Was soll der Kleine bloss denken von uns?

Nach einer Woche, in der ich gut das Doppelte meiner vorgesehenen ausserhäuslichen Arbeitszeit geleistet habe, sieht unser Haushalt entsprechend aus. „Meiner“ hat sich zwar dem Chaos mutig entgegengestemmt, aber alleine hatte er keine Chance, dagegen anzukommen. Zumal Luises Wachteln am Dienstag vom Balkon in den Garten umgezogen sind, was in der ganzen Wohnung Spuren von Hanfstreu und Wachtelfutter hinterlassen hat, die dem Besen hartnäckig trotzen. Dass das Prinzchen gestern Abend aus einer Familienpackung WC-Papier ein Gefängnis aufgebaut hat, welches der Zoowärter wenig später respektlos dem Erdboden gleich machte, verpasste dem ohnehin schon überbordenden Chaos den letzten Schliff.

Eigentlich habe ich mich ja inzwischen damit abgefunden, dass man unserem Haushalt die fünf Kinder, die zwei Jobs, die Haustiere und die leidenschaftslose Hausfrau ansieht, doch auch für mich gibt es eine Schmerzgrenze. Dass diese erreicht ist, erkenne ich jeweils an meinen Schamgefühlen, wenn eines unserer Kinder morgens von einem Schulkameraden abgeholt wird. Heute Morgen war es mal wieder soweit: Da stand ein sechsjähriger Knirps in unserem von Pyjamas übersäten Flur und wartete darauf, bis der Zoowärter bereit war, mit ihm die Welt zu erobern. In der Küche stapelte sich das schmutzige Frühstücksgeschirr, im Esszimmer lagen noch immer die Trümmer des WC-Papier-Gefängnisses und auf dem Küchenboden verteilte sich eine Lache von Katzenmilch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Eile den Trinknapf umgestossen hatte. Irgendwo in diesem heillosen Durcheinander versteckte sich eine zutiefst beschämte Mama Venditti – noch immer im Pyjama, die Haare ungekämmt – vor diesem kleinen Jungen, der ihren Sohn abholen wollte. „Was soll das Kind bloss denken von uns?“, schoss es mir durch den Kopf. „Der wird unseren Zoowärter nie mehr abholen wollen, weil es bei uns so schrecklich aussieht. Und wenn er heute nach Hause geht, wird er seiner Mama bestimmt erzählen, dass Vendittis Fenster ganz dringend geputzt werden müssen und dass bei denen endlich mal einer für Ordnung im Schuhregal sorgen müsste.“

Wie? Ihr haltet mich für paranoid, weil ich mich darum sorge, was ein Sechsjähriger von unserem Haushalt hält? Nun gut, die meisten Kindergartenkinder scheren sich wohl einen Dreck um den Dreck der anderen – und auch um den Dreck in ihrem eigenen Zuhause -, aber seitdem mal eine Fünfjährige mit vorwurfsvollem Unterton zu mir sagte „Meine Mama hat nie so eine Sauerei im Haus wie du“, bin ich leicht traumatisiert. Vor allem, weil ich damals erst zwei Kinder und im Vergleich zu heute eine perfekte Ordnung im Haus hatte. Meine Scham ist also nicht ganz unbegründet. Und sie führt dazu, dass ich ganz dringend etwas gegen das Durcheinander unternehmen will. Meiner Ansicht nach habe ich drei Möglichkeiten zur Auswahl:

  • Eine Vollzeit-Haushälterin anheuern, die sich im Rahmen eines humanitären Einsatzes unseres Haushalts annimmt
  • Die Schaufel holen und den ganzen Dreck aus dem Fenster schmeissen
  • Mit der ganzen Familie einen qualvollen Samstag lang aufräumen, putzen und polieren

Nun gut, es gäbe da noch Option Nummer 4: Eine Zuppa Inglese zubereiten, die ganze Familie in den Garten schleppen und mich am schönen Wetter freuen.

