Eine Samichlaus-Geschichte

Letztes Jahr hatten wir einen römisch-katholischen Samichlaus. „Ja, gibt es denn auch andere? Der St.Niklaus war doch irgend so ein Heiliger“, mögen einige nun fragen aber das zeigt, dass ihr euch in der Samichlaus-Sache ganz und gar nicht auskennt. Natürlich gibt es andere. In unserem Fall hat man die Wahl zwischen Turnverein-Samichlaus aus Dorf A, Turnverein-Samichlaus aus Dorf B, Pontonier-Samichlaus (oder pausieren die gerade?), Privat-Samichlaus (bei dem man immer hofft, dass die Kinder die Stimme nicht oder erst, wenn er gegangen ist, erkennen) Adventsmarkt-Samichlaus (bei dem man stets Angst hat, ihm könnten die Mandarinen ausgehen, ehe man mit seiner Brut zu ihm durchgedrungen ist) und für ganz Verzweifelte natürlich noch unzählige Supermarkt-Samichläuse.

„Okay, ich sehe, es gibt da eine ganze Palette“, sagt ihr Skeptiker jetzt, „aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, wie du mitten im April auf die Idee kommst, vom Samichlaus zu erzählen? Wo doch inzwischen auch der Osterhase schon Schnee von gestern ist.“ Himmel, immer diese kritischen Rückfragen! Reicht es denn nicht, zu wissen, dass ich immer nur über die Dinge schreibe, die ganz dringend aus meinem Kopf raus müssen und nicht warten können, bis offiziell Saison dafür ist? Und überhaupt, dieser Samichlaus, von dem ich erzählen will, war einer mit Nachwirkung, darum schwirrt er ja auch heute in meinem Kopf rum. 

Es war also so: Da kam letztes Jahr dieser Samichlaus in seiner vollen römisch-katholischen Pracht, in seinem Sack das dicke Buch, in welches er den Zettel geklebt hatte, den ich über unsere Kinder zusammengestellt hatte. „Bitte dieses Jahr nur Lob, keinen Tadel. Das Prinzchen fürchtet sich sonst ganz fürchterlich“, hatte ich geschrieben und nun war der Arme natürlich ganz und gar im Clinch. „Man kann doch nicht nur loben“, muss er in seinen langen Bart gebrummt haben, „Wo kämen wir denn da hin, wenn so etwas Schule machte?“ Also überlegte er, wie er den kleinen bis mittelgrossen Vendittis doch noch ein wenig moralische Wegzehrung mitgeben könnte und da dieser Samichlaus neben seinem Amt auch Predigten schreibt und nicht Boote rudert oder am Barren turnt, hatte er eine Idee: Er würde diesen verzogenen Vendittis, die nicht mal ein wenig Tadel ertragen mochten, eine nette kleine Predigt halten. Die Kernaussage dieser Predigt lautete: „Steht dazu, wenn ihr etwas ausgefressen habt.“ Im Leben würden nun mal Missgeschicke passieren und es werde einem viel leichter ums Herz, wenn man solche Sachen nicht für sich behalte, sondern offen und ehrlich gestehe, erklärte der Chlaus und schenkte jedem Kind einen schlichten Kerzenhalter, der an seine Botschaft erinnern sollte.

Diese Kerzenhalter sind natürlich schon längst in all den vielen Winkeln unserer Wohnung verschwunden, aber die Predigt hallt noch immer nach, obschon – oder vielleicht weil – sie ganz freundlich dahergekommen war. „Der Samichlaus hat doch gesagt, wir sollen dazu stehen, wenn wir eine Dummheit gemacht haben“, sagen jetzt unsere Kinder zerknirscht, wenn sie mal wieder etwas ausgefressen haben und sie keinen Weg sehen, „den anderen“ zu beschuldigen. „Na ja, kleine Kinder glauben eben noch an den Samichlaus“, mag jetzt der eine oder andere von euch Skeptikern brummen, aber in diesem Fall lässt sich das nicht so leicht damit abtun. Warum nicht? Nun, erstens einmal sind sämtliche Tadel, die ich vor Prinzchens Tadel-Phobie dem Chlaus ins dicke Buch diktiert habe, ungehört verhallt; nicht ein einziger war wirkungsvoll genug, um unser Familienleben nachhaltig zum Positiven zu verändern. Und zweitens sind es nicht nur die Kleinen, die seit der Predigt offener zu ihren Missgeschicken stehen, sogar die Grossen meinten vor ein paar Tagen: „Wir hätten es ja eigentlich verschweigen wollen, aber dann ist uns der Samichlaus in den Sinn gekommen.“ Okay, diese Aussage war mit einem gewohnt zynischen Teenager-Grinsen garniert und wohl auch nicht ganz ernst gemeint, aber wen kümmert das schon, wenn das Resultat stimmt? 

