So weit sind wir jetzt also schon

Es ist kurz vor Mittag und weil im Kühlschrank gähnende Leere herrscht, hetze ich noch schnell in die Migros. Wie immer, wenn ich Essen für die Familie einkaufe, flüstert mir eine leise Stimme ins Ohr: „Mehr Poulet! Du weisst doch, wie sehr sie das lieben. Und unbedingt zwei Becher Crème Fraîche. Einer reicht nie und nimmer. Willst du nicht ein ganzes Kilo rote Bohnen nehmen? Die mögen sie doch auch so gern. Halt! Stop! Mehr Käse! Mehr Mais! Mehr Oliven! Und mehr Tortillas! Himmel, nun greif schon zu. Die hungrige Meute wird das innert Sekunden vertilgt haben.“

Fünfzehn Minuten später stehe ich am Herd und rühre in den Töpfen. Luise kommt nach Hause, wenig später der Zoowärter, dann keiner mehr. Ach so, ist ja Mittwoch. Prinzchen wird also wie immer bei seinem besten Freund essen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist im Skilager. „Meiner“ ist in der Stadt, um dem Zoowärter eine neue Jacke und mir neues Henna zu besorgen. Karlsson bleibt an seinem freien Nachmittag in der Schule. Er hat sich vorgenommen, mit Freunden zu lernen,  was – wenn ich mich recht erinnere – bei Gymnasiasten meist zu einer ausgedehnten und äusserst unterhaltsamen Diskussionsrunde führt. Vor fünf ist nicht mit ihm zu rechnen.

„So fängt das also an“, murmle ich vor mich hin, als der Zoowärter, Luise und ich hinter einem riesigen Berg Essen am fast unbesetzten Tisch sitzen.

Tja, ich fürchte, bald werden sie über mich lachen, so wie wir jeweils über unsere Mutter gelacht haben, wenn sie für die Neun kochte, die früher am Tisch sassen, anstatt für die Zwei, die tatsächlich zum Essen erschienen.

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Peinlich? Mir doch egal!

Man legt uns Müttern nahe, unsere Teenager nicht mehr in aller Öffentlichkeit zu umarmen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Peinlich sei das für die Kinder und vielleicht auch ein Anzeichen von Überbehütung. Als ich heute den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Reisecar begleitete, der ihn ins Skilager bringt, habe ich ihn trotzdem umarmt, bevor er das Treppchen hochstieg. 

Erstens, weil er mein Kind bleibt, auch wenn er mich inzwischen um gute sieben Zentimeter überragt. Das ändert aber nichts daran, dass er mir fehlen wird, wenn er fünf Tage lang nicht hier ist, um auf meinen Nerven herumzutanzen, also lasse ich es mir nicht nehmen, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen und insgeheim ein bisschen sentimental zu werden, weil er jetzt auch schon so gross ist. 

Zweitens, weil er jetzt in dem Alter ist, in dem Eltern vordergründig nicht mehr viel zu bieten haben. Als Mass aller Dinge gilt die Meinung der Schulfreunde. Als Vorbild dienen offiziell die Stars und Sternchen, inoffiziell die Klassenlehrer und Leiter verschiedener Freizeitangebote. Brauchen sie mal jemanden, dem sie das Herz ausschütten können, kommen Grossmütter, Tanten und Gotten zum Zug. Was bleibt mir da als Mutter noch zu tun? Nur eines: Für diese kleine Prise Peinlichkeit in ihrem Leben zu sorgen. Damit sie jetzt bei ihren Freunden etwas zum Lästern haben und später dann – wenn ich in ihren Augen schon längst nicht mehr peinlich, sondern so etwas wie eine Heilige bin – ein paar Erinnerungen, die sie hemmungslos verklären können. 

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Er wollte doch nur mal tanzen

Ein einziges Mal nur wollte er es seinen Brüdern gleich tun. Irgend so eine sinnlose Dummheit anstellen, bei der man sich fragen muss, ob das Denkorgan überhaupt zu Rate gezogen wurde. Eines dieser fiesen Ärgernisse, mit denen man die Eltern so wunderbar auf die Palme treiben kann. Missetaten, die, wenn sie ans Licht kommen, mit einem entrüsteten „Ich war das bestimmt nicht!“ dem „anderen“ in die Schuhe geschoben werden. 

