Welten

Noch nicht ganz wach aber auch nicht mehr schlafend mit Kater Leone auf dem Rücken im Bett liegen und sich wünschen, der Tag möge noch nicht beginnen.

Treppe rauf um Kinder zu wecken, drei Treppen runter um frische Wäsche zu holen, zwei Treppen hoch, um mir von Luise anzuhören, dass ich mich immer nur um die anderen kümmere und nie um sie, Treppe hoch um dem FeuerwehrRitterRömerPiraten mitzuteilen, dass es jetzt wirklich ernst gilt mit Aufstehen, etwas trinken, drei Treppen runter, um noch mehr frische Wäsche zu holen, zwei Treppen hoch, um das Prinzchen zu wecken, „Ach, Kindchen, du bist doch nicht etwa krank?“, Stirne befühlen, Symptome abfragen und feststellen, dass das Kindchen gesund ist, aber wohl doch besser bei mir bleibt, weil die Augen so verdächtig glänzen und der Husten etwas zu heftig ist.

Taschen packen, damit die Kinder für das elternfreie und die Eltern für das kinderfreie Wochenende bereit sind, Grossmama informieren, dass am Abend drei Kinder bei ihr schlafen und nicht nur eines, Prinzchen mit Bilderbüchern ausrüsten und ab ins Auto, um rechtzeitig zum Interviewtermin in der Nähe von Zürich zu erscheinen, zum Glück für einmal ohne Irrwege, Staus und Pannen.

Interview, kurzer Schwatz und Kaffee mit Freundin und zurück ins Auto, auch diese Fahrt ohne Irrwege und Pannen, dafür mit Stau, dazwischen endlich ein trockenes Brötchen, schnell beim Mittagstisch vorbeischauen, um die Kinder daran zu erinnern, dass die Tiere gefüttert werden müssen und um alle noch einmal zu umarmen, Kinder sind peinlich berührt, weil die Mama so ein Theater macht.

„Meinen“ abholen, Sandwich verdrücken und ab ins kinderfreie Wochenende mit Freunden, unterwegs drei Zwischenstopps, um ein Samsung irgendetwas für Karlssons Geburtstag aufzutreiben, aber die haben überall nur Samsung whatever, kurzer Krach mit „Meinem“: „Warum hast du das Ding nicht gleich gekauft gestern? Wie? Du wolltest es zuerst mit mir besprechen? Aber du weisst doch, dass es das Samsung irgendetwas sein muss. Jetzt kommen wir zu spät in den Schwarzwald, weil du immer…“ Ein elender Drängler, der mich von der Überholspur vertreiben will, versöhnt uns wieder. Ist doch immer gut, einen gemeinsamen Gegner zu haben…

Ankunft im Hotel. „Dürfen wir Ihnen Ihr Gepäck abnehmen? Wirklich nicht? Ist es nicht zu schwer? Können wir Ihren Wagen für sie parken? Wenn Sie einen Wunsch haben, melden Sie sich einfach…“ Kuchen, Tee, warmes Badewasser, Sauna, unzensierte Gespräche mit Freunden, ausgedehntes Abendessen, Stille.

Damit wir unser Alltagsgeschäft nicht ganz verlernen an diesem perfekten Ort, schmeisst „Meiner“ im Ruheraum der Sauna ein Glas Smoothie um, in schönster Eintracht wischen wir die Sauerei auf, ehe uns das aufmerksame Personal dabei erwischt, wie wir einfach nur wir selbst sind.

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Was mich das Leben so alles lehrt

