Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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Weil auch hier nicht das Paradies ist…

Weshalb wir im Sommer überhaupt in die Ferien fahren würden, wollte il Cuginos grosser Bruder von mir wissen. Bei uns sei es so traumhaft schön, da könnte man doch eigentlich immer zu Hause bleiben. Die Frage überraschte mich nicht,  befanden wir uns doch gerade bei strahlendem Sonnenschein auf einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen und bunten Frühlingsblumen. Zwitschernde Vögel, Kirchenglocken und ein vor Freude kreischendes Prinzchen sorgten für die perfekte Geräuschkulisse. Ja, bei uns ist es tatsächlich schön, dachte ich. Und für Gäste aus Süditalien, die mit Erstaunen feststellen, dass hierzulande eine öffentliche Wiese gemäht und gepflegt wird, muss das alles noch viel schöner aussehen. 

Warum also verreisen? Weil unser Leben leider nicht so beschaulich ist, wie die Kulisse, vor der es sich abspielt. Sind wir zu Hause, dann sind wir auch verfügbar. Für Besprechungen, spontane Arbeitsaufträge, Therapiegespräche, Tierarztbesuche, kaputte Haushaltgeräte, Werbeanrufe, Kinder chauffieren… Bleiben wir hier, beinhalten auch Ferientage eine gehörige Portion Alltag, was nicht nur schlecht ist, denn auch der Alltag hat einige ganz nette Dinge zu bieten. Eine spontane Kaffeerunde mit dem Nachbarn, zum Beispiel, Nachbarskinder, die bis zum Eindunkeln mit unseren Kindern herumtoben, Setzlinge auspflanzen,… So richtig zur Ruhe kommen wir aber nie, wenn wir zu Hause sind, nicht mal dann, wenn wir uns einmal zum süssen Nichtstun durchgerungen haben. Dann klingelt nämlich bestimmt das Telefon…

Darum verreisen wir, wann immer es unser Budget zulässt. Und natürlich auch, weil es nicht nur hier traumhaft schön sein kann, sondern an ganz vielen anderen Orten auf diesem Planeten ebenso. 

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Famiglia

Die italienische Seite unserer Verwandtschaft war uns lange Zeit fremd. Ein paar Missverständnisse, eine Handvoll kultureller Unterschiede und ein paar Mutter-Sohn-Schwiegertochter-Spannungen und schon fühlte man sich fremd. Je länger man sich nicht mehr sah, umso fremder fühlte man sich. Dann kam il Cugino und bald einmal merkten wir, dass wir uns näher sind als wir dachten. Nicht nur, weil er ein netter Mensch ist, der perfekt in unsere Familie passt. Auch weil er „Meinem“ ähnlicher ist, als wir erwartet hätten. 

Gut, einen grossen Unterschied gibt es zwischen den beiden. Im Gegensatz zu „Meinem“ hat il Cugino nämlich Geschwister und die sind derzeit bei uns zu Besuch. Offen gestanden hatte ich zuerst etwas Angst vor diesem Besuch. Ich meine, man hat sich Jahre lang nicht gesehen und ich war mir auch nicht so sicher, ob mein Italienisch ausreicht, um mit drei echten und einem in der Schweiz geborenen Italiener mitzuhalten. 

Wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellte, waren meine Sorgen ganz und gar unbegründet. Wo mein Italienisch nicht ausreicht, hilft man sich mit Gesten. Kommt ein schwieriges Thema zur Sprache, redet man ungewohnt offen miteinander. Entsteht ausnahmsweise mal eine Gesprächspause, sorgen die Kinder für Unterhaltung. Kurz, das Zusammensein ist ganz und gar entspannt und friedlich. Sieht ganz danach aus, als würde ich nach 22 Jahren endlich „la famiglia“ kennen lernen.

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Wenn sich ein Versicherungsvertreter ankündigt…

… dann schaffen „Meiner“ und ich es zum ersten Mal in diesen Frühlingsferien, vor den Kindern aus dem Bett zu kommen und ein paar ungestörte Minuten zum Tagesstart zu geniessen. 

