Hasenärger

Über meine Gewissensbisse, meinen Kindern das Märchen vom Osterhasen zu erzählen, habe ich ja schon öfters berichtet. Zum Beispiel hier, hier und hier. So elend wie heute habe ich mich aber noch nie gefühlt bei der ganzen Gaukelei. Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten in der Sache anzulügen, war nicht so schlimm, denn irgendwie schienen die drei schon von Anfang an zu ahnen, dass das alles erstunken und erlogen ist. Beim Zoowärter aber sieht die Sache etwas anders aus. Für ein Kind, das Tag für Tag in einer von Winnie the Pooh, Drachengefährlichermachern, Rittern, Snoopy und dem Riesen Goliath bevölkerten Welt lebt, ist der Osterhase kein Märchen, sondern eine willkommene Ergänzung für sein ohnehin schon sehr lebhaftes Fantansie-Universum. Wenn man dann einem solchen Kind erklärt, dass nur die Mama den Osterhasen sehen könnte, weil er eben so früh am Morgen angehoppelt komme, dass noch keiner sonst wach sei, dann würde man sich am liebsten selber die Zunge abbeissen. Wie kann man bloss so gemein sein, die Gutgläubigkeit eines Vierjährigen zu missbrauchen? Mir bricht es fast das Herz, wenn ich mir ausmale, dass der arme Kleine in nicht allzu ferner Zukunft wird erkennen müssen, dass ich ihm einen riesigen Bären – etwa zehnmal grösser als der grösste Pooh in seiner Sammlung – aufgebunden habe. Ich darf gar nicht daran denken, wie enttäuscht er dereinst sein wird, sonst fange ich gleich hier und jetzt an zu heulen.

Als ob meine eigenen Gewissensbisse nicht schon schlimm genug wären, muss ich heute in einer der zahlreichen Sonntagszeitungen lesen, dass Eltern, die ihren Kindern vom Osterhasen erzählen, damit ernsthaft riskieren, ihren Nachwuchs zu verwirren. „Die Erwachsenen erlangen Macht und Kontrolle über das Kind, indem sie eine irreale Instanz erschaffen“, steht da schwarz auf weiss. Mist! Was sind wir doch für miese, hinterhältige Eltern, die den armen Zoowärter so sehr verwirren, dass am Ende gar sein Selbstvertrauen darunter leiden wird, wie ich in dem Artikel weiter lese. Gut, der Artikel zitiert auch andere Stimmen, die behaupten, das alles sei gar nicht so schlimm und die Kinder würden solche Geschichten ja so sehr lieben.

Aber als pflichtbewusste Mama weiss ich natürlich, auf welche Stimme ich zu hören habe und wie ich mich nach der Lektüre eines solchen Artikels zu verhalten habe: Ich streiche alle Passagen, die mir Vorwürfe machen, mit Leuchtstift an und lerne sie auswendig, auf dass ich sie nie wieder vergesse. Danach stelle ich mich vor den Spiegel, blicke mir fest in die Augen und sage mir hundert Mal vor, was für eine elende Lügnerin ich doch bin. Danach ziehe ich mich ins Büro zurück, um einen Sparplan zusammenzustellen, auf dass ich dereinst, wenn der Zoowärter meinetwegen auf der Couch des Psychiaters landet, genug Geld auf der Seite habe, um die Kosten für die Therapie zu begleichen. Zum Schluss begebe ich mich in die Küche, wo ich einen Schokoladenhasen verzehre. Denn eigentlich ist er ja Schuld an dem ganzen Schlamassel und darum hat er nichts anderes verdient, als aufgegessen zu werden.

8 Gedanken zu “Hasenärger

  1. Uups, dass ich dann früh aufstehen muss, daran habe ich mal wieder nicht gedacht… Pläne/Ideen im Detail auszuarbeiten liegt mir einfach nicht – irgendwie bin ich am Ende meistens die Dumme 😉

  2. Scheint mir ein sinnvoller Kompromiss zu sein. Obschon ich mir nicht ganz sicher bin, wo der Spass für die Mama liegt, wenn sie im Morgengrauen ums Haus schleichen muss, um die Hasen zu verstecken. 😉

  3. Unser vorläufiger Kompromiss: Um MIR (Zitat!!) den Spass nicht zu verderben, darf ich weiterhin vom Osterhasen erzählen. Und falls er die nächsten Jahre trotz einiger deutlich älterer Kinder in der Verwandtschaft, die wohl demnächst „vom Glauben abfallen“, übersteht, muss er dann spätestens im zweiten Kindergartenjahr sein Leben lassen… So weit die Theorie bzw. der Plan. Ob meinem Herzallerliebsten auch klar ist, dass ich nicht diejenige sein werde, die meinem Kind einfach so den Osterhasen-Glauben nimmt? 🙂 (Falls sie einen Verdacht hätte, würde ich sie natürlich aufklären)

  4. Ich hoffe sehr, dass Du Recht hast.

    Die Frage, wie viel die Kinder dereinst aus dem Blog lesen sollen, beschäftigt mich ja schon seit längerer Zeit. Ich nehme mal an, sie werden es eines Tages lesen wollen. Und dann hoffe ich, dass sie mir das Ganze genau so nachsehen werden wie die Sache mit dem Osterhasen… 😉

  5. Da bin ich ja mal gespannt auf das Ergebnis der Diskussion. Ich selber bin nämlich nach deiner wunderbaren Schilderung nicht mehr so ganz sicher, was ich denken soll… 😉

  6. Vielleicht besteht ja ein klitzekleines Bisschen Hoffnung, dass die Jüngste Generation das dereinst gar nicht so verbissen sehen wird. Vermutlich werden sie schmunzeln und Dir Dankbar sein, dass Du Ihnen die Heile Welt so lange wie möglich erhalten hast. Den Sprung in die Realität werden sie früh genug machen müssen. Sicher werden sie das unbeschadet überstehen wie viele Generationen vor ihnen.

    Nur… diesen Blogeintrag würde ich dem Zoowärter eher nicht zeigen, sonst kriegt er im Nachhinein noch selber Gewissensbisse und braucht womöglich deshalb einen Psychiater 😉

  7. Und übrigens: Mein Herzallerliebster sagt gerade, er sei vollkommen deiner Meinung. Ich geh dann jetzt mal diskutieren – das Ergegnis wirst du sicher erfahren 😉

  8. Und hier noch eine vollkommen subjektive Gegen-Meinung: Ich habe den Osterhasen und das Christkind geliebt (ok, den Samichlaus nicht so sehr – der wollte mich jedes Jahr in den Sack stecken)! Wie ich herausgefunden habe, dass es sie nicht gibt, daran erinnere ich mich nicht mehr, auch nicht an die vermutlich gespürte Enttäuschung darüber. Umso lebhafter habe ich allerdings die Zeit in Erinnerung, als ich aufgeregt auf den Osterhasen und das Christkind gewartet habe und ausser mir war vor Glück, wenn die Osternest-Suche endlich los ging. Dasselbe habe ich als Älteste bei meinen kleineren Geschwistern erlebt und mich davor gehütet, ihre Illusionen zu zerstören. Deshalb habe ich heute keine Hemmungen davor, meinem Kind vom Osterhasen und Co. zu erzählen. Ich gönne ihm diese „magische Zeit“ und finde sie einen unentbehrlichen Bestandteil jeder Kinderzeit.

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