  • Heizungen steigen grundsätzlich an dem Tag aus, an dem es draussen zum ersten Mal so kalt ist, dass sogar ich mich mit dem Gedanken trage, Strümpfe anzuziehen.
  • Die Heizung teilt dir immer erst dann mit, dass sie sich diesmal wirklich nur mit Hilfe eines Monteurs wieder in Gang bringen lässt, wenn du bereits einen Nachtzuschlag bezahlen müsstest, um diesen Monteur ins Haus zu bestellen.
  • Wenn die Heizung streikt, kommen Fernsehgeräte, Ladekabel, Handys und dergleichen auf die Idee, es ihr gleichzutun. Wir Hausbewohner würden dann am liebsten auch in Streik treten, aber es wird so furchtbar kalt, wenn man nicht ständig in Bewegung ist.
  • Es gibt nur einen Weg, dich nach der Veröffentlichung deines Buches nicht über Tippfehler zu ärgern: Du musst deine Bücher von Hand schreiben. Dann schreibst du nur das falsch, was du nicht richtig schreiben kannst. Darüber kannst du dich dann  nicht ärgern, weil du gar nicht merkst, dass du einen Fehler gemacht hast. 
  • In der Schweiz gibt es einen neuen Industriezweig: Die Betreuungsindustrie, manchmal auch Krippenindustrie genannt. Ich weiss zwar nicht genau, was diese Industrie produziert und weiterverarbeitet, aber das spielt ja auch keine Rolle. Das Wort macht sich einfach gut in Leserbriefen und wer denkt denn schon über den Sinn von Worten nach, wenn er Leserbriefe liest?
  • Dein jüngstes Kind bleibt immer kleiner als deine anderen Kinder und darum in deinen Augen klein, egal, wie gross es schon ist. 
  • Der Vormittag gehört noch lange nicht dir, bloss weil jetzt alle deine Kinder kindergarten- oder schulpflichtig sind. Irgend einer nimmt sich immer das Recht heraus, sich krank zu melden, wenn du eigentlich etwas anderes vorhättest. Also komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich irgendwo als freiwillige Helferin zu melden, weil du jetzt „so viel freie Zeit“ hast.
  • Man kann Kondensmilch auch selber herstellen. Man sollte sich allerdings während der Zubereitung nie weiter als zwanzig Zentimeter vom Kochherd entfernen, sonst brennt das Zeug an. 
  • Nur weil dein Kind eine ausgeprägte nostalgische Ader hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich zum Geburtstag nicht die allerneusten Gadgets wünscht. Klassische Musik und Bilder von Barockpalästen lassen sich problemlos mit modernster Technik vereinbaren.

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Ihr Nachbarskinderlein kommet…

Spielt mit unseren Kindern, klettert auf unsere Bäume, streichelt Kaninchen und Katzen, macht Hausaufgaben mit unseren Kindern, pflückt Beeren, rennt ums Haus, bringt eure Freunde mit, fragt mir ein Loch in den Bauch, spielt Karten, esst Brot, Joghurt, Obst…, denkt euch abenteuerliche Geschichten aus, bleibt zum Abendessen, wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei uns übernachten. Unser Haus und mein Herz stehen euch offen, ehrlich. Nur meine Nerven machen nach ein paar Stunden Dauerbetrieb leider schlapp und darum muss ich euch trotz aller Zuneigung bitten, hin und wieder für eine oder zwei Stunden bei euren Eltern zu Hause Radau zu machen. Nur, damit ihr Mama Venditti nicht von ihrer genervten Seite kennen lernen müsst…

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Meine lieben Miteltern

Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…

Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.

Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.

Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.

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Ich bin die langweilige Mama

Die Mama, die am Sonntagnachmittag lieber schlafen will, als ins Hallenbad zu gehen. Die Mama, die sich einfach nicht dazu bewegen lässt, mit Luise Bäume auszureissen. Die Mama, die findet, nachmittags um halb fünf sei es zu spät, um noch einen Ausflug zu machen, mit dem Velo, zum Beispiel, oder nach Bern. Die Mama, die erklärt, sie brauche nun mal etwas mehr Ruhe, wo doch Papa an drei Wochenenden hintereinander weg gewesen sei und nun auch noch zwei Tage mit einem Käfer auf dem Sofa gelegen habe. Die Mama, die findet, es sei halt einfach etwas viel, wenn man Samstag und Sonntag den Laden auch noch alleine schmeissen müsse, immer nur Futter zubereiten, Küche aufräumen, wieder Futter zubereiten, wieder Küche aufräumen,… Die Mama, die behauptet, sie möchte ja schon etwas unternehmen, aber sie sei heute einfach zu müde, um sich aufzuraffen. Unsere Söhne kommen ganz gut klar mit der langweiligen Mama, aber Luise tut sich ziemlich schwer mit ihr.

So eine Mama hatte ich auch mal, nur hätte ich es nie und nimmer gewagt, sie dafür zu kritisieren. Klar fand ich das langweilig, aber so war es nun mal. Den Sonntagnachmittag verbrachte sie auch meist schlafend und dann griff ich eben zu Backbuch, Eiern, Mehl und Zucker. So lernte ich backen und meine Mama war danach wieder fit genug, um die Sauerei, die ich hinterlassen hatte, wegzuräumen.

Heute ist meine Mama längst keine langweilige Mama mehr. Im Gegenteil, sie ist die unterhaltsame Grossmama, bei der Luise und ihre Brüder Zuflucht finden, wenn Mama mal wieder langweilig ist. Sie spielt Spiele mit mit den Kindern, erzählt von früher, knetet mit ihnen und lässt sie im Spielzimmer herumtollen. Meist merke ich erst nach dem Mittagsschlaf, dass die Kinder wieder nach unten abgehauen sind. Dann plagt mich das schlechte Gewissen, weil unsere Kinder meine Mama am Mittagsschlaf gehindert haben.