Und jetzt wisst ihr auch, weshalb ich mitten im April auf die Idee komme, euch vom Samichlaus zu erzählen. 

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Himmel und Hölle

Wollt ihr wissen, wie sich unsere drei jüngsten Kinder das Paradies vorstellen? Also, dann malt euch einen Ort aus, an dem man bereits an der Kasse ein Säcklein Süssigkeiten pro Person in die Hand gedrückt bekommt, dazu noch einen geheimnisvollen Jeton und einen Gutschein. Nachdem ihr ein paar Schritte gegangen seid, empfängt euch eine nette Dame in pinkfarbenem Tüll und fragt euch, ob ihr lieber zwei rosarote, zwei schlumpfförmige oder zwei mit Marmelade gefüllte Zuckerdinger haben möchtet. Diese Wegzehrung muss für zwei grellbunte, mit interessanten Dingen angefüllte Stockwerke reichen, bevor man euch gelbe, grüne und weisse Zuckerdinger – diesmal leicht säuerlich – in die Hand drückt. Nun geht es ein, zwei Treppen runter, zu drei geheimnisvollen Maschinen, die nur darauf warten, euren Jeton zu schlucken, um euch im Gegenzug vier weitere Portionen Süssigkeiten auszuspucken. (Bei manchen spuckt das Wunderding gar acht Portionen aus, zum Beispiel beim FeuerwehrRitterRömerPiraten.) Als ob das alles nicht schon wunderbar genug wäre, kommt ihr zum Schluss in einen Museumsshop voller süsser, klebriger Dinge und weil es in euren Portemonnaies noch einen Überrest Taschengeld hat, braucht ihr nicht mal eure Eltern zu belästigen, um etwas von dieser Herrlichkeit zu bekommen. Vor der Heimfahrt kommt noch der Gutschein vom Anfang zum Einsatz. Der erlaubt euch nämlich, all das zuckersüsse Zeugs, das ihr auf dem Rundgang in euch hineingestopft habt, auf einer Hüpfburg kräftig durcheinander zu schütteln. Paradiesisch, nicht wahr?

Nun folgt mir bitte noch einmal in den Museumsshop. Kommt mit mir zwischen die engen Regale, die sich unter den Kisten von Schleckwaren beinahe biegen. Helft mir bitte dabei, alle meine Kinder im Auge zu behalten, damit keines verloren geht. Ach, und wo ihr schon dabei seid, könntet ihr bitte dem Zoowärter erklären, dass der gelbe Teddy mit der Schmusedecke zu teuer ist, dass sein Geld aber noch reichen würde für den grösseren der beiden Bären ohne Decke. Und Karlsson sollte noch zwei Euro bekommen, er steht gleich dort drüben, hinter dem Regal mit den Gummischlangen. Ihr müsst nur die zwei Senioren, die sich mit Vorräten für den Enkelbesuch eindecken, ein wenig zur Seite schieben. Bei dieser Gelegenheit könntet ihr auch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten sagen, wo er sich an der Kasse anstellen muss. Mist, wo sind denn schon wieder das Prinzchen und Luise? Wie sollen wir die jetzt wieder finden, zwischen dieser Schulklasse von halbwüchsigen Italienern, die ihr ganzes Feriengeld, das sich ihre von der Krise gebeutelten Eltern vom Mund abgespart haben, verjubeln? Und richtet bitte „Meinem“, der schon ganz ungeduldig bei der Türe wartet, aus, ich würde gleich kommen, sobald ich hier alles unter Kontrolle habe. 

