Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Überbewertet

Glaubt mir, so ein Mittagsschlaf ist eine vollkommen überbewertete Sache. Ich meine jetzt nicht den kindlichen Mittagsschlaf. Der ist eine segensreiche Erfindung, zumindest solange das Kind die tagsüber verschlafene Zeit nicht abends nachholt. Nein, ich meine den elterlichen Mittagsschlaf. Da sinkst du nach dem Mittagessen nichts Böses ahnend in einen tiefen Schlaf, neben dir das Prinzchen und „Deiner“, die es dir gleichtun und wenn du wieder aufwachst, ist der Tag im Eimer. Die Küche versinkt im Chaos, die Kaulquappen, die schon seit zwei Wochen fröhlich im Becken schwimmen schweben in Lebensgefahr, weil jemand einen Haufen Erde ins Becken geschüttet hat, die Vorratskammer ist geplündert und dir platzt der Kragen. Du greifst zum Besen, um die schlimmste Unordnung zu beseitigen, räumst die Vorratskammer notdürftig auf, knallst wütend die Tür zu – und stellst fest, dass der Schlüssel der Vorratskammer nicht im Schloss steckt, sondern ganz offensichtlich in der Kammer. Zusammen mit ganz vielen Lebensmitteln, darunter einigen überlebenswichtigen Dingen, ohne die das Wochenende ganz schön schwierig werden dürfte: Wasser, Kakao, lactosefreie Milch, Apfelsaft, Kartoffeln, Cola und Honig. 

Was tun? Nun, zuerst mal den Schuldigen finden, aber das war mal wieder „der andere“ und somit bekommen alle das mütterliche Donnerwetter zu hören. Dann geht’s los mit der Befreiungsaktion für die eingeschlossenen Nahrungsmittel. Zuerst wird das Schloss mit Küchenmessern und Schraubenziehern traktiert, dann mit Schlüsseln anderer Wandschränke, was „Deiner“ aber bald einmal aufgibt, weil einer der Versuchsschlüssel zerbricht und es einen Moment lang ganz danach aussieht, als  müssten Vendittis in Zukunft nicht nur ohne Kakao und Apfelsaft, sondern auch ohne Bettwäsche leben. Doch der Wäscheschrank hat zum Glück einen Ersatzschlüssel. Was deine Kinder auf die Idee bringt, dass der Schlüssel von Grossmamas Vorratskammer vielleicht auch in unser Schloss passen könnte. Zu dumm nur, dass die Grossmama übers Wochenende verreist ist und die Wohnung abgeschlossen hat. Also klettern Karlsson und Luise über das Balkongeländer in Grossmamas Küche, bringen den Schlüssel nach oben, wo du leider feststellen musst, dass er nicht passt. Und morgen darfst du dann deiner Mutter erklären, weshalb ihre Wohnung nicht mehr abgeschlossen ist…

Weil er keinen Weg mehr sieht, die Befreiungsaktion vor Montag durchzuführen, gibt „Deiner“ an diesem Punkt auf, du hingegen mühst dich eine weitere Stunde mit der verschlossenen Türe ab. Aber egal, womit du es versuchst – ob mit der Eisensäge oder mit dem Suppenlöffel – die Tür macht keinen Wank und so musst du zwei zerbrochene Küchenmesser und einen epochalen Familienstreit später schweren Herzens erkennen, dass alle deine Bemühungen aussichtslos sind. Und du fragst dich, was dich dabei mehr nervt, die Tatsache, dass „Deiner“, den du in diesem Moment auf den Mond schiessen könntest, Recht hatte, oder der Umstand, dass das Cola, das du nach all dem Ärger eigentlich verdient hättest,  eingeschlossen ist.

Zwei Dinge aber sind dir sonnenklar, nämlich a) dass „Deiner“ und du noch immer ziemlich ausrasten könnt, auch wenn ihr mit zunehmendem Alter etwas ruhiger geworden seid und b) dass ein elterlicher Mittagsschlaf zwar angenehm entspannend sein kann, dass das bisschen Entspannung aber durch all den Ärger, der darauf folgt, wieder aufgefressen wird. 

