- Man kann durchaus ein paar Monate damit leben, das Geschirr jedes Mal zwei Treppen hochzutragen, um den Geschirrspüler zu füllen. Man kommt sogar einige Monate ganz ohne Geschirrspüler klar, wenn der Ersatzgeschirrspüler ebenfalls seinen Geist aufgibt. Mit funktionierendem Geschirrspüler im gleichen Raum, in dem gekocht wird, ist das Leben jedoch ganz eindeutig schöner als ohne.
- Auch wenn gewisse Ämter einen miesen Ruf haben, trifft man dort gelegentlich auf sehr nette Menschen. Gut, vielleicht waren die Leute nur nett, weil sie auf den ersten Blick erkannten, dass ich ihre Leistungen weder wünsche noch brauche.
- Auch zwei vollkommen unsportliche Menschen bringen es fertig, ein Kind miteinander zu zeugen, das beim Rennen um den Titel „Der Schnellste im Dorf“ mitmachen darf. Es sagt wohl ziemlich viel über die Unsportlichkeit des Paares aus, wenn es ganze vier Versuche braucht, bis ein solches Kind zustande kommt…
- Musst du morgens nicht aus dem Haus, bringst du es auch weit über Dreissig noch zustande, eine Nachtschicht nach der anderen zu schieben. Wehe aber, du musst eines Morgens raus. Dann spürst du sehr schnell, was für eine Memme dein Körper geworden ist.
- Nacktschnecken ist es vollkommen egal, ob die Pflanzen im Freiland oder im Gewächshaus wachsen. Gibt es einen Weg, wie sie ins Gewächshaus reinkommen, dann finden sie ihn, darauf kannst du Schneckenkörner nehmen.
- Bloss weil du nach wochenlangem Regenwetter und Fronleichnams-Brücke die Nase voll hast von Kindern, die gelangweilt auf dem Sofa herumlümmeln, heisst das noch lange nicht, dass die Magen-Darm-Seuche einfühlsam genug ist, um deine Kinder bei dieser Runde zu verschonen. Und weil du die Knöpfe erst wieder zur Schule schicken kannst, wenn sie voll und ganz genesen sind, lümmeln sie eben noch ein wenig länger.
- Mitt Buttermilch und Zitronenschale im Teig isst sogar das Prinzchen Vollkornbrot, auch dann, wenn seine Nase ihm vorgegaukelt hat, die Mama habe Butterzopf gebacken.
- Gummistiefel sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher stand ein Paar locker zehn Geschwister hintereinander durch und leistete danach auf irgend einem Bauernhof in Rumänien noch mal zwanzig Jahre tadellosen Dienst. Heute brauchst du in jeder Saison mindestens ein Paar pro Kind. Kaufst du teure Modelle, brauchst du zwei bis drei Paar pro Kind, denn die teuren Modelle sind nur teuer, weil irgend ein Designer viele Stunden aufgewendet hat, um einen Gummistiefel zu gestalten, der nicht wie ein Gummistiefel aussieht. Dass auch ein Gummistiefel, der nicht wie einer aussieht, bei Regenwetter dicht halten sollte, hat der Designer dabei übersehen.
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Das beste Mittel gegen Magen-Darm-Seuche
Sobald das Schlimmste durchgestanden ist – wir wollen hier nicht in die Details gehen -, ignoriert man die Seuche einfach. Solange man sich den Magen nicht mit fettigen Pommes Frites und Käseschnitten verdirbt, sollte das eigentlich ganz gut funktionieren. Dann empfiehlt sich ein Gang in den Garten. Ein paar Setzlinge eintopfen, ein bisschen pikieren, wenn nötig eine Runde giessen und schon fühlt man sich deutlich besser. Falls die Kraft reicht, kann man sich jetzt durchaus einem Stapel schmutziger Teller zuwenden, und sei es nur, um dem Ehepartner zu signalisieren, dass der gute Wille vorhanden ist. Vielleicht aber ist der Tellerstapel eine zu grosse Herausforderung für den entkräfteten Körper. Dann empfiehlt sich ein seichter Film, ein anspruchsloses Buch oder ein unerschrockener Gast, der die Käfer nicht scheut und sich bereit erklärt, mit dem Kranken ein Tässchen Tee zu trinken. Derart gestärkt sollte der Patient jetzt in der Lage sein, ein paar Büroarbeiten zu erledigen, die er seit Tagen oder Wochen vor sich herschiebt. Wobei dies allerdings die Gefahr eines Rückfalls birgt, zumindest, wenn die aufgeschobene Büroarbeit im Bezahlen von Rechnungen besteht. In diesem Fall heisst es dann eben, zurück ins Bett zu kriechen, die Decke über den Kopf zu ziehen und das ganze Elend auszuschlafen.
