Dann eben nächstes Jahr

Zuerst habe ich mir ja überlegt, ob wir dieses Jahr die Zeitumstellung einfach ignorieren sollen. Bloss weil alle anderen es machen, müssen wir nicht unbedingt auch dabei sein, dachte ich mir. Nun gut, die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten wären vielleicht nicht sonderlich erfreut, wenn er noch später zur Schule käme, aber ich bin ja auch nicht immer einverstanden mit dem, was in der Schule läuft, da kann man es uns doch nicht verargen, wenn wir auch mal unser eigenes Ding durchziehen. Okay, vermutlich würde auch unser Sozialleben etwas erschwert, aber da wir ohnehin fast immer spät dran sind, bliebe unsere Rebellion weitgehend unbemerkt. Vielleicht würden ja sogar jene, die dennoch von unserem Widerstand wüssten, sich uns anschliessen und wir gingen in die Geschichte ein als jene, die das Ende eines grossen Unsinns einläuteten.

Im Geiste sah ich uns schon in den Geschichtsbüchern verewigt, als mir einfiel, dass das Zusammentreffen von Zeitumstellung und Ostern mir wohl meinen einzigen glanzvollen Nicht-Auftritt in meiner langen Osterhasenkarriere bescheren würde. Über all die Jahre habe ich es nämlich noch nicht ein einziges Mal geschafft, von niemandem gesehen zu werden, als ich frühmorgens durch den Garten schlich. Immer war bereits eines der Kinder wach, immer beobachtete mich mindestens eines vom Fenster aus. Heute aber, als um halb acht die biologische Uhr unserer Kinder erst auf halb sieben stand, konnte ich von allen unbemerkt aus dem Haus schleichen, um mir auf der Suche nach geeigneten Verstecken beinahe die Füsse abzufrieren. Nicht mal Karlsson, der gewöhnlich lange vor mir wach ist, war um diese Zeit schon auf und so konnte ich für einmal alle glauben machen, der Osterhase habe die Sachen gebracht. Nun ja, zumindest alle, die noch daran glauben, dass es den Osterhasen wirklich gibt…

Ja, ich weiss, der Widerstand gegen die Zeitumstellung wäre heldenhafter gewesen, aber diese eine Chance auf einen erfolgreichen Osterhaseneinsatz konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Verweigern können wir uns ja auch nächstes Jahr.

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Hasenärger

Über meine Gewissensbisse, meinen Kindern das Märchen vom Osterhasen zu erzählen, habe ich ja schon öfters berichtet. Zum Beispiel hier, hier und hier. So elend wie heute habe ich mich aber noch nie gefühlt bei der ganzen Gaukelei. Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten in der Sache anzulügen, war nicht so schlimm, denn irgendwie schienen die drei schon von Anfang an zu ahnen, dass das alles erstunken und erlogen ist. Beim Zoowärter aber sieht die Sache etwas anders aus. Für ein Kind, das Tag für Tag in einer von Winnie the Pooh, Drachengefährlichermachern, Rittern, Snoopy und dem Riesen Goliath bevölkerten Welt lebt, ist der Osterhase kein Märchen, sondern eine willkommene Ergänzung für sein ohnehin schon sehr lebhaftes Fantansie-Universum. Wenn man dann einem solchen Kind erklärt, dass nur die Mama den Osterhasen sehen könnte, weil er eben so früh am Morgen angehoppelt komme, dass noch keiner sonst wach sei, dann würde man sich am liebsten selber die Zunge abbeissen. Wie kann man bloss so gemein sein, die Gutgläubigkeit eines Vierjährigen zu missbrauchen? Mir bricht es fast das Herz, wenn ich mir ausmale, dass der arme Kleine in nicht allzu ferner Zukunft wird erkennen müssen, dass ich ihm einen riesigen Bären – etwa zehnmal grösser als der grösste Pooh in seiner Sammlung – aufgebunden habe. Ich darf gar nicht daran denken, wie enttäuscht er dereinst sein wird, sonst fange ich gleich hier und jetzt an zu heulen.

Als ob meine eigenen Gewissensbisse nicht schon schlimm genug wären, muss ich heute in einer der zahlreichen Sonntagszeitungen lesen, dass Eltern, die ihren Kindern vom Osterhasen erzählen, damit ernsthaft riskieren, ihren Nachwuchs zu verwirren. „Die Erwachsenen erlangen Macht und Kontrolle über das Kind, indem sie eine irreale Instanz erschaffen“, steht da schwarz auf weiss. Mist! Was sind wir doch für miese, hinterhältige Eltern, die den armen Zoowärter so sehr verwirren, dass am Ende gar sein Selbstvertrauen darunter leiden wird, wie ich in dem Artikel weiter lese. Gut, der Artikel zitiert auch andere Stimmen, die behaupten, das alles sei gar nicht so schlimm und die Kinder würden solche Geschichten ja so sehr lieben.

Aber als pflichtbewusste Mama weiss ich natürlich, auf welche Stimme ich zu hören habe und wie ich mich nach der Lektüre eines solchen Artikels zu verhalten habe: Ich streiche alle Passagen, die mir Vorwürfe machen, mit Leuchtstift an und lerne sie auswendig, auf dass ich sie nie wieder vergesse. Danach stelle ich mich vor den Spiegel, blicke mir fest in die Augen und sage mir hundert Mal vor, was für eine elende Lügnerin ich doch bin. Danach ziehe ich mich ins Büro zurück, um einen Sparplan zusammenzustellen, auf dass ich dereinst, wenn der Zoowärter meinetwegen auf der Couch des Psychiaters landet, genug Geld auf der Seite habe, um die Kosten für die Therapie zu begleichen. Zum Schluss begebe ich mich in die Küche, wo ich einen Schokoladenhasen verzehre. Denn eigentlich ist er ja Schuld an dem ganzen Schlamassel und darum hat er nichts anderes verdient, als aufgegessen zu werden.

Es ist alles ganz anders

Der Zoowärter denkt ja, der Osterhase wohne bei uns gegenüber in einem geräumigen Hasenstall und neulich hat er mir erklärt, wie dieser Hase seiner Arbeit nachgeht: Er hoppelt, wenn bei der Ampel das grüne Männchen erscheint, über die Strasse und verteilt die Eier in unserem Garten. Dann hoppelt er wieder zurück, aber erst dann, wenn die Ampel nicht mehr das rote Männchen zeigt. Okay, ich habe zwar keine Ahnung, wo an unserer verkehrsberuhigten Strasse eine Ampel stehen soll, aber auch sonst macht sich der Zoowärter ein falsches Bild vom Osterhasen. In der Realität ist nämlich alles ganz anders, nämlich so:

Am frühen Ostermorgen schlüpft die Osterhäsin – der Osterhase ist nämlich weiblich – in ihre Stöckelschuhe, weil sie gerade nichts anderes finden kann, sie es aber eilig hat, weil sie bereits die Kinder rumoren hört. Zu den Stöckelschuhen trägt sie ausgeleierte Pyjamahosen, ein rotes T-Shirt und einen Poncho. So leise sie kann, stöