Ihr habt ja Recht…

Ihr habt ja Recht, ihr, die ihr mir sagt, dass ich mal wieder auf dem besten Weg bin, das Fuder zu überladen. Ihr, die ihr mir ins Gewissen redet, weil ich wieder zu oft ja sage,  weil ich der Ruhe zu wenig Raum gebe, weil ich Aufgaben übernehme, die nicht meine sind. Ihr habt Recht, meine lieben Kinder, wenn ihr mir sagt, dass ich wieder zu viel Zeit im Büro verbringe und zu wenig mit Bilderbuch und Kuscheldecke auf dem Sofa. Du irrst nicht, mein Körper, wenn du mir sagst, dass es jetzt Zeit wäre, eine Pause einzulegen, die müden Füsse zu entlasten, tief durchzuatmen und einfach mal gar nichts zu tun.

Ich kann euch allen wirklich nur zustimmen, und doch bleibe ich ratlos. Denn egal wie oft ich schon erschöpft am Boden lag, egal, wie oft ich mir schon geschworen habe, nicht noch einmal in die gleiche Falle zu tappen, egal, wie oft ich mir schon vorgenommen habe, es beim nächsten Mal anders zu machen, so habe ich noch immer keinen Weg gefunden, aus meiner Haut zu können, eine andere zu werden. Eine, die ja sagt, wenn Ja dran ist und nein, wenn Nein an der Reihe ist. Eine, die nicht nach jeder Geschwindigkeitsbusse wieder erneut zu sehr aufs Gaspedal drückt. Eine, die nicht nur weiss, dass es Zwischenstufen gibt zwischen den zwei Extremen Feuereifer und abgelöscht.

Ob ich je soweit sein werde?

Kein Feierabend in Sicht

Das Unvermeidliche ist eingetroffen: Kaum haben unsere Kleinsten damit aufgehört, unsere Nacht zum Tag zu machen, fangen unsere Grössten damit an, den Tag bis in die späten Abendstunden zu verlängern. Konnte man bis vor wenigen Monaten noch damit rechnen, dass es ab acht Uhr ruhiger und ab neun Uhr fast ganz still wird, so ist heute frühestens um halb elf endgültig Feierabend. Ihr erfahrenen Mütter, die ihr das Ganze schon hinter euch habt und die ihr schon immer gepredigt habt, dass es mit grossen Kindern nicht leichter, sondern anders wird, dürft jetzt wieder aufhören, hämisch hinter den Seiten eures Romans, den ihr euch zum Feierabend gönnen könnt, hervor zu grinsen. Ich habe ja nie behauptet, ihr hättet nicht Recht mit eurer Aussage, aber ein wenig Gejammer müsst ihr mir nun einfach durchgehen lassen. Bei uns geht das eine ja nahtlos in das andere über, von den durchwachten Nächten zu den nicht enden wollenden Tagen. Wer weniger Kinder hat, der bekommt zwischen den zwei Phasen immerhin eine kleine Verschnaufpause, während der die Kinder schön artig um acht ins Bett gehen und durchschlafen bis morgens um sieben. 

Wäre ich ein Mensch, der die Dinge hin nimmt, wie sie nun mal sind, so würde ich mich jetzt in mein Schicksal fügen und durchbeissen. Aber erstens passt das mit „die Dinge nehmen, wie sie sind“ nicht so recht zu meinem Wesen und zweitens fühle ich mich nach nahezu elf Jahren Mutterschaft körperlich derart ausgelaugt, dass ich mir einen Massnahmenkatalog erarbeitet habe, der mir dabei helfen soll, die neue Lebensphase mit meinen grösser werdenden Kindern zu überstehen, ohne noch näher an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu geraten:

1. Lerne so rasch als möglich, dich nicht als faule Schlampe zu fühlen, wenn du dir morgens oder nachmittags – je nachdem, wie es der Teilzeitjob und die Stundenpläne der Kinder zulassen – eine ausgiebige Auszeit gönnst. Du bist keine faule Schlampe, du ziehst lediglich den Feierabend vor, den dir deine Kinder nicht mehr gönnen wollen.

2. Finde einen Weg, wie „Deiner“ und du die Zeit zu zweit, die ihr bisher abends hattet, am Morgen oder am Nachmittag – wieder abhängig von (Teilzeit)Jobs und Stundenplänen – haben könnt. Glaube nur ja nicht, dass es einfach wird, diesen Weg zu finden, aber wer hat denn je behauptet, es sei einfach, eine Familie zu haben?