Wie man mir an einem Tag wie heute ein Lächeln aufs Gesicht zaubert
Sechs mal Magen-Darm-Grippe in verschiedenen Stadien von „Ich bin so krank, dass ich nicht mal Zwieback essen mag“ über „Ich bin nicht gesund genug, um zur Schule zu gehen, aber auch nicht krank genug um im Bett zu bleiben“ bis hin zu „Ich fühle mich genau gleich elend wie ihr, aber einer muss ja für Zwieback-Nachschub und saubere Bettwäsche sorgen“ und der einzige Gesunde muss arbeiten. Nicht gerade mein Lieblingstag, ehrlich gesagt. Umso wichtiger sind mir die kleinen Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:
Luise, die mir erzählt, wie sie gestern in der Bäckerei im reinsten St.Galler-Dialekt ein Brot bestellt hat. Fragt mich nicht, woher sie St.Galler-Dialekt kann, vielleicht hat sie diese Halskrankheit im Blut.
Die alte Frau aus Sri Lanka, die sich mir nach dem Zwieback-Einkauf in den Weg stellt, um mir mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Deutsch zu sagen, wie sehr ihr mein „Costume“ gefalle. Genau wie die Frauen aus Sri Lanka, findet sie, einzig das schöne Tuch fehle noch.
Kater Leone, der als Reaktion auf Henriettas Nachwuchs so anhänglich ist wie in seinen ersten Tagen. Nichts beruhigt so sehr wie ein Kater, der sich nach einem anstrengenden Tag auf deinen Rücken legt und dir ins Ohr schnurrt.
Der Gedanke, dass ich meinem alljährlichen Setzlings-Kaufrausch ein Schnippchen geschlagen habe und deswegen diesen Frühling seelenruhig an den Auslagen vorbeigehen kann. Wie ich das geschafft habe? Indem ich im Februar bereits dem Sämereien-Kaufrausch erlegen bin und deshalb zu Hause vor lauter Setzlingen den bewölkten Himmel nicht mehr sehen kann.
Das Prinzchen, der frühmorgens über Karlssons Teddy aus Kleinkindertagen sagt: „Gell, Karlsson, als Mama und Papa dir David gekauft haben, war er noch kein Schrott.“
Die Tatsache, dass meine Manuskripte das Stadium „Feinschliff“ erreicht haben.
Die Katzenbabies. Ich darf gar nicht anfangen damit, sonst wird’s kitschig hier.
Wirkungsvoll
Im November 2012 stellt die Hausärztin fest, dass Mama Vendittis Eisenspeicher bedenklich leer ist. Weil Mama Venditti ohnehin gerade ins Ländli fährt, gibt die Ärztin ihr das Blatt mit den Laborwerten mit, damit die Ländli-Ärtzin weitersehen kann. Mama Venditti kommt mit einer Schachtel voller pinkfarbener Eisentabletten und einem Multivitaminpräparat für Senioren nach Hause. Die Kügelchen zeigen zwar keine Wirkung, aber immerhin hat man so getan, als täte man etwas. Die Fachärztin, bei der Mama Venditti ab und zu auch in Behandlung ist, findet, das reiche nicht und schickt Mama Venditti zurück zur Hausärztin. Noch einmal Blutprobe, der Eisenspeicher ist noch immer bedenklich leer. Man rät Mama Venditti zur Eiseninfusion, wogegen sich Mama Venditti zwar sträubt, aber weil sie sich auf die Dauer keinen zweistündigen Mittagsschlaf leisten kann, all die Präparate bis anhin nichts gebracht haben und sie nicht bereit ist, dem Eisenwert zuliebe wieder Fleisch zu essen, willigt sie schliesslich ein. Also schickt die Hausärztin Mama Venditti ins Kantonsspital Olten. Noch einmal Blutentnahme, eine Woche später Besprechung beim Arzt und dann – vielleicht irgendwann Ende April – der Versuch, ob die Eiseninfusion etwas bringt oder ob Mama Venditti zu den Frauen gehört, die nicht auf die Behandlung ansprechen oder die das Zeug am Ende gar nicht ertragen.
Irgendwann wird die Krankenkasse Mama Venditti wohl vorhalten, sie gehöre auch zu denen, die dafür sorgen, dass die Gesundheitskosten ins Unermessliche steigen dabei hätte sie auch ohne das ganze Theater gewusst, dass der Eisenspeicher bedenklich leer ist. Das ist er nämlich bei fast allen Frauen, die kaum mehr ihre Augen offen halten können.
So nie mehr
Aufräumen, damit die Putzfrau sauber machen kann, drei Schulbesuche innert zwei Stunden, Mittagessen auf den Tisch bringen, dann fast sofort los zum Zwischendurcheinkauf, danach am ehemaligen Arbeitsort mit einer Horde von Kindern Osterfladen backen, weil ich dies vor einem halben Jahr so versprochen habe, saubermachen, kurz nach Hause, um alles wegzuräumen und gleich wieder los in den Schwedischkurs, dann mit Verspätung zur Ausstellung um Luises Kunstwerk zu bewundern und schliesslich nach Hause, wo ein paar ziemlich aufgedrehte Kinder ins Bett zu bringen sind. Eigentlich wären jetzt noch Rechnungen zu bezahlen, die Küche müsste schon wieder aufgeräumt werden und vermutlich wartet auch eine Ladung Wäsche darauf, aufgehängt zu werden, aber irgendwann muss Feierabend sein.
Es ist noch nicht allzu lange her, da sahen fast alle meine Tage so aus. Ein unablässiges Gehetze von einem Ort zum anderen, immer auf dem letzten Drücker, immer mit dem unguten Gefühl, zu wenig vorbereitet, zu überlastet, zu schusselig zu sein. Damals, als ich mich noch unablässig in diesem Hamsterrad bewegte, fiel mir kaum auf, wie überdreht und sinnlos das Ganze war. Wie auch, wo ich doch stets nur damit beschäftigt war, den Überblick nicht vollends zu verlieren, die Dinge irgendwie doch noch auf die Reihe zu kriegen? Klar, ich war müde und abgekämpft, reizbar und ungeduldig, aber da dies zum Dauerzustand geworden war, machte ich mir schon längst keine Gedanken mehr darüber.
Mein Leben ist auch heute noch nicht beschaulich, muss es auch nicht sein, denn dazu bin ich eindeutig noch zu jung. Aber es ist nicht mehr ganz so überladen, innehalten und nachdenken liegen wieder drin, manchmal sogar süsses Nichtstun. Tage wie heute sind inzwischen die grosse Ausnahme und wenn ich dann abends vollkommen ausgepumpt auf dem Sofa sitze, wird mir klar, dass ich so nie wieder will. Und Gott sei Dank auch gar nicht mehr kann, weil weder Seele noch Körper auf die Dauer mitspielen würden.
Umsorgt
Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“
Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren, beim Gang ins Dorf neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann.
Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.
Hättet ihr doch auf mich gehört…
Wenn inzwischen schon das Prinzchen auf den Winter schimpft und dann sogar noch krank wird, ausgerechnet er, der sonst jedem Käfer standhaft widersteht…
Wenn „Meiner“ und ich uns samstags zuerst einmal einen heftigen Streit liefern und dann auch noch den ganzen nahezu kinderfreien Nachmittag verschlafen…
Wenn Luises zweites Winterstiefel-Paar nichts mehr taugt…
Wenn ich den Drang verspüre, die Früchte- und Gemüseauslage in der Migros zu räumen wie einst Jesus den Tempel, weil sie schon wieder Erdbeeren und Spargel als saisongerecht verkaufen…
Wenn Karlsson schon wieder krank ist…
Wenn „Meiner“ den ganzen Abend in einem unbeschreiblich hässlichen Anzug und mit bemaltem Gesicht durch die Wohnung geistert und alle in den Wahnsinn treibt…
Wenn sogar ich mich nicht mehr durch den Anblick fallender Schneeflocken verzaubern lasse…
Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat droht, seinen Cola-Menthos-Versuch im Wohnzimmer durchzuführen, weil es draussen einfach zu kalt ist dazu…
Wenn die Hände trotz ewigen Einschmierens so trocken sind, dass das Stricken allmählich schwierig wird…
Wenn der Holundersirup-Vorrat zur Neige geht, das mehrstimmige Hustenkonzert aber andauert…
Wenn der Zoowärter zum Einschlafen meine gesamtes Frühlingslieder-Repertoire hören will…
Wenn ich in Versuchung gerate, Salatsamen zu säen, einfach nur zum Trotz, weil ich jetzt dann keinen Chinakohl mehr sehen, geschweige denn essen mag…
… dann ist klar, dass es jetzt reicht mit Winter und darum kann ich meiner Familie nur sagen: Hättet ihr doch auf mich gehört, dann würden wir jetzt erst allmählich aus dem Winterschlaf erwachen und die Höhle dann verlassen, wenn der ganze Mist durchgestanden ist.
