Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.

So haben wir uns das nicht vorgestellt

Als wir damals, vor etwas mehr als zwölf Jahren, ja gesagt haben zueinander, haben „Meiner“ und ich uns nicht vorgestellt, dass unsere Abende so aussehen würden: „Meiner“ am Telefon für irgend ein Projekt, das weder ihm noch mir etwas bringt, ich am Arbeiten, später dann vielleicht am Solitaire-Spielen, weil ich vor lauter Übermüdung nichts anderes mehr zustande bringe, er auf dem Sofa am Schnarchen, weil die Woche so anstrengend war.

Einen einzelnen Abend in diesem Stil könnte man ja noch verkraften. Aber nach vier, fünf, sechs oder gar sieben Abenden, die vollgestopft sind mit Sitzungen, Rechnungen begleichen, Fernsehsendungen, die man nur schaut, weil man zu müde ist, um etwas Schlaueres anzufangen, Briefen, die man noch „ganz schnell schreiben muss, bevor man Feierabend machen“ kann, aufräumen, was tagsüber liegen geblieben ist, Anrufen, die man „nur schnell“ tätigen muss, weil man später nicht mehr anrufen darf und schließlich erschöpftem ins Bett sinken, ….Mist, jetzt habe ich doch glatt den roten Faden des Satzes verloren.

Also, ich wollte sagen, dass es uns gelinde gesagt stinkt, wenn solche Abende zur Normalität werden. Und darum muss jetzt die Notbremse gezogen werden, allenfalls mit der Konsequenz, dass man hin und wieder ein unbequemes Nein wird verlauten lassen müssen.

Hat man mal ja gesagt zueinander, muss man eben hin und wieder zu anderen Dingen nein sagen. Zumindest, wenn einem das Ja zueinander mehr bedeutet, als all die Ja zu anderen Dingen, die man im Laufe der Jahre allzu leichtfertig ausgesprochen hat.

Ich will auch wieder mal….

…. die Schokoladenseite unserer Kinder sehen. Ob die Knöpfe nun den ganzen Nachmittag mit „Meinem“ in der Schule waren, ob sie bei Freunden zu Besuch waren oder ob sie mit jemandem einen Ausflug gemacht haben, immer bekomme ich zu hören, unsere Kinder hätten sich wie Engel aufgeführt. „Ach weisst du“, sagen mir die Leute, „deine Kinder sind immer so still und brav. Man kann sich einfach auf sie verlassen.“ Die aufopferungswillige Mama in mir fühlt sich natürlich unglaublich geschmeichelt, wenn sie Solches hört. Aber ich kann euch versichern, die abgekämpfte Mama, die nur wenige Momente später wieder verhindern muss, dass die kleinen Engel einander die Köpfe einschlagen, die denkt ein wenig anders über die Sache.

„Warum bekommen immer die anderen die Schokoladenseite meiner Kinder zu sehen?“, jammert sie, die abgekämpfte Mama. „Warum müssen die sich zu Hause über jede Kleinigkeit in die Haare geraten? Und dann, wenn ich mit ihnen schimpfe, klagen sie lauthals, ich würde sie nicht lieben. Es ist doch einfach unfair: Da liebst du deine Kinder abgöttisch, mühst dich ab, sie zu anständigen Menschen zu erziehen und wer darf die Früchte deiner Arbeit ernten? Die anderen natürlich.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so“, wendet die aufopferungswillige Mama ein. „Sei doch froh, dass die Kinder sich auswärts zu benehmen wissen. Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt: Zu Hause sind sie immer brav und auswärts lassen sie die Sau raus. Ich kenne eine Frau, bei der war das so. Deren Sohn war zu Hause der reinste Engel….“

„Ja, ich weiss“, unterbricht die Abgekämpfte. „Die Geschichte hast du mir schon hundertmal erzählt. Zu Hause war er der reinste Engel und in der Schule machte er dem Lehrer das Leben schwer und die arme Mutter wusste nicht, wie sie dem Lehrer glaubhaft machen konnte, dass ihr Sohn zu Hause tatsächlich ganz anders war. Mag ja sein, dass das unangenehm ist, aber glaubst du, es ist angenehmer, wenn du den ganzen Tag nur den Polizisten spielen musst, weil die Rabauken glauben, sie müssten sich zu Hause nie am Riemen reissen, weil man sie ja ohnehin grenzenlos liebt?“

