Geniessen

Es ist schon verrückt: Da sorge ich mich wochenlang, ob das auch wirklich möglich sei, dass ich für ein paar Tage verreise. Ich kämpfe mit den Tränen, wenn ich daran denke, meine Kinder zurückzulassen. Ich fürchte mich vor dem Alleinsein. Und kaum bin ich weg – ja, dann bin ich eben weg. Versunken in einer anderen Welt, alleine mit mir und meinen Gedanken, meinen Träumen, meinen Fragen, meinen Gebeten, meinen Geschichten.

Und ich bin glücklich.

Kein sehnsüchtiges Fragen, was meine Kinder wohl gerade jetzt in diesem Moment tun. Kein Sorgen, ob „Meiner“ daran denkt, dass er heute zum Mittagessen auf keinen Fall Pizza servieren darf, weil das Tageskind keine Pizza mag. Kein Brüten über dem, was in unserem Leben noch nicht so läuft, wie wir uns dies wünschen. Keine Tränen vor dem Einschalfen. Ich geniesse einfach, lebe in den Tag hinein. Schreibe, wenn mir nach Schreiben ist, entspanne mich in der Sauna, wenn ich Lust auf Wärme habe, stapfe durch den knietiefen Schnee, um endlich den Meditaionsweg zu finden, den ich letztes Jahr nicht suchen konnte, weil ich das Prinzchen, das damals dabei war, nicht dem Schneestrum aussetzen wollte.

Klar, mein Alltagsleben ist immer präsent, irgendwo im Hinterkopf. Und natürlich nütze ich jede Gelegenheit, um von meinen grossartigen Kindern zu erzählen. Das Verrückte dabei ist: Wenn ich von ihnen erzähle, wird mir mal wieder so richtig bewusst, dass sie wirklich grossartig sind. Das ist so viel einfacher zu sehen, wenn man dabei nicht den Geruch voller Windeln in der Nase und den Anblick der zerkritzelten Wände vor Augen hat. Und wenn dann noch ein zweiundachtzigjähriger Tischnachbar findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat müsse ein wahres Genie sein, dann geht das natürlich runter wie Butter. Und wenn man sich nicht mit dem Unfug herumschlagen muss, den das „wahre Genie“ sich den lieben langen Tag ausdenkt, dann könnte man in Versuchung kommen, dem alten Herrn gar Recht zu geben.

Aus der Ferne besehen ist meine Familie einfach perfekt. Und ich schätze es ungemein, dass ich sie für einmal aus der Ferne besehen darf und nicht mitten im Chaos stecken muss. Es wird mir hoffentlich dabei helfen, auch mitten im Trubel wieder vermehrt das Schöne zu sehen.

Letzte Vorbereitungen

So langsam mache ich mich bereit, abzureisen. Die Tasche ist zwar noch nicht gepackt, aber immerhin habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass ich keine Ausrede habe, zu Hause zu bleiben. Nun, eigentlich will ich ja gar nicht zu Hause bleiben, ich freue mich ja auf die vier freien Tage. Irgendwie. Und irgendwie freue ich mich eben auch nicht. Aber bis jetzt haben einzig meine Mutter und eine Freundin, die selber Mutter von sechs Kindern ist, verstanden, weshalb meine Gefühle derart gespalten sind.

Nun, wie dem auch sei: Morgen reise ich ab. Vielleicht schon um Viertel nach zehn, vielleicht auch erst eine Stunde später. Oder vielleicht bleibe ich auch bis nach dem Mittagessen. Denn es zerreist mir fast das Herz, wenn ich Luise weinen höre, weil sie mich bereits im Voraus vermisst. Und dann kann ich „Meinen“ doch unmöglich im Montagmorgen-Chaos alleine lassen. Oder kann ich?

Vorbereitet habe ich ja alles. Am Küchenschrank hängt eine Liste mit allen wichtigen Dingen, die es in den nächsten Tagen zu beachten gibt. Wer zu welcher Zeit womit ausgerüstet an welchem Ort sein muss, welches Tageskind wann zum Mittagessen kommt und was diese auf keinen Fall essen, wann die leere Biokiste raus und die volle rein muss und dergleichen. Alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben. Und das alles hat Platz auf einer mickrigen A4-Seite.  Leiste ich wirklich so wenig, dass mein Alltag auf einer A4-Seite Platz hat? Die paar wenigen Fixpunkte am Tag kann sich jeder, der einigermassen zuverlässig ist, merken. Also muss es an dem, was zwischen den Fixpunkten sattfindet liegen, dass ich abends jeweils auf dem Zahnfleisch gehe. Das Unvorhersehbare, das Überraschende, das sich Überschneidende wird es also sein, was mich immer wieder dazu bringt, den Überblick zu verlieren und lauthals zu brüllen vor lauter Frust.