Seid ihr noch bei mir, meine lieben Leser, oder haben wir uns im Getümmel verloren? Nun, falls ihr noch hier seid, schaut euch einen Moment lang um, damit ihr wisst, wie ich die Vorhölle beschrieben hätte, wäre ich Dante gewesen. 

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Erste Eindrücke

Viel lässt sich so kurz nach der Ankunft natürlich noch nicht sagen, aber ein paar erste Eindrücke kann ich schon mal weitergeben:

  • Gestern hat „Meiner“ schon mal zwei Kohlköpfe geschenkt bekommen, weil die nach Ladenschluss im Abfall gelandet wären. Und im Supermarché hat man uns heute Morgen nach dem ersten Großeinkauf an der Kasse herzlich willkommen geheissen. Irgendwie hatte ich die Franzosen unfreundlicher in Erinnerung. Aber halt, das hier sind nicht „français“, die sind „provençal“, wie man uns gegenüber in den vergangenen 24 Stunden bereits mehrmals betont hat. 
  • Das mit den öffentlichen WCs haben sie noch immer nicht im Griff, unsere gallischen Nachbarn, aber immerhin haben sie jetz bequemere Kopfkissen als früher. 
  • Wirklich entspannend, wenn man beim Einkauf sagen kann: „Ihr wollt Erdbeeren und Tomaten? Okay, greift zu, das Zeug kommt aus der Gegend.“ Zu Hause hätte ich bei den Erdbeeren noch mindestens einen Monat lang hart bleiben müssen, bei den Tomaten noch länger. 
  • Manchmal sind Ferienhäuser schöner, als auf den Fotos, aufgrund derer man sich zur Buchung entschieden hat. 
  • „Meiner“ und ich wären ja eigentlich lieber nach Stockholm gefahren, aber hier ist es tatsächlich auch ganz nett. Musste sogar Luise zugeben und die wollte anfänglich weder nach Stockholm noch in die Provence, sonder einfach zu Hause bleiben und mit ihren Freundinnen WhatsApp-Nachrichten austauschen. 
  • Wenn’s einen Pool hat, ist für unsere Kinder kein Wasser und kein Wind zu kalt. Unsere Vermieter sind ziemlich beeindruckt ob dieser Unverfrorenheit, aber die wissen eben nicht, wie kalt es jetzt bei uns zu Hause ist. 

 

Schulsack

Ein letztes Mal mit einem zukünftigen Erstklässler auf Schulsack-Suche. Ein letztes Mal „Nimm doch lieber den mit den Elefanten, der mit dem Flugzeug ist langweilig.“ Ein letztes Mal: „Nein, nimm den nicht. Mit dem schämst du dich, wenn du in der Dritten oder in der Vierten bist.“ Ein letztes Mal Gegensteuer geben, weil das Verkaufspersonal die Kinder mit grellen Extras ködern will, Extras, die im Schulalltag ganz schnell an Glanz verlieren und dann hat man ihn, den langweiligsten Schulsack aller Zeiten. Ein letztes Mal die Diskussion, ob man dazu auch noch ein Znüniböxli braucht, eine Trinkflasche und den passenden Turnsack. Ein letztes Mal „Möchtest du ein Sugus?“, bevor das Geld einkassiert wird. Ein letztes Mal Luft anhalten, weil das Zeug immer ein halbes Vermögen kostet. (Ja, ich hab‘ die Luft angehalten, auch wenn diesmal nicht unser Konto belastet wird.) Ein letztes Mal die Spannung der Geschwister: „Zeig her, was hast du gewählt?“ Ein letztes Mal der Gedanke, dass ich ja einen anderen genommen hätte, aber dass das Kind trotzdem ziemlich guten Geschmack bewiesen hat. 