3. Wenn deine Kinder nicht schlafen wollen, sollen sie eben arbeiten. Warum sollst du die Einzige sein, die zu später Stunde noch Wäsche aufhängt und Geschirr spült? Spätestens nach drei abendlichen Arbeitseinsätzen werden deine Kinder erkennen, dass Mamas und Papas Feierabendprogramm gar nicht so unterhaltsam ist, wie sie sich das immer vorgestellt hatten, als sie noch kleiner waren und sich darüber aufregten,  dass die Eltern noch ihren Spass haben durften, während sie bereits im Bett liegen mussten. Wenn sie arbeiten müssen, werden deine Kinder von allein wieder früher schlafen gehen  oder zumindest so tun, als ob sie schlafen würden. Aber dir ist ja eigentlich auch egal, ob sie schlafen oder bloss so tun als ob, Hauptsache, du kannst nach einem anstrengenden Tag endlich die Füsse hochlegen und lesen.

4. Sorge dafür, dass du nur noch mit den Menschen ehrenamtlich zusammenarbeitest, mit denen du dich auch privat gut verstehst. Dadurch erreichst du, dass abendliche Sitzungen Spass machen. Wenn ihr wirklich diszipliniert seid, dann schafft ihr es locker, die Traktanden innerhalb von fünfzehn Minuten abzuhaken, um danach einen gemütlichen Abend unter Freunden zu haben. Warum man dazu einen Sitzungstermin braucht? Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind ehrenamtlich tätige Menschen meist so vielbeschäftigt, dass sie sich ungemein faul und egoistisch fühlten, würden sie sich einfach so einen netten Abend ganz und gar ohne Arbeit leisten. Und zweitens wollen deine noch wachen Kinder garantiert nicht mitkommen, wenn du ihnen sagst, du müsstest zu einer Sitzung gehen. Würdest du ihnen nämlich sagen, dass du dich mit einer Freundin zum Kaffee triffst würden sie garantiert zetermordio schreien, weil du mit ihnen nie so etwas machst und weil du immer nur im Restaurant sitzt und Kaffee trinkst.

5. Finde dich damit ab, dass das, was du jetzt erlebst, erst der Anfang ist. Noch ein paar Jahre und du wirst an den endlosen Tag ohne Feierabend auch noch eine halbe durchwachte Nacht anhängen, weil du nicht zu Bett gehen magst, solange deine Kinder noch nicht zu Hause sind. Aber das ist ja nicht das Ende. Noch ein paar Jährchen mehr, und deine Kinder werden mit schwarzen Schatten unter den Augen an deinem Tisch sitzen und fragen: „Mama, waren wir auch mal so schlimm? Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen…“

Und das würde ich jetzt auch tun, wenn ich nicht noch die Küche aufräumen müsste.

Pizza-Massage

Gewöhnlich antworte ich nicht mit einem Post auf einen Kommentar und schon gar nicht missbrauche ich Posts, um irgendwelche Tipps im Sinne von „Zehn lustige Methoden, Ihr Kind zum Lachen zu bringen“ zu verbreiten. Ihr kennt ja diese Listen in den Familienzeitschriften: Der Titel verspricht einen Haufen neue Ideen, die das Leben mit den Kindern bereichern sollen und spätestens bei Punkt drei merkst du, dass es sich entweder um Dinge handelt, die du schon seit Jahren täglich tust oder aber, dass dir der Autor etwas aufschwatzen will, was dir schon als Kind ganz fürchterlich auf die Nerven gegangen ist. Ganz ähnlich ist es übrigens mit Büchern mit Titeln wie „56 spannende Spiele für staubtrockene Sonntagnachmittage“ oder „Tausend Ideen gegen die Langeweile“ oder „Bastelideen aus dem Müllcontainer“. Okay, ich weiss, jemand hat sich grosse Mühe gegeben, diese Listen und Bücher zusammenzustellen, aber mir sagt das Zeug dennoch nichts.

Wenn ich also hier einen Post missbrauche, um über etwas aus unserem Familienleben zu erzählen, was ich eben erst vor einigen Tagen wieder entdeckt habe, dann nur deshalb, weil mir die Sache so viel Spass macht und nicht, weil ich euch vorschreiben will, wie ihr eure Kinder durchzukneten habt. Ums Kneten geht es nämlich zuerst mal bei der Pizza-Massage, die damit beginnt, dass man sich ein beliebiges Kind schnappt, das sich gerade in der Nähe des Sofas oder des Bettes aufhält, auf dem du gerade einen Mittagsschlaf abhalten willst, was die Kinder aber nicht respektieren und deswegen lärmend um das Bett oder das Sofa rasen…. ähm, wo war ich schon wieder? Ach ja, beim Kneten. Also, man schnappt sich das Kind, legt es bäuchlings vor sich hin, stellt sich vor, es wäre ein Pizzateig, den man zuerst mal so richtig durchkneten muss. Nach dem Kneten kommt das Auswallen und der Rest passiert von selbst, denn je nach Vorlieben des Kindes kommen Tomatensauce, Salami, Oliven, Pilze, Crevetten, Kapern oder was auch immer drauf und es spielt auch ganz und gar keine Rolle, wie die da drauf kommen, Hauptsache, das Kind krümmt sich vor lauter Lachen. Irgendwann wird das Ganze dann mit Atemluft gebacken und genüsslich verzehrt und dann kommt das nächste Kind, das einem keine Ruhe gönnen mag, dran.