Aber vielleicht ist das ja einfach der Lauf der Dinge. Vielleicht muss ich jetzt sonntags einfach ausgiebig mittagsschlafen, damit ich die unterhaltsame Grossmama sein kann, wenn Luise mal die langweilige Mama ist.

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Wunsch erfüllt

Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.

Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.

Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.

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Ja zum Kaninchen

Nein, auf Kaninchen hatte ich mich nie wieder einlassen wollen. Die Geschichte mit Elisa und Giuliano hatte mir gereicht. Die schwarze Elisa und der beigefarbene Giuliano, die „Meiner“ und ich einander unabhängig voneinander zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Zwei wurden nicht glücklich miteinander, darum suchte Elisa eines Tages das Weite, liess sich nicht wieder einfangen und wurde vom Hund des Nachbarn aufgefressen. Da wir Giuliano keine neue Gefährtin zumuten wollten, liessen wir ihn kastrieren und schenkten ihn einem einsamen verwöhnten Jungen. Noch einmal würden wir es nicht mit Kaninchen versuchen. Sind ja ohnehin nicht besonders interessant, diese Tiere, lassen sich nicht mal richtig streicheln. Zwar versuchte Luise mehrmals, mich umzustimmen, weil sie ja so gerne ein „Häschen“ haben möchte, doch ich liess nicht mit mir reden.

Dann bekam ich heute Morgen dieses winzige, handzahme Tierchen mit schneeweissem Fell und blauen Augen in die Hand gedrückt. Glaubt mir, ich wollte wirklich unbeeindruckt bleiben, denn eigentlich war ich ja wegen der Nymphensittiche gekommen, die nach dem Verschwinden der undankbaren Doris in unsere Volière einziehen sollten. Doch dann schmiegte sich dieses flauschige Tierchen an mich, legte die Ohren flach, als ich es streichelte und eroberte mein Herz. Von wegen Kaninchen lassen sich nicht richtig streicheln! Als die Besitzerin mir sagte, Kaninchen liessen sich problemlos mit Wachteln und Sittichen halten, wurde mir bewusst, dass es keinen einzigen Grund gibt, hart zu bleiben, wo ich doch ohnehin täglich meine Runde bei den Gefiederten machen muss. Damit sich das Schneeweisse nicht einsam fühlen muss, nahm ich ein Rabenschwarzes dazu, beides Weibchen, wie mir die Züchterin versicherte.

Jetzt sind sie also bei uns, die Zwei, sind offenbar ganz glücklich in ihrem neuen Zuhause und alleine schon Luises überglücklicher Blick überzeugte mich sofort, dass mein Ja richtig gewesen war.

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Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

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Keine Rücksicht

Wir leben in einem Land, in dem es dir abends um Viertel vor zehn passieren kann, dass du grob angefahren wirst, weil deine übermüdeten Kinder nach einem Ausflug, der ausnahmsweise etwas länger gedauert hat, im Familienwaggon des Zuges laut sind. Oh ja, sie waren wirklich laut, „Meiner“ und ich haben sie mehrmals darum gebeten, etwas leiser zu sein. Aber sie waren die einzigen Kinder, die Rutschbahn und Holzboot in Anspruch nahmen, es hatte genügend freie Plätze im Zug, so dass man unseren Kindern aus dem Weg gehen konnte, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen tobten nur dort herum, wo herumtoben ausdrücklich erlaubt ist und wir sassen gerade mal fünfundzwanzig Minuten lang in diesem Zug.

Darum antwortete ich, als ein junger Schnösel gehässig fragte, ob ich denn meinen Kindern nicht endlich sagen könne, sie sollten ruhig sein, dass ich dies weder tun könne noch wolle, weil wir hier im Familienwaggon seien. Wenn ihm der Kinderlärm nicht passe, solle er sich eben anderswo hinsetzen. Es sei ihm egal, ob das hier der Familienwaggon sei, es sei jetzt schliesslich abends um zehn und meine Kinder gehörten ins Bett, nicht in den Familienwaggon, schnauzte er mich an, doch für einmal weigerte ich mich, Rücksicht zu nehmen.