Aber ganz bestimmt nicht zum letzen Mal der Gedanke: „Himmel, könnte mal bitte einer die Zeit anhalten? Mir geht das irgendwie alles zu schnell.“

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Bütschgi

Treffen Schweizer aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen irgendwo – zum Beispiel im Jura, in Opfikon oder in auf Ibiza – aufeinander, können sie gar nicht anders, als früher oder später zu erörtern, wie man das abgenagte Kerngehäuse eines Apfels oder einer Birne nennt. „Gigetschi, natürlich“, sagen die einen. „Spinnst du? Das nennt man Gröibschi“, kontern die anderen. „Ihr habt ja beide keine Ahnung. Das Ding heisst Gürbschi“, behaupten die Dritten. Gerate ich in einen solchen Sprachstreit, halte ich stur am „Bütschgi“ fest, obschon ich seit Jahren im „Gürbsi/Bätzgi“-Gebiet lebe. Eigentlich interessiert es mich aber schon längst nicht mehr, wie meine Landsleute das Ding nennen, betreibe ich doch seit einigen Jahren intensive Forschungen in einem ganz anderen Kerngehäuse-Bereich. Mich beschäftigt nämlich die Frage, wo sich die Dinger in einem Grossfamilienhaushalt bevorzugt aufhalten. Hier eine – noch längst nicht abgeschlossene – Liste der bisher bekannten Bütschgi-Fundorte:

  • Auf dem WC-Rollenhalter
  • Auf dem Rand hinter dem WC-Deckel
  • Am Fussende des Elternbetts
  • Im Kerzenhalter
  • In sauberen Tassen auf dem Regal
  • In Kindersocken
  • Hinter dem Klavier
  • Auf den Klaviertasten
  • Unter dem Klavier
  • Im Klavier? Ich hab’s nie abgeklärt, könnte es mir aber sehr gut vorstellen.
  • In der Dachrinne.
  • Im Blumentopf
  • In Schulsäcken, von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • In Kindergartentaschen, ebenfalls von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • Im Altpapierstapel
  • Im Sammeleimer für Pet-Flaschen
  • Im Kühlschrank
  • In Mamas Schuhen
  • Im Türgriff des Autos
  • Im Katzenklo
  • Neben dem Abfalleimer (Dies ist mit Abstand der häufigste Fundort. Ist halt unglaublich schwer, die Öffnung zu treffen. Von der mütterlichen Weisung, Bütschgis konsequent im Kompost zu entsorgen, wenn man sie schon nicht aufessen mag, reden wir gar nicht erst.)
  • Unter dem Abfallsack, der eigentlich dazu da wäre, die Dinge, die im Abfalleimer landen, aufzufangen
  • Hinter dem Sofakissen
  • In der Obstschale
  • Unter der Matratze
  • Auf dem Fenstersims
  • Auf dem Treppenabsatz
  • In der Waschmaschine
  • In einer Falte des Sonnendachs
  • Zwischen den Kochbüchern
  • Im Klo (Halt, ich glaube, das war ein ganzer Apfel. Haben wir aber erst rausgefunden, als die Sauerei bereits da war.)
  • Im Abfluss
  • In Prinzchens Bastelkiste
  • Auf dem Trampolin
  • Im Sandkasten (Als wir noch einen hatten)
  • Aufgespiesst auf dem Gartenzaun

…und vermutlich an ganz vielen anderen Orten, wo sie irgendwann, wenn wir fleissig genug aufräumen, auftauchen werden. (Und falls wir nicht zum Aufräumen kommen, wächst da halt eines Tages ein hübscher, kleiner Apfelbaum.) Die endgültige Auswertung meiner Forschungsergebnisse steht noch aus, ein Ergebnis steht aber bereits fest: Die Liebe zum Kernobst ist bei den kleinen Vendittis derart gross, dass sie darob die elterliche Weisung, nur im Esszimmer oder in der Küche zu essen, glatt vergessen. 

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Untauglich

Am dritten Samstag ohne „Meinen“ – heute inklusive Luise-Geburtstag und einer weiteren One-Woman-Putzorgie -, weiß ich eine Sache mit absoluter Sicherheit: Als Alleinerziehende wäre ich ganz und gar untauglich. Mal sehen, ob ich den Tag überstehe ohne dass Luise in zwanzig Jahren beim Psychiater sagen muss: „An meinem zwölften Geburtstag begann mir zu dämmern, was für eine Niete meine Mama is.“

  

Mama auf Abruf

„Wenn die Kinder erst mal grösser sind“ – so tröstete man mich, als ich noch mitten in der Baby- und Kleinkindphase steckte -, „wirst du wieder viel mehr Freiheiten haben.“ Naiv, wie ich damals noch war, glaubte ich den erfahrenen Müttern, die mich auf diese Weise aufzuheitern versuchten. Nun möchte ich natürlich keineswegs behaupten, diese Mütter hätten mich belogen, bei ihnen war es wohl tatsächlich so. Bei mir nicht. Noch selten in meinem Leben habe ich mich so angebunden gefühlt wie gerade jetzt.