Mit einem kleinen Loch in der vollen Milchflasche wollte er testen, ob auch er, der gewöhnlich immer so seriös und perfektionistisch unterwegs ist, für ein wenig Action im Haus sorgen könne. 

Nun, man weiss ja, wie es kommt, wenn Ungeübte sich mit Streichen versuchen. Meistens scheitert die Sache schon daran, dass sie nicht kaltblütig genug sind, um so zu tun als wüssten sie von nichts. So war es auch bei ihm. Das Loch wurde entdeckt und drei Minuten später wussten wir, dass er der Schuldige war. Weil sein Sündenregister noch nicht sehr umfangreich ist, wäre ihm schnell verziehen gewesen. Leider verstaute aber „Meiner“ den Krug mit der Milch, die er hatte retten können, so ungeschickt im Kühlschrank, dass sie sich heute Morgen über meine Füsse ergoss, bevor ich nur eine Spur von Koffein intus hatte. So kam es, dass derjenige, der die Sache ins Rollen gebracht hatte, im Morgengrauen ein mütterliches Donnerwetter über sich ergehen lassen musste. 

Irgendwie tat mir das Prinzchen fast leid. Er wollte doch nur mal testen, ob er auch ein paar Tanzschritte auf den elterlichen Nerven wagen darf.

Ich glaube, er weiss jetzt, dass er es besser bleiben lässt. Ihm fehlt nicht nur die Übung, er ist auch nicht abgebrüht genug, um eine geballte Ladung mütterlichen Zorns mit einem gekonnten Schulterzucken von sich abzuschütteln.

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Fastenfragen

Da wir die Zügel in Sachen gesunder Ernährung in letzter Zeit etwas haben schleifen lassen, habe ich die beginnende Fastenzeit für pädagogische Zwecke missbraucht und für die kommenden Wochen ein generelles Süssigkeiten-, Dessert-  und Colaverbot verhängt. Seither werde ich mit sonderbaren Fragen konfrontiert:

„Dürfen wir jetzt bis Ostern nur noch Wasser trinken?“

(Natürlich. Es gibt auf diesem Planeten ja nur zwei Getränke: Wasser und Cola.)

„Muss ich auch im Skilager aufs Dessert verzichten?“

(Aber klar doch! Ich werde deine Mitschüler dafür bezahlen, dir ganz genau auf die Finger zu schauen und mir jeden Regelverstoss umgehend zu melden. Für jeden Bissen Dessert wird die Fastenzeit um eine Woche verlängert. Aber nur für dich. Wir anderen essen dann wieder Kuchen.)

„Sind Früchte noch erlaubt? Die enthalten doch auch Zucker…“

(Früchte? Lasst um Himmels Willen die Finger von diesem Zuckerzeugs! Immer, nicht bloss in der Fastenzeit!)

„Aber Luise bekommt trotzdem eine Geburtstagstorte?“

(Warum denn? Luise kann ja nächstes Jahr wieder feiern. Vorausgesetzt, ihr Geburtstag fällt nicht wieder in die Fastenzeit.)

„Warum hast du Lasagne mit Fleisch gekocht? Das ist ist doch jetzt nicht mehr erlaubt.“

(Ihr glaubt also, die Vegetarierin, die euch noch nie dazu gezwungen hat, es ihr gleich zu tun, würde euch jetzt plötzlich dazu verdonnern, Pilzlasagne zu essen? Vergesst es! Dieses Gemotze würde ich nicht aushalten.)

„Müsstest du nicht auch auf Kaffee verzichten?“

(Liebe Kinderlein, ihr möchtet doch nicht im Ernst riskieren, dass eure ohnehin schon launenhafte Mama gänzlich auf Koffeinentzug kommt? Das Colaverbot ist mir Herausforderung genug.)

