Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Geht’s nicht ein bisschen leiser?

Okay, „Meiner“, ich freue mich ja auch darüber, dass Berlusconi endlich weg ist. Aber müssen wir uns deswegen den ganzen Tag in voller Lautstärke italienische Schnulzen anhören? Müssen wir nicht, denn mir brummt der Schädel und ich bin so stockheiser, dass ich es beim besten Willen nicht schaffe, das Gedudel zu übertönen, wenn ich den Kindern „Hanni & Nanni“ vorlesen muss. Lasst uns doch den längst überfälligen Abgang still und leise feiern und überlassen wir den lauten Jubel jenen, die nun endlich eine neue Regierung bekommen. Wobei ich ja nur zu gerne wissen möchte, wie viele von den Jubelnden mitverantwortlich sind dafür, dass der Kerl dreimal an die Macht gewählt wurde.

Ich distanziere mich

Immer wieder habe ich mich darum bemüht, seine Verrücktheiten mitzutragen. Damals, zum Beispiel, als er als junger Lehrerpraktikant tote Fliegen geschluckt hat, um seine Schüler zu beeindrucken. Natürlich habe ich ein lautes Gezeter angestimmt, immerhin war er damals auf Stellensuche und auf gute Referenzen angewiesen. Trotzdem habe ich ihn wenige Wochen später geheiratet. Auch mit den toten Vögeln, die zuweilen in unserem Gefrierschrank oder in meinem Büro landen, habe ich mich abgefunden, auch wenn ich ihm immer mal wieder ein Ultimatum stelle: „Bis heute Mittag ist das Vieh aus unserem Haus verschwunden, oder ich schmeiss dir deine Kamera aus dem Fenster. Dann kannst du ja sehen, womit du deine Kadaver fotografierst.“ Irgendwie habe ich auch gelernt, mit seiner Sammelwut klar zu kommen, auch wenn ich mich jeweils verschämt hinter einer Hecke verkrieche, wenn er mal wieder einen Abfallkübel durchwühlt, in dem er einen wertvollen Schatz – eine alte Ledermappe, ein leerer Kanister, der zur Tasche werden soll oder vielleicht auch nur eine entsorgte Zeitung, in der er unbedingt noch einen Artikel lesen will – vermutet. 

Ich habe mich daran gewöhnt, dass „Meiner“ nicht tickt wie alle anderen und meistens macht es mir unglaublich viel Spass, mit ihm zusammen zu leben. Von seiner neuesten Verrücktheit jedoch muss ich mich in aller Form distanzieren. Dieses „gefällt mir“ auf dem Facebook-Profil von Silvio Berlusconi ist des Guten zuviel. Ja, ich weiss, „Meiner“ hat das nur getan, damit er dem altersschwachen Lüstling mitteilen kann, dass es allmählich Zeit werde, zurückzutreten und ich weiss natürlich auch, dass er kaum einen Menschen so sehr verabscheut wie den Herrn, der sein Herkunftsland in den Ruin treibt. Aber denkt er denn nicht daran, wie sehr sein Ruf unter diesem „gefällt mir“ leiden könnte? Was, wenn der alte Herr Berlusconi plötzlich bei seinem Facebook-Freund in der Schweiz um Asyl bittet, wenn ihm die Ablehnung seines Volkes zuviel wird? Soll der dann vielleicht in unserem ehemaligen Au Pair-Zimmer nächtigen? Was sollen denn die Nachbarn von uns denken? Was, wenn eines unserer Kinder mal etwas Grosses vorhat und irgend ein schlauer Journalist stösst in den Weiten des Internets auf dieses „gefällt mir“? Wie sollen sich unsere armen Kinder dann von der Schande, die der Vater durch einen unbedachten Click über die Familie gebracht hat, distanzieren? 

Woher sollen denn die Leute wissen, dass dieser eine Click ironisch gemeint war? Okay, ich hab’s euch jetzt gesagt, aber das habe ich nur getan, um zu verhindern, dass man mich demnächst in der Migros mitleidig fragt, wie es mir denn gehe, jetzt, wo „Meiner“ bestimmt bald in die Klapsmühle eingeliefert werde. Wie er seinen eigenen besudelten Ruf wieder herstellen will, überlasse ich voll und ganz „Meinem“.

 

Ach, lass sie doch…

Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.

Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener? 

Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.

In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.

Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.

 

Milano Centrale II

Samstag, 15. Oktober, ca. 14:30 Uhr. Familie Venditti hat es endlich geschafft, im Gewirr der Strassen den Weg zum Bahnhof Milano Centrale zu finden. Das Mietauto ist abgegeben, die Eltern stehen etwas ratlos da, umgeben von fünf überdrehten Kindern und zahlreichen Gepäckstücken. Vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wie sollen wir die bloss totschlagen? Am einfachsten wäre es, das ganze Gepäck auf einen Gepäckwagen zu laden und sich nach etwas Essbarem umzusehen. Gepäckwagen? Der Bahnangestellte schüttelt den Kopf. So etwas gibt es hier nicht mehr, leider. Aber cinque Bambini? Bravissimi! 

„Meiner“ deponiert Frau und Gepäck auf einer Bank und macht sich mit den cinque Bambini auf die Suche nach Schliessfächern. Gibt es hier auch nicht. Aber Sie können Ihr Gepäck selbstverständlich zur Aufbewahrung abgeben. Kostet nur vier Euro pro Gepäckstück. Macht für das Gepäck der Grossfamilie Venditti 48 Euro. Gestern haben wir alle zusammen für 80 Euro gegessen, Primo, Secondo, Wasser und Kaffee. Dann vielleicht besser keine Gepäckaufbewahrung, wir brauchen das Geld noch für das Abendessen.  Also gilt es, vier Stunden am Bahnhof totzuschlagen und zwar so, dass das Gepäck dabei nicht allzu hinderlich ist.

