Programmänderung

Weil es in unserer Wohngemeinde seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist, dass es am Wochenende, an dem das Schulhausfest stattfindet, geregnet hat, hat man irgendwann damit aufgehört, ein Schlechtwetterprogramm vorzubereiten. Wenn die Wetterfrösche zu Beginn der Woche auf Samstag eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Regen voraussagen, nimmt dieser Prognose keiner so richtig ernst, denn die Erfahrung zeigt, dass es an diesem bestimmten Wochenende gar nicht regnen kann. Es wird heiss sein, wie immer. Der Wetterdienst aber hält stur an seiner Prognose fest und irgendwann, am Freitagmorgen überlegen sich die Verantwortlichen, ob sie vielleicht doch allmählich eine Schlechtwettervariante präsentieren müssen. 

Diese Schlechtwettervariante sieht dann so aus: Das Rennen um den Titel des schnellsten Läufers des Jahrgangs wird abgesagt, oder vielleicht auch auf nach den Sommerferien verschoben, das weiss man jetzt noch nicht so genau, wir werden dann sehen. Die vorbereiteten Spiele finden nicht statt, die Vorführungen, für welche die Schüler geübt haben, jedoch schon und zwar im Casinosaal, ääääh, nein, vielleicht ist das Kirchgemeindehaus doch besser geeignet, dann machen wir es doch dort. Die Verpflegung, die man für hunderte von Schülern eingekauft hat, wird im Klassenverband gestaffelt eingenommen, damit kein Gedränge entsteht. Die Kindergärtner versammeln sich um 11 Uhr bei der Kirche und werden dort um 11:45 wieder entlassen. Die Viertklässler treffen sich 45 Minuten später beim Schulhaus, die Sechstklässler um 12 Uhr beim Hauswirtschaftsschulhaus. Bei den Zweitklässlern steht dort, wo stehen sollten, wann sie wo ihr Essen bekommen sollen „Siehe 2. Brief!“ und im zweiten Brief erfährt man, dass die Kinder um 11 Uhr im Schulzimmer erwartet und irgendwann – die Zeit wird nicht angegeben – beim Hauswirtschaftsschulhaus wieder entlassen werden. Gott sei Dank habe ich erst vier schulpflichtige Kinder, sonst könnte die Sache ein wenig unüberschaubar werden.

Schülerdisco und Werkausstellung finden statt und die Zweitklässler sind gebeten, ihre ausgestellten Gegenstände am Sonntagnachmittag wieder abzuholen. Die Sechstklässler sollen dies bitte erst am Montagmorgen vor Unterrichtsbeginn tun, bei den Viertklässlern weiss keiner so recht, wann der richtige Zeitpunkt zum Abholen gekommen ist. Und wir bedauernswerten Eltern sind darum gebeten, gemeinsam mit den bedauernswerten Lehrern den Überblick nicht zu verlieren, damit die bedauernswerten Kinder doch noch so etwas wie ein Fest erleben dürfen. Glaubt mir, ich bin von Herzen froh, dass die Wetterfrösche das heutige Wetter richtig vorausgesagt haben. Man stelle sich das Chaos vor, das entstanden wäre, hätte man eine Programmänderung an der Programmänderung vornehmen müssen.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder übertreiben? Dann müsst ihr es eben mit euren eigenen Augen sehen:

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Wenn…dann

Wenn…

…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…

…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…

…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…

…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…

…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…

…dann

bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.

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Margerite

Es gibt ein einziges motorisiertes Gefährt, das mich zum Träumen verleitet, nämlich der „Döschwo„. Wann immer ich einen sehe, rufe ich: „Habt ihr gesehen, Kinder? Das war ein Döschwo. Sollte ich je Geld haben, das ich zum Fenster hinaus werfen kann, dann kaufe ich mir einen…“ Dann erzähle ich von dem Prachtstück in Bordeaux und Schwarz, in welches meine Eltern jeweils ihre drei jüngsten Kinder und den riesigen, kinderfeindlichen Köter quetschten und über Land tuckerten. Und wenn die Kinder dann wissen wollen, weshalb meine Eltern das Auto nicht behalten haben, erzähle ich von dem Dieb, der einmal, als mein Vater in Paris war, das Dach der armen, kleinen Ente aufschlitzte und die Kamera, die auf dem Sitz lag, entwendete. 