Himmel, die glauben allen Ernstes, mir sei der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Dabei will ich doch bloss, dass wir uns wieder mit etwas mehr Verstand ernähren.

Das könnte uns jetzt nicht interessieren

Wer heute in seiner Küche etwas Frittiertes zubereitet, tut dies nicht, ohne sich vorher eingehend mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das erlaubt ist, erst recht, wenn die Speise neben viel Fett auch noch eine gehörige Portion Zucker enthält. Da gilt es zu überlegen…

… wie viel Fett und Zucker die Kinder in den vergangenen sechs Tagen bereits konsumiert haben. 

… mit welchen Massnahmen man diesen Frevel in den kommenden Tagen zu kompensieren gedenkt.

… mit welchen Worten man den Kindern verständlich macht, dass dies eine ganz böse, Sache ist, die man sich nur ausnahmsweise mal gönnen darf, weil Frittiertes fast so gefährlich ist wie illegale Drogen.

… wie man das schlechte Gewissen zum Schweigen bringt, das einem einreden will, wer seinen Kindern Frittiertes vorsetze, könne sie auch gleich vergiften.

Ist all dies zu Ende gedacht, wird es Zeit für die Vorbereitungen. Als erstes gilt es natürlich,  die Fritteuse zu finden, die irgendwo im hintersten Winkel verborgen ist, weil sie erstens nur etwa einmal alle zwei Jahre im Einsatz ist und zweitens auf gar keinen Fall strenggläubigen Gästen, die jeglichen Fettkonsum aufs Strengste verurteilen, unter die Augen kommen darf. Danach werden alle Fensterläden geschlossen, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, welches Verbrechen da gerade begangen wird. Und natürlich muss man sich auch ein paar kluge Ausreden zurechtlegen für den Fall, dass unverhofft jemand reinschneit, wenn man gerade an der Fritteuse steht. 

Ist man schliesslich an dem Punkt angelangt, an dem man endlich loslegen könnte, braucht man eines nicht: Eine Rezept-Homepage, die unterhalb des Rezeptes unter „Das könnte Sie auch interessieren“ ein Buch anpreist: „Fit und Schlank – Drei Kilo abnehmen in drei Wochen“

Das interessiert uns dann wieder, wenn die Kalorienbombe verdaut ist…

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Stimmbürger in den Startlöchern

Prinzchen schaut sich eine alte Ausgabe des „Nebelspalters“ an. Ein wiederkehrendes Thema ist die Volksabstimmung „Ja zur grünen Wirtschaft“, die damals gerade aktuell war.

Prinzchen: „Grüne Wirtschaft? Soll man da Ja oder Nein stimmen?“

Ich: „Ich habe Ja gestimmt, denn ich finde es wichtig, dass wir die Umwelt schützen.“ 

Prinzchen: „Dann ist diese Abstimmung also schon vorbei?“

Ich: „Ja und die Mehrheit hat Nein gestimmt.“

Prinzchen (zu sich selber): „Dann hätte ich hier unbedingt Ja stimmen müssen, wenn ich schon abstimmen dürfte.“

Nur noch zehn Jahre, dann darf er…

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Hitzige Debatte, dreistimmig

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich, wie schön ich es finde, wenn die Kinder anfangen, das Familienleben mitzugestalten. Dass mich Karlsson beim Wort nehmen und mir ein paar Tage später ein Heft mit dem Titel „Kleine Vortragsstücke für die Altblockflöte“ aus dem Brockenhaus mitbringen würde, ahnte ich damals natürlich nicht. „Das könntest du doch üben und ich könnte dich am Klavier begleiten“, meinte er und als ich ein paar Tage später noch keinen Ton gespielt hatte, liess er mich wissen, er habe das ernst gemeint mit dem gemeinsamen Musizieren. Da ich ein typisches Kind meiner Zeit bin, lieferten sich darauf drei innere Stimmen eine erbitterte Debatte:

1. Stimme (panisch): „Altblockflöte? Nein, bitte nicht! Ich bin noch immer traumatisiert von dieser schrecklich langweiligen Lehrerin, die mich dazu gezwungen hat, die Sopranblockflöte aufzugeben.“