Romantiker

Ob wir es gesehen haben? Aber klar doch. Ihr habt doch nicht im Ernst geglaubt, dass wir das verpassen würden. Obschon, wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich ganz gerne darauf verzichtet. Nicht mal das kleine Mädchen tief in mir drinnen meldete das Bedürfnis an, nachzuholen was es damals, vor dreissig Jahren, verpasst hatte. Das kleine Mädchen und ich hätten eigentlich ganz gerne in Ruhe unser Mittagessen genossen und wenn mich nicht alles täuscht, verspürte auch Luise keinen unbändigen Drang, den Fernseher einzuschalten.

Nein, es war „Meiner“ der, kaum hatte er den letzten Bissen heruntergeschluckt, zum Fernseher rannte, mit der fadenscheinigen Ausrede, der Zoowärter und das Prinzchen seien heute so unausstehlich, er werde sie jetzt mal vor der Glotze parkieren. Ganz so, als ob es bei uns Brauch sei, die Kinder mit dem Fernseher ruhig zu stellen. Weil man ja als Eltern beim Fernsehen dabei sein muss, für den Fall, dass eine gefährliche Szene kommt und man den Kleinen die Augen zudecken muss, setzte sich „Meiner“ ein wenig zu ihnen. Er konnte ja nicht wissen, dass gerade die für Kinder völlig unbedenkliche Direktübertragung der Traumhochzeit des Jahrhunderts laufen würde und dass seine Anwesenheit vollkommen überflüssig war. Wusste ja keiner etwas von dieser Hochzeit…

Nun, es dauerte nicht lange, bis alle vor der Glotze versammelt waren. Alle, ausser ich. Ich wollte ja, wie bereits erwähnt, zuerst in Ruhe fertig essen, bevor ich mich zu den anderen gesellte. Und so wurde ich Zeuge davon, wie meine sonst ganz vernünftige Familie sich in einen Haufen romantischer Royalisten verwandelte. Angefangen beim Prinzchen, der sich bei all den Blaublütigen wohl ganz zu Hause fühlte und immer und immer wieder „den König“ sehen wollte, über Luise, die auf allen nur erdenklichen Wegen herauszukriegen versuchte, ob ihre Brüder auch unbedingt den Kuss sehen wollten, oder ob sie das vielleicht doch etwas doof finden würden, über Karlsson, der Prunk und Pomp nie abgeneigt ist und deshalb fast nicht mehr zur Schule gehen wollte bis hin zum FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in Tränen ausbrach, als wir dann den Fernseher irgendwann doch ausschalteten, weil es abgesehen von winkenden Massen nichts mehr zu sehen gab. Nun ja, einer blieb von dem Ganzen mehr oder weniger unbeeindruckt: Der Zoowärter. Er beklagte sich bald einmal, dass er eigentlich lieber etwas Spannenderes sehen wollte, aber natürlich hörte niemand auf ihn, schon gar nicht „Meiner“, der sich ganz und gar seiner – auch an gewöhnlichen Tagen nur mangelhaft kaschierten – Leidenschaft für Klatsch und Tratsch hingab.

Nun wollt ihr natürlich wissen, ob es mir bei der Geschichte auch noch den Ärmel reingenommen hat. Immerhin hatte ich gestern ja noch von einem kleinen Mädchen berichtet, das dem grossen Ereignis nicht vollkommen ablehnend gegenüberstand. Nun, offen gestanden hat mich die Sache ziemlich kalt gelassen, kleines Mädchen hin oder her. Ich habe mir überlegt, woran das liegen könnte, bin ich doch im Allgemeinen Kitsch und Romantik gegenüber nicht abgeneigt. Aber ich glaube, genau das war es, was mir gefehlt hat: der Zuckerguss, die Gefühle, das Abgehobene. Wäre die Sache kitschiger und märchenhafter gewesen, ich hätte mich wohl mitreissen lassen, aber irgendwie war mir das Ganze zu realitätsnah und so wandte ich mich bald einmal wieder dem schmutzigen Geschirr zu. Wenn schon Realität, dann richtig.