Neulich, als Luise und ich miteinander unterwegs waren, sahen wir ein ähnliches Prachtexemplar. Rabenschwarz, blank poliert und über und über mit Margeriten verziert. Wir zwei, die wir sonst keinem Auto Beachtung schenken, es sei denn, der Fahrer falle uns auf die Nerven, blieben stehen und sahen dabei zu, wie die Fahrerin versuchte, ihren Döschwo zwischen zwei Offroader zu zwängen. Die Frau war mir auf Anhieb sympathisch, nicht nur, weil sie das Gefährt meiner Träume fuhr, sondern auch, weil sie und ihre Ente sich durch die bedrohlichen Monster nicht im Geringsten beeindrucken liessen.

Ich stellte mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich die Frau am Steuer wäre, als Luise mich fragte: „Mama, warum hat die Frau ihr Auto eigentlich mit dem ‚Implenia‘-Logo verziert?“ Schlagartig erwachte ich aus meinen Träumen. Was hänge ich auch alten Zeiten nach? Die Strasse gehört längst nicht mehr den Döschwos, sondern den Offroadern und die Margerite ist auch für kleine Mädchen zum Erkennungszeichen eines Baukonzerns geworden.

Und weil ich für diesen Baukonzern nicht werben will, gibt’s heute eben eine Mohnblume.

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Wir haben noch zu tun…

Wenn ich euch jetzt sage, dass ich ein  wenig gestresst bin weil…

…das Schuljahr zu Ende geht, alle Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben und darum in die letzten Tage noch Prüfungen, Schulreisen und Sonderprojekte gequetscht sein wollen,
…“Meiner“ nach den Sommerferien eine neue Klasse übernimmt und deshalb mehr in der Schule als zu Hause ist,
…die Kätzchen sich weigern, stubenrein zu werden,
…die Buchprojekte noch einen allerletzten Schliff nötig hatten,
…die Ferien vorbereitet sein wollen, damit wir auch wirklich einen Monat lang voll und ganz weg sein können,
…vorher unbedingt noch ein paar Schreibaufträge erledigt sein wollen,
…der Garten auf meine Abwesenheit vorbereitet werden muss,
…das Prinzchen beim Zahnarzt noch einmal seine Zähne zeigen muss,
…zwei Freundinnen angekündigt haben, dass sie mir vor den Ferien unbedingt noch das Herz ausschütten möchten,
…die Kinder einerseits übermüdet, andererseits aber auch völlig aufgedreht sind,
…am Samstag Schulhausfest ist, wo unsere Kinder entweder sein wollen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt und bitte keine Sekunde zu spät sein müssen,

…dann nickt ihr jetzt alle verständnisvoll, denn ihr wisst genau, wie es an solchen Tagen in einem mütterlichen Gehirn aussieht. Nämlich so:

