Nahtlos

Was uns gestern (oder so) noch beschäftigte:

Krippe und wenn ja, wie viel darf es kosten? Oder vielleicht doch lieber auf ein zweites Einkommen verzichten? Läuft das finanziell etwa aufs Gleiche hinaus? Und abgesehen von den Finanzen: Wie viele Stunden in der Woche sollen die Kinder fremdbetreut sein? Oder könnte man mit geschicktem Jobsharing die Fremdbetreuung gänzlich umgehen? Und wie steht’s mit den Kräften? Liegt noch Freizeit drin neben Kindern, Job und Haushalt? Zeit für uns, Zeit für die ganze Familie, die nicht verplant ist? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird?

Viel Zeit ist noch nicht vergangen seither, und schon lauten die Fragen:

Geht’s noch eine Weile in ihren eigenen vier Wänden? Oder bei uns? Oder vielleicht doch ins Pflegeheim und wenn ja, für wie lange? Vorübergehend? Für immer? Was ist gut für sie? Gesundheitlich? Finanziell? Und was ist gut für uns? Wo braucht sie uns und wo müssen andere einspringen? Wo liegt ihre Schmerzgrenze, wo die unsere? Wann ist ein Ja gefordert, wann ein Nein erlaubt? Liegt noch Familienleben drin, oder muss jetzt alles andere hintanstehen? Und wo ist die Notbremse, falls es mal zu viel wird? 

Mein liebes Leben, ich weiss, dir ist ziemlich egal, was ich denke, aber manchmal wünschte ich mir, du hättest uns zwischen diesen beiden Phasen eine etwas längere Verschnaufpause gegönnt. 

broken dreams; prettyvenditti.jetzt

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Wer betreut denn da?

Weil Ende November Abstimmung ist, diskutiert man mal wieder über das richtigere Familienmodell. Noch habe ich mich nicht definitiv auf ein Ja oder ein Nein festlegen können, doch bereits habe ich die Nase gestrichen voll von dem Geschwätz über Familien, die „ihre Kinder selber betreuen“. Da soll mir doch mal einer die Schweizer Durchschnittsfamilie zeigen, die ihre Kinder nicht selber betreut.

Ja, ich weiss, es gibt Kinder, die tagsüber in der Krippe sind, einige etwas häufiger, andere etwas seltener. Manche sind an zwei oder drei Tagen pro Woche bei den Grosseltern oder bei einer Tagesmutter, in einigen Familien hilft man sich mit einem Au-Pair. Meines Wissens schliessen aber Krippen irgendwann, meist so gegen 18:30 Uhr, Tagesmütter erwarten, dass die Kinder am Abend abgeholt werden, Grosseltern bestehen meist darauf, früh zu Bett zu gehen und sogar Au-Pairs haben ein Anrecht auf Feierabend, auch wenn dies längst nicht allen Au-Pair-Familien passt. Es soll mir bloss keiner weismachen wollen, Kinderbetreuung lasse sich auf die Öffnungs- und Arbeitszeiten des gewählten Betreuungsmodells beschränken.

Oder kennt etwa einer von euch einen Vater, der mitten in der Nacht zu seinem kreidebleichen Kind sagt: „Tut mir Leid, du kannst jetzt nicht kotzen. Die Krippe öffnet erst um halb sieben wieder. Bis dahin musst du dich gedulden, ich bin nicht für deine Betreuung zuständig.“ ? Oder eine Mutter, die ihr Kind von der Tagesmutter abholt, es zu Hause ins Zimmer steckt und sich einen netten Abend macht? Oder Eltern, die am Mittwoch zu ihrem Kleinkind sagen: „Hör mal, eine normale Arbeitswoche hat 42 Stunden und wir haben uns diese Woche bereits 50 Stunden um dich gekümmert. Wir weigern uns, weitere Überstunden für dich zu schieben. Geh zu Oma, wenn du unbedingt betreut sein willst.“

Viele Eltern in der Schweiz delegieren einen Teil ihres Rund-um-die-Uhr-Betreuungsjobs an andere Personen, kümmern sich aber ausserhalb ihrer Arbeitszeiten sehr wohl intensiv um ihren Nachwuchs. Gewöhnlich lassen sie auch alles stehen und liegen, falls ihr Kind sie während ihrer Arbeitszeit braucht. So zu tun, als würden nur Familien, bei denen Mama – und bitte nicht Papa! – zu Hause bleibt, ihre Kinder selber betreuen, ist eine Frechheit.