Sec

Es gibt verschiedene Arten, die Sache zur Sprache zu bringen. Man kann zum Beispiel Studien erstellen, die mit schönen Säulendiagrammen belegen, wer welchen Einsatz zeigt. Man kann auch ein grosses Gejammer anstimmen, der besten Freundin die Ohren vollheulen und darüber klagen, dass die Arbeitsteilung einfach ungerecht sei. Man kann still vor sich hin werkeln und dabei die Faust im Sack machen, weil es doch einfach so nicht weitergehen kann. Man kann sich aber auch auf den Bundesplatz stellen, tausende von Gleichgesinnten aufbieten und laut ins Megaphon – das Prinzchen würde „Megalophon“ sagen – brüllen, was Sache ist. Oder man schreibt einen engagierten Artikel, der den Umstand auf den Punkt bringt. Vielleicht wird daraus ein ganzes Buch, vielleicht aber behält man das alles für sich und sitzt eines Tages im Altersheim und erinnert sich daran, wie schwierig es damals doch war.

Ja, es gibt unzählige Arten, den Umstand zur Sprache zu bringen, aber so kurz, sec und treffend, wie das Prinzchen es heute Morgen, als er mich nicht gehen lassen wollte, unter Tränen hervorgestossen hat, hört man es selten: „Frauen müssen immer so viel arbeiten!“ Und damit ist alles gesagt, was es zum Thema zu sagen gibt…

 

Wochenendpläne

Dieses Wochenende hauen wir mal wieder so richtig auf den Putz. Wir lassen es krachen, wie es nur Grossfamilien krachen lassen können. Zum Aufwärmen hatten wir heute Abend schon einmal eine fliegende Übergabe, als ich zu spät von der Arbeit nach Hause kam und „Meiner“ gleich wieder weg musste, danach eine sich übergebende Luise – farblich perfekt abgestimmt auf das frisch bezogene Elternbett -, ein Prinzchen mit Durchfall und einen streitlustigen Karlsson, der sich nach fünf Tagen Kranksein endlich wieder ins Familienleben einbringt. Nach dieser Einstimmung kommt auch bei mir allmählich Partystimmung auf, mein Magen grummelt bereits verheissungsvoll.

Ob wir uns heute Abend überhaupt schlafen legen, oder ob wir die ganze Nacht durchfeiern, ist noch offen. Klar ist, dass es bereits in den frühen Morgenstunden weitergehen wird. „Meiner“ wird von dem ganzen Spass zwar wenig mitbekommen, da er den ganzen Tag unterwegs ist, dafür aber werde ich umso mehr davon abbekommen. Zuerst einmal ein Auftritt mit der Musikgrundschule für den FeurwehrRitterRömerPiraten, danach der heldenhafte Versuch, ihm ebenso viel Zeit beim Ausprobieren der verschiedenen Musikinstrumente zu schenken wie damals seinen beiden grossen Geschwistern. Ob die anderen einander währenddessen auf dem Spielplatz die Köpfe einschlagen, oder ob sie zu Hause über der Kloschüssel hängen werden, haben wir noch nicht entschieden, aber es wird ganz bestimmt lustig. Vor allem, weil ich um halb zwölf noch einen netten kleinen Termin habe. 

Wie wir den Rest des Wochenendes verbringen, ist noch nicht ganz klar, aber ich denke mal, dass wir uns einfach von einem Vergnügen zum nächsten treiben lassen. Um die Gäste, die wir am Sonntag eingeladen haben oder den Menschenstrom gegen Atom, der ebenfalls im Kalender eingetragen ist, werden wir uns nicht kümmern müssen, denn im Rausche der Schwindelanfälle und der Aufwisch-Orgien werden wir alles andere um uns herum vergessen. Sicher werden wir auch die eine oder andere Auseinandersetzung geniessen, denn gesundheitlich leicht angeschlagen streitet es sich am schönsten. 

Was immer die kommenden zwei Tage noch bringen werden, am Montag werden wir mit dunklen Augenringen zur Arbeit erscheinen und verkünden: „Dieses Wochenende war echt der Hammer! Mir brummt noch heute der Schädel…“ Ich bin mir bloss nicht so sicher, ob die anderen uns beneiden werden…

Jetzt müssten nur noch die Kinder mitziehen…

Nachdem ich schon viel darüber gelesen hatte und hin und wieder gefragt worden bin, wie ich sie denn finde, hatte ich gestern endlich Gelegenheit, die neue Kinderkasse der Migros auszuprobieren. Das Prinzip ist einfach: Breiter, kinderwagentauglicher Zugang, keine Süssigkeiten, keine Werbung, dafür aber hinten und vorne ein Treppchen, damit die Kinder beim Aus- und Einpacken helfen können. So wenig braucht es, um uns Mütter glücklich und unseren Familienalltag entspannter zu machen. Da fragt man sich bloss, warum so etwas nicht längst Standard in allen Geschäften ist.