„Luise sollte noch abgefragt werden, aber zuerst muss ich noch die Katzensch…, Mist, jetzt hat schon wieder eines auf den Fussboden gepinkelt… oh je, kein Kakaopulver mehr, muss ich noch einkaufen, Milch, Joghurt und Käse auch, aber auf keine Fall zu viel, sonst muss ich das Zeug vor den Ferien wieder verschenken und es ist doch keiner zu Hause…Wie soll ich bloss Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter beibringen, dass wir nicht bereit sind, das ganze Set mit Portrait- und Klassenfotos zu kaufen? 57 Franken pro Kind ist ganz schön viel und die wollen einem ja noch Mausmatten mit dem Kinderfoto andrehen. Was sollten wir auch mit vier Mausmatten anfangen? Heutzutage hat doch keiner mehr Mausmatten…Wer ruft denn um diese Zeit schon an? Wird wohl für Familie Hamchiti sein, lassen wir es läuten…Warum bringen es unsere Kinder noch immer nicht fertig, sich ihre Unterwäsche selber zu holen? Als ich in Prinzchens Alter war…ach, was soll’s, ich muss mir ja auch noch Kleider holen gehen…Himmel, dieser Wäscheberg, der muss auch noch abgetragen werden, ehe wir verreisen, hmmm, die Badezimmer müssen auch noch geputzt werden, könnte ich heute Nachmittag machen, wenn „Meiner“…nein, das geht gar nicht, „Meiner“ bleibt ja heute länger in der Schule, weil er die Eltern seiner Schüler…Aber was mache ich dann mit Luise? Die muss doch um halb zwei…aber um halb zwei hätte ich diesen Termin. Was mache ich da bloss? Natürlich mal wieder verschieben, meine Arbeit muss ja immer hinten anstehen…mal sehen, wann ginge es denn sonst noch? Am Freitag? Da hat „Meiner“ noch Elterngespräche…dann eben am Montag? Geht auch nicht, dann machen wir noch das Geschenk für die Lehrerin – stimmt, ich muss ja noch Kaffeesirup einkochen – also, Montag geht auch nicht, Dienstag auch nicht, dann habe ich diesen Termin in Zürich…dann wird es eben Mittwoch, aber ich muss Prinzchens Zahnarzttermin verschieben…Ach ja, ein Dauerrezept für meine Asthma-Medikamente muss ich noch bestellen und die Bücher für „Meinen“ und dann brauchen wir noch Katzen-, Vogel- und Wachtelfutter für vier Wochen…was machen wir eigentlich mit all den Eiern, die die Wachteln legen, wenn wir in Schweden sind?…So ein blöder Mist! Luise braucht noch ein Picknick für die Schulreise…Wann geht denn eigentlich Karlsson auf die Schulreise? In zehn Tagen sind Sommerferien und der Lehrer hat noch immer kein Datum bekannt gegeben…So, jetzt müssen die aber wirklich los, sonst kommen sie zu spät. Und Zoowärter muss noch die Schnecken mitnehmen, die er vorgestern für den Kindergarten gesammelt hat, sonst gehen die armen Viecher noch ein in der engen Box…oder sie finden einen Ausweg und plötzlich habe ich die Küche voller Weinbergschnecken…Hmmm, was koche ich eigentlich heute? Nichts, das viel Zeit braucht, ich muss ja noch diese Kolumne…ich hoffe bloss, die anderen wecken das Prinzchen nicht auf, sonst schaffe ich den Text wieder nicht bis zum Abgabeter…Bravo! Prinzchen ist wach! Warum um Himmels Willen müssen die immer so laut sein am Morgen? Das wird mir wieder ein Spass mit dieser Kolumne…Mails sollte ich auch noch beantworten, die Leute glauben bestimmt schon, ich hätte sie vergessen…stimmt, die Rechnungen noch…und die Juniorkarte für die Kinder…und Reiseproviant…Geld wechseln, wenn nach den Rechnungen noch etwas da ist…nachfragen, warum mein E-Banking nicht funktioniert…Betten frisch beziehen…Katzenstreu kaufen…und jetzt klingelt es auch noch an der Türe und ich freue mich ja eigentlich so, dass jemand mit mir Kaffee trinken möchte, aber ich muss doch unbedingt noch einkaufen bevor…“