Den Kindern ging es offenbar anders. Kaum war er aus der Schule zurück, wollte Karlsson auch schon wissen, ob er während seiner Abwesenheit etwas verpasst hätte und ob er die wichtigsten Szenen noch einmal sehen könnte. Abends vor dem Schlafengehen brauchten dann alle zusammen noch einmal eine kräftige Dosis Prinzenhochzeit. Was wir ihnen zur Feier des Tages auch gewährten. Und dabei stellte sich heraus, wer von uns allen der grösste Romantiker ist. Wie wir so auf dem Sofa sassen und den Blaublütigen beim Winken zusahen, seufzte einer tief und innig und meinte, wenn er doch bloss durch den Bildschirm kriechen könnte, um dort bei Kate und William auf dem Balkon zu stehen.

Es war der FeuerwehrRitterRömerPirat.

Kleines Mädchen

Es ist so: Bei Vendittis sitzt man gewöhnlich nicht einfach vor der Glotze. Schon gar nicht am hellen Tag, wenn draussen die Sonne scheint und man Kinder zum Spielen eingeladen hat. Daran gibt’s nichts zu rütteln, auch nicht dann, wenn der Rest der Welt morgen Nachmittag gerührt dabei zusehen wird, wie sich zwei ihnen völlig fremde Menschen ewige Treue schwören. Ich glaube, wir können sehr gut damit leben, dass wir dieses „historische“ Ereignis nicht live mitverfolgen werden. Die Bilder davon werden wir auch so früher oder später zu sehen bekommen. 

Einzig ein kleines Mädchen, das irgendwo tief in mir drinnen sitzt, will nicht so recht zufrieden sein mit diesem Entscheid. Es ist dieses kleine Mädchen, das damals, als der Vater des Prinzen eine Kindergärtnerin geheiratet hatte, keinen Fernseher hatte und deshalb nicht zuschauen durfte, während alle Welt zu Tränen gerührt vor dem Bildschirm sass. Das kleine Mädchen, das einige Monate später stundenlang die Bilder in dem Hochzeits-Bildband bewunderte, den die grosse Schwester aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Nun ist es ja nichts Neues, dass kleine Mädchen gerne Prinzessin sein möchten, doch jenes kleine Mädchen verspürte diesen Wunsch nicht. Und dennoch hatte es das Gefühl, dass es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sei, dass es die „Märchenhochzeit“ nicht mitverfolgen durfte. 

Heute also meldet sich dieses Mädchen wieder zu Wort und klönt: „Komm, sei doch nicht so. Wenigstens dieses eine Mal können wir eine Ausnahme machen und uns am Freitagnachmittag vor die Glotze setzen. Du weisst doch, wie enttäuscht ich damals war, als ich nicht zuschauen durfte, wie Charles und Diana sich das Jawort gaben. Und jetzt willst du deinen Kindern das Gleiche antun? Denk doch nur, wie traurig Luise sein wird…“

Bis jetzt fällt es mir nicht schwer, das kleine Mädchen zu überhören, denn die Windsors lassen mich kalt. Wäre morgen Nachmittag eine Bundesratswahl, ich würde mich ganz bestimmt vor den Fernseher setzen, aber der Britische Adel in seiner ganzen Biederkeit ist mir nun wirklich zu doof. Daran kann auch ein kleines Mädchen, das tief in mir drinnen sitzt, nichts ändern daran.

Sollte allerdings morgen ein sehr reales kleines Mädchen von der Schule nach Hause kommen und mich bitten „Mama, können wir nicht die Hochzeit schauen? Die anderen dürfen auch und ich möchte doch so gerne das Kleid sehen…“, dann werde ich wohl kaum hart bleiben können. Also könntet ihr bitte dafür sorgen, dass unsere Tochter nichts von der Sache erfährt. Ich habe nämlich wirklich keine Lust, den morgigen Nachmittag vor dem Fernseher zu verbringen.

Tischgespräch

„Was gibt’s denn heute zum Mittagessen? Das stinkt ja fürchterlich!“

„Das stinkt nicht, das duftet! Ich kann es kaum erwarten, bis ich endlich davon probieren kann. Und du musst unbedingt auch probieren. So etwas Gutes hast du noch nie gegessen.“

„Nein danke, ich verzichte lieber. So scheusslich wie das stinkt, werde ich keinen Bissen davon runterkriegen.“

Das Essen wird aufgetragen, die Familie setzt sich zu Tisch.

„igitt! Ich will nicht neben dieser Schüssel sitzen. Diesen Gestank halte ich nicht aus.“

„Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Immerhin habe ich mir grosse Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Und überhaupt: Das ist eine Delikatesse.“

„Eine Delikatesse? Von wegen! Mach mal bitte das Fenster auf, sonst kann ich hier nicht essen.“

Jemand öffnet das Fenster, eine Weile lang essen alle schweigend.