Wenn man viel Glück hat, sind die Kinder danach so glücklich und müde, dass sie einen ausspannen lassen. Wenn man noch mehr Glück hat, revanchieren sich die Kinder, indem sie aus Mama eine Pizza machen, worauf Mama natürlich viel besser mittagsschlafen kann. Und nun möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich das Ganze nicht geschrieben habe, damit ihr endlich Ideen habt, was ihr mit euren Kindern anstellen sollt, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle eure eigenen Eltern-Kind-Sternstunden habt.

Ach ja, und um deine zweite Frage zu beantworten, Gedankenfest: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Prinzchen eines Tages auch davon erzählen wird, vermutlich sogar mit leuchtenden Augen. Aber ich fürchte, dass ich das nicht mehr miterleben werde, weil er dann im Altersheim sitzen wird. Er wird alle meine mütterlichen Fehltritte vergessen haben und seinen Urenkeln wehmütig von seiner guten Mutter erzählen, die ihren Kindern jeweils eine Pizza-Massage verpasst hat. Und dann wird er vielleicht noch anfügen, dass der Papa das noch viel besser gekonnt hat, weil der Papa ja ein Italiener war, ein Sohn von Gastarbeitern, die in der Schweiz ganz schwer untendurch mussten und die in den ersten Jahren im fremden Land nicht mal eine Dusche hatten, so ähnlich wie hier im Altersheim, wo er ja seine Dusche auch mit dem lästigen Nachbarn teilen muss…. Und irgendwann werden ihn die Urenkel unterbrechen und sagen: „Ach, Uropa, erzähl doch nicht immer dieselben Geschichten.“ Aber der Uropa wird nur selig lächeln und fragen: „Wisst ihr übrigens, wie meine Mama mich immer genannt hat? Prinzchen hat sie mich genannt. Ist das nicht schön?“

Aber vielleicht wird es auch ganz anders sein und ich mache hier einen Punkt, bevor ich noch ganz im Schmalz ertrinke.

Bremsweg

Es sind die ganz banalen Alltagsdinge, die dir bewusst machen, dass das Lebenstempo langsam wieder etwas erträglicher wird. Ein paar Beispiele gefällig? 

Nun, da wäre zum Beispiel die Mailbox, die nicht mehr so voll ist, weil du endlich mal wieder die Zeit gefunden hast, all die unerwünschten Werbemails zu stoppen. Oder die Tatsache, dass du den Lohn der Putzfrau endlich wieder pünktlich bezahlen kannst, weil du wieder die Zeit findest, dich fünf Minuten hinzusetzen, um den Betrag und die Sozialabzüge auszurechnen. Ach ja, dabei ist es übrigens auch ganz nützlich, zwei volle Druckerpatronen im Drucker zu haben, damit du die Lohnabrechnung ausdrucken kannst. Und siehe da: Es hat Tinte im Drucker. Zum ersten Mal seit etwa drei Monaten wieder. Auch so ein Anzeichen, dass es wieder besser wird, sind die Rechnungen. Wenn die Mahnungen seltener werden, weil du endlich wieder so viel Ordnung halten kannst, dass nicht ständig Einzahlungsscheine verloren gehen, dann weisst du, dass du den Alltag so langsam aber sicher wieder im Griff hast. Natürlich ist es auch beruhigend, dass du den Kühlschrank wieder füllen kannst, ohne auf das ganz praktische, aber sehr abfallintensive Online-Shopping zurückgreifen zu müssen. Schliesslich ist es auch ganz nett, dass du für WC-Papier, Küchenrollen, Paketschnur und Briefmarken einfach nur in den nächsten Schrank greifen kannst und nicht mehr nahezu panisch kurz vor Ladenschluss in die Migros hetzen musst und dabei Kinderwagen überfährst , bloss weil du mal wieder keine Zeit hattest, ans Naheliegendste zu denken. Und das untrüglichste aller Zeichen, dass das Leben wieder etwas beschaulicher wird: Der Terminkalender füllt sich wieder mit Terminen, auf die du dich freust – Gäste, Ausflüge, eine Freundin zum Kaffee, Sommerferien, freie Abende. 