Bloss wie? Vielleicht mit Ansichtskarten schreiben? Die Kinder möchten doch so gerne und in Alba hatten sie keine, zumindest nicht dort, wo wir nachgefragt haben. Ansichtskarten finden wir, aber dann müssen die Kinder aufs WC. Macht einen Euro pro Person, was nicht viel wäre, wenn das WC sauber wäre und ich Luise nicht WC-Papier durch die Türe reichen müsste, weil es bei ihr keines hat. Nach der WC-Pause noch schnell etwas essen, ein kurzes Wiedersehen mit dem fliegenden Händler aus Bangladesh, der sich unglaublich darüber freut, diesmal die komplette Familie zu Gesicht zu bekommen und dann müsste man nur noch Briefmarken haben. Aber schnell, der Zug fährt in einer halben Stunde. Doch die zwei Worte „schnell“ und „Post“ in einem einzigen Satz, das geht nicht in Italien, da muss man schon einen halben Tag einplanen, wenn man Briefmarken braucht. Irgendwann stehen wir vor der Wahl: Briefmarken oder Zug. Wir entscheiden uns für den Zug, auch wenn Karlsson nicht gerade glücklich ist, dass die Postkarten mit uns in die Schweiz reisen. 

Als wir endlich alle auf unseren Plätzen sitzen, die Gepäckstücke, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich waren, sicher verstaut, sind „Meiner“ und ich uns einig: Ein halber Tag Milano Centrale und die ganze Erholung ist im Eimer. 

Wie? Ob es nicht mit weniger Gepäck gegangen wäre? Aber nicht doch. Wo hätten wir denn die Röstpfanne für die Kastanien verstauen sollen? Und ich habe ja auch eigens meine ausgelatschten Schuhe weggeschmissen, um Platz zu sparen und die Prinzchen-Schuhe, die der Siebenschläfer angefressen hat, sind auch nicht mehr mit nach Hause gekommen…

Hassliebe

„Meiner“ hat mir ja schon lange in den Ohren gelegen, dass er wiedermal nach Italien reisen wolle. Italien, das Land, aus dem seine Eltern ausgewandert sind, das Land, in dem er jeden Sommer vier endlose, langweilige Wochen verbringen musste, weil seine Eltern dort ein Haus bauten, das Land, von dem er sich als Zwanzigjähriger wünschte, es möge im Meer versinken, weil er es so satt hatte. Heute ist er etwas milder geworden in seinem Urteil, wohl weil er schon sehr lange nicht mehr dort war. Und das liegt vor allem an mir.

Eigentlich müsste ich das Land ja lieben, bietet es doch alles, was mir gefällt: Küche, Landschaft, historische Stätten, Sprache, alles einfach perfekt. Und doch sind da zuerst die schlechten Erinnerungen, wenn ich an meine bisherigen Besuche in Italien denke. Die Hühnerhälse, die man mir bei einem Verwandtenbesuch vorgesetzt hat. Der epochale Krach, den „Meiner“ und ich uns einmal in irgend einem Kaff fernab von jeder Tankstelle wegen eines leeren Benzintanks lieferten. Die Details sind mir entfallen, ich weiss nur noch, dass das Ganze mit einem Wutanfall meinerseits und einer zersprungenen Windschutzscheibe geendet hat. Da waren die zerstochenen Pneus in Lucca, als „Meiner“ und ich mal mit Freunden durch die Toscana reisten. Es war das Auto meiner Mutter und keiner von uns vieren verdiente eigenes Geld. Keine Ahnung mehr, wie wir damals die neuen Reifen bezahlt haben. Da waren die zwei Wochen in Sardinien, die doch eigentlich ein Traum hätten werden sollen und dann sassen „Meiner“ und ich am dritten Tag frustriert am Strand und wussten nicht, was wir hier noch anfangen sollten, weil wir uns so schrecklich langweilten. Wir entschieden uns, zu bleiben und sämtliche Museen der Insel abzuklappern, was eine sehr schlechte Idee war, denn die meisten Museen waren entweder geschlossen oder zwar offen, aber nur teilweise, weil der Rest gerade renoviert wurde. Da war später eine der ersten Ferienreise mit Karlsson. Sie führte ins Piemont. Wir hatten ein Studio gemietet und erst bei der Ankunft kam uns in den Sinn, dass wir ganz vergessen hatten, dass es in einem Studio mit Kind etwas eng werden könnte. Karlsson  schlief dann im Badezimmer, wo es ausserordentlich feucht war. Hätte er länger dort geschlafen, er wäre wohl schimmlig geworden, der arme Kleine. Aber auch ich war arm dran, denn ich war gerade mit Luise schwanger und da war mir rund um die Uhr so speiübel, dass ich kaum ein Glas Wasser runterbrachte, geschweige denn all das köstliche Essen. Noch heute dreht sich mein Magen um, wenn ich an jenes Trüffelrisotto denke. Ach ja, und da war da noch die Geschichte mit der Notbremse, als ich mal fürchtete, „Meiner“ stehe noch auf dem Perron, als der Zug den Bahnhof von Pescara verliess. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden.

Bei all diesen Erinnerungen ist es mir wohl kaum zu verargen, dass ich jahrelang nichts mehr von Italien wissen wollte. Ob es diesmal anders sein wird? Ich weiss es noch nicht, aber ich hoffe es doch sehr. Denn eigentlich würde das Land ja wirklich alles bieten, was mir gefallen würde. Nun ja, die Politik und einen gewissen äusserst peinlichen Ministerpräsidenten blenden wir hier mal aus…