Als die Kinder noch im Vorschulalter waren, konnte ich – wenn ich denn wollte – morgens ein paar Bananen und Getreideriegel einpacken und mich mit meiner Horde aus dem Staub machen. Wenn es sich ergab, tat ich mich mit einer anderen Kleinkindmutter zusammen, damit die Kinder spielen und wir quatschen konnten. Zugegeben, ich tat das nicht oft, weil es doch ein wenig umständlich war, mit fünf Kindern aus dem Haus zu gehen, doch allein schon der Gedanke, dass ich könnte, tat gut. Nein, ich habe nicht vergessen, dass mir schon damals in schöner Regelmässigkeit die Decke mit Getöse auf den Kopf gekracht ist, aber das war auch nicht anders zu erwarten in einem Leben mit fünf kleinen bis mittelgrossen Menschen im Dauerchaos. Also fand ich mich damit ab, mal mit mehr, mal mit weniger Gebrumm und Gemotze.

Heute aber sollte es eigentlich anders sein. Zumindest haben mir das die erfahrenen Mütter von damals so versprochen. Die Kinder sind selbständiger, verbringen sehr viel Zeit ausser Hause und brauchen mich… also, na ja, wie soll ich sagen… irgendwie permanent und irgendwie doch nicht so richtig…also so auf Abruf. Wer schon mal auf Abruf gearbeitet hat, weiss, wovon ich rede: Du weisst nie so recht, wann du zur Arbeit gerufen wirst. Du weisst auch nicht, ob du bei deinem nächsten Einsatz nur gelangweilt rumstehen wirst, oder ob du zehn Stunden Dauereinsatz leisten wirst. Du weisst aber sehr genau, dass du nie allzu weit wegfahren darfst, weil die Chefin dich jederzeit herzitieren könnte. Wenn du dann sagst: „Ich bin jetzt gerade noch in Locarno. Sobald ich mein Pedalo zurückgegeben und meine Penne all’Arrabiata gegessen habe, nehme ich den Zug. So gegen siebzehn Uhr sollte ich es schaffen“, bist du deinen Job los, das weisst du genau. Also bleibst du schön zu Hause und wartest, bis das Telefon klingelt. Du hast zwar nur hin und wieder Arbeit, aber dein Job füllt dennoch dein ganzes Leben aus. 

Irgendwie so ähnlich fühlt sich die Lebensphase an, in der ich derzeit gerade feststecke. Also nicht ganz die grosse Freiheit, die ich mir vorgestellt habe. Weshalb mir weiterhin in schöner Regelmässigkeit die Decke mit Getöse auf den Kopf kracht. 

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Nahtlos

Was uns gestern (oder so) noch beschäftigte:

Krippe und wenn ja, wie viel darf es kosten? Oder vielleicht doch lieber auf ein zweites Einkommen verzichten? Läuft das finanziell etwa aufs Gleiche hinaus? Und abgesehen von den Finanzen: Wie viele Stunden in der Woche sollen die Kinder fremdbetreut sein? Oder könnte man mit geschicktem Jobsharing die Fremdbetreuung gänzlich umgehen? Und wie steht’s mit den Kräften? Liegt noch Freizeit drin neben Kindern, Job und Haushalt? Zeit für uns, Zeit für die ganze Familie, die nicht verplant ist? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird?