Nun ja, es gibt da natürlich auch noch vereinzelte Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass das Tempo durchaus noch mehr gedrosselt werden sollte. Vergessene Arzttermine zum Beispiel, oder die Tatsache, dass wir schon wieder keine Abfallsäcke mehr im Haus haben, oder das Problem der Wäsche, die inzwischen zwar wieder regelmässig gewaschen wird, die aber den Weg in die Schränke noch immer nicht von selbst findet. Aber davon solltest du dich nicht allzu sehr verunsichern lassen. Der Bremsweg ist nun mal länger, je schneller man unterwegs war.

 

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.

Demontiert

Zum letzten Mal habe ich heute zum Schraubenzieher gegriffen, um das Gitterbett, das nun ziemlich genau zehn Jahre lang ohne Unterbruch belegt war, zu demontieren. Klar, es war nicht das erste Mal, dass ich das Ding auseinander genommen habe, denn wir haben es ja hin und wieder vom einen ins andere Zimmer bringen müssen und da das Möbel ziemlich sperrig ist und durch keine Tür passt, mussten wir es eben jeweils zerlegen. Diesmal aber wird es nicht in einem anderen Zimmer wieder zusammengebaut, diesmal landet es in der Müllabfuhr. Einerseits bin ich ja ganz froh, das Ding endlich loszuwerden, denn es ist nicht nur sperrig, es ist auch hässlich. Und ziemlich kaputt obendrein. Also höchste Zeit, dem Prinzchen, der zuletzt darin geschlafen hatte, ein anständiges Bett zu bieten.

Andererseits aber wurde mir auch ziemlich schwer ums Herz, bedeutet doch dieser Abschied vom Gitterbett auch ein erster Schritt in Richtung Abschied von der Kleinkinderzeit, eine Zeit, die ich trotz aller Grenzerfahrungen sehr genossen habe. Während eine Schraube nach der anderen zu Boden fiel, das Bett immer wackliger dastand und schliesslich zusammenkrachte, kam diese unendliche, bittersüsse  Traurigkeit über mich. Bittersüss deshalb, weil diese Traurigkeit durchwoben ist mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen an erste Schritte, hinreissend komische Versprecher, zahnloses Lächeln. Am Ende war das Bett kein Bett mehr, sondern nur noch ein Stapel alter, hässlicher Bretter. Und mir wurde klar, dass ich nicht nur ein altes Bett demontiert hatte, sondern auch meinen innigsten Wunsch, vielleicht eines Tages doch noch einmal ein kleines Menschlein in unserer Familie empfangen zu dürfen.

Als ob ich die Nerven dazu noch hätte…

Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Freizeit

Was machen wir da bloss? Da hat man mir doch für morgen und übermorgen ein absolutes Büroverbot verhängt. Zudem sind fast alle Pendenzen abgearbeitet. Zumindest diejenigen, die ich auf keinen Fall in die neue Woche mitschleppen will. Und die zwei oder drei Dinge, die unbedingt noch erledigt sein wollen – Arbeitszeugnis für unser ehemaliges Au Pair schreiben, ein paar Rechnungen bezahlen, den Lohn für die Putzfrau ausrechnen – dürften kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Im Terminkalender herrscht bis Montag gähnende Leere. Und Luise, die am Nachmittag noch keinen Schluck Wasser behalten konnte, hüpfte am Abend schon wieder quietschfidel durch die Wohnung. Also auch kein Erbrochenes, das aufgeputzt werden muss.

Beängstigend, nicht wahr? Freiräume, die gefüllt werden wollen mit Ausschlafen, Nachdenken, Familienleben, Gottesdienstbesuch und ausgiebiger Zeitungslektüre. Ob das wirklich gut kommt? Immerhin sind das geschlagene 48 Stunden ohne Gehetze, ohne das Gefühl, man hätte alles eigentlich schon gestern gemacht haben müssen. 48 Stunden in denen das Leben eine Verschnaufpause einlegen will und weit und breit kein Termin in Sicht, der es an dem Vorhaben hindern will.

Ob ich für morgen noch einen Coiffeurtermin bekomme? Ich meine, 48 Stunden lang nur tun, was einem Spass macht ist bestimmt gefährlich und da wären zwei qualvolle Stunden mit waschen, färben, föhnen und schneiden genau richtig, um zu verhindern, dass ich auf die Idee komme, die freie Zeit einfach so zu geniessen.

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?