„Natürlich ist das unangenehm. Aber du jammerst mal wieder auf sehr hohem Niveau. Immerhin gibt es Orte, wo sich deine Kinder zu benehmen wissen. Stell dir vor, wie es wäre, wenn sie zu Hause und auswärts die Sau raus lassen würden…“, mahnt die Aufopferungswillige. „Und ausserdem hast du doch wirklich allen Grund, dankbar zu sein: Fünf gesunde Kinder, alle ziemlich aufgeweckt und nett. Denk doch mal wieder an den Zopf, den Karlsson dir neulich gebacken hat. Oder erinnere dich daran, wie fürsorglich der FeuerwehrRitterRömerPirat sich um das Prinzchen kümmert. Und weisst du noch, als Luise und der Zoowärter neulich….“

„Ach, du hast natürlich Recht, wie immer“, unterbricht die Abgekämpfte missmutig. „Mir ist ja klar, dass ich in meinen Kindern einen unschätzbaren Reichtum habe. Und ich liebe sie ja auch heiss und innig. Aber wenn man einen ganzen Tag lang nur zurechtgewiesen, Streit geschlichtet und getröstet hat, wird man sich wohl mal beklagen dürfen, oder?“

„Nein, darf man nicht. Stell dir bloss vor, was all die Leute denken werden, die dein Gejammer hier lesen. Die werden sich an die Stirn greifen und sich fragen, was diese blöde Zicke bloss wieder hat“, mahnt die Aufopferungswillige.

„Na und. Sollen die doch denken, was sie wollen“, sagt die Abgekämpfte trotzig. „Ich zwinge sie ja nicht zum Lesen. Und überhaupt könnte ich wetten, dass mindestens die Hälfte all jener, die das hier lesen, am Freitagabend ebenso abgekämpft und ausgelaugt sind wie ich und deshalb noch so gerne in mein Gejammer einstimmen werden. Aber weil sie liebende Mütter sind, werden sie sich morgen früh dennoch wieder voller Optimismus daran machen, ihre Rabauken zu kleinen Engeln zu erziehen.“

Happy Birthday, liebster „Meiner“

Endlose 36 Stunden nach mir hast du es nun auch geschafft, 36 zu werden. Ja, ich weiss, es ist hart mit einer Frau zusammen zu sein, die so viel älter und reifer ist, aber ich finde, du machst deine Sache ganz gut. Klar, meinen Vorsprung an Lebenserfahrung wirst du nicht so leicht wettmachen, dafür aber hältst du mich jung.

War schön, heute den ganzen Tag mit dir alleine durchs sonnige Basel zu ziehen, zu philosophieren, in Läden zu stöbern, in die wir uns mit dem Prinzchen nie hineinwagen dürften, aus Angst, er würde etwas zerbrechen, in Erinnerungen zu schwelgen, die Fondation Beyeler für einmal ganz ohne böse Blicke des nicht gerade kinderliebenden Aufsichtspersonals zu geniessen, das „Läckerlihuus“ links liegen zu lassen und stattdessen bei „Sprüngli“ sündhaft gute Absinthe-Luxemburgerli zu kaufen.

Nahezu perfekt, so ein Tag. So perfekt, dass man beinahe vergessen könnte, dass auch harte Zeiten hinter uns liegen. So perfekt, dass man vergessen könnte, dass wir nicht anders sind, als andere Paare auch: Wir streiten uns, versöhnen uns wieder, fallen einander auf die Nerven und zehn Minuten später wieder in die Arme, wir zanken uns darüber, ob man Geld lieber sofort ausgeben oder doch auf die hohe Kante legen soll, wir keifen einander wegen offener Zahnpastatuben und herumliegender Schuhe an und wenn wir miteinander essen gehen, dann verhungern wir fast, weil wir uns nie entscheiden können, in welchem Restaurant wir einkehren wollen.

Ich weiss, Perfektion sieht anders aus. Aber solange du dich sein darfst und ich mich, solange wir beide wir sind, solange schere ich mich einen Dreck um Perfektion.

Entwicklungsschritte

Karlsson, der am Sonntagnachmittag einfach mal schnell den perfekten Hefezopf bäckt und zwar ganz ohne elterliche Hilfe.

Luise, die daneben sitzt, eine Bouillon zubereitet und mit Leidenschaft Petersilie für die Suppe schnippelt.

