Zweisam

Man kann es in jedem Babyratgeber nachlesen: Kommt Nachwuchs, wird es schwieriger, Zeit zu zweit zu finden. Wer aber sagt dir, dass es später, wenn die Kinder grösser sind, eher noch etwas schwieriger wird? Hier ein paar Erschwernisse, vor denen kaum einer warnt und die der Beziehung ganz schön zusetzen können:

Hausaufgaben: In der Theorie werden sie erledigt, kaum hat das Kind einen Zvieri im Bauch. In der Praxis sitzt das Kind an gewissen Tagen durchaus bis neun Uhr abends hinter den Büchern – mal, weil auf dem Tagesprogramm noch andere Dinge standen, mal weil der Lehrer einen ganzen Berg Hausaufgaben aufgegeben hat, mal weil das Kind die Sache zu lange vor sich hergeschoben hat. Und nun versuch mal, Feierabend zu machen, solange nicht die allerletzte Aufgabe gelöst ist…

Sorgen: Grosse Kinder verdrängen ihre Alltagssorgen oft erfolgreich, solange der Tag noch in vollem Gang ist. Abends aber, wenn es ruhiger wird, sind die Sorgen wieder präsent und dann muss geredet werden. Weil du so dankbar bist, dass dein Teenager mit dir reden will, wirst du ihm das Gespräch ganz bestimmt nicht verweigern.

Müdigkeit: Du glaubst doch nicht etwa, nach der Babyphase lasse sich das wieder ins Lot bringen? Klar, irgendwann werden die durchwachten Nächte weniger und die körperliche Anstrengung lässt nach. Die Verantwortung für die Kinder aber bleibt, lastet vielleicht sogar schwerer als früher auf deinen Schultern, der Job fordert dich voll und ganz, früher oder später lässt die Gesundheit von Eltern und Schwiegereltern nach und du wirst voll gefordert. Weil du dich mit der Geburt deiner Kinder daran gewöhnt hast, deine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, wirst du damit vermutlich nicht ausgerechnet in dieser Phase aufhören. Weil du aber in der Zwischenzeit nicht jünger geworden bist, zehrt das Ganze an deinen Kräften und so geschieht es schnell, dass man den Abend dösend vor dem Fernseher verbringt, anstatt in trauter Zweisamkeit.

Babysitter: Gar nicht so einfach, für grössere Kinder einen Babysitter zu finden und zwar darum, weil die Kinder partout nicht einsehen wollen, weshalb ihr ihnen noch keinen sturmfreien Abend gönnen wollt.

Volles Programm: Früher warst vielleicht du der Chef, aber heute bestimmen Sportvereine, Jugendgruppen, Freunde und Freizeitveranstaltungen das Programm. So kommt es, dass du am Samstagabend um halb elf den Chauffeur machst, anstatt mit „Deinem“ bei Kerzenschein und einer guten Tasse Tee den Abend zu geniessen.

Will ich damit sagen, das Familienleben sei der Tod der Beziehung? Nein,auf gar keinen Fall, ich bin da ganz optimistisch. Aber es bleibt wohl eine Herausforderung, Zeiten zu finden, in denen man nur füreinander da ist. Vielleicht muss man in der Gestaltung noch ein wenig kreativer werden als man es als Eltern ohnehin schon sein muss, weil der Abend nicht mehr automatisch der Partnerschaft gehört. Dafür vielleicht der Samstagnachmittag, eine Mittagspause oder sonst ein Tag, an dem ausnahmsweise mal alle gleichzeitig Programm haben.

Na ja, dann sollte man natürlich noch schlau genug sein, diese neuen Gelegenheiten zu erkennen, aber da haben zumindest „Meiner“ und ich noch einiges zu lernen.

