht so sicher, wie gerne sich Lehrer, Pflegepersonal, Schreiner, Bankangestellte und was es sonst so an nicht-akademisch gebildeten Fachleuten gibt, zu den bildungsfernen Schichten zählen lassen.

Im Grossen und Ganzen war die Tagung aber eine gelungene Sache. Bis auf diese eine Aussage vielleicht: „In gewissen Fällen unterstützen wir auch Mütter, die nicht arbeiten.“ Und dann vielleicht auch noch diese: „Manchmal wären auch Kinder von Eltern, die nichts arbeiten, auf familienergänzende Betreuung angewiesen.“ Ja, und auch diese Formulierung hat mir ein wenig zu Schaffen gemacht: „Wenn die Mutter nicht arbeitet, heisst das noch lange nicht….“ Als Mutter, die „nichts arbeitet“ erstaunt es mich doch sehr, dass man sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit der Verwendung des Begrifsf „Eltern“ niemanden auszuschliessen und gleichzeitig ohne mit der Wimper zu zucken Müttern und Vätern, die zu Hause bleiben, zu unterstellen, sie würden den lieben langen Tag überhaupt gar nichts tun.

Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Will ich’s wissen?

Will ich wissen, was die Schweizer Bevölkerung davon hält, dass eine Bundesratskandidatin ganz offen dazu steht, dass sie sich hin und wieder eine Pause gönnt?

Will ich wissen, ob das Parlament bei der Wahl diese Ehrlichkeit zu honorieren weiss, oder ob man der Frau aus dieser angeblichen Schwäche einen Strick dreht, der sie zu Fall bringen wird?

Will ich wissen, ob die Schweiz endlich soweit ist, dass auch dann Frauen in den Bundesrat gewählt werden, wenn die Möglichkeit  – oder je nach Sicht der Dinge die Gefahr – besteht, dass nach der Wahl die Frauen die Mehrheit stellen?

Will ich wissen, was in diesen Tagen am Stammtisch geredet wird?

Will ich wissen, ob sich etwas getan hat, oder ob dann, wenn’s darauf ankommt, noch immer die gleichen Mechanismen spielen?

Ich wünschte mir, dass ich die Antworten nicht fürchten müsste. Ich wünschte mir, dass Menschlichkeit nicht mehr als Schwäche angesehen würde. Ich wünschte mir, dass man genau so selbstverständlich, wie man jahrhundertelang eine von Männern dominierte Regierung hingenommen hat, auch eine von Frauen dominierte akzeptieren würde. Ich wünschte mir, dass man an den Stammtischen in diesen Tagen die gleichen Wünsche äusserte, wie ich es hier tue.

Doch ich fürchte, dass die Realität ein wenig anders aussieht, dass meine Wünsche Wünsche bleiben werden. Ich fürchte, dass die Antworten auf meine Fragen anders ausfallen werden, als sie ausfallen würden, wenn ich das Sagen hätte. Und deswegen überlege ich ernsthaft, mir für die kommenden Wochen ein paar Scheuklappen zuzulegen, damit ich nicht sehen muss, was ich lieber nicht sehen will, nämlich dass sich trotz der vielen Worte praktisch gar nichts geändert hat.

Berufswunsch: Hausmann

Dass zweijährige Kinder noch mit Leidenschaft Hausarbeit verrichten, ist mir eigentlich nichts Neues. Aber dass man sich mit so viel Leidenschaft in die Sache stürzen kann wie das Prinzchen, das habe ich noch nie erlebt. Und ich bin ja eigentlich kein Neuling mehr auf dem Gebiet „Zusammenleben mit (fast) Zweijährigen“. Klar hat jedes unserer Kinder hin und wieder versucht, das eine oder andere Wäschestück aufzuhängen oder einen Teller vom Tisch zu räumen. Aber das Prinzchen will nicht alleine den Geschirrspüler ausräumen, nein, er will auch gleich alles Geschirr am richtigen Ort versorgen. Er gibt sich nicht alleine damit zufrieden, Wäsche aufzuhängen, er versucht auch gleich, die Kiste mit der gefalteten Wäsche die Treppe hochzuschleppen. Hat er sich mal wieder heimlich einen Stock tiefer zur Grossmama geschlichen, kommt er nicht eher wieder mit mir hoch, als er sämtliche Autos in die Kiste zurückgelegt hat und danach die Kiste am richtigen Ort versorgt hat. Wie der Junge mit dem Besen hantiert ist schon nahezu beängstigend und sein Verhalten zeigt mir ganz klar: Der Prinz hegt Ambitionen, der Beste Hausmann des Jahres 2035 zu werden.

Meinen potentiellen Schwiegertöchtern rate ich, ihre Bewerbungsunterlagen schon frühzeitig einzureichen. Bei der aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Schweiz fünf Bundesrätinnen verkraften würde, oder ob dies nicht etwas zu viel der Weiblichkeit sei, kommen mir so langsam die Zweifel, ob die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat. Wenn mir die Statistik belegt, dass noch immer in acht von zehn Haushalten der Schweiz die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt, dann sehe ich, dass der Mann mit Küchenschürze noch immer ein Exot ist. Und trotz meines grenzenlosen Optimismus beginne ich zu fürchten, dass die Welt in ferner Zukunft, wenn das Prinzchen seinen eigenen Haushalt haben wird, – so ich ihn denn jemals ziehen lasse – noch nicht viel anders aussehen wird.

Also mein Prinzchen, fleissig weiter haushalten, damit deine Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht schwinden.