Oder bilde ich mir am Ende das alles bloss ein? Ist mein Alltag tatsächlich nicht komplizierter als er auf dem Papier aussieht? Bin vielleicht ich das Problem? Ich weiss es nicht. Noch nicht. In vier Tagen wird mir „Meiner“ sagen können, ob es für ihn auch so war, wie es für mich ist. Und somit habe ich eine neue Angst, die ich hegen und pflegen kann: Was, wenn „Meiner“ am Donnerstag findet, die vier Tage seien ein Spaziergang gewesen und er könne nicht verstehen, weshalb ich jeweils so laut jammere über mein Dasein als Hausfrau?

Ja, was dann? Na, ist doch klar: Dann kann er für die nächsten zehn Jahre den Laden schmeissen. Bloss wie ich ihn dazu bringe, in dieser Zeit auch noch fünfmal schwanger zu sein, weiss ich noch nicht. Denn ohne die Schwangerschaften erlebt er das wahre Hausfraundmutter-Feeling nie. Aber ich habe ja vier Tage Zeit zum darüber nachdenken…

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

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Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Auf zur zweiten Runde!

Noro ist zurück. Oder war er etwa noch gar nicht weg? Auch egal. Nicht egal ist aber, dass der Zoowärter sein Abendessen wieder von sich gegeben hat, obschon er Erbrechen doch „schteigruusig“ findet. Aber mich geht das ja eigentlich wenig an. Seitdem sich „Meiner“ damit brüstet, die einzig wahre Technik zum Aufwischen von Erbrochenem entwickelt zu haben, kümmere ich mich nur noch ums Trösten der Kinder. Und nein, ihr könnt „Meinen“ nicht ausleihen, damit er das Erbrochene eurer Kinder auch beseitigt. Bei uns zu Hause gibt’s genug aufzuwischen.

Führungsschwach

Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann schämt sie sich fürchterlich dafür, dass ihre Kinder nicht so brav sind wie im Erziehungsratgeber, dass man der Wohnung ansieht, dass übers Wochenende alle krank waren, dass die Wäscheberge herumliegen. Mama Venditti entschuldigt sich dafür, dass nicht alles perfekt ist, und vergisst dabei a) dass sie ja Hilfe geholt hat, weil sie die Berge beseitigen will, b) dass es der jungen Frau wohl ziemlich egal ist, wie es bei Vendittis aussieht, weil sie ja zum Arbeiten gekommen ist und nicht weil es so schön ist hier, und c) dass die junge Frau irgendwann vielleicht froh sein wird, sich daran erinnern zu können, dass bei Vendittis auch nicht alles perfekt war, als die Kinder klein waren.


Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann erteilt sie die Anweisungen so:

„Hättest du vielleicht schnell Zeit, auf das Prinzchen aufzupassen? Ich muss schnell in den Keller gehen.“

Oder so: „Würde es dir etwas ausmachen, mit den Kindern ein Spiel zu spielen? Du kannst aber auch diesen Schrank hier aufräumen, wenn du lieber möchtest.“

Oder so: „Stört es dich, wenn ich das hier schnell erledige, währenddem du mit Karlsson das Zimmer aufräumst?“


Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann delegiert sie nichts, aber auch gar nichts. Warum nicht? Weil sie alles selber machen will, damit es perfekt ist? Nein, weil sie dabei immer wieder denkt: „So eine elende Drecksarbeit kannst du niemandem zumuten. Das musst du selber machen. Die junge Frau ist ja nicht dein Sklave, der jeden Mist für dich erledigen muss.“

Noch irgendwelche Fragen, weshalb es Mama Venditti beruflich auf keinen grünen Zweig gebracht hat?

Ist das die Lösung?

Da wagte das „Migros-Magazin“ vergangene Woche eine Familie zu portraitieren, die mit acht Kindern glücklich lebt. Ja, die Eltern tönten gar an, dass sie nicht abgeneigt wären, ein neuntes Kind zu haben, würden die Platzverhältnisse im Haus stimmen. Und was liest man diese Woche in den Leserbriefspalten?  Sätze wie diesen: „… ist es sinnvoll, hunderte von Jahren Umweltbelastung auf hohem Niveau in unsere sterbende Umwelt zu bringen?“ Oder wie diesen: „Man stelle sich vor, jedes fruchtbare Paar würde so viele Kinder zeugen wie die Schlattingers. Allein diese Vorstellung genügt, um die Antwort darauf zu geben, warum dieses Beispiel nicht unbedingt Schule machen sollte.“ Grund für diese Aussage auch hier die belastete Umwelt und die Überbevölkerung.