Weil wir an allen anderen Orten Rücksicht nehmen, oder es zumindest versuchen. Im Bus, im Laden, im gewöhnlichen Zugabteil, im Museum, beim Öffnen einer schweren Tür,an der Bushaltestelle, im Schuhgeschäft, auf dem Trottoir, auf dem Waldweg, im Café, im Schwimmbad, ja, sogar auf dem Spielplatz, wenn andere Kinder dort spielen – überall sind wir pausenlos damit beschäftigt, unsere Kinder zur Rücksichtnahme aufzufordern. „Geh zur Seite, da möchte jemand mit seinem Pferd durch“, tönt es auf dem Waldweg. „Nein, du kannst diese Türe nicht alleine öffnen, die Leute hinter uns werden schon ungeduldig“, erklären wir, wenn ein kleiner Mensch beweisen möchte, wie stark er ist. „Spring nicht ins Wasser! Die Frau dort drüben möchte nicht, dass ihr Haar beim Schwimmen nass wird“, ermahnen wir im Schwimmbad. Und wehe, wir weisen unsere Kinder nicht rechtzeitig in die Schranken!

Obschon es mich zuweilen gewaltig nervt, die Kinder pausenlos an der kurzen Leine halten zu müssen, so akzeptiere ich doch, dass es in einem kleinen, dicht besiedelten Land oft nicht anders geht. Wenn unsere Kinder sich aber an einem eigens für Kinder eingerichteten Ort wie Kinder aufführen, fühle ich mich nicht zur Rücksichtnahme verpflichtet. Auch dann nicht, wenn einer, der vor wenigen Jahren selber noch Kind war, felsenfest davon überzeugt ist, dass der Familienwaggon nur ein Familienwaggon ist, solange es draussen noch hell ist.

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Welche Weltanschauung darf’s denn heute sein?

Schlenderst du an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Innenstadt, wird dir spätestens nach fünf Minuten eine Weltanschauung angeboten. Mal sind es die Scientologen, die dich dazu bewegen wollen, dein Lebensglück bei ihnen zu kaufen, mal sind es Zeugen Jehovas, die dir den „Wachtturm“ schenken möchten, dann wieder sind es Politiker jeder Couleur, die dir sagen wollen, was du bei der nächsten Abstimmung auf den Zettel schreiben sollst. Heute warben wenige Schritte voneinander entfernt Moslems für mehr Interesse am Islam und konservative Christen für mehr Interesse am Christentum. Es war ganz unterhaltsam, zu beobachten, wie verschleierte Frauen und Frauen in langen Röcken einander gegenseitig zu bekehren versuchten. Wenn ich mich nicht irre, waren sie gerade dabei, Traktate auszutauschen, als das Prinzchen und ich an ihnen vorbeigingen.

Währenddem wir in Richtung Bushaltestelle gingen, sinnierte ich darüber nach, ob die beiden Frauengruppen sich nicht ähnlicher sind, als ihnen lieb sein kann und ob ich als aktive Kirchgängerin überhaupt so etwas denken darf über andere Christinnen. Vor lauter Nachdenken merkte ich nicht, dass ich einem Unterschriftensammler direkt in die Arme lief. Er sei gegen die Sexualerziehung an den Schulen, erklärte er mir, als ich ihn fragte, worum es denn gehe. Es könne doch nicht sein, dass der Staat überall seine Finger drin habe und das würde ja auch Millionen kosten und… Ich unterbrach seinen Redeschwall und erklärte ihm, dass in meiner idealen Welt, von der ich jeweils träume, die Eltern für eine sorgfältige und kindergerechte Sexualerziehung zuständig seien und dass „Meiner“ und ich diese Verantwortung auch wahrnehmen, dass es aber in der realen Welt, in der ich lebe, leider auch Fünfjährige gebe, deren Sexualerziehung darin bestehe, dass ihnen der grosse Bruder einen Porno zeige. Das sei aber gar nicht gut, fand der Mann, aber der böse Staat und die bösen Lehrer und die verdorbene Welt…

Wieder sah ich mich dazu gezwungen, den Redeschwall zu unterbrechen. Es sei doch keine Lösung, nur zu schimpfen, man müsse doch Wege finden, wie Kinder, deren Eltern sich nicht um die Sexualerziehung kümmern, auf eine angemessene Art aufgeklärt werden. Es wäre ja schön, wir hätten lauter intakte, glückliche Familien in der Schweiz, doch leider sei ich schon zu vielen Eltern begegnet, die nichts auf die Reihe kriegen. „Na, dann sollen diese Leute eben keine Kinder bekommen“, schnauzte mich der Unterschriftensammler an und wandte sich einem neuen – hoffentlich weniger widerspenstigen – Opfer zu.

Gerne hätte ich den Mann darauf hingewiesen, dass eine anständige Sexualerziehung vielleicht im einen oder anderen Fall verhindert hätte, dass junge Menschen Eltern werden, ehe sie reif dazu sind. Stattdessen nahm ich das Prinzchen an der Hand und ging. Auf dem Weg zur Bushaltestelle machte ich einen weiten Bogen um alle, die mit Klemmbrettern und Handzetteln herumstanden.

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