Und das alles, bevor der Tag überhaupt richtig angefangen hat…

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Wir Fünffachmütter

Heute Vormittag, als ich am Küchentisch sass und die Erbsen, die ich soeben geerntet hatte, aus ihren Schoten klaubte, setzte sich Katze Henrietta neben mich aufs Fensterbrett und warf mir aus nur halb geöffneten Augen einen sehr müden Blick zu. „Ich weiss, was du meinst“, sagte ich seufzend zu ihr und es war mir, als würde sie zustimmend nicken. „Fünf Kinder, die alle immer zur gleichen Zeit etwas von dir wollen, kaum hast du es dir irgendwo bequem gemacht, rufen sie schon wieder nach dir, und sobald sie gross genug sind, fressen sie dir das Essen vom Teller weg“, fuhr ich fort. Ihrer schweigsamen Natur entsprechend sagte Henrietta nichts, doch ihr Blick sagte mir, dass sie mich sehr wohl verstanden hatte und so fühlte ich mich frei, ihr mein Herz auszuschütten. „Oh ja, sie sind ein Geschenk, die fünf, das siehst du bestimmt genau so wie ich. Aber fühlst du dich nicht auch manchmal so schrecklich müde?“ Henrietta gähnte und gab mir damit zu verstehen, dass es ihr gleich geht wie mir. „Wäre es nicht wunderbar, einmal so richtig auszuspannen, den Tank mal wieder aufzufüllen?“ Henrietta streckte sich und hätte wohl demnächst zu schnurren angefangen, wären nicht in dem Moment ihre fünf Kinder nicht laut miauend in die Küche gestürmt gekommen. Wäre Henrietta ein Mensch, hätte sie tief geseufzt, so aber sprang sie ziemlich lustlos vom Fenstersims herunter und liess sich von ihren Kleinen bestürmen. 

Unser Zusammentreffen war nur kurz, aber ich rede mir ein, wir beide hätten von diesem Austausch unter Fünffachmüttern profitiert. 

Nein, bitte, schickt mir jetzt keinen Psychiater ins Haus, ich bin einfach nur ferienreif.

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Du bist ja soooo altmodisch…

Aber natürlich war ich darauf vorbereitet, dass Karlsson uns bald einmal furchtbar altmodisch finden würde, bloss die Art und Weise, wie sich dies äussert, überrascht mich ziemlich. Neulich unterhielten wir uns über die angemessene Garderobe beim Konzertbesuch. „Also Jeans und Hemd geht gar nicht“, sagte Karlsson bestimmt. „Na ja, es kommt ein wenig auf den Anlass an. Wenn es nicht allzu formell ist, finde ich das nicht so schlimm“, antwortete ich. „Nein, Klassik und Jeans, das passt ganz und gar nicht“, insistierte Karlsson. „Ich finde…“, wollte ich einwenden, doch Karlsson unterbrach mich: „Mir ist schon klar, dass du das anders siehst, Mama. Zu deinen Zeiten wart ihr ja alle irgendwie verfilzte Hippies, die Lehrer wie die Schüler. Kein Anstand alle zusammen und die Lehrer kamen bestimmt immer bekifft zum Unterricht.“

Ich bemühte mich, meinem Sohn zu erklären, die Achtziger und Neunziger seien nie und nimmer so wild gewesen, wie er sich dies vorstellt, doch in seinen Augen bleiben wir wohl prinzipienlose Taugenichtse, die sich an keine Regeln halten wollen. Vollkommen altmodisch eben, denn der heutige Teenager weiss spätestens mit vierzehn, was sich gehört und wie hoch hinaus ihn seine Karriereleiter führen soll. Ich frage mich, ob die heutige Jugend überhaupt noch Zwischenjahre einschaltet, oder ob man so etwas inzwischen als vergeudete Zeit ansieht.

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Schon wieder…

Noch einmal so ein Anlass, bei dem ich erkennen musste, dass ich einfach nicht mehr ins Bild passe: Kindergartenbesuch mit dem Prinzchen, die meisten Mütter mit dem ersten Kind, eine oder zwei mit dem Zweiten und ich mit dem Fünften. Wäre ich mit dem dritten Kind hier, würde ich von den anderen Müttern wohl als wandelnder Kindergartenratgeber angesehen, so aber bin ich in den Augen der anderen die abgebrühte Mehrfachmama, die sich nicht mehr richtig um ihren Nachwuchs sorgen mag.