Solche Sätze lassen mich erschaudern. Was stimmt nicht mehr mit der Menschheit, dass man ein Kind mit den Worten „hunderte von Jahren Umweltbelastung“ umschreibt? Klar, auch ich weiss, dass die Welt ein paar Probleme hat, die dringend zu lösen sind. Aber muss man denn gleich mit der Problemlösung beginnen, indem man das Natürlichste der Welt in Frage stellt? Wäre es nicht sinnvoller, erst mal Absurditäten wie die unbegrenzte Mobilität, den übermässigen Fleischkonsum, die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel, die Energieverschwendung, ja, den modernen Lebensstil als Ganzes, zu hinterfragen? Denn die Umweltbelastung ist ja eigentlich nicht der Mensch, sondern all der Mist, der inzwischen völlig selbstverständlich zum Menschsein dazugehört: „Kinder“-Überraschungseier, Wegwerf-Handys, überfüllte Kleiderschränke, immer verfügbare Autos und dergleichen. Sollte man nicht eher darauf verzichten, als auf das Schönste, was das Leben zu bieten hat? Dazu müsste man allerdings ein paar Bequemlichkeiten opfern. Doch wer will das schon? Da schaffen wir doch lieber die Grossfamilie ab. Wo doch Kinder ohnehin nur quengeln, nerven und Dreck machen.

Liebe

Gestern war ich ja ziemlich benebelt beim Schreiben über die Nacht mit dem Norovirus. Heute bin ich zwar noch immer benebelt, aber nicht mehr ganz so schlimm wie gestern. Und darum muss ich da noch etwas klarstellen, bevor ich unter den Familien-Bloggerinnen als diejenige gelte, die wegen einer kleinen Magen-Darm-Seuche Zweifel bekommt, ob der Entscheid, eine Familie zu gründen, wohl richtig gewesen sei. Wenn ich meine noch kinderlosen Leser davor gewarnt habe, weiterzulesen, dann deshalb, weil mir auch schon Leute gesagt haben, sie hätten Zweifel bekommen, ob sie denn tatsächlich Kinder haben möchten, nachdem sie bei mir gelesen hätten, wie das Familienleben auch sein kann. Und andere davon abhalten, eine Familie zu gründen, ist nun wirklich nicht meine Absicht. Deshalb verkünde ich hier einmal mehr laut und deutlich: Ich vergöttere meine Familie. Ich möchte auf keinen Tag mit meiner Bande verzichten, auch wenn mein Leben bestimmt beschaulicher, planbarer und ordentlicher wäre. Aber wer will den schon ein beschauliches, planbares und ordentliches Leben? Ich nicht. Zumindest nicht vor der Pensionierung.

Das alles ist mir gestern mal wieder so deutlich bewusst worden, als ich mitten im Chaos völlig belämmert auf dem Sofa lag, umschwirrt von meinen Kindern. Mal kam Luise, um mich zu streicheln, mir Tee zu bringen und den lieben Gott zu bitten, dass er doch bitte die Mama ganz schnell wieder gesund machen würde. Dann wieder kam Karlsson, um mir zu sagen, dass ich die liebste Mama der Welt sei und dass er immer wisse, dass ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal streng sei mit ihm. Zwischendurch legte das Prinzchen sein Köpfchen an meine Brust und rief liebevoll „Maaamma!“, der FeuerwehrRitterRömerPirat kam, um Händchen zu halten und der Zoowärter suchte mich immer wieder, um sicher zu sein, dass ich noch da war. Dann wieder wischte ich mit revoltierendem Magen das Erbrochene der Kinder auf und dachte bei mir, dass ich dazu nie fähig wäre, wenn ich die fünf nicht so unendlich lieben würde. Denn wenn es darum geht, Erbrochenes aufzuwischen, bin ich eine absolute Memme.

Ja, ich vergöttere die Bande, auch wenn sie mir mal wieder den Noro ins Haus geschleppt haben. Auch wenn ich ohne sie wohl nicht einmal wüsste, wer Noro überhaupt ist, weil ich von ihm verschont geblieben wäre, bis ich ins Altersheim eingeliefert worden wäre. Doch was würde ich im Altersheim bloss anfangen ohne all die Erinnerungen an die Turbulenzen mit meinen Knöpfen?