Wobei die Kinder offenbar weniger begeistert sind davon, dass sie beim Bezahlen nicht mehr in Versuchung geführt werden und ihre Eltern nicht mehr mit „Ich will jetzt ein Gummibärchen“-Gebrüll in den Wahnsinn treiben können. „Die schleppen die Süssigkeiten jetzt einfach von den benachbarten Kassen an“, erklärte mir die Verkäuferin. Und zerplatzt war mein Traum vom stressfreien Einkauf mit kleinen Kindern.

Netter Besuch

Am Dienstagabend – es war schon ziemlich spät – rief mich die Erkältung an. „Hör mal“, sprach sie, „hast du morgen Zeit für einen netten Schwatz? Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen…“ „Na ja, wie man’s nimmt. Mir scheint, wir haben uns eben erst gesehen“, unterbrach ich sie, aber die Erkältung überhörte meinen Einwand. „Ich finde, wir verbringen viel zu wenig Zeit miteinander. Immerhin sind wir beste Freundinnen.“ „Beste Freundinnen? Wir zwei?“, fragte ich, aber die Erkältung tat wieder so, als hätte sie mich nicht gehört. „Ich komme dann also morgen vorbei. So gegen sieben Uhr morgens, passt dir das?“ „Nein, das passt mir ganz und gar nicht. Am Vormittag muss ich zur Arbeit, am Nachmittag bin ich mit meinem Vater unterwegs und am Abend hat Karlsson seinen grossen Auftritt. Keine Chance, dass ich dich irgendwo dazwischen nehmen kann“, wehrte ich ab, aber die Erkältung hatte bereits wieder aufgelegt.

Am frühen Mittwochmorgen stand sie tatsächlich vor der Tür. „Verschwinde“, knurrte ich missmutig, aber sie liess sich durch meine Unfreundlichkeit nicht beeindrucken. „Schönen guten Morgen“, rief sie fröhlich und fiel mir um den Hals. „Wie habe ich dich doch vermisst. Komm, setz dich aufs Sofa, dann können wir ein wenig quatschen. Schau mal, was ich dir mitgebracht habe: Einen Brummschädel, eine erstklassige Triefnase und diesen netten Reizhusten. Glaub mir, das Ding ist der letzte Schrei.“ „Ich gehe nicht mit der Mode, du kannst deine Geschenke wieder einpacken“, raunzte ich die Erkältung an und begab mich in die Küche, wo fünf kleine Vendittis auf das Frühstück warteten. „Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte die Erkältung, die mir in die Küche gefolgt war. „Nein, darfst du nicht. Siehst du denn nicht, dass kein Platz mehr frei ist?“, sagte ich und von da an ignorierte ich meinen ungebetenen Gast konsequent. Sie folgte mir zur Arbeit, wich den ganzen Nachmittag nicht von meiner Seite und Abends im Konzert fütterte sie mir den Reizhusten, den sie mir mitgebracht hatte in kleinen, mundgerechten Portionen. Ich tat so, als bemerkte ich nichts von alldem und ging abends, als die Kinder im Bett waren, noch einmal zur Arbeit, nur um ihr eins auszuwischen.

Heute Morgen sass die Erkältung bereits auf meiner Bettkante, als ich die Augen aufschlug. „Du bist immer noch da?“, fragte ich verschlafen. „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich keine Zeit habe für dich.“ „Heute schon“, entgegnete die Erkältung, „heute musst du nicht zur Arbeit.“ „Heute muss ich aber putzen. Also mach, dass du fortkommst“, brummte ich. Ich versuchte, aus dem Bett zu kommen, musste aber feststellen, dass mir die Erkältung über Nacht ein weiteres Mitbringsel besorgt hatte. „Sind sie nicht toll, diese Gliederschmerzen?“, fragte die sie mit strahlendem Gesicht. „Die habe ich eigens für dich besorgt. War gar nicht so einfach, die zu bekommen, denn die will jetzt jeder haben. Aber für dich scheue ich keine Mühen. Komm, leg dich wieder hin, die grossen Kinder sind aus dem Haus und das Prinzchen schläft. Wollen wir ein wenig von den guten alten Zeiten quatschen?“ „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich keine Zeit habe? Ich muss putzen, verstanden?“ Jetzt wurde die Erkältung richtig böse. „Ich weiss genau, wie sehr du das Putzen hasst, also versuche nicht, mir weis zu machen, dass du heute so versessen bist darauf. Du Du willst mich bloss loswerden.“ „Natürlich will ich dich loswerden“, schrie ich und versuchte, mich von ihr loszureissen, doch sie packte mich an den Schultern, drückte mich ins Kissen hinein und zog mir die Decke über den Kopf. „Schlaf jetzt“, flüsterte sie, plötzlich wieder ganz sanft und liebevoll. „Das Putzen kann warten.“