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Dienstagsblues

Einmal Milchpfütze aufgewischt, zwei warme Mahlzeiten zubereitet, einmal beim Kinderarzt, sechsmal Tisch abgeräumt, viermal Tisch abgewischt, dreimal Katzenfutter serviert, einmal Ostergeschenk kindersicher versteckt, zweimal bei den Hausaufgaben geholfen, zweimal den Geschirrspüler ausgeräumt, einmal Wäsche aufgehängt, einmal Milch vor dem Sauerwerden gerettet, dreimal Zvieri serviert, einmal vergeblich zum Hausarzt gefahren, dreimal den Fussboden gefegt, fünfmal die gleiche Pfanne abgewaschen und wieder benützt, einmal über die „neue“ Rechtschreibung gewettert, unzählige Male ermutigt, sehr viele Male „Etwas leiser, wenn ich bitten darf!“ gebrüllt, einmal umgekipptes Frühbeet aufgestellt, dreimal das Telefon nicht gehört, dafür rangegangen, als jemand die falsche Nummer gewählt hatte, sehr lange über eine belastende Situation in der Verwandtschaft geredet, einmal Gartenbücher bestellt, einmal einen Sarkophag modelliert, einmal einfach so ein Frühlingslied gesungen und mich damit zum Gespött der Kinder gemacht, einmal mit Luise über ihre Geburtstagswünsche diskutiert, einmal Zeitung durchgeblättert, einmal eingekauft, wenn auch nur kurz, dreimal gesagt: „Lass die Skibrille in Ruhe, die ist nur ausgeliehen und darf nicht kaputtgehen.“, einmal eine alte Bekannte getroffen, mehrere Male in unterschiedlichen Situationen Trost gespendet, fünfmal Streithähne getrennt, einmal spontanen Besuch empfangen, dreimal das Gröbste aufgeräumt, zwei neue Rezepte ausprobiert, eine Zitrone und eine Orange ausgepresst, einmal Grünabfälle entsorgt, einmal geschlafen, zweimal Tee aufgegossen und genossen, dreimal einen Schokoladendieb auf frischer Tat ertappt, ein paarmal laut gelacht und einmal beinahe geheult, immer mal wieder einen Tagtraum angefangen und wieder zur Seite geschoben, etc.

Nein, eintönig war mein Tag nicht, langweilig aber schon.

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Nie, ausser montags

Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.

Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.

Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. „Das ist es“, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.

Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. „Ich will nicht in die Krippe!“, brüllte er, „Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!“ Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.

Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.

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Logorrhoe

„Nun sagt schon hallo“, musste ich die drei Grossen jeweils ermahnen. „Die Leute machen euch nichts, ihr dürft ihnen getrost ins Gesicht schauen, wenn ihr sie grüsst. Ihr könnt ihnen auch mal was erzählen, die glauben sonst noch, ihr wäret stumm. Keine Angst, ihr dürft zeigen, was ihr draufhabt. Nun kommt schon, ich muss doch nicht immer für euch antworten. Wenn wir alleine sind, seid ihr doch auch nicht so schüchtern…“ So ging das Jahr um Jahr um Jahr, beim Elterngespräch hiess es regelmässig, es wäre nett, etwas mehr von den Kindern zu hören und noch heute kommt es immer mal wieder vor, dass Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat erst dann auftauen, wenn die Gäste zum Aufbruch bereit sind.

Auf das, was nun der Zoowärter und das Prinzchen bieten, war ich absolut nicht vorbereitet. Untersuchungen bei der Kinderärztin dauern dreimal so lange wie früher, weil die zwei alles erzählen müssen, was seit dem letzten Arztbesuch alles passiert ist. Fragen wollen sie selbstverständlich selber beantworten und so bestrafen sie mich immer mal wieder mit bösen Blicken, weil ich aus lauter Gewohnheit für die Kinder geantwortet habe. Neulich musste die Ärztin dem Zoowärter gar ins Wort fallen, damit sie mir endlich sagen konnte, was ich unbedingt noch wissen musste.

Vorbei sind auch die Zeiten, als erwachsene Gäste meine Gäste waren. Während Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich noch immer ziemlich unhöflich zurückhalten, bedenken Zoowärter und Prinzchen die Leute mit einem nicht enden wollenden Redeschwall. Alles, was nur halbwegs neu ist, muss gezeigt werden, jeder Film, der in den vergangenen sechs Monaten über den Bildschirm geflimmert ist, muss zusammengefasst und rezensiert werden und dann hat man ja auch noch ein paar Familienmitglieder, die man so schön durch den Kakao ziehen kann. Nett, wie unsere Gäste nun mal sind – etwas anderes kommt uns nicht ins Haus -, hören sie geduldig zu, fragen nach und lachen mit.

Ich bin natürlich stolz, dass es kleine Vendittis auch in einer weniger schüchternen Version gibt. Trotzdem suche ich inzwischen nach dem Pausenknopf, mit dem man den Zoowärter und das Prinzchen gelegentlich für fünf oder zehn Minuten zum Schweigen bringen kann, denn im Gegensatz zu unseren grösseren Kindern bin ich grundsätzlich gesprächsbereit. Vor allem dann, wenn ich Gäste eingeladen habe. 

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Umsorgt

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“

Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren,  beim Gang ins Dorf  neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann. 

Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.

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Copyright-Streit

Nicht nur unsere Kinder lernen von uns, auch wir lernen von ihnen. Die Bedeutung des Copyrights im Familienalltag hätten wir ohne sie wohl nie erkannt. Kommt einem ein unschuldiges „Au au“ über die Lippen, zetert der FeuerwehrRitterRömerPirat sofort los: „Das darfst du nicht sagen, das habe ich erfunden. ‚Au au‘ gehört mir und sonst niemandem!“. Und er hat damit ja in gewisser Hinsicht Recht, denn er war der einzige unserer Kinder, der als Kleinstkind jeweils „Au au!“ schrie, wenn er bekommen wollte, was die anderen bereits hatten. Singt jemand ohne Hintergedanken „So so so, zwei Chämi uf em Brot…“ steht sofort Karlsson da und fordert seine Tantiemen. Auch er zu Recht, haben doch er und sein bester Freund das Lied im zarten Alter von viereinhalb Jahren zur Melodie von „Summ summ summ, Bienchen summ herum“ getextet. Und äussert einer den sehnsüchtigen Wunsch, einmal eine echte, flauschige Wolke sein Eigen zu nennen, macht ihn der Zoowärter darauf aufmerksam, dass dieser Traum auf seinem Mist gewachsen ist, als er einmal abends brüllend im Bettchen stand und schrie, er wolle eine Wolke haben.

Im Laufe der Jahre sind „Meiner“ und ich zu regelrechten Experten in Sachen innerfamiliäres Copyright geworden und ich weise nicht ohne Stolz darauf hin, dass ich in diesem Bereich dank meines guten Gedächtnisses für frühkindliche Episoden klar die Führungsposition inne habe. Bis jetzt habe ich meine überragenden Fähigkeiten in Sachen Copyrightschutz aber nur angewendet, wenn der Streit ums Urheberrecht den Familienfrieden zu gefährden drohte. Nun aber hoffe ich, meine Überlegenheit für einmal zu meinem eigenen Vorteil einsetzen zu können. 

Es ist nämlich so: Gestern drehte ich beim Putzen den Küchentisch um 90 Grad und weil ich nach dieser Aktion von einer Schlafattacke übermannt wurde, blieb das Möbelstück so stehen, wie ich es gedreht hatte. „Meiner“ nützte meinen komatösen Zustand auf schamlose Weise aus, indem er das von mir begonnene Werk perfektionierte, was allerdings keines grossen Könnens bedurfte, hatte ich mit meiner raffinierten Tischdrehung doch bereits den Grundstein für eine vollkommen neue Küchenordnung gelegt. „Sieht gut aus, findest du nicht auch?“, bemerkte ich, als ich endlich wieder wach genug war, um mein Umfeld klar zu erkennen. „Da staunst du, wie ich das hingekriegt habe, wo doch gewöhnlich du fürs Möbelrücken zuständig bist“, fügte ich noch hinzu. „Aber das hab ich doch gemacht“, gab „Meiner“ leicht verwundert zurück. „Hast du nicht, das war meine Idee“, beharrte ich worauf er behauptete, er hätte den Tisch noch ganz gerade gerückt und die Hocker neu geordnet. Und deswegen glaubt er jetzt natürlich, jegliches Lob, das wir fürs Umstellen bekommen, könne er auf seinem Konto verbuchen, was natürlich gar nicht geht, wo ich doch die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, dass die Küche mit gedrehtem Tisch viel besser aussieht.

Ich glaube, ich muss mal die Kinder fragen, wie sie ihren Forderungen jeweils Nachdruck verleihen. Im Schlichten bin ich nämlich eindeutig erfahrener als im Beharren auf meinem Urheberrecht.

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Hättet ihr doch auf mich gehört…

Wenn inzwischen schon das Prinzchen auf den Winter schimpft und dann sogar noch krank wird, ausgerechnet er, der sonst jedem Käfer standhaft widersteht…

Wenn „Meiner“ und ich uns samstags zuerst einmal einen heftigen Streit liefern und dann auch noch den ganzen nahezu kinderfreien Nachmittag verschlafen…

Wenn Luises zweites Winterstiefel-Paar nichts mehr taugt…

Wenn ich den Drang verspüre, die Früchte- und Gemüseauslage in der Migros zu räumen wie einst Jesus den Tempel, weil sie schon wieder Erdbeeren und Spargel als saisongerecht verkaufen…