„Das ist einfach himmlisch! Komm, probier auch mal ein wenig. Das darfst du dir nicht entgehen lassen.“

„Hör sofort damit auf, mit diesem ekligen Zeug vor meinem Gesicht herumzufuchteln! Ich werde keinen Bissen davon probieren. Und es ist mir vollkommen egal, dass ich nachher kein Dessert kriege.“

„Du kennst doch unsere Regel: Es wird von allem probiert, was auf den Tisch kommt.“

„Ich pfeife auf diese Regel. Von dem hier probiere ich ganz bestimmt nicht und wenn ich für den Rest des Jahres kein Dessert mehr kriege. Mich hat ja keiner gefragt, ob ich überhaupt will, dass diese Scheusslichkeit auf den Tisch kommt.“

So kam es, dass fünf kleine Vendittis genüsslich ein von Karlsson zubereitetes Ziegenkäse-Fondue verzehrten, während Mama, Papa und Au Pair angeekelt die Nase rümpften und sich standhaft weigerten, auch nur einen einzigen Brotbrocken mit Käse herunterzuwürgen.

Wer hat eigentlich unsere Kinder auf diese irrsinnige Idee gebracht, dass man bei Tisch von allem probieren soll?

Mama, wo kommen denn die kleinen Häuser her?

Wie ich sie liebe, diese Einblicke in die Gehirne kleiner Menschen, diese Momente, in denen sie mir enthüllen, wie sie die Welt verstehen. Da fragt mich heute Morgen der Zoowärter auf dem Weg zur Spielgruppe, weshalb unsere Freunde dort wohnen würden, wo sie eben wohnen. „Weil sie sich dieses Haus gekauft haben“, antworte ich und meine natürlich in meiner erwachsenen Beschränktheit, für den Zoowärter sei nun alles klar. Ist es aber nicht: „Haben die denn die Tasche mit dem Haus drin einfach hier abgestellt und es dann ausgepackt?“, fragt er mich und kann überhaupt nicht verstehen, weshalb ich ihm zur Antwort gebe, er sei doch einfach ein unglaublich herziges kleines Menschlein, anstatt ihm zu erklären, wo in der Migros man die Häuser findet und wie man es schafft, sie einfach so schnell beim Wocheneinkauf an den Ort zu schaffen, an dem man sie haben möchte.

Nur ein einziges Mal…

… möchte ich es schaffen, das gemütliche Mama-Prinzchen-Programm, das ich für den Dienstagmorgen geplant habe, auch wirklich durchzuziehen. In meinen Träumen sah das Programm folgendermassen aus: Morgens um zehn vor neun würden wir den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern. Danach würden wir einen kurzen Abstecher in die Migros machen, um den Kühlschrank, der über die Ostertage Opfer von Plünderern geworden war, wieder aufzufüllen. Schliesslich würden wir noch kurz im Gartencenter vorbeischauen, um Erde und Setzlinge zu kaufen und danach würden wir den Rest des Vormittags im Garten verbringen. Ich würde dem Prinzchen zeigen, wie man Tomaten pflanzt, ich würde ihm vollkommen unerschrocken einen Regenwurm unter die Nase halten, ich würde ihm helfen, wenn er voller Stolz mit der Giesskanne die Setzlinge begiessen würde und vielleicht, mit etwas Glück, würden wir eine Raupe oder einen Käfer finden, den wir gemeinsam beobachten könnten. Und am Ende des Morgens könnte ich mir voller Stolz auf die Schulter klopfen, weil ich so eine tolle Mama bin, die ihrem Kind die Natur näher bringt.