Viel Zeit ist noch nicht vergangen seither, und schon lauten die Fragen:

Geht’s noch eine Weile in ihren eigenen vier Wänden? Oder bei uns? Oder vielleicht doch ins Pflegeheim und wenn ja, für wie lange? Vorübergehend? Für immer? Was ist gut für sie? Gesundheitlich? Finanziell? Und was ist gut für uns? Wo braucht sie uns und wo müssen andere einspringen? Wo liegt ihre Schmerzgrenze, wo die unsere? Wann ist ein Ja gefordert, wann ein Nein erlaubt? Liegt noch Familienleben drin, oder muss jetzt alles andere hintanstehen? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird? 

Mein liebes Leben, ich weiss, dir ist ziemlich egal, was ich denke, aber manchmal wünschte ich mir, du hättest uns zwischen diesen beiden Phasen eine etwas längere Verschnaufpause gegönnt. 

broken dreams; prettyvenditti.jetzt

broken dreams; prettyvenditti.jetzt

Albtraum im Handyzeitalter

Zu unseren Zeiten war so ein Albtraum noch richtig furchteinflössend. Mit rasendem Herzen lag man schweissgebadet und stocksteif im Bett, flach atmend, damit das Böse, dem man im Traum begegnet war, einen nicht bemerken würde. Nachdem der schlimmste Schrecken vorbei war, begann man zu überlegen, ob man es wagen konnte, das schützende Bett zu verlassen, um die Eltern oder zumindest die ältere Schwester zu alarmieren. Zaghaft streckte man schliesslich den grossen Zeh unter der Bettdecke hervor, zog ihn aber wegen eines verdächtigen Geräusches im Gebälk sogleich wieder zurück. Alleine und verängstigt im Bett liegen zu bleiben erschien unerträglich, noch unerträglicher aber erschien der Gedanke, auf der Suche nach Trost durch den kalten, dunklen und von allerlei imaginären Schreckgestalten bevölkerten Flur zu tapsen. Also blieb man liegen, presste die Augen zu und sehnte den Schlaf herbei, der irgendwann wieder zurückkam, diesmal hoffentlich ohne albtraumhafte Begleitung. 

Heute geht sowas anders, zumindest, wenn man alt genug ist, ein Handy sein eigen zu nennen. Oder wenn man in der Nähe eines mit Handy ausgerüsteten Teenagers schläft. Dann läuft das so: Man wird durch den Albtraum aus dem Schlaf gerissen, greift zum Handy und alarmiert die Eltern, die sofort zwei Treppen hochgerannt kommen, um einen ins sichere Elternbett zu geleiten. Die bösen Geister sind vertrieben, der Schlaf kann zurückkommen. 

Jetzt muss es nur noch den Eltern gelingen, die Horrorszenarien, die sich wegen des Anrufs zu später Stunde vor ihren inneren Augen abgespielt haben, wieder zu vertreiben und die Nachtruhe ist gerettet. 

pasta e formaggio; prettyvenditti.jetzt

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Bitte entschuldige, mein Kind

In meinem Leben gibt es einen einzigen Erziehungsgrundsatz, den ich – wenn ich mich recht erinnere und nicht die absoluten Tiefstpunkte ausblende – von Anfang an bis heute konsequent durchziehe. Es ist der Grundsatz, der da lautet: Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du Mist gebaut hast und mach dir das zur Gewohnheit, bevor du fürchten musst, dein Gesicht zu verlieren, wenn du endlich damit anfängst. Noch vor Karlssons Geburt fasste ich diesen Entschluss, denn als impulsiver und ziemlich launenhafter Mensch ahnte ich, dass ich wohl das eine oder andere Mal meinen hohen Idealen der Kindererziehung untreu werden könnte. (Das war lange bevor ich wusste, wie gewieft so ein kleiner Mensch die richten Knöpfe bei mir drücken kann, um meine Impulsivität und Launenhaftigkeit zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen.)