Was spielt es da für eine Rolle, dass die Küche nach der Aktion der beiden ausgesehen hat wie ein Schlachtfeld? Und dass der Enthusiasmus beim Aufräumen nicht mehr ganz der Gleiche war wie beim Kochen und Backen, das verstehen wir natürlich bestens. Wir waren doch auch mal Kinder….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der endlich begreift, dass es ihn nicht umbringt, wenn er von jedem Essen ein ganz kleines bisschen probieren muss. Und der dann die Grösse hat, zuzugeben, dass es eigentlich ganz gut schmeckt, den ganzen Teller leerputzt und dann auch noch um einen Nachschlag bittet.

Der Zoowärter, der beim Anziehen der Schuhe hin und her überlegt, welcher Schuh an welchen Fuss gehört und der es dann meistens schafft, den rechten Schuh am rechten Fuss, den linken Schuh am linken Fuss zu tragen.

Das Prinzchen, das nicht mehr nur Lieder hören will, sondern sie auch selber singt. Zum Beispiel „buuuuhbä pumpedimumpedi!“, was ganz eindeutig eine Kleinkinderversion des Zoowärters Lieblingsliedes „Pooh Bär, wir mögen dich sehr. Rumpedibumpedi kommt er daher“ ist.

Dass das Prinzchen seine Stimmbänder nachts um halb eins in Betrieb nimmt, stört mich nicht im Geringsten. Ich finde es einfach nur hinreissend und schmelze schlaftrunken dahin.

Das Schönste am Ganzen ist, dass hier nicht die Erziehungskünste von „Meinem“ und mir endlich zum Blühen kommen, sondern dass die Kinder sich ganz von selbst zu entfalten beginnen. Einfach, weil die Zeit jetzt reif ist dafür und sie bereit sind, einen Schritt weiterzugehen. So langsam bekomme ich den Eindruck, dass es den Kindern reicht, zu wissen, dass sie diese Schritte gehen dürfen und dass sie, sollte etwas schief gehen, von uns aufgefangen werden.

Und wieder einmal wird mir bewusst, weshalb ich trotz aller Ermüdungserscheinungen, die der Job zwangsläufig mit sich bringt, so unglaublich gerne Mutter von mehreren Kindern bin.

Ach und übrigens: Das Bild, das in meinen Augen so perfekt zum Text passt, hat ausnahmsweise nicht „Meiner“ gemacht, sondern Luise, die so langsam ganz der Papa wird.

Einfach himmlisch, diese Brötchen!

Hier das Rezept, für alle, die auch mal schwelgen möchten.

Zutaten:

1 völlig ahnungslose Ehefrau, die nicht eine Sekunde daran denkt, dass man vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag eine Überraschungsparty veranstalten und obendrein noch ihr erstes Buch feiern könnte
1 liebender Ehemann, der trotz turbulentem Alltagsleben noch schnell nebenbei eine Party organisiert
5 Kinder, die voller Begeisterung dabei sind und es auch noch schaffen, dicht zu halten
1 Au-Pair, das sich voller Elan in die Sache dreingibt und dann auch noch eine Bayley’s Torte bäckt
1 Mutter, die nicht mehr aufhören kann, eine wunderbare Torte nach der anderen aus dem Ofen zu zaubern

Diese fünf Zutaten gut vermischen und einige Tage lang ziehen lassen, dann die folgenden Zutaten untermengen und alles vier, fünf oder sechs Stunden lang backen:

1 Schwester, die am Samstagmorgen früh aufsteht, um bei den Vorbereitungen zu helfen
liebe Freunde, die Crêpes-Teig und andere Köstlichkeiten mitbringen
möglichst viele liebe Freunde und Verwandte, die einen mit lieben Worten überhäufen (und die einen rabenschwarz anlügen können, wenn sie einen fünf Minuten vor dem Fest in der Stadt über den Weg laufen 😉 )
eine Horde von fröhlichen Kindern, die sich zum Teil noch nie begegnet sind, die aber dennoch den ganzen Nachmittag vergnügt miteinander spielen
anregende Gespräche mit all den lieben Menschen, die einen durchs Leben begleiten

Eigentlich wären die Brötchen auch so schon der perfekte Genuss, noch besser werden sie aber, wenn man sie mit den folgenden Zutaten verfeinert:

ein Tisch voller liebevoll ausgesuchter Geschenke
und als Garnitur obendrauf ein iPad

Das also waren sie, meine Brötchen. Ich habe sie genossen bis zum letzten Krümel. Jetzt bin ich pappsatt und sehr sehr glücklich.

