Was soll der Kleine bloss denken von uns?

Nach einer Woche, in der ich gut das Doppelte meiner vorgesehenen ausserhäuslichen Arbeitszeit geleistet habe, sieht unser Haushalt entsprechend aus. „Meiner“ hat sich zwar dem Chaos mutig entgegengestemmt, aber alleine hatte er keine Chance, dagegen anzukommen. Zumal Luises Wachteln am Dienstag vom Balkon in den Garten umgezogen sind, was in der ganzen Wohnung Spuren von Hanfstreu und Wachtelfutter hinterlassen hat, die dem Besen hartnäckig trotzen. Dass das Prinzchen gestern Abend aus einer Familienpackung WC-Papier ein Gefängnis aufgebaut hat, welches der Zoowärter wenig später respektlos dem Erdboden gleich machte, verpasste dem ohnehin schon überbordenden Chaos den letzten Schliff.

Eigentlich habe ich mich ja inzwischen damit abgefunden, dass man unserem Haushalt die fünf Kinder, die zwei Jobs, die Haustiere und die leidenschaftslose Hausfrau ansieht, doch auch für mich gibt es eine Schmerzgrenze. Dass diese erreicht ist, erkenne ich jeweils an meinen Schamgefühlen, wenn eines unserer Kinder morgens von einem Schulkameraden abgeholt wird. Heute Morgen war es mal wieder soweit: Da stand ein sechsjähriger Knirps in unserem von Pyjamas übersäten Flur und wartete darauf, bis der Zoowärter bereit war, mit ihm die Welt zu erobern. In der Küche stapelte sich das schmutzige Frühstücksgeschirr, im Esszimmer lagen noch immer die Trümmer des WC-Papier-Gefängnisses und auf dem Küchenboden verteilte sich eine Lache von Katzenmilch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Eile den Trinknapf umgestossen hatte. Irgendwo in diesem heillosen Durcheinander versteckte sich eine zutiefst beschämte Mama Venditti – noch immer im Pyjama, die Haare ungekämmt – vor diesem kleinen Jungen, der ihren Sohn abholen wollte. „Was soll das Kind bloss denken von uns?“, schoss es mir durch den Kopf. „Der wird unseren Zoowärter nie mehr abholen wollen, weil es bei uns so schrecklich aussieht. Und wenn er heute nach Hause geht, wird er seiner Mama bestimmt erzählen, dass Vendittis Fenster ganz dringend geputzt werden müssen und dass bei denen endlich mal einer für Ordnung im Schuhregal sorgen müsste.“

Wie? Ihr haltet mich für paranoid, weil ich mich darum sorge, was ein Sechsjähriger von unserem Haushalt hält? Nun gut, die meisten Kindergartenkinder scheren sich wohl einen Dreck um den Dreck der anderen – und auch um den Dreck in ihrem eigenen Zuhause -, aber seitdem mal eine Fünfjährige mit vorwurfsvollem Unterton zu mir sagte „Meine Mama hat nie so eine Sauerei im Haus wie du“, bin ich leicht traumatisiert. Vor allem, weil ich damals erst zwei Kinder und im Vergleich zu heute eine perfekte Ordnung im Haus hatte. Meine Scham ist also nicht ganz unbegründet. Und sie führt dazu, dass ich ganz dringend etwas gegen das Durcheinander unternehmen will. Meiner Ansicht nach habe ich drei Möglichkeiten zur Auswahl:

  • Eine Vollzeit-Haushälterin anheuern, die sich im Rahmen eines humanitären Einsatzes unseres Haushalts annimmt
  • Die Schaufel holen und den ganzen Dreck aus dem Fenster schmeissen
  • Mit der ganzen Familie einen qualvollen Samstag lang aufräumen, putzen und polieren

Nun gut, es gäbe da noch Option Nummer 4: Eine Zuppa Inglese zubereiten, die ganze Familie in den Garten schleppen und mich am schönen Wetter freuen.

Heldenhaft

Wäre ich nicht bereits mit ihm verheiratet, dann wäre heute der Tag, an dem ich ihm einen Heiratsantrag machen würde. Das Erste, was ich heute Morgen sah, als ich gegen neun Uhr die Augen aufschlug, war „Meiner“, der den abgeschmückten Tannenbaum aus dem Fenster beförderte. Als ich deutlich später endlich widerwillig das Bett verliess, dämmerte mir rasch einmal, dass der Tannenbaum erst der Anfang gewesen war und dass mein Herr Gemahl das allgemeine Chaos zum Kampf herausgefordert hatte. Da stand er mit Möbelpolitur und Staublappen und holte das Beste aus unseren alten Fensterbrettern heraus. Und so ganz beiläufig auch aus unseren Kindern: „Ich geh‘ mal nach oben und räume mein Zimmer auf“, verkündete Karlsson nach dem Mittagessen, das für einmal ganz gesittet in einem sehr aufgeräumten Esszimmer stattfand. „Luise und ich haben vorgestern Abend noch gespielt und jetzt sieht es ein wenig unordentlich aus“, erklärte unser Ältester, als ich ihn erstaunt ansah. Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, mich länger um den Gesundheitszustand unseres Sohnes zu sorgen, denn am Nachmittag fegte die allgemeine Aufräumwut mit solcher Wucht durch unsere vier Wände, dass ich mich im Büro in Sicherheit brachte.