Zwei Stunden später, als ich wieder wach war und mich endlich in die Kleider gezwängt hatte, sass sie fröhlich grinsend am Tisch. „So schnell wirst du mich nicht los. Wie lange kann ich bleiben?“ „Du kannst nicht bleiben“, gab ich missmutig zurück. „Heute muss ich den ganzen Tag lang putzen, am Abend muss ich den Wocheneinkauf erledigen und morgen wartet ein Berg von Arbeit im Büro.“ „Nie hast du Zeit für mich“, maulte die Erkältung. „Wie sieht’s übermorgen aus?“ „Übermorgen? Auf gar keinen Fall. Dann gehe ich zu dem Frauentag, auf den ich mich seit mehr als einem Monat freue. Glaub bloss nicht, dass ich mir diesen Spass von dir nehmen lasse“, gab ich zur Antwort. Die Erkältung sah mich mit Mitleid erregendem Hundeblick an: „Darf ich mitkommen zum Frauentag? Ich bin ja auch ein weibliches Wesen.“ „Ha! Wenn ich dich mitnehme, dann schmeissen die mich gleich wieder raus beim Frauentag. Wir Frauen können uns keine Erkältungen leisten, da werde ich doch nicht so blöd sein, dich mitzuschleppen“, ereiferte ich mich. Als ich sah, dass die Erkältung den Tränen nahe war, packte mich doch noch das Mitleid. Ist ja auch nicht schön, wenn man nirgendwo willkommen ist. „Hör mal“, sagte ich, „am Sonntagnachmittag, da hätte ich Zeit für dich. Ich schnappe mir ein paar Sonntagszeitungen, eine Tasse Tee und eine warme Decke und dann setzen wir uns aufs Sofa und reden über Gott und die Welt. Wie gefällt dir das?“ Die Erkältung strahlte. „Ich hab’s doch gewusst, dass du mich magst. Lass dich umarmen!“ Sie zog mich an ihre Brust, drückte mich fest an sich und einen Augenblick später lag ich mit einer Extraportion Triefnase, Brummschädel, Reizhusten und Gliederschmerzen auf dem Sofa. An Putzen war nicht mehr zu denken, aber ob Erkältung oder putzen ist eigentlich einerlei, ich kann auf beides verzichten.

Hausmännerfrusttag

Zugegeben, das war nicht besonders nett von mir. Da wünschte ich „Meinem“ gestern, dass er sich endlich einmal richtig entspannen könne und was mute ich ihm heute zu? Einen Hausmännerfrusttag mit allem Drum und Dran. Es fing an mit verfaultem Obst im Schulthek des FeuerwehrRitterRömerPiraten, ging weiter mit einem Arzttermin, danach musste ein Geburtstagsgeschenk für des Zoowärters Kindergartenfreund her, schliesslich Raubtierfütterung ohne meine Unterstützung und nachmittags QuerflötenstundeOrchesterprobeZoowärterFürDieGeburtstagspartyBereitmachenHausaufgabenÜberwachenKücheSaubermachenScherbenAufwischenLuiseZurechtweisenPrinzchenTröstenArztterminAbsagenAnruferAbwimmelnUndAllDerKleinkramDerSchonLängstWiederVergessenIst. Also das volle Programm und nichts mit aufatmen und entspannen.