Zumal sogar Mamas, die auf eine Arbeit ausser Hause verzichten, ganz froh sind, wenn der Nachwuchs hin und wieder ein paar Stunden bei Nachbars spielt. 

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Lasst uns Eltern doch (nicht) in Ruhe!

Jetzt ist mir endlich klar, weshalb aus mir nichts Rechtes hat werden können. Als jüngstes von sieben Kindern sehr selten im Kontakt mit Kindern, die nicht meine Geschwister waren, keine Spielgruppen – erst recht keine Krippenerfahrung, fast ausschliesslich von meiner Mutter betreut, erst mit sechs in den Kindergarten und das auch nur ein Jahr lang. Das konnte ja nicht gut kommen. Eine „psychosoziale Versorgungslücke“ entsteht so offenbar, wie ich heute in einer Sonntagszeitung lese. Weil die Kinder hierzulande so viel später als in anderen Ländern dem Bildungssystem zugeführt werden und somit viel zu spät in Kontakt mit Fremdbetreuung, Erwachsenen ausserhalb ihrer Familie und anderen Kindern kommen. Dadurch entstünden Lücken „die während der ganzen Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden“ könnten. Aha, darum also meine unterdurchschnittlichen Mathe-Ergebnisse. Fragt sich bloss, wie ich dann trotzdem die Matura geschafft habe…

Nun gibt es zum Glück wohlmeinende Menschen in der Schweiz, die diesen Missstand zu beheben gedenken, indem man Dreijährige an mindestens vier Halbtagen pro Woche auf den Kindergarten vorbereiten will. Das soll zwar freiwillig sein, zielt aber klar auch auf Kinder ab, die mit Geschwistern aufwachsen. Die Kleinen würden eben lieber mit den Kindern aus der Kita zusammensein als mit der kleinen Schwester. Was gut sein mag, denn die Kinder in der Kita muss man ja auch nicht Tag und Nacht ertragen, die kleine Schwester hingegen…Na ja, was weiss ich schon, ich hatte ja keine, ich war sie… Also ab in die Kita mit den Dreijährigen, damit wir „das EU-Bildungsniveau einholen“, wie es weiter in dem Artikel heisst.

Diese Haltung nervt. Als ob ein Kind nicht auch auf dem Spielplatz, im Wohnquartier oder beim Muki-Turnen den Umgang mit anderen Kindern lernen könnte. Als ob wir Eltern uns mit unserem Nachwuchs abschotten und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegen würden. Als ob wir bei jedem Schritt unserer Kinder nur die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vor Augen hätten. Als ob Mütter und Väter, Grosseltern und Tanten nicht auch sehr viel Wertvolles an die Kinder weiterzugeben hätten.

Mich nervt aber nicht alleine diese Sicht, sondern auch die reflexartige Ablehnung des Vorschlags auf der anderen Seite des politischen Spektrums. „Ich bin der Meinung, dass man Kinder bis zum obligatorischen Schulbeginn Kinder sein lassen soll“, tönt es aus dem bürgerlichen Lager sogleich zurück, gerade so, als würden die Kleinen in der Kita den Satz des Pythagoras und das Periodensystem der chemischen Elemente pauken. Gerade so, als gäbe es keine Familien, in denen den Kindern das Kindsein verwehrt bleibt, weil die Mama sie mit ihren psychischen Problemen belastet und der Papa säuft. Gerade so, als gäbe es keine Einwandererfamilien, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, wodurch die Kinder tatsächlich den Anschluss verlieren, weil sie die Landessprache nicht beherrschen.

Ich wünschte mir, dass man endlich aufhörte, mit „entweder/oder“, „alle oder niemand“ zu argumentieren. Was für das eine Kind dringend nötig wäre, ist für das andere schlicht verschwendetes Geld, weil es das, was man ihm bieten will, in der eigenen Familie gratis bekommt. Wie habe ich sie doch satt, diese Politiker, die sich mit dem Thema eine ideologische Schlammschlacht liefern, um Wählerstimmen zu gewinnen. Wie sehr gehen mir jene Eltern auf die Nerven, die aufgrund ihrer eigenen – meist günstigen – familiären Situation darauf schliessen, dass es bei allen anderen doch auch reibungslos klappen sollte. Setzt euch doch endlich mal an einen Tisch und überlegt euch, wie man bestehende Problemen löst, ohne neue Zwänge für alle zu schaffen.