Als ich irgendwann spät abends wieder nach Hause kam, glaubte ich zuerst, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Jedes Zimmer piekfein aufgeräumt, das Prinzchen und der Zoowärter im neuen gemeinsamen Schlafzimmer friedlich schlummernd, das Elternschlafzimmer dort, wo ich es immer gerne gehabt hätte und dazu noch in jedem erdenklichen Winkel Kerzen, Blumen, Schnickschnack – die Wohnung, die ich mir immer mal wieder erträume, die ich aber nie so hinkriege, wie „Meiner“ das mit Leichtigkeit und vor allem ohne schlechte Laune und Gemotze schafft. Ein wahrer Held, wenn ihr mich fragt. Ob ich ihn fragen soll, ob er mein Haushälter werden will?

Der Deckel bleibt!

Man sagt, dass es Ehepaare gibt, die sich wegen offener Zahnpasta-Tuben scheiden lassen. Ob das tatsächlich wahr ist, oder ob es sich hier um eine moderne Legende handelt, sei dahingestellt. Eines aber weiss ich: Würde ich den offenen Zahnpasta-Tuben so viel Gewicht beimessen, ich wäre schon längst geschieden. Von meinen Kindern.

Da kaufst du drei Tuben Zahnpaste, eine für Kleinkinder, eine für grössere Kinder, eine für Erwachsene. Du stellst sie ins Regal und verkündest für alle hörbar, dass diesmal offene Tuben nicht toleriert werden. „Der Deckel bleibt, bis der letzte Rest Zahnpaste ausgequetscht ist, verstanden?“ Alle nicken brav, versprechen hoch und heilig, dass sie meinen Wunsch beherzigen werden und zehn Minuten später findest du die erste Tube oben ohne. Zähneknirschend schraubst du den Deckel auf, trommelst die Horde zusammen und fragst „Wer war das?“ Niemand, natürlich. „Hört mal, wer immer das war, ich will, dass das nicht mehr vorkommt. Der Deckel gehört auf die Tube. Nach jedem Zähneputzen. Schaut mal her, so macht man das. Ist doch wirklich nicht so schwierig.“ Wieder nicken alle brav, wieder hält sich keiner an die Regel.

Drei oder vier Tage lang geht das so, dann verschwinden die ersten Deckel. Wenn du Glück hast, findest du einen im Wäschekorb, den anderen im Küchenschrank, den Dritten in der Dachrinne. Wenn du Pech hast, bleibt mindestens eine der Tuben für den Rest ihres Lebens offen und weil sie so nicht glücklich ist, fängt sie an, ihre klebrigen Spuren zu hinterlassen. Aus lauter Solidarität mit der unglücklichen Tube lassen auch die anderen zwei ihren Deckel verschwinden und von nun an nimmt das Geschmier kein Ende mehr. Schöner wird’s nur noch, wenn eines der Kinder die grandiose Idee hat, die offenen Tuben zu waschen. Dann nämlich verflüssigt sich der gesamte Inhalt, wodurch er sich viel besser verteilen lässt. Was zumindest den Vorteil hat, dass die deckellosen Tuben schneller leer werden.

Worauf das Spiel wieder von vorn beginnt. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn dass die Kinder das mit dem Deckel lernen, bevor sie selber Eltern sind, bezweifle ich allmählich. Bleibt also nur das tägliche Verzeihen. Verschmierte Zahnpaste ist nun mal kein Scheidungsgrund…

Handwerker

Es ist zum Heulen. Da ist die Welt auf die Grösse der eigenen vier Wände geschrumpft, und jetzt bröckelt einem erst noch der Küchenboden unter den Füssen weg. Und dies ausgerechnet jetzt, wo man sich mit dem Gewicht eines mittelgrossen Elefanten durch die Wohnung wälzt.

Was genau passiert ist, weiss niemand. Vor etwa drei Wochen entdeckte die Putzfrau, dass der Abfluss in der Küche tropft. Sie beseitigt die Sauerei und man denkt, die Sache sei erledigt. Ein paar Tage später teilt die Mieterin mit, bei ihnen habe es Wasserflecken an der Decke. Die können nur von der Küche obendran kommen. Und tatsächlich, das Wasser tropft wieder. Der Schaden wird behoben. Doch plötzlich weisen die Bodenplatten in der Küche verdächtige Sprünge auf. Irgend etwas stimmt hier gar nicht mehr.
Schuld daran ist natürlich niemand. Der Sanitärinstallatuer hat selbstverständlich alles richtig gemacht, obschon man schon öfters bemerkt hat, dass er es mit den Dichtungsringen nicht so genau nimmt. Dann war’s vielleicht der Küchenbauer. Welcher Küchenbauer? Die Küche ist doch einfach so aus dem Boden gewachsen. Zumindest könnte man dies glauben, denn der Küchenbauer bequemt sich nicht einmal, Anfragen zu beantworten, wenn man ihm ein Problem meldet. Also ist vielleicht der Plattenleger Schuld? Das lässt sich leider nicht mehr überprüfen, denn dieser hat, wie sich später herausstellte, im Auftrag des Malers schwarz gearbeitet und ist inzwischen über alle Berge. Und der Maler hat vor einiger Zeit Konkurs angemeldet. 
Bleibt zu hoffen, dass der Küchenboden hält, bis endlich ein Fachmann gefunden ist, der gewillt ist, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn dabei ein Schuldiger gefunden werden könnte.