Und was tat ich derweilen? Zivilstandsregister wälzen mit meinem Vater, der sich des Familienstammbaums angenommen hat. Etwas, was ich mir als halbe Historikerin natürlich nicht entgehen lassen kann. Herrlich, dieses Stöbern in verstaubten Büchern! Wenn bloss das schlechte Gewissen nicht wäre, weil „Meiner“ sich ganz alleine dem übervollen Mittwochsprogramm stellen musste. Das einzige, was meine Gewissensbisse ein wenig dämpft ist die Aussicht auf einen nicht minder turbulenten Donnerstag, der wohl damit ausgefüllt sein wird, die Spuren des heutigen Hausmännerfrusttages zu beseitigen. Ist irgendwie beruhigend, dass „Meiner“ das nicht besser hingekriegt hat als ich jeweils…

Frühlingsgefühle

Nach einem viel zu langen Winter packt mich endlich wieder der Enthusiasmus für Neues. Im Garten, zum Beispiel,  da möchte ich die Erdbeerpflanzen ausgraben, neue Erde aufschütten und dann, wenn der Frühling da ist, so viele verschiedene Tomatenpflanzen setzen, wie ich auf dem Markt bekommen kann. Und dort drüben, wo die Garage steht, da möchte ich viel lieber ein geräumiges Spielhaus für die Kinder aufstellen. Die Garage ist ja ohnehin bald durchgerostet, da könnte man sie doch einfach abreissen, einen Carport auf den Parkplatz stellen und viel neuen Raum gewinnen. Die elenden Bodenplatten könnten ja auch gleich verschwinden. Mehr Platz für Gemüse, Beeren, Blumen und natürlich auch zum Spielen. Hach, wäre das nicht traumhaft…

Mein neues Schreibzimmer könnte auch etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Weg mit all dem Kram, mit dem die Kinder den Fussboden übersät haben, her mit den bunten Bildern, mit den Ordnern, in die ich alle meine Ideen, meine veröffentlichten Texte, meine Entwürfe ablegen kann. Her mit dem netten Schnickschnack, der in unserem Zuhause überall in Lebensgefahr schwebt und der bei mir, in meinem eigenen Zimmer – wo die Kinder Zutrittsverbot bekommen, sobald es fertig eingerichtet ist – einen sicheren Hafen finden wird. Und wenn dann das Zimmer so ist, wie ich es mir erträumt habe, dann werde ich drauflos schreiben, die Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren zu Papier bringen und vielleicht sogar wieder den Mut aufbringen, etwas zaghaft ans Licht der Öffentlichkeit zu schubsen. Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen…

Wo ich schon dabei bin, könnte ich mich gleich unserer ganzen Wohnung annehmen. Das Chaos, das sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, beseitigen, die Schränke herausputzen, wegschmeissen, was keinen Platz mehr hat, Möbel umstellen, ja, vielleicht sogar die Fenster putzen. Mich juckt es doch tatsächlich in den Fingern, hier endlich einmal gründlich für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen.

Und dann möchte ich so gerne wiedermal Gäste einladen. All die lieben Leute, für die ich so wenig Zeit hatte. Mich mit Freundinnen zum Kaffee treffen, meine kleine Nichte einladen, damit sie mit dem Prinzchen spielen kann, vielleicht sogar endlich den Mut aufbringen, meiner Schwester einen Überraschungsbesuch abzustatten. Vielleicht mit einem selbst gebackenen Kuchen.

Wo wir schon beim Backen sind: Nächste Woche backe ich ganz bestimmt wiedermal ein Brot aus frisch gemahlenen Körnern. „Meinen“ am Abend, wenn die Kinder schlafen, mit einem köstlichen Abendessen bei Kerzenschein überraschen, mit schöner Musik und allem, was dazugehört. Und dann werde ich endlich dieses neue Rezept für diese Quarktorte ausprobieren und dann säe ich vielleicht Sprossen an, mit denen wir unsere Salate verfeinern können und vielleicht nehme ich mir bald einmal Zeit, mit Karlsson und Luise Macarons zu machen. Das habe ich ihnen schon so lange versprochen. Das wird bestimmt ganz köstlich, wenn auch nicht perfekt…

Ich kann es kaum erwarten, alle diese Pläne und Träume endlich in Tat umzusetzen. Gleich morgen werde ich damit beginnen, oder vielleicht auch übermorgen, spätestens aber am Dienstag. Falls ich dann endlich die Energie aufbringen kann, mich vom Sofa zu erheben…

 

Nachwehen

Vor ein paar Wochen haben wir unter grossen Mühen die Telefongesellschaft gewechselt (ich habe ausführlich und langfädig darüber berichtet) und seither haben wir eine neue Nummer. Dummerweise hat diese neue Nummer eine Vergangenheit, die uns nun fast täglich einholt: „Frau Hamchiti, seit einiger Zeit sind Sie Kundin bei unserem Schlüsselservice und nun möchten wir Ihnen ein sensationelles Zusatzangebot…“ „Ich bin nicht Frau Hamchiti und…“ „Sie sind nicht Frau Hamchiti? Umso besser, dann darf ich Ihnen vielleicht unser sensationelles Basisangebot vorstellen?“ 