…dann herrscht endlich wieder mal Ordnung im Haus, weil wir uns dazu gezwungen sehen, ein wenig aufzuräumen.

…dann diskutieren wir im Voraus darüber, ob wir glücklich sind mit unserer Krankenkasse, oder ob wir uns eine Neue aufschwatzen lassen sollen.

…dann legen wir eine Zeitlimite für das Gespräch fest, damit wir uns nicht wieder in den Beziehungsproblemen des Vertreters verheddern und ihm stundenlang zuhören müssen.

…dann wünschen wir uns, wir hätten nicht ja gesagt zu diesem Termin.

Und wenn dann der Herr Versicherungsvertreter einfach nicht erscheinen will, sitzen wir plötzlich in einer aufgeräumten Wohnung, vor uns ein nettes kleines Zeitgeschenk, das wir ganz nach unserem Belieben nutzen können. „Meiner“ hat sich dazu entschieden, das Esszimmer neu zu streichen und ich habe derweilen mit dem Umtopfen meiner unzähligen Tomatensetzlinge dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht allzu lange sauber bleibt. Manchmal ist es eben doch nicht so schlecht, einen Versicherungsvertreter einzuladen. Ich hoffe bloss, er steht dann nicht morgen oder übermorgen vor der Tür…

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Im Alter geirrt

Wenn…

  • …. im Morgengrauen ein heftiger Streit um  zwei verkohlte Toastscheiben entbrennt…
  • ….der Zoowärter aus der Haut fährt, weil das Prinzchen sich anmasst, seinen ehemaligen Lieblingspullover, aus dem er herausgewachsen ist, anzuziehen…
  • ….der Zoowärter sich auch nicht besänftigen lässt, als ich ihn darauf hinweise, dass er selber Karlssons ehemaligen Lieblingspulli trägt….
  • ….der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil ich ihm verbiete, nachmittags die Schule zu schwänzen….
  • …. Karlsson und Luise einander piesacken wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren und auch nicht damit aufhören, als ich anfange herumzubrüllen wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren….
  • …..es wieder einmal „der andere“ war, der Karlssons Süssigkeiten aus seinem Zimmer entwendet und aufgegessen hat….
  • ….Luise die Krise schiebt, weil sie die Tiere nicht nur füttern, sondern ihnen auch noch frisches Wasser hinstellen muss….
  • ….Töchterchen nach dem Abendessen auf unserem Bett einschläft….
  • ….wir wiedermal eine mit Tinte verschmierte Wand entdecken….
  • .…sie wie die Irren über die Strasse hetzen….
  • ….ich andauernd die armen Katzen vor übermütigen Kindern schützen muss….
  • ….man in jedem Zimmer angebissene Äpfel und halb volle Joghurtbecher findet….
  • ….ich das Gefühl habe, ich dürfte die Fünf keinen Moment aus den Augen lassen, weil sie sonst wieder etwas anstellen….

….dann frage ich mich, ob ich mich vielleicht im Alter unserer Kinder geirrt habe. In diesen Tagen kommt es mir so vor, als wären sie alle etwa drei Jahre alt.

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Bittersüss

Für etwas mehr Gemüsegartenfläche bin ich immer gern zu haben. Habe ja auch unzählige Keimlinge, die bald einen Platz zum Wachsen finden sollen. Die zusätzliche Fläche war diesmal schnell bereit: Holzdeckel weg, zwei morsche Bretter entfernen, sieben Sack Erde und zwei Sack Kompost – fertig war das neue Beet. Eigentlich hätte ich jubeln müssen, doch stattdessen betrachtete ich mein Tagewerk mit einem Kloss im Hals. Dort, wo bald schon Fenchel, Karotten und Schwarzwurzeln wachsen werden, buken unsere Kinder Sommer für Sommer ihre Sandkuchen. Eine Zeit lang waren es ganz viele Sandkuchen, dann wurden es weniger, bis die Produktion letzten Sommer fast ganz eingestellt wurde. Zeit also, den Sandkasten anderweitig zu nutzen.