Es ist ja auch wirklich schlimm, was ich da von mir gebe. Die Mamas empören sich über den schlimmen Schulweg, ich teile zwar ihre Meinung, dass es durchaus ein paar gefährliche Stellen gibt, merke dann aber noch an, es sei doch erstaunlich, wie gut die meisten Kinder mit diesen Gefahren umzugehen wüssten und dass ein Kind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger Begleitung benötige. Mit entrüsteten Blicken gibt man mir zu verstehen, dass ich mit meiner Aussage ziemlich daneben liege. Naiv, wie ich bin, schweige ich nicht, sondern merke an, die Strasse, von der die Rede ist, sei schon länger ein Thema, man könne ja vielleicht bei der Gemeinde noch einmal nachhaken, ob inzwischen konkrete Sicherheitsmassnahmen geplant seien. Mist, schon wieder das Falsche gesagt. Nachhaken war nämlich populär, als unsere Ältesten in Prinzchens Alter waren, heute bevorzugt man Hilfe zur Selbsthilfe, was ich übrigens vollkommen okay finde. Als ob ich mich nicht schon genug in die Nesseln gesetzt hätte, bitte ich ein paar Minuten später meine Mitmütter darum, mich nicht weiter nach einem bestimmten Thema zu fragen, weil ich mich dazu momentan nicht äussern möchte.

Innert wenigen Minuten ist es mir gelungen, einen ziemlich schlechten Eindruck zu hinterlassen und das alles nur, weil es mir nach all den Stunden, die ich schon an solchen Anlässen verbracht habe, nicht mehr gelingen will, nett lächelnd allem beizupflichten, was in der Runde gesagt wird.

Und wo ich heute schon dabei war, meinen Ruf zu schädigen, habe ich abends auch noch fröhlich mit Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter im Schwimmbad herumgeblödelt und sie von Kopf bis Fuss nass gespritzt. Ein Blick auf all die trockenen Mamas am Beckenrand überzeugte mich davon, dass eine richtige Mama auch das nicht tut. Solche Dinge überlässt man den Papas…

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Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Ente in High Heels

Jetzt, wo der Sommer mit Wucht über uns hereingebrochen ist, werden wir Mamas und Papas dazu gezwungen, unsere Liegestühle und Gartenbeete hinter uns zu lassen, denn wir müssen unsere Kinder zum Bahnhof bringen, wenn es auf Schulreise geht, wir werden im Schulhaus erwartet, weil die Knöpfe zum ersten Mal Schulhausluft schnuppern dürfen, oder man bittet uns zum letzten Schülerkonzert der Saison. Weil „Meiner“ das ganze Programm jeweils mit seiner Klasse durchspielt, bleibt es meistens mir überlassen, die Familie Venditti bei solchen Gelegenheiten zu vertreten. Immer öfter fällt mir dabei auf, dass ich immer weniger ins Bild passe. Mir fehlt die Mama-Kluft, die in den vergangenen Jahren bei uns in der Provinz in Mode gekommen ist. 

Die Mama-Kluft setzt sich zusammen aus hautengem Tank-Top, vorzugsweise quergestreift oder mit grellem Aufdruck über der Brust, 3/4-Hose oder Leggings und Crocs. Das Haar wird zum streng nach hinten gezogenen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Sonnenbrille ist so geschickt in den Haaransatz geschoben, dass sich erst auf den zweiten Blick zeigt, wie dringend nachgefärbt werden müsste. Diese Kluft tragen fast alle Mütter, ob sie nun spindeldürr, kugelrund oder hochschwanger sind und irgendwie sehen darin alle weniger hübsch aus, als sie es wären. 