Eine halbe Stunde später wieder das Telefon: „Äh hallo, hier Abdullah. Ich kann vielleicht sprechen mit…“ „Nein, können Sie nicht, denn Sie sind falsch verbunden.“ „Hier nicht Hamchiti? Aber wo ist Hamchiti?“ „Ich weiss nicht, wo Hamchiti ist, aber ich weiss, dass hier Venditti ist und darum kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen…“

Zwei Stunden später schon wieder ein Anruf: „Guten Tag, Troxler von der Firma Hugentobler. Können Sie mich bitte mit Herrn Hamchiti verbinden?“ „Nein, das kann ich leider nicht, denn Herr Hamchiti arbeitet nicht bei uns, aber ich kann Ihnen gerne den FeuerwehrRitterRömerPiraten ans Telefon geben, der kann Ihnen vielleicht auch weiterhelfen.“ 

So geht das vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und dazwischen? Ja, dazwischen kommt natürlich auch mal ein Anruf für mich:

„Guten Tag, Frau Venditti. Schön, dass ich Sie erreiche. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass wir Ihnen von siebzehn Jahren einmal ein Probeabo der Unglücks-und Skandal-Postille schenken durften. Nun haben wir unserer Zeitschrift einem Facelifting unterzogen und wir möchten Ihnen die einmalige Gelegenheit bieten, sie wieder…“ „Ähm, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie unterbreche, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…zwanzig Ausgaben zum sensationellen Preis von 57 Franken 85. Dieses Angebot sollten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen…“ „Tut mir Leid, aber ich habe wirklich kein Interesse…“ „…haben jetzt die Modeseiten vollkommen überarbeitet und neu gibt es auch eine Kinderseite….“ „Hören Sie, ihr Blatt interessiert mich wirklich nicht. Ich bevorzuge anspruchsvollere Lektüre.“ „Ach, das bieten wir selbstverständlich auch. In der neuesten Ausgabe reden wir mit Gölä über die aktuelle politische Lage…“ Was bleibt mir da noch anderes übrig, als grusslos das Telefon aufzulegen?

Nun ja, vielleicht hätte ich einfach sagen sollen „Tut mir Leid, falsch verbunden. Sie sprechen mit Frau Hamchiti.“ 

So war das früher jeden Tag…

Zuerst einmal muss ich vorausschicken, dass ich die vergangene Woche mit den Kindern genossen habe. „Meiner“ musste bereits wieder arbeiten, die Kinder hatten noch Ferien und ich legte meine Arbeitszeiten so, dass wir fast ohne Fremdbetreuung auskamen. Es war herrlich: Bilderbücher vorlesesen, kuscheln, Fragen beantworten, gemeinsam singen, spontane Kaffeerunden mit Schwester, Schwager, Mutter und Neffen, philosophieren – „Gell Mama, das was jetzt ist, passiert wirklich, oder?“ – in aller Ruhe Mittagessen kochen und so lange am Tisch sitzen, bis die Kinder keine Lust mehr zum Sitzen haben und nicht, bis der Erste schon wieder aus dem Haus muss. Wunderbar, ganz ehrlich.

Und auch ganz schrecklich anstrengend. Denn wenn du sechs Tage lang ganz alleine bei ziemlich ungemütlichem Wetter fünf Kinder bei Laune halten musst, dann ist das ein Fulltime-Job. Allein schon die Fütterung nimmt den halben Tag in Anspruch, denn wenn der Letzte seinen Frühstückskakao endlich leergetrunken hat, verlangt derjenige, der schon um sieben gefrühstückt hat, bereits nach Mittagessen. Aber zum Kochen kommst du noch lange nicht, weil dir alle paar Minuten ein Kind eine Kiwi zum Schälen hinstreckt. Und du wirst doch deinen Kindern eine kleine Kiwi zwischendurch nicht verwehren wollen? Ist doch so gesund. Ach ja, dazwischen muss natürlich immer mal wieder der Besen her, weil ihr sonst in den Brosamen ersauft, bevor der Tag zu Ende ist. Und kaum ist der Fussboden endlich sauber, fällt die Horde wieder in die Küche ein und verlangt nach Zvieri-Broten.