Wenn Karlsson schon wieder krank ist…

Wenn „Meiner“ den ganzen Abend in einem unbeschreiblich hässlichen Anzug und mit bemaltem Gesicht durch die Wohnung geistert und alle in den Wahnsinn treibt…

Wenn sogar ich mich nicht mehr durch den Anblick fallender Schneeflocken verzaubern lasse…

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat droht, seinen Cola-Menthos-Versuch im Wohnzimmer durchzuführen, weil es draussen einfach zu kalt ist dazu…

Wenn die Hände trotz ewigen Einschmierens so trocken sind, dass das Stricken allmählich schwierig wird…

Wenn der Holundersirup-Vorrat zur Neige geht, das mehrstimmige Hustenkonzert aber andauert…

Wenn der Zoowärter zum Einschlafen meine gesamtes Frühlingslieder-Repertoire hören will…

Wenn ich in Versuchung gerate, Salatsamen zu säen, einfach nur zum Trotz, weil ich jetzt dann keinen Chinakohl mehr sehen, geschweige denn essen mag…

… dann ist klar, dass es jetzt reicht mit Winter und darum kann ich meiner Familie nur sagen: Hättet ihr doch auf mich gehört, dann würden wir jetzt erst allmählich aus dem Winterschlaf erwachen und die Höhle dann verlassen, wenn der ganze Mist durchgestanden ist.

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Morgenstimmung

So sehr ich es auch immer wieder versuche, der frühe Morgen wird dennoch nie meine Lieblingszeit. Nun gut, es lohnte sich, es mit sanftem Erwachen zu Geigenklängen zu versuchen. Dazu den Duft von frisch geröstetem Toast und eine dampfende Tasse Tee. Alles, was es dann noch brauchte, wäre eine druckfrische Zeitung voller interessanter Artikel und ich bin fast sicher, dass ich so gegen neun frisch und gut gelaunt aus dem Bett hüpfen würde. Solange daraus nichts wird, werde ich wohl weiterhin mit Überlebensstrategien auskommen müssen. Zum Beispiel…

… Mir Mitten im Anziehstress eine ganze Kanne Earl Grey für mich alleine erschleichen
Nichts leichter als das: „Kinder, wer möchte eine Tasse Tee?“ in die Runde fragen, Earl Grey aufbrühen, nur ganz leicht süssen, servieren und dann nur noch den ersten Schluck abwarten. Spätestens nach dem dritten „Ih, Mama, der Tee ist ja überhaupt nicht süss“ gehört die ganze Kanne mir und weil der Inhalt bereits auf Tassen verteilt ist, hat der Tee genau die richtige Trinktemperatur.

… Für Ruhe sorgen ohne herumzubrüllen
Auch das wäre nicht schwierig, nur denke ich zu selten daran und brülle darum doch immer wieder herum. Dabei wäre es der einfachste Trick überhaupt: iPad an, Lautstärke regeln und dann den Zauber des guten alten Johann Sebastian wirken lassen. Fragt mich nicht, wie der das macht, aber der vermag sogar die Verächter barocker Musik innert Augenblicken zu beruhigen.

… Gehirn-Blogging
Egal, ob das Prinzchen den Kakao verschüttet, Luise wegen eines Flecks auf dem Lieblingspulli beinahe den Verstand verliert oder „Meiner“ mich frühmorgens damit überrascht, dass er früher zur Arbeit geht und ich darum alleine für fünf – momentan gar sechs – widerwillige Frühaufsteher sorgen muss. Wenn ich das ganze Zeug im Kopf verblogge, lässt sich noch die misslichste Morgenstimmung irgendwie ertragen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie inspirierend das Morgenchaos ist. Wie, ihr wollt wissen, weshalb mein Blog nicht überquillt vor lauter Morgenkatastrophen? Nun ja, die Sätze verflüchtigen sich jeweils wieder, wenn sich das nächste Desaster anbahnt.

…Flucht nach oben
Das Dümmste wäre, wenn ich alle frischen Unterhosen, Socken und T-Shirts gleichzeitig oben vom Wäscheständer holte, anstatt alle paar Minuten die Gelegenheit zur Flucht nach oben ergriffe. Immer wieder fehlt einem Kind irgend etwas. Natürlich wäre es pädagogisch sinnvoller, die Kinder selber nach oben zu schicken, aber nirgendwo lassen sich tiefe Seufzer, Schimpftiraden und Stossgebete so gut loswerden wie auf den vielen Treppenstufen, die zum Wäscheständer führen.