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Mama-Kluft kaum von dem Kleidungsstil anderer Frauen zwischen dreissig und fünfundvierzig, die mehr Wert auf Tragbarkeit als auf Stil legen. Woran aber erkennt man, dass die Crocs-Trägerin eine Mama ist? An den Tattoos, natürlich. Neben den üblichen Modesujets, die jeden Tätowierer, der etwas auf Individualität gibt, erschaudern lassen, haben sich die Mamas nämlich die Namen oder zumindest die Initialen ihrer Kinder stechen lassen. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Auftritt einer Mutter, dass ich mich frage, ob man heutzutage bei der Anmeldung ins Spital angeben muss, ob man den Namen des Kindes schon im Gebärsaal tätowiert haben möchte, oder erst bei der Nachkontrolle sechs Wochen später. Die Scheusslichkeit der meisten Schriftzüge lässt darauf schliessen, dass die Mamas sich für das Stechen im Gebärsaal entscheiden, wo die überwältigenden Glücksgefühle über die Geburt des neuen Menschleins jeden guten Geschmack vergessen machen. So bleiben die Mamas ein Leben lang von der Geburt gezeichnet.

Ich muss gestehen, dass ich bis auf meinen stets grauer werdenden Haaransatz so gar nicht mithalten kann mit den anderen Mamas. Es beruhigt ungemein, dass auch noch eine Handvoll anderer Mütter nicht in dieses Bild passen will, denn ansonsten müsste ich mich fragen, ob eine ganze Müttergeneration vom Wege des halbwegs ansprechenden Stils abgekommen ist. 

Ich will damit übrigens keineswegs behaupten, ich käme stets wie aus dem Ei gepellt daher. Im Gegenteil, oft sehe ich aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gepurzelt. Doch offenbar besitze ich noch einen Hauch von Eitelkeit, der mir verbietet, meine Speckröllchen und Schwangerschaftsstreifen jedem zu zeigen, der mir über  den Weg läuft. Und was die Namen meiner Kinder angeht: Die muss ich mir nicht tätowieren lassen, denn jeder im Dorf weiss, dass die fünf zu mir gehören. Und überhaupt, ich mit Tattoo, das wäre etwa so wie, eine Ente in High Heels. Ich meine eine richtige Ente, nicht Daisy Duck…

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Schwärmerisch

Da stehe ich also vor meinen üppig wuchernden Erbsen und breche die erste reife Schote ab, öffne sie und zeige den Inhalt dem Prinzchen. „Sind da wirklich so viele drin?“, fragt er staunend und probiert zum ersten Mal in seinem Leben eine erntefrische Erbse. Unbeschreiblich, diese Frische, diese Süsse, dieser Genuss. Weil das Prinzchen glaubt, nach einer einzigen kleinen Erbse müsse man gleich zur Zahnbürste greifen, setze ich meinen Gartenrundgang alleine fort. Die Tomatenpflanzen, die wegen der Kälte eben noch klein und mickrig waren, haben sich nach wenigen Sonnenstunden prächtig entwickelt, die Krautstiele, welche der Regen beinahe ertränkt hätte, werden in wenigen Tagen gross genug sein, um in der Pfanne zu landen, die Tigermelone wuchert nach allen Seiten, die Kamillenblüten sind so gross und aromatisch wie noch nie, den Salatköpfen kann man beim Wachsen beinahe zuschauen. 

Unfassbar, was aus den winzigen Samen, die ich im Februar in die Erde gedrückt habe, geworden ist. Und dies trotz Kälte, heftigem Wind, Mangel an Sonnenlicht und viel menschlichem Gejammer. Eine unglaubliche Vielfalt, die aus nicht viel mehr besteht als aus Wasser und Licht und alles, was ich dazu beitragen kann, ist regelmässiges Giessen, ein erbarmungsloser Kampf gegen die Nacktschnecken und ab und zu ein wenig Brennessel-Gülle.

Es gelingt mir nicht, mein Staunen in Worte zu fassen, mein genüssliches Schmatzen, wenn ich in eine süsse, sonnenwarme Erdbeere beisse, muss reichen. Ja, ich weiss, ich bin heute ziemlich schwärmerisch, aber was erwartet ihr von einer, die sich inzwischen dabei ertappt, wie sie mit ihren Randen redet?

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