Eine einzige Frage aber quält mich: Wem aus meiner Familie und meinem Freundeskreis kann ich denn in Zukunft noch trauen? Wo diese wunderbaren Menschen mich doch über Wochen an der Nase herumgeführt haben, damit ich ihrer Überraschung nicht auf die Schliche komme.

Was wird hier eigentlich gespielt?

Irgend etwas führen die im Schilde, „Meiner“, die Kinder und das Au-Pair. Seit Tagen schon schwirren sie grinsend um mich herum, zwinkern sich verschwörerisch zu und machen vieldeutige Bemerkungen. Und wenn ich frage, was denn los sei, schauen sie mich nur erstaunt an und meinen: „Was soll denn schon los sein?“ Schon vor zwei Wochen habe ich geahnt, dass da etwas im Busch ist, aber als ich „Meinen“ fragte, ob er und das Au-Pair irgend etwas ausheckten, da lachte er mich nur aus und behauptete, ich würde ihm nicht vertrauen. Danach vergass ich die Sache wieder, bis Luise vor ein paar Tagen zu Tode betrübt war, dass ich abends nicht mehr zur Gemeindeversammlung gehen mochte, weil sich das Prinzchen nicht wohl fühlte. „Aber Mama, du musst jetzt einfach weggehen. Papa und ich müssen noch unbedingt….“ Was Papa und Luise unbedingt noch mussten, habe ich nicht herausbekommen, weil „Meiner“ unserer einzigen Tochter schnell den Mund zugehalten hat. Aber dass die mir etwas verheimlichen, liess sich jetzt nicht mehr leugnen.

Richtig schlimm wurde es gestern. Da kam „Meiner“ so unglaublich spät von der Schule nach Hause, obschon er wusste, dass ich gleich zum Zahnarzt gehen musste. Als ich ihm an den Kopf warf, er sei doch einfach unmöglich, weil er jedes Mal, wenn ich einen Termin hätte, zu spät nach Hause kommt, grinste er nur und meinte: „Ich bin ja wegen dir zu spät gekommen. Ich musste noch etwas für dich erledigen.“ Was, bitte sehr, gibt es da für mich zu erledigen? Soweit mir bekannt ist, habe ich für einmal keine Befehle erteilt. Aber es wurde noch schlimmer. Schmierte ich Sandwiches, stand meine Familie grinsend daneben und machte dumme Bemerkungen. Stellte ich den Menüplan zusammen, ermahnten sie mich hundertmal für Samstag auf gar keinen Fall ein Mittagessen einzuplanen, weil dann „Karlsson und Luise so Brötchen backen wollen. Sie haben da ein interessantes Rezept gefunden.“ Und wenn ich sagte, hier sei etwas faul, brachen sie alle in lautes Gelächter aus und „Meiner“ versicherte mir, dass „wirklich gar nichts ist, oder zumindest nichts Grosses“.

Fast wäre ich so naiv gewesen, ihm zu glauben. Ja, die werden wohl irgend eine kleine Überraschung im engsten Familienkreis planen, dachte ich mir. Ich habe ja auch schon bald Geburtstag. Aber als ich heute Abend zur Kirche ging, um den neuen Pastor zu wählen, wünschte mir jemand einen wunderschönen Samstag und als ich wissen wollte, weshalb, schaute er mich nur vielsagend an. Als dann auch noch die daneben stehende Person bemerkte, ach ja, das von Samstag habe sie auch schon gehört, aber sie wisse nicht mehr, wer ihr das erzählt hätte, da wurde mir langsam mulmig. Was um Himmels willen läuft da bloss hinter meinem Rücken? Die werden doch nicht etwa die halbe Welt dazu verdonnern, irgend etwas zu tun, was mit mir zu tun hat.

So langsam kommt ein altbekanntes Gefühl in mir hoch: Ich fühle mich mal wieder wie Obelix, der nicht mitkriegt, was gespielt wird. Alle sind eingeweiht und lachen sich halb krank. Nur ich laufe nichts ahnend durch die Gegend und kann nicht begreifen, was die alle so lustig finden.

Nun ja, vielleicht bekomme ich ja am Samstag einen Haufen Römer, die ich vermöbeln darf….

Er liebt mich, er liebt mich nicht….