Wehmütig betrachtete ich die wenigen Förmchen, die noch zurückgeblieben waren. Ich dachte zurück an jenen Frühlingsnachmittag, an dem Karlsson und seine um zwei Jahre ältere Cousine mit einer Schaufel eine riesige Hausspinne totschlugen und sich dann einen Saison lang nur in den Sandkasten trauten, wenn ich ihn vorher auf Spinnen abgesucht hatte. Ich erinnerte mich an die Flusslandschaften, die der FeuerwehrRitterRömerPirat jeweils mit grosser Ausdauer erschuf. Ich versuchte nachzurechnen, wie viele Kinder in diesem kleinen Quadrat glückliche Stunden verbracht hatten. Ja, ich freue mich über mein neues Gartenbeet, aber es schmerzt mich, das Kapitel „Sandkasten“ abzuschliessen.

Als ich den schweren Deckel des Sandkastens wegtrug, traf ich meine Mutter, die dabei war, den Gartenweg zu kehren. Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie sie in dem Rund, in dem wir als Kinder unzählige glückliche Sand-Stunden verbracht hatten, Fetthennen anpflanzte, nachdem wir dem Sandkasten entwachsen waren. Gut fünfzehn Jahre später legte sie in ihrem neuen Zuhause, das heute auch unser Zuhause ist, einen Sandkasten für ihre zahlreichen Enkel an. Auch eine Schaukel bekamen die Enkel und eine Rutschbahn, ja, sogar ein liebevoll eingerichtetes Spielzimmer, das mit allem ausgestattet ist, was Kinderherzen höher schlagen lässt.

Der Anblick meiner Mutter tröstete mich über den Abschiedsschmerz hinweg. Irgendwann – so hoffe ich – wird es bei uns wieder einen Sandkasten geben, vielleicht auch eine Schaukel, eine Rutschbahn und ein Spielzimmer. Darüber freue ich mich.

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Donnerstag, 27.3.2014

  • Fünfmal Schulbesuch inklusive Kürzest-Elterngespräche und Small-Talk mit einer Person, mit der ich lieber nicht smalltalken möchte. (Ja, ich weiss, ich hätte eigentlich nicht in den Kindergarten gehen dürfen. Aber wie um alles in der Welt hätte ich dem Prinzchen erklären sollen, dass ich zu allen gehe, nur nicht zu ihm?)
  • Dreimal Migros (Zuerst Mittagessen, dann Schokolade für meine Schwester, später noch Grosseinkauf)
  • Einmal private Kirchturmführung weil eine Bekannte sich spontan bereit erklärte, il Cugino das Bijou unseres Dorfes zu zeigen. Il Cugino kam mit glänzenden Augen vom Turm runter und war einmal mehr überzeugt, dass es der richtige Entscheid gewesen war, hierher zu kommen.
  • Einmal Besuch bei meiner Schwester. Vor der Rückfahrt noch kurz Wasserpflanzen pflücken, weil unser Teich gerade welche braucht und meine Schwester zu viele hat. 
  • Wasserpflanzen anpflanzen. 
  • Zweimal Tiere gefüttert.
  • Einmal gekocht.
  • Menüplan für die kommende Woche zusammengestellt. (Nein, es gibt nicht jeden Tag das Gleiche…)
  • Grosseinkauf hochgeschleppt.
  • Mit Kater Leone geschäkert.
  • Mit zitternden Knien dabei zugesehen, wie der Backofen ein paar Funken sprühte, zu rauchen begann und dann den Geist vollends aufgab.
  •  Sehr viele (zu viele?) Rechnungen bezahlt.
  • Frühlingsblumen bewundert.
  • Mit Kindern, „Meinem“, il Cugino und einigen Müttern gequatscht (und ein wenig gemotzt).
  • …und dann sonst noch ein paar Kleinigkeiten…

Kann mir bitte jemand erklären, wie es mir gelungen ist, alle diese Dinge in einen einzigen, kleinkarierten Donnerstag zu quetschen?