Herzlich wenig Herzlichkeit
Die Mittelohrentzündung, die sich am Freitagabend ankündigt und am Samstagmittag mit eitrigem Ausfluss so richtig bemerkbar macht, bringt nicht mehr ganz so viel Stress mit sich wie ehemals. Jetzt, wo sich die Notfallpraxen wie die Karnickel vermehren, kannst du getrost am Samstagnachmittag um halb vier beim Arzt am Bahnhof aufkreuzen und deinem Kind wird geholfen. Du hättest sogar auf die vorherige Anmeldung verzichten können, aber wer eine halbwegs anständige Kinderstube hat, wird natürlich dennoch zum Telefon greifen, ehe er in die Praxis platzt. Vorbei sind die Zeiten, als du dich mit tausend Entschuldigungen à la „Wir hätten gerne bis Montag gewartet, aber das arme Kind schreit seit Stunden wie am Spiess, die Zwiebelwickel wollen nicht helfen und jetzt fliesst auch noch der Eiter“ ins Spital begeben musstest. Und deinen Hausarzt musst du nicht mit Notfallbesuchen kurz vor Praxisschluss zusätzlich auslaugen. Dein Kind darf jetzt ganz getrost aufs Wochenende hin krank werden.
Ganz praktisch also, aber nichts für Nostalgiker. Nachdem du Personalien und Krankenkassennummer angegeben hast, wollen die als nächstes wissen, ob du das Angebot aus der Zeitung, aus der Werbung oder von Freunden kennst. Sowas müssen sie dich bei der Hausärztin nie fragen, die wird auch ohne Werbung von Patienten überrannt. Der Arzt zeigt dem Computer mehr Zuwendung als dem Patienten, weil er alle wichtigen Daten erfassen muss. Er kennt das Kind ja auch nicht schon, seit es den ersten Schrei getan hat. Die Mama bekommt einige Zurechtweisungen zu hören, weil der Arzt nicht wissen kann, dass Mama sich nicht zum ersten Mal mit einer Mittelohrentzündung konfrontiert sieht. Alles läuft sehr effizient, zielgerichtet und selbstverständlich korrekt, aber von Herzlichkeit keine Spur. Was an sich kein Problem ist, denn in erster Linie geht es darum, dass dem Kind geholfen wird.
Die nächste Mittelohrentzündung bitte trotzdem wieder irgendwann zwischen Montag und Freitagmorgen, denn bei der Hausärztin ist es halt doch viel heimeliger.
Atempause
Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.
Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.
Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.
Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.
Grenzen
Das Schwierige an einem Erschöpfungszustand ist, dass der Körper noch nicht mitspielt, wenn die Seele allmählich auf dem Weg der Besserung ist. Nach einer Auszeit mit Trübsalblasen und allem, was sonst noch dazu gehört, erwacht die Kreativität zu neuem Leben, erst einmal zaghaft, doch dann mit einem regelrechten Feuerwerk an Ideen. Hier ein Geistesblitz, da ein zündender Gedanke, dort eine interessante Anregung und schon möchte ich loslegen, ausbrechen aus der Stille, nach der ich monatelang gelechzt hatte. Die Stille, die nun dazu geführt hat, dass ich den Wunsch verspüre, Neues, Undenkbares zu wagen und zu handeln, als wären da keine Grenzen.
Doch die Grenzen sind da und sie sind enger gesteckt, als mir lieb sind. Einmal Zoowärter vom Kindergarten abholen und ein kurzer Schwatz reichen aus, um mir aufzuzeigen, wie bodenlos die Müdigkeit ist. Eine schlechte Nacht, in der Prinzchen und Kater sich um den Platz an meiner Seite gebalgt haben, und ich bin am nächsten Tag zu nichts zu gebrauchen. Eine klitzekleine Anstrengung, und der Körper schreit nach Schlaf.
Es war einfacher, diesen Zustand zu ertragen, als Seele und Geist auch nichts anderes als schlafen wollten. Jetzt aber, wo ich innerlich wieder erwacht bin, habe ich eine leise – aber wirklich nur eine ganz leise – Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, wenn der eigene Körper zum Gefängnis wird.