Das also war das Programm, aber wie immer, wenn ich ein Programm habe, wird es durch irgend einen kleinen Mist über den Haufen geworfen. Heute war es zuerst einmal der Autoschlüssel, der mit „Meinem“ zur Schule gegangen war, obschon „Meiner“ ihn dort gar nicht brauchte, da er sich per Fahrrad über den Berg begeben hatte. Wo denn der Ersatzschlüssel war, fragt ihr? Nun, der Ersatzschlüssel hat sich dazu entschieden, nur noch hin und wieder zur Verfügung zu stehen. Den Rest der Zeit ist er unauffindbar. Von Zeit zu Zeit taucht er aus dem Chaos auf und tut so, als wäre er schon immer da gewesen, doch dann verschwindet er wieder und lässt sich nicht mehr blicken, egal wie sehr man nach ihm sucht. Zum Glück steht für solche Momente zuweilen auch das Auto meiner Mutter zur Verfügung und so schaffte ich es immerhin, den Zoowärter beinahe rechtzeitig zur Spielgruppe zu bringen. 

Und dann folgte der nächste Stolperstein: Eine volle Prinzchenwindel, die gewechselt werden wollte, bevor wir einkaufen konnten. Danach verzögerte der Lohn, der offenbar noch nicht auf dem Konto angekommen war, weshalb wir zu einem von Baustellen übersäten Umweg zur Bank gezwungen waren, unser weiteres Fortkommen. Und dann musste das Eis ganz dringend in die Kühltruhe, bevor wir zum Gartencenter fahren konnten. Schliesslich, als das Auto endlich mit Erde und Setzlingen – Zuckermelone, Gurken und Butternut-Kürbisse – beladen war, war es Zeit, den Zoowärter wieder von der Spielgruppe abzuholen.

Das heutige Mama-Prinzchen-Programm war also einmal mehr eine einzige Hetzerei zwischen Tiefgarage, Bancomat, Einkaufswagen und Warterei an der roten Ampel. Während ich mich einmal mehr in bester Müttermanier mit Vorwürfen ob des missratenen Morgens eindecke, scheint das Prinzchen aber kein Problem damit zu haben, dass der Vormittag anders aussah als geplant. Für ihn zählt einzig und alleine der Erfolg, der bei ihm so aussieht, dass er mir dabei helfen durfte, siebzig Liter Erde auf dem Gepäckroller hinters Haus zu karren. Was kümmert es ihn, dass er weder Regenwürmer noch Raupen noch Käfer gesehen hat? Was schert es ihn, dass er noch immer nicht weiss, wie man Tomaten pflanzt? Hauptsache, er kann jedem voller Stolz erzählen, dass er „Mami ganz fest gholfe“ hat. 

Hasenärger

Über meine Gewissensbisse, meinen Kindern das Märchen vom Osterhasen zu erzählen, habe ich ja schon öfters berichtet. Zum Beispiel hier, hier und hier. So elend wie heute habe ich mich aber noch nie gefühlt bei der ganzen Gaukelei. Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten in der Sache anzulügen, war nicht so schlimm, denn irgendwie schienen die drei schon von Anfang an zu ahnen, dass das alles erstunken und erlogen ist. Beim Zoowärter aber sieht die Sache etwas anders aus. Für ein Kind, das Tag für Tag in einer von Winnie the Pooh, Drachengefährlichermachern, Rittern, Snoopy und dem Riesen Goliath bevölkerten Welt lebt, ist der Osterhase kein Märchen, sondern eine willkommene Ergänzung für sein ohnehin schon sehr lebhaftes Fantansie-Universum. Wenn man dann einem solchen Kind erklärt, dass nur die Mama den Osterhasen sehen könnte, weil er eben so früh am Morgen angehoppelt komme, dass noch keiner sonst wach sei, dann würde man sich am liebsten selber die Zunge abbeissen. Wie kann man bloss so gemein sein, die Gutgläubigkeit eines Vierjährigen zu missbrauchen? Mir bricht es fast das Herz, wenn ich mir ausmale, dass der arme Kleine in nicht allzu ferner Zukunft wird erkennen müssen, dass ich ihm einen riesigen Bären – etwa zehnmal grösser als der grösste Pooh in seiner Sammlung – aufgebunden habe. Ich darf gar nicht daran denken, wie enttäuscht er dereinst sein wird, sonst fange ich gleich hier und jetzt an zu heulen.