So sass ich dann also – lange bevor der kleine Mensch der schweizerdeutschen Sprache mächtig war – jeweils abends an seinem Bettchen und sagte Dinge wie: “ Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin, als du so lange geschrien hast. Ich weiss, du kannst nicht anders, aber ich sollte anders können. Nur gelingt es mir leider nicht immer, wenn ich übermüdet bin.“ Glaubt mir, manchmal fühlte ich mich ziemlich doof, einem zahnlos lächelnden Baby ein Geständnis abzulegen, aber ich zog das durch, auch als weitere Kinder hinzukamen und auch als die Kinder anfingen, aktiv und bewusst zu den Alltagskrisen beizutragen. Meine Entschuldigungsreden lauteten dann etwa so: „Hört mal, dass ich euch vorhin angebrüllt und auf eure Zimmer geschickt habe, war ungerecht. Klar, ihr wart laut, aber ihr habt nichts Falsches gemacht. Ich bin heute furchtbar schlecht drauf und habe das an euch ausgelassen. Bitte verzeiht mir.“ Zuweilen meldete sich in solchen Momenten eine leise Stimme zu Wort, die flüsterte: „Versagermama! Erst baust du Mist und dann machst du dich auch noch vor deinen Kindern  zur Schnecke“, aber ich habe gelernt, dieser Stimme nicht allzu viel Gehör zu schenken, weil sie in meinen Augen schlicht Unrecht hat. 

Warum mir das mit dem Entschuldigen so wichtig ist? Nun, zum einen, weil bei uns Fehler erlaubt sein sollen. Dann auch, weil ich der Meinung bin, Kinder sollten nicht Schuld auf sich nehmen müssen, die nicht die Ihre ist. Kinder neigen ja bekanntlich dazu, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die ein anderer verbockt hat und darum finde ich es wichtig, klar und deutlich zu meinem Versagen zu stehen. (Dafür nehme ich mir auch die Freiheit heraus, klar und deutlich mit ihnen zu reden, wenn sie Mist gebaut haben, den sie mir in die Schuhe schieben wollen.) Zudem sollen sich unsere Kinder nicht rechthaberischen, unnachgiebigen Eltern ausgeliefert sehen, die nie zu ihren eigenen Fehlern stehen. Wie schmerzhaft es sein kann, wenn empfundenes Unrecht von Eltern beschönigt und gerecht geredet wird, habe ich in meiner Schwiegerfamilie mehr als genug erlebt. Schliesslich hoffte ich insgeheim natürlich auch, unseren Kindern würde ein „Tut mir leid, das habe ich verbockt“ leichter über die Lippen kommen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Es hat ein wenig gedauert, bis diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, doch neulich bekam ich doch tatsächlich das Geständnis „Das war ich, Mama. Es tut mir leid. Kann ich es wieder in Ordnung bringen?“ zu hören, als „der andere“ mal wieder sein Unwesen getrieben hatte. Karlsson ist inzwischen gar richtig gut darin, sich bei uns zu entschuldigen, wenn er  – ganz nach der Art seiner Mama – wegen einer Kleinigkeit ausgerastet ist. Dass er inzwischen auch auswärts auf die üblichen Teenager-Ausreden* verzichtet und seiner Lehrerin unumwunden gesteht, er habe bei einer grösseren Arbeit Zeit vertrödelt und sei deshalb ins Hintertreffen geraten, erfüllt mich insgeheim mit Stolz. (Na ja, ich habe ihm zwar nahegelegt, doch immerhin das Wenige, das er bereits geleistet hat, vorzuweisen, damit die Lehrerin nicht denkt, er hätte gar nichts gemacht aber Karlsson fand, das sei unehrlich.) 

Sieht also fast danach aus, als beginne mein einziger konsequent durchgezogener Erziehungsgrundsatz erste Früchte zu tragen. Allzu laut jubeln darf ich aber noch nicht, denn der härteste Brocken liegt noch vor mir. Prinzchen ist nämlich so perfektionistisch veranlagt, dass er sich selber nicht mal Rechtschreibfehler verzeiht und dies, bevor er offiziell lesen und schreiben können muss. Könnte also ein wenig dauern, bis er sich sich selber Fehler zugesteht und noch eine Weile länger, bis er auch den Mut aufbringt, dazu zu stehen. 

* Zum Beispiel: „Mir ist die blaue Tinte ausgegangen, weil mein Hamster alle Patronen angefressen hat und ich konnte keine Ersatzpatronen kaufen, weil meine Mutter zum Mittagessen so mies gekocht hat, dass ich ganz geschwächt war und keine Kraft hatte, mich aufs Velo zu schwingen.“

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