… Mich taub stellen
Diese äusserst asoziale Strategie kommt nur in Notfällen und leider auch nur an Tagen, an denen „Meiner“ die Frühsicht voll übernehmen kann zur Anwendung. Dafür ist sie am einfachsten durchzuführen: Decke über den Kopf, so tun, als ginge mich das ganze Geschrei nichts an und dann so schnell als möglich wieder einschlafen, damit ich nicht lügen muss, wenn ich später schlaftrunken aus dem Bett wanke und frage: „Wie, schon so spät? Wo sind denn alle?“

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So liegen die Dinge

Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.

Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.

Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.

In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.

Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.

Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.

Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen. 

Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.

Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.

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Pause! Ruhe! Jeder für sich!

Es mag vorkommen, dass jemand an unserem Haus vorbeigeht und lautes, mehrstimmiges Geheule hört. Wenn der Passant so tickt, wie die meisten Erwachsenen hierzulande, wird er denken, dass hier wohl ganz grausame, ungerechte Eltern wohnen, die ihre Kinder hungern lassen und ihnen die Ohren lang ziehen. Dies zumindest stelle ich mir vor, wenn mal wieder alle zusammen wehklagen, als hätte man sie geschlagen und ihnen für die kommenden zwei Jahre sowohl Taschengeld als auch Dessert gestrichen. 

Ich möchte ja nicht behaupten, „Meiner“ und ich seien unfehlbar; selbstverständlich gibt es hin und wieder mal Tränen, weil wir eine Situation falsch eingeschätzt und darum den Falschen zurechtgewiesen haben. Manchmal sind wir auch schlecht gelaunt und werden deshalb schneller laut, als eigentlich angebracht wäre. In den meisten Fällen aber, wenn mal wieder das mehrstimmige Geheule einsetzt, haben die Kinder einfach zu viele Stoppsignale übersehen. 

Ein Beispiel gefällig? Da verkünden „Meiner“ und ich nach dem Mittagessen für alle vernehmlich, wir würden einen Mittagsschlaf halten und wollten nicht gestört werden. Eine halbe Stunde, mehr nicht und für jene, die noch nicht wissen, was eine halbe Stunde ist, stellen wir den Wecker. Die Kinder sollen derweilen auch eine Pause machen und zwar jeder für sich. Eine eindeutige Ansage, nicht wahr?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sie offenbar trotzdem nicht verstanden, denn kaum haben wir uns hingelegt, steht er mit der Trompete im Schlafzimmer. Freundlich, aber bestimmt machen wir klar, dass wir jetzt kein Ständchen wünschen. Fünf Minuten später ist er wieder da, diesmal mit einem Asterix-Band, in dem er einen besonders amüsanten Witz entdeckt hat. Nur noch halb so freundlich, dafür umso bestimmter erinnern wir ihn an unsere Pause. Augenblicke später heult im Wohnzimmer einer, bald rennen der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter aufgebracht im Zimmer. Der eine will Knete haben, der andere rückt sie nicht heraus und wir sollen schlichten. Wir wollen aber nicht schlichten, weil die zwei den Auftrag bekommen hatten, getrennt Pause zu machen. Also noch einmal die klare Ansage: Pause! Ruhe! Jeder für sich! 

Kaum haben die Streithähne das Zimmer verlassen, erscheint Luise. Sie will nur mal kurz Bescheid geben, dass ihre Wachteln – Überlebende eines Marderangriffes, denen ich in meinem Büro Asyl gewährt habe – wohlauf sind. „Meiner“ gibt im Gegenzug Bescheid, dass wir nicht wohlauf sind, weil die vereinbarte Pausenzeit bald um ist und wir noch kein Auge zugetan haben. Eingeschnappt zieht Luise sich zurück, macht Platz für den Zoowärter, der bestätigt haben will, dass sein Pinguin, den er geknetet hat, unversehrt bleiben darf, auch wenn wir gesagt haben, er müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas von der Knete abgeben. Wir knurren unser Einverständnis. Jetzt bloss nicht explodieren… Bloss wie, wenn jetzt das Prinzchen heulend angerannt kommt, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gepiesackt haben? Wie soll man ein Donnerwetter zurückhalten, wenn eine klar gezogene Grenze innerhalb von weniger als dreissig Minuten mehrmals überschritten wird?

Tja, und dann heulen sie eben mehrstimmig und wir, die wir eigentlich eingeschnappt sein müssten, sind mal wieder die Bösen. Und keiner, der an unserem Haus vorbeigeht und das Heulen hört, denkt sich, wie unfair diese Kinder doch zu ihren Eltern sein können…

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