„Nein, du liebst mich nicht“, sagte der Zoowärter zu mir, nachdem ich ihm zehn Minuten lang vorgeschwärmt hatte, wie begeistert ich doch von ihm sei. Er sei ein wunderbares Geschenk, sagte ich ihm. Ich sei hin und weg gewesen, als ich ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hätte. Seine Augen seien so wunderschön. Und seine Haare. Und sein Lachen. Er könne so wunderbar singen, schwärmte ich. Unglaublich witzig sei er auch und dazu noch ein sehr sehr mutiger kleiner Römer. Das alles beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Er blieb bei seiner Meinung: „Nein, du findest mich doof. Du liebst mich nicht.“ Also fuhr ich fort mit meinen Liebesbezeugungen. Ich umarmte ihn, nahm ihn auf den Schoss, erzählte ihm von früher, als er noch ganz winzig klein war. Aber er wollte mir noch immer nicht glauben und so fragte ich schliesslich: „Warum glaubst du denn, dass ich dich nicht liebe?“ Die Antwort kam prompt: „Weil du immer fort bist.“

Bevor nun meine Leserschaft beginnt, auf mir rumzuhacken und zu zetern, ich sei eben eine dieser überambitionierten Mütter, die ihre Kinder vernachlässigt, muss ich betonen, dass ich zwar tatsächlich hin und wieder einen Termin ausser Hause wahrnehmen muss, dass diese Termine aber meist auf die Zeiten gelegt werden, wenn der Zoowärter ohnehin in der Spielgruppe ist, oder wenn er schon längst schläft oder wenn er gerade mit Papa unterwegs ist. Den grössten Teil meiner Zeit verbringe ich nach wie vor zu Hause bei meiner Familie.

Wäre ich keine Mama, ich hätte diese Fakten ins Feld geführt, um des Zoowärters Angriff auf mein mütterliches Zentrum für Schuldgefühle sogleich abzuschmettern. Aber ich bin eine Mama und deshalb genügen diese fünf Worte, um mich in die Knie zu zwingen. Sofort ging ich in mich, um herauszufinden, ob er vielleicht Recht hat, mein kleiner Sohn. Nach eingehender Gewissensprüfung hätte ich eigentlich zum Schluss kommen müssen, dass des Zoowärters Vorwurf jeglicher Berechtigung entbehrt. Klar, ich arbeite viel. Klar, ich bin oft in Gedanken irgendwo, nur nicht am Herd. Klar muss ich immer mal wieder sagen, ich hätte jetzt keine Zeit, mit ihm zu spielen, weil ich gerade Mittagessen kochen müsse. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht am Morgen für die Kinder da bin, kein Tag, an dem ich nicht mit ihnen zusammen esse und meist auch mit ihnen zusammen koche, kein Tag ohne Liedersingen, Sorgen anhören, Trösten, Streit schlichten und Geschichten erzählen. All das sagte ich zu mir selber, was aber natürlich nicht dazu führte, dass die Gewissensbisse aufhörten. Im Gegenteil: Sie wurden noch schlimmer, weil ich mir sogleich einredete, ich müsste eben mehr Lieder singen, mehr Geschichten erzählen, mehr Sorgen anhören….

Als pflichtbewusste Mama beschloss ich, ab sofort mehr Zeit mit meinem Zweitjüngsten zu verbringen. „Wollen wir Lieder singen?“, fragte ich ihn. Er wollte, ich sang. Genau zwei Lieder, dann fand er, er möchte jetzt eigentlich, dass ich in die Küche gehe, weil ich ihn mit meinen Liedern beim Asterix-Studium störe. Etwas später, als er in der Küche auftauchte, um sich eine Stärkung zu holen, drückte ich den Zoowärter an mich, kitzelte ihn und wollte ihm einen Kuss auf die Stirn drücken. Was mir aber tüchtig misslang. „Hör auf, Mama. Das mag ich nicht.“ So ging es den ganzen Tag weiter. Ich suchte nach Wegen, dem Zoowärter meine Liebe zu zeigen, er suchte nach Wegen, meinen Liebesbezeugungen zu entrinnen.

Und jetzt frage ich mich natürlich, ob mein kleiner Junge mich überhaupt liebt….

Du bist soooooooo unfair, Mama!