Wenn du hartnäckig genug bist, wirst du deine Knöpfe vielleicht noch vor dem Mittagessen dazu überreden können, aus dem Pyjama und in die Kleider kommen. Vielleicht geht dir aber schon vorher der Schnauf aus und du erlaubst ausnahmsweise das Essen im Schlafanzug. Weil du selber zwischen Kakaokochen, Bodenfegen, Kiwischälen, etc. keine Zeit findest, dich anzuziehen und du kannst von deinen Kindern ja nicht verlangen, was du selber nicht schaffst. Vielleicht aber musst du auch einfach dankbar sein, wenn die kleinsten Vendittis wenigstens einen Schlafanzug tragen beim Essen und nicht ganz nackt zu Tisch kommen, denn während sich die halbe Welt im Februar ins Fasnachtskostüm stürzt, hat für die kleinsten Vendittis die Nudisten-Saison angefangen. Man frage mich nicht, warum dies so ist, aber das war schon bei den Grossen so, als ihr Schamgefühl sie noch nicht davon abhielt, mitten im Winter splitterfasernackt durch die Wohung zu rennen.

Der Grossteil des Tages geht also für Fütterung, fegen und anziehen drauf. Dazwischen verstreut die oben erwähnten glücklichen Mama-Kind-Momente, dann noch der eine oder andere Streit, der geschlichtet werden will, der Versuch einer Kaffeepause und der Tag ist wieder um. An grössere Vorhaben wie zum Beispiel Zimmer aufräumen, einkaufen, die Wäsche aufhängen oder einen Anruf zu tätigen ist nicht zu denken, denn wehe, du kehrst den Kindern nur eine Minute den Rücken zu! Dann wirst du bestraft mit überlaufenden Badewannen, verschütteten Corn Flakes und honigverschmierten Stühlen.

Okay, ich hätte die fünf auch mit Dauerfernsehen ruhig stellen können, aber wie hätte ich mich da wieder an die alten Zeiten zurückerinnert, als solche Tage nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren?

 

Was soll ich bloss anziehen?

Es gibt Zeiten im Leben,  da läuft nichts, aber auch gar nichts so,  wie man es gerne hätte. Es ist, als hätte jemand ein Schalter umgekippt und plötzlich läuft alles irgendwie krumm. Nicht richtig krumm, Gott sei Dank, aber so krumm, dass du stets das Gefühl hast, gegen eine unsichtbare Wand zu stossen. Über Nacht bekommen all deine Lieblingskleider Löcher, das iPad gibt den Geist auf, der  Computer will auch nicht mehr so richtig, im Kühlschrank vergammeln Lebensmittel, die ihr Verfalldatum noch längst nicht überschritten haben, Arbeiten, die du erledigt hast, kommen wieder zu dir zurück, weil du eine winzige Kleinigkeit übersehen hast, Termine werden um genau so viele Minuten verschoben, dass sie mit dem nächsten Termin kollidieren, die Kinder stellen sich genau dann quer, wenn du es am wenigsten erwartet hättest, die Rechnungen flattern alle gleichzeitig ins Haus, dafür aber lassen Zahlungen, die eintreffen sollten, auf sich warten.

Das Leben ist wie ein schlecht sitzendes Kleid, bei jeder Bewegung spannt es irgendwo, es verrutscht und entblösst dabei Problemzonen und wenn du nicht ganz gut aufpasst, reisst eine Naht. Nun gut, immerhin hat man etwas Anzuziehen, aber so richtig wohl fühlt man sich in dem Fumel nicht. Und so schaut man voller Neid auf jene, bei denen der Anzug wie angegossen passt. Oder zu passen scheint, denn ob dem anderen der Hosenbund spannt oder die Schuhe zu eng sind, lässt sich ja nicht so leicht beurteilen.

Was also tun? Sich etwas passenderes anziehen?  Oder vielleicht doch eher schrumpfen, bis das Kleid wieder richtig sitzt? Oder einfach ausharren und sich damit abfinden, dass man eben zurzeit nichts Passendes anzuziehen hat? Oder sich eingestehen, dass man trotz allem noch weitaus besser dasteht als die meisten Menschen auf diesem Planeten, weil man immerhin nicht nackt dasteht?