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Nur kurz mal plaudern…

„Meiner“, leise, damit es die Kinder nicht hören: „Komm, wir gehen mal fünf Minuten hinters Haus und unterhalten uns über den Tag.“

Ich: „Okay, muss nur noch schnell…“

Zoowärter: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat….“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Das stimmt überhaupt nicht. Der Zoowärter und das Prinzchen haben…“

Ich: „So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Das könnt ihr selber regeln.“

„Meiner und ich gehen um die Hausecke und setzen uns an den Gartentisch.

„Meiner“: „Heute Nachmittag habe ich…“

Luise und Karlsson kommen angerannt. 

Luise: „Papa, kannst du mal schnell…?“

„Meiner“: „Mama und ich möchten uns kurz unterhalten….“

Luise: „Ja, aber kannst du trotzdem mal schnell…?“

Ich: „Luise, hast du nicht gehört? Papa und ich möchten uns kurz unterhalten.“

Karlsson: „Dann dürfen wir uns also nicht zu euch setzen?“

„Meiner“: „Doch, schon. Aber Mama und ich möchten uns unterhalten. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule…“

Luise: „Aber nachher kommst du sofort, Papa.“

„Meiner“: „Ja, nachher. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese…“

Ich: „Moment schnell, die Kleinen sind mir eindeutig zu wild. Ich muss denen sagen, dass das nicht geht.“

„Meiner“: „Okay, ich erzähl’s dir also nachher….“

Luise: „Papa, jetzt könntest du doch schnell….“

„Meiner“: „Nein, zuerst will ich der Mama erzählen, dass ich heute in der Schule…“

Luise macht sich entnervt aus dem Staub, Karlsson folgt ihr, endlich sind wir alleine.

„Meiner“: „Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese Sache vorbereitet. Weisst du, das Projekt…“

Luise kommt zurück, das Telefon in der Hand: „Papa, da will dich jemand sprechen…“

Na ja, vielleicht finden „Meiner“ und ich morgen eine Gelegenheit, uns gegenseitig die Belanglosigkeiten des heutigen Tages zu erzählen. 

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Ein- oder ausgeladen?

Auf dem Papier ist es unmissverständlich: Am Donnerstag, 27. und Freitag, 28. März sind die „Tage der offenen Volksschule“. Das Bildungsdepartement, der Verband der Schulleiter, der Lehrerverband und der Verband Solothurner Einwohnergemeinde – sie alle wünschen, dass wir kommen und sehen, wie die Schule heute ist. „Wir freuen uns auf Sie, denn Sie sind unsere wichtigsten Partnerinnen und Partner im Zusammenhang mit unserem Bildungsauftrag“, steht auf der Einladung, die mir das Prinzchen überreicht, als er vom Kindergarten nach Hause kommt.

Ich lese und fange an, mir Gedanken zu machen, wie ich es diesmal schaffen soll, mich fünfzuteilen, um jedem Kind die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Und dies nur am Donnerstag, denn am Freitag habe ich einen Termin, den ich nicht schon wieder absagen kann.“Am Morgen muss ich Karlsson, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter schaffen, denn die haben am Nachmittag frei. Luise und das Prinzchen kann ich auf nach dem Mittagessen verschieben“, überlege ich noch, als ich den grünen Zettel bemerke, den die Kindergärtnerinnen dem Einladungsbrief beigelegt haben.