Wenn ein Mensch innerhalb von fünfundvierzig Minuten drei so gravierende Fehler begeht, dann kann es sich nur um eine Mutter handeln. Angefangen hat es damit, dass ich morgens um zwanzig nach sieben zuerst Luise das Wort erteilt habe, obschon Karlsson gleichzeitig mit ihr einen Satz angefangen hatte. Ein klares Zeichen, dass ich Luise viiiiiiieeeeeeel lieber habe als Karlsson, nicht wahr? Ich meine, wie kann eine Mama bloss so unfair sein und ein Kind zuerst reden lassen, wo sie doch ebenso gut auf dem linken Ohr Karlsson, auf dem rechten Luise zuhören könnte? Und dann mit dem linken Mundwinkel Karlsson, mit dem rechten Luise eine Antwort geben könnte. Ist doch wirklich keine Sache für eine erfahrene Mama.

Luises Triumph war nicht von Dauer. Keine zehn Minuten später war nämlich sie diejenige, die sich krass benachteiligt sah und deshalb daran zweifelte, dass Mama sie ebenso liebt wie ihre Brüder. Was war geschehen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der sich gestern noch ohne irgendwelche Verzögerungen für den Kindergarten bereit gemacht hatte, zeigte heute erste Anzeichen eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster. Anstatt sich die Zähne zu putzen und in die Kleider zu schlüpfen, räkelte er sich auf dem Sofa, als hätte er alle Zeit der Welt. Was Mama dazu veranlasste, ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Ein Gespräch, bei dem sie keine anderen Kinder dabei haben wollte, weil nicht immer alle alles wissen müssen. Was Luise ganz entsetzlich fand, denn „mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten redest du immer viel mehr alleine als mit mir.“ Was durchaus daran liegen könnte, dass bei Luise weniger Bedarf an kurzen, ernsten Gesprächen zu zweit besteht,- ihre Ausbrüche sind jeweils so laut, dass sie sich ohnehin nicht vor dem Rest der Familie verbergen lassen – was für Luise aber ein untrügliches Zeichen ist, dass ich „die Buben viiiiiiiiieeeeeel viiiiiiiiiieeeeeeeel lieber“ habe als sie.

Man könnte jetzt meinen, ich hätte aus diesen zwei Fehlern gelernt und wäre an diesem Morgen in kein weiteres Fettnäpfchen getreten. Aber eben, ich bin eine Mama und so kam es, dass ich es kurz vor acht, auf dem letzten Drücker sozusagen, noch fertig brachte, dass Karlsson ein weiteres Mal von tiefen Zweifeln an meiner Liebe zu ihm ergriffen wurde. In meiner Unbedachtheit hatte ich nämlich Luise gegenüber bemerkt, dass sie demnächst einmal zum ersten Mal zum Coiffeur gehen dürfe. Luise strahlte, Karlsson brüllte: „Du bist sooooooooo gemein Mama. Ich durfte erst mit acht zum Coiffeur gehen und Luise wird erst im März acht. Du liebst mich überhaupt nicht!“ Nun versuche man mal, kurz vor acht, wenn drei grosse Kinder aus dem Haus gehen sollten und zwei kleine Kinder sich in den Haaren liegen, einem angeblich ungeliebten Kind zu erklären, dass a) ein Besuch beim Coiffeur nicht unbedingt ein Zeichen von tiefer Liebe und Zuneigung ist, dass b) Karlsson auch ein Zweitklässler war, als er zum ersten Mal zum Coiffeur gehen „durfte“, dass c) Luise nun wirklich nichts dafür kann, dass sie erst gegen Ende der zweiten Klasse acht wird und dass d) „Meiner“ und ich keine bösen Absichten hegten, als wir unser erstes Kind im November, unser zweites im März bekamen.

Ich weiss nicht, ob Karlsson mich verstanden hat, aber am Ende brachte ich es doch fertig, meine drei Grossen mit einer Umarmung und einem „Ich hab‘ dich lieb“ in den Tag zu entlassen. Ob sie mir das glaubten, oder ob sie sich auf dem Schulweg die Köpfe einschlugen, weil jeder glaubte, der andere werde mehr geliebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür aber weiss ich einmal mehr, dass der Ausdruck „sich den Mund fusselig reden“ ganz bestimmt von einer Mutter geprägt wurde. Vermutlich von einer Mehrfachmutter, deren Kinder daran zweifelten, dass sie jedes Einzelne von ihnen aus tiefstem Herzen liebt.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.