Als ob meine eigenen Gewissensbisse nicht schon schlimm genug wären, muss ich heute in einer der zahlreichen Sonntagszeitungen lesen, dass Eltern, die ihren Kindern vom Osterhasen erzählen, damit ernsthaft riskieren, ihren Nachwuchs zu verwirren. „Die Erwachsenen erlangen Macht und Kontrolle über das Kind, indem sie eine irreale Instanz erschaffen“, steht da schwarz auf weiss. Mist! Was sind wir doch für miese, hinterhältige Eltern, die den armen Zoowärter so sehr verwirren, dass am Ende gar sein Selbstvertrauen darunter leiden wird, wie ich in dem Artikel weiter lese. Gut, der Artikel zitiert auch andere Stimmen, die behaupten, das alles sei gar nicht so schlimm und die Kinder würden solche Geschichten ja so sehr lieben.

Aber als pflichtbewusste Mama weiss ich natürlich, auf welche Stimme ich zu hören habe und wie ich mich nach der Lektüre eines solchen Artikels zu verhalten habe: Ich streiche alle Passagen, die mir Vorwürfe machen, mit Leuchtstift an und lerne sie auswendig, auf dass ich sie nie wieder vergesse. Danach stelle ich mich vor den Spiegel, blicke mir fest in die Augen und sage mir hundert Mal vor, was für eine elende Lügnerin ich doch bin. Danach ziehe ich mich ins Büro zurück, um einen Sparplan zusammenzustellen, auf dass ich dereinst, wenn der Zoowärter meinetwegen auf der Couch des Psychiaters landet, genug Geld auf der Seite habe, um die Kosten für die Therapie zu begleichen. Zum Schluss begebe ich mich in die Küche, wo ich einen Schokoladenhasen verzehre. Denn eigentlich ist er ja Schuld an dem ganzen Schlamassel und darum hat er nichts anderes verdient, als aufgegessen zu werden.

Honigbutter

Manchmal findet auch ein blindes Huhn ein Körnchen und so kommt es, dass ich an einem Tag, an dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen kann, doch immerhin die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, wie man Honigbutter macht. Das schafft man, indem man gleichzeitig mit fünf Kindern Ostereier färbt, zwischendurch mal kurz das Rezept für das Abendessen durchliest, die Küche aufräumt, Eiweiss steif schlägt und dabei ganz vergisst, dass die Küchenmaschine derweil fröhlich Halbrahm und Honig rührt, bis das Ganze kein Honigmousse, sondern eben Honigbutter ist. Nun ja, zumindest auf etwas kann ich stolz sein, wenn ich mich heute Abend hundemüde ins Bett lege…

Der andere

Glaubt mir, wenn ich „den anderen“ endlich mal in die Finger kriege, dann kann er etwas erleben. Je grösser meine Kinder werden, desto mehr macht er mir das Leben schwer und doch kann ich seiner nicht habhaft werden. Da ist abends, mitten im grössten Feierabendstress der Fussboden im heimischen Büro grossflächig mit Kreide bemalt. Wer war’s? Der andere natürlich. Im Garten liegen eine leere Orangensaftpackung und Becher rum. Wer hat sie liegen gelassen? Auch wieder der andere. Natürlich war es auch der andere, wenn nach dem Bad das ganze Badezimmer unter Wasser steht, wenn wunderbar blühende Tulpen einfach entwurzelt werden, wenn der Kaugummi in der Suppenschüssel anstatt im Abfall landet, wenn das Lavabo mit Lippenstiftspuren bedeckt ist oder wenn der Zoowärter schon wieder heulen muss. 

Ich will ja keine Vorurteile pflegen, aber mir scheint, dass dieser andere eine ziemlich problematische Figur sein muss. Wo immer er auftaucht, richtet er Schaden an und hat dann nicht die Grösse, zu seinen Taten zu stehen. Er hinterlässt eine Spur der Verwüstung und man meint, wenn man der Spur nur lange genug folgen würde, könnte man ihn endlich zu fassen kriegen, aber irgendwie schafft er es immer, sich aus dem Staub zu machen. Meiner Meinung nach sollte man den Kerl ja schon längst mal einem Experten vorführen, damit dieser sich mit dem unbändigen Zerstörungswahn befasst. Leider aber fürchte ich, dass der andere nicht auffindbar wäre, wenn ich mit ihm beim Therapeuten aufkreuzen sollte. Und was soll ich denn schon sagen, wenn man mich dann fragt, weshalb ich einen Termin vereinbart habe und ohne Patient erscheine? Na was wohl? „Das war gar nicht ich, die den Termin mit Ihnen vereinbart hat, das war der andere.“