Wir Eltern sollten doch bitte nicht an diesen zwei Tagen in den Kindergarten kommen, steht da. Wir könnten ja jederzeit zu Besuch kommen und da wäre es ungünstig, wenn alle gleichzeitig in den nicht allzu grossen Räumen herumstünden. „Mir soll’s recht sein“, sage ich, fühle mich aber trotzdem leicht düpiert, weil man mich, kaum eingeladen, gleich wieder ausgeladen hat. „Hoffentlich ist das Prinzchen nicht traurig, wenn ich zu allen gehe ausser zu ihm“, denke ich, als Luise nach Hause kommt. Sie würden am 28. mit der Klasse einen Ausflug machen. „Einen Ausflug? Am 28.? Bist du dir ganz sicher? Dann ist doch Besuchstag“, frage ich und Luise lässt sich von mir verunsichern. Vielleicht habe sie tatsächlich nicht so recht aufgepasst, meint sie. Doch zwei Tage später ist sie sich ganz sicher: Sie gehen am Freitag., mit dem Velo und zwar dann, wenn eigentlich Werken auf dem Stundenplan stünde. Also schon wieder eine Art Ausladung, wenn auch keine, die mich betrifft. Am Freitag kann ich ja bekanntlich nicht…

Drei Stunden später erfahre ich, dass ich am Donnerstag noch weniger muss, als ich erwartet hätte. Bei Karlsson stehen die Schulhaustüren nämlich schon am Mittwoch – dafür aber nicht am Freitag, was mir immer noch egal sein kann – offen. Ich kann ihn also bereits am 25. abhaken, allerdings in Begleitung des Prinzchens, der mittwochs zu Hause ist. Karlsson möchte aber gar nicht unbedingt abgehakt werden. Wenn es nach ihm ginge, dürfte ich getrost zu Hause bleiben, lässt er mich wissen. Also noch einmal eine Ausladung. Eine, die ich auf gar keinen Fall akzeptieren werde. Der Junge glaubt doch nicht im Ernst, ich würde ihm die Peinlichkeit ersparen, dass seine zerzauste Mama mit dem Jüngsten im Schlepptau sieben Minuten nach Unterrichtsbeginn ins Zimmer platzt? Ich lasse mir doch von einem Halbwüchsigen nicht vorschreiben, wie peinlich ich sein darf. 

Mein derzeitiger Plan für die anstehenden Besuchstage sieht also jetzt folgendermassen aus:

Mittwoch um sieben nach neun bei Karlsson in die Mathematikstunde platzen, ihm beim Zimmerwechsel ein paar dumme Fragen stellen, eine halbe Stunde im Französisch sitzen und dann mitten drin mit Getöse abrauschen, weil ich Mittagessen kochen muss. Am Donnerstagvormittag werde ich so pünktlich wie nur immer möglich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten auf der Matte stehen, damit seine Lehrerin sieht, dass er das mit dem Zuspätkommen nicht von mir hat. Danach werde ich dem Zoowärter beim Schulbankträumen zuschauen und wieder mittendrin abrauschen, weil das Mittagessen… ach, ich wiederhole mich. Am Donnerstagnachmittag schliesslich werde ich bei Luise überprüfen, ob der Frühenglisch-Unterricht mehr taugt als der Frühfranzösisch-Unterricht, den sie letztes Jahr hatte.

Dann werde ich mir vornehmen, bald einmal das Prinzchen im Kindergarten zu besuchen, doch das werde ich immer wieder vergessen und wenn ich endlich daran denke, werden sie im Kindergarten Muttertagsgeschenke basteln, weshalb mein Besuch wieder nicht erwünscht sein wird und dann wird das Schuljahr um sein und im kommenden Schuljahr werde ich mir wieder vornehmen, endlich diesen Besuch zu machen, aber es werden mir wieder zig Dinge dazwischen kommen und weil ich am Besuchstag nicht willkommen sein werde, werde ich es noch weiter aufschieben müssen und dann werden schon wieder die Muttertagsgeschenke dran sein und dann wird das Prinzchen in die Schule kommen und mir vorwerfen, ich sei nicht ein einziges Mal zu einem richtigen Besuch in den Kindergarten gekommen.