Eines muss ich aber trotz allem festhalten: So wie mir diese Seuche vor Augen geführt hat, wie sehr ich meine Bande liebe, so deutlich wurde mir auch bewusst, wie Recht doch der Zoowärter hatte, als er vor zwei Tagen mit in die Luft gereckter Faust und wildem Gesichtsausdruck die folgende Erkenntnis in die Welt hinaus schrie: „Chörble isch so schteigruusig!“, was zu gut Deutsch etwa so viel bedeuten soll wie „Sich erbrechen ist so furchtbar und abscheulich.“ Wo er Recht hat, hat er Recht…

Die Nacht der Nächte

Wer sich mit dem Gedanken trägt, sich demnächst fortzupflanzen, soll jetzt bitte nicht weiterlesen. Es wird nicht mein romantischster Blogeintrag. Andererseits kann es ja nichts schaden, mit offenen Augen an das Abenteuer Kinder heranzugehen. Also, ihr noch-Kinderlosen: Entscheidet selbst, ob ihr euch diesen Post über die schlimmste Nacht meines Lebens antun wollt. Aber gebt danach nicht mir die Schuld, wenn ihr euch gegen Kinder entscheidet. Ihr habt euch selber fürs Lesen entschieden.

Nachdem wir gestern völlig unerwartet vom Norovirus heimgesucht wurden, hing schon bald auch ich über der Kloschüssel. Unwesentlich später war auch „Meiner“ dran, und dazwischen immer mal wieder Luise. War das ein Gedränge! Ich entschied mich, auf dem Sofa zu nächtigen, um einen Vorsprung aufs WC zu haben. Was dazu führte, dass ich zur ersten Anlaufstelle wurde für alle, die etwas loswerden wollten. Um ein Uhr nachts stand Luise da, kreideweiss und völlig elend. Ich schickte sie zu Papa ins Bett, weil ihr Bett…., nun ja, nennen wir es leicht schmutzig, war. Vierzig Minuten später war der FeuerwehrRitterRömerPirat da, von oben bis unten vollgekotzt. Irgendwie schaffte ich es, mich vom Sofa aufzurappeln, sein Bett sauber zu machen und ihm ein neues Pyjama zu bringen. Wiederum zwanzig Minuten später stand der Zoowärter heulend auf der Matte und verlangte, eine CD hören zu dürfen. Durfte er aber nicht. Nachts um halb drei machen wir das gewöhnlich nicht. Dafür aber durfte der Zoowärter sich vollkommen entkleiden und eine Dusche nehmen, weil seine Windel…. Nun ja, sie war mehr als voll, wenn ihr wisst, was ich meine. Während ich den Zoowärter reinigte, hing „Meiner“ mal wieder über der Kloschüssel.

Danach herrschte Ruhe. Bis gegen sechs Uhr früh Karlsson erschien. Er, der seit langer Zeit nichts mehr dergleichen tut, hatte sein Bett nass gemacht. Ab in die Badewanne mit dem Jungen und weiter dösen. Bis ein leichenblasser FeuerwehrRitterRömerPirat wünschte, neben Mama weiterzuschlafen. Etwas später dann ein Prinzchen mit ebenfalls viel zu voller Windel, dann wieder ein Zoowärter, ebenfalls nicht im saubersten Zustand. Dazu eine jammernde Luise und ein ziemlich lädierter „Meiner“, der es aber immerhin schaffte auf die Füsse zu kommen, was mir wegen der elenden Gliederschmerzen nicht mehr gelingen wollte. Na ja, irgendwie hatte ich mir das Wochenende etwas anders vorgestellt. Zumindest hat uns „Meiner“ inzwischen mit Cola und Zwieback eindecken können.

Wundert sich noch jemand, dass ich jeglicher Art von Fäkal-„Kunst“ nichts abgewinnen kann? Die „Künstler“, die meinen, sie müssten mit dem Verschmieren von Körpersäften und Fäkalien provozieren sollen sich bitte ein paar Kinder anschaffen. Dann werden sie bald erkennen, dass man damit niemanden provoziert. Zumindest nicht so provoziert, wie sie zu provozieren meinen.

Ach und übrigens: Herzlichen Dank für alle guten Wünsche. Im Moment sind wir noch nicht auf dem Damm, aber wir arbeiten dran…