2. Stimme (genervt): „Nun hab dich mal nicht so. Hast du es nicht immer und immer wieder bereut, dass du die Musik komplett aufgegeben hast? Das ist deine Chance, endlich wieder dort anzuknüpfen, wo du vor Jahren aufgehört hast.“

1. Stimme (jammernd): „Aber ich kann doch nicht! Diese Griffe verwirren mich komplett. Das habe ich schon damals nicht geschafft und wenn ich mir heute diese Grifftabelle ansehe, wird mir ganz mulmig zumute. Sopranblockflöte ginge ja noch. Aber Altblockflöte? Das schaffe ich nie und nimmer. Ich hab dir doch gesagt, ich bin traumatisiert. Ohne Therapie kriege ich das nicht hin…“

3. Stimme (mahnend): „Stichwort Therapie: Was glaubst du, was Karlsson tun wird, wenn du dich verweigerst?“

1. Stimme (etwas kleinlaut): „Er wird vielleicht ein bisschen sauer sein…“

3. Stimme (entrüstet): „Ein bisschen sauer? Weisst du denn nicht mehr, was junge Menschen tun, wenn sie von ihren Eltern enttäuscht werden? Die rennen zum Therapeuten und jammern ihm die Ohren voll über ihre herzlosen Eltern, die ihnen mit der kaltblütigen Ablehnung ihrer Passion fast das Herz aus der Brust gerissen haben. Wenn dir Karlsson etwas bedeutet, machst du dich gleich morgen ans Üben.“

1. Stimme (kläglich): „Aber ich kann doch nicht. Ich bin total blockiert.“

3. Stimme (drohend): „Du willst doch wohl nicht riskieren, dass er dich eines schönen Tages ins Altersheim abschiebt…“

1. Stimme (schluchzend): „Nein, aber ich kann doch nicht… Glaub mir doch bitte, diese Flötenstunden waren der reinste Horror. Mir rinnt jetzt noch der kalte Schweiss über den Rücken, wenn ich dran denke.“

2. Stimme (beschwichtigend): „So schlimm war das nun auch wieder nicht. Okay, diese Lehrerin war tatsächlich eine Schlaftablette und du warst ja auch mitten in der Pubertät und hattest andere Sorgen. Aber später dann, am Gymnasium, hat dir das Flötenspiel doch wieder richtig Spass gemacht.“

1. Stimme (kleinlaut): „Schon, aber…“

3. Stimme (barsch): „Kein Aber! Denk ans Altersheim…“

1. Stimme (ängstlich): „Du machst mir Angst. Ich kann das doch nicht. Karlsson wird mich auslachen. Er hat mich in Sachen Musik doch längst überholt.“

3. Stimme (belehrend): „Das scheint ihm aber nichts auszumachen. Er will mit seiner Mutter musizieren und wenn du ihm diesen Wunsch nicht erfüllst, landet er auf der Couch des Psychiaters und dann kannst du ja sehen, ob du deine Enkelkinder jemals zu Gesicht bekommst.“

1. Stimme (flehend): „Nun hör doch endlich auf, den Teufel an die Wand zu malen. So schaffe ich das erst recht nicht. Unter Druck kriege ich nichts zustande, das weisst du doch.“

3. Stimme (angewidert): „Ich kann es ja nicht fassen, dass du noch immer dieses Psychogeschwätz aus den Neunzigern drauf hast. Man sollte meinen, das Leben mit fünf Kindern hätte dich gelehrt, Hürden zu meistern. Stattdessen ziehst du jammernd den Schwanz ein.“

1. Stimme (wehklagend): „Ich gebe mir doch jede erdenkliche Mühe und mit neuen Herausforderungen werde ich ja auch irgendwie fertig. Aber wie soll ich meistern, was ich in meiner Jugend schon nicht geschafft habe? Ich kann das einfach nicht…“