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Und plötzlich ist alles wieder ganz anders

Ganz unvermittelt sind wir seit heute wieder au-pair-los. Die Gründe spielen hier keine Rolle, wichtig für uns alle ist nur, dass weder sie noch wir an dem abrupten Ende Schuld sind. Ja, wir werden sie vermissen, denn wir haben sie wirklich gern bei uns gehabt, aber es geht nun mal nicht anders. Manchmal macht das Leben einfach was es will und dann sieht eben alles anders aus als geplant.

Wäre mir das Gleiche vor anderthalb Jahren passiert, ich wäre in Panik ausgebrochen. Wie sollte ich den Tag bloss überstehen ohne ein Au Pair, das mir unter die Arme greift? Wie den Haushalt schmeissen, wo die Kinder unterbringen, wenn Arbeit erledigt werden musste, wie die Nerven behalten bis zum Abend, wenn „Meiner“ zurückkommt? Heute ist das alles zum Glück nicht mehr ganz so schlimm, was vor allem daran liegt, dass ich dabei mitgeholfen habe, eine Familienzentrum aufzubauen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich bei uns im Dorf keinen Betreuungsplatz gefunden, heute reicht ein Anruf und meine beiden Jüngsten sind bestens versorgt. Wie oft musste ich mir in den vergangenen Monaten die Frage gefallen lassen, weshalb ich mich denn so sehr für eine Einrichtung einsetzen würde, das könnten doch andere Menschen mit weniger Kindern tun. Heute kann ich sagen: Zum Glück bin ich drangeblieben, auch wenn ich damals nicht damit gerechnet hätte, dass ich selber jemals in diesem Ausmass von dem Angebot profitieren würde. 

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, weshalb au-pair-lose Zeiten für mich keinem Weltuntergang mehr gleichkommen. Ich fürchte – und das sage ich ohne jeglichen Stolz – dass ich mich inzwischen mit einem gewissen Ausmass an Chaos abgefunden habe. Zwar muss ich immer mal wieder die Perfektionistin in mir niederringen, zwar kommt hin und wieder das nackte Grauen über mich, wenn ich all das Durcheinander sehe, aber ich fürchte, dass ich im Grossen und Ganzen resigniert habe. Ja, ich weiss, ich bin noch zu jung für sowas, aber was soll ich denn tun, wenn bei uns der Küchenfussboden sechsmal täglich gewischt wird und abends dennoch aussieht, als hätte eine Horde wilder Affen ein Picknick abgehalten? Klar, ich raffe mich immer und immer wieder zum Saubermachen auf, aber das mit der Ordnung, wie sie mir tief in meinem Innersten entsprechen würde, habe ich mir für die kommenden zehn Jahre abgeschminkt. Und deshalb macht es wohl auch keinen entscheidenden Unterschied mehr, ob ein Au Pair dabei mithilft, den ewig gleichen Mist wegzuräumen, oder ob „Meiner“, die Kinder und ich den aussichtslosen Versuch starten, dem Chaos fast ohne fremde Hilfe – die Putzfrau haben wir ja noch – Herr zu werden.

Man sieht also, wir werden das schon hinkriegen. Nur eine Sache macht mir ernsthaft Bauchweh: Was geschieht mit meinem Schreiben, jetzt, wo die Möglichkeit wegfällt, mich mitten am Tag ganz spontan ein paar Stunden ins Büro zurückzuziehen, während das Au Pair auf die Kinder aufpasst? Sieht ganz danach aus, als müssten „Meiner“ und ich den Lebensumbau etwas beschleunigen, denn eben erst habe ich beschlossen, der Schreiberei wieder mehr Raum zu geben. Und das geht nun mal nicht, wenn fünf Kinder unbeaufsichtigt die Wohnung demolieren, während Mama versucht, ihre weltbewegenden Gedanken zu Papier zu bringen.