Und wer ist Schuld daran? Ich ganz alleine, weil ich so blöd bin, mich ausladen zu lassen, wo ich mir doch so schön zurechtgelegt habe, wie ich jedem meiner Kinder am „Tag der offenen Volksschule“ einen Besuch abstatten werde. Und wo ich doch diese hoch offizielle Einladung vom Bildungsdepartement, dem Schulleiterverband, dem… ach was, ihr wisst schon. Und falls ihr nicht mehr wisst, müsst ihr eben oben noch einmal nachlesen. 

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Was mich ermüdet

Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen, was mir grundsätzlich sehr gut gefiel. Einzig die fehlende Privatsphäre fiel mir auf die Nerven. Ein Badezimmer für neun Personen, mehr brauche ich dazu ja wohl nicht sagen. Meine Mittelgrossfamilie – so richtig gross ist sie in meinen Augen nicht – sollte es einmal besser haben, das schwor ich mir. Darum wohnen wir heute ziemlich weitläufig – zu weitläufig in den Augen einer Bekannten, die schon angedeutet hat, sie würde gerne mit ihren zwei Kindern bei uns einziehen, wir hätten ja viel zu viel Platz. Weil ich jedoch sehr viel Wert darauf lege, dass jeder seinen Raum für sich hat, habe ich ihr gesagt, wir hätten nicht genügend freie Zimmer. Ihr seht also, ich gehe so weit, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, um die Privatsphäre jedes einzelnen Familienmitglieds – auch meine eigene – zu garantieren. 

Und was machen die lieben Familienmitglieder mit dieser hart erkämpften Privatsphäre? Halten sie sie heilig und erbieten ihr die Ehre? Von wegen! Sie treten sie mit Füssen. Sie dringen in Zimmer ein, deren Türen ganz offensichtlich geschlossen sind und ich muss dann wieder den Streit schlichten. Sie vergreifen sich an fremden Musikinstrumenten, obschon sie schon hundertmal gehört haben, dass sich das nicht gehört. Sie toben sich heimlich in meiner Küche aus, obschon ich diese offiziell zu meinem Territorium erklärt habe. Das Putzen bleibt natürlich an mir hängen; ist ja meine Küche, nicht ihre. Sie durchwühlen Schubladen, die sie ganz eindeutig nicht durchwühlen dürften und stellen nachher indiskrete Fragen, die nicht mal ich, die ich doch eigentlich ziemlich offen bin, beantworten möchte. Sie vergreifen sich am Inhalt des väterlichen Kleiderschranks und empören sich, wenn der Herr Papa verlangt, dass die Kleider zurück an ihren angestammten Ort wandern. Sie stören unzählige Male den elterlichen Mittagsschlaf, obschon der Zeitrahmen klar abgesteckt und die Zimmertür geschlossen ist. Sie poltern unablässig an die verschlossene WC-Tür, auch wenn man schon zehnmal gebrüllt hat, man sei gleich soweit, sie sollten sich noch ein wenig gedulden, oder eines der anderen WCs aufsuchen, weil wir ja nicht bloss eines hätten. 

Als sie noch klein waren, konnte ich mit diesen ewigen Grenzüberschreitungen ziemlich gut leben. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Jetzt aber wären sie eigentlich gross genug, um den Unterschied zwischen mein und dein nicht bloss zu erkennen, sondern auch zu respektieren. Aber sie tun es nicht und darum predigen „Meiner“ und ich unablässig die gleiche Predigt: Anklopfen. Ein Nein respektieren. Die Finger von fremden Angelegenheiten halten. Fragen, bevor man sich im Zimmer eines anderen breit macht. Nicht einfach nehmen, was einem nicht gehört. Die anderen so behandeln, wie man selber auch behandelt werden möchte… Wir reden, sie tun so, als hätten sie verstanden – und überschreiten drei Minuten später die nächste Grenze.

Ach, wenn sie doch nur endlich begreifen würden, wie viel netter und geduldiger ihre Mama wäre, wenn sie endlich damit aufhörten, der armen Privatsphäre so viel Gewalt anzutun. 

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