3. Stimme (spöttisch): „Pffff! Wer lässt sich denn schon von einer Grifftabelle kleinkriegen?“

2. Stimme (resolut): „Könnt ihr wohl endlich die Klappe halten? Ich muss mich konzentrieren. Ich mag eine Niete sein auf der Altblockflöte, aber irgendwie habe ich richtig Lust bekommen, es noch einmal zu versuchen. Macht doch bestimmt Spass, mit Karlsson zu musizieren und vielleicht kann ich von ihm ja noch ein paar Dinge lernen. Also lasst mich gefälligst in Ruhe diese Grifftabelle studieren, damit ich bald mit Üben anfangen kann. Karlsson wird allmählich ungeduldig…“

So schwer kann das ja wohl wirklich nicht sein…

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Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

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Fast schon wundersam

Nahezu Unglaubliches hat sich bei uns zu Hause ereignet. Zwei grosse Tafeln Schokolade – die Riesendinger, die etwa 400 Gramm auf die Waage bringen – haben drei volle Monate in unserem Küchenschrank überlebt. 

Keiner hat ihnen das Papier vom Leib gerissen.

Keiner hat sich heimlich ein Stück abgebrochen.

Keiner hat sie bis auf den letzten Würfel verdrückt und dann das leere Papier mit ein paar Krümeln liegen gelassen.

Ja, es sieht gar so aus, als wären sie während der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal berührt worden. 

Sie liegen einfach da, zufrieden und ganz und gar unbesorgt, gerade so, als hielten sie sich nicht an einem für Schokolade brandgefährlichen Ort auf. Wo doch die durchschnittliche Lebensdauer einer Tafel Schokolade in diesem Haus eine halbe Stunde beträgt.

Ein Wunder, könnte man fast denken. Wenn es denn keine Zartbitterschokolade wäre…

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Typischer Elternmoment

Nach einem langen Tag lässt du gegen Mitternacht deinen müden Kopf aufs Kissen sinken. Eine Weile lang noch dreht sich das Karussell deiner Gedanken, dann fallen dir die Augen zu und du gleitest allmählich in eine surreale Welt. Kaum bist du dort angekommen, erscheint eine sehr reale Gestalt an deinem Bett: „Mama, kannst du mir erklären, warum ich heute plötzlich so traurig geworden bin?“, fragt sie. Erst denkst du, diese Gestalt sei Teil der anderen Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch als sie die Frage wiederholt, weisst du,  dass sie zur Realität gehört, aus der du eben erst geflüchtet bist. In dieser Realität ignoriert man Gestalten, die wichtige Fragen stellen, nicht einfach und darum murmelst du: „Lass uns morgen darüber reden. Mitternacht ist längst vorbei und wir brauchen unseren Schlaf.“ Die Gestalt verschwindet und du lässt deinen Kopf zurück aufs Kissen sinken. Doch zurück in die surreale Welt gelangst du nicht mehr so leicht, denn morgen wirst du eine wichtige Frage beantworten müssen. Also machst du dir gewissenhaft deine Gedanken, damit du der Gestalt erklären kannst, was der Grund für ihre plötzliche Traurigkeit gewesen sein könnte. 

Am nächsten Morgen dauert es sehr lange, bis die Gestalt aus ihrem Zimmer kommt. Sie muss sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholen. Als du sie endlich zu Gesicht bekommst, willst du mit ihr über die Frage, die sie in der Nacht so beschäftigt hat, reden: „Du wolltest doch heute Nacht wissen, weshalb du gestern plötzlich…“, fängst du an, doch die Gestalt schaut dich mit grossen Augen verständnislos an: „Ich kann mich nicht erinnern…“ „Doch, du standest plötzlich an meinem Bett und danach konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen.“ „Kann mich nicht erinnern…“ „Ja, aber du wolltest doch wissen, warum du gestern so plötzlich traurig wurdest. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht…“ „Ist schon gut, Mama. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ist also nicht mehr so wichtig.“

Und du fragst dich, ob sie denn jemals damit aufhören werden, dich wegen „Ist nicht mehr so wichtig“ aus dem Land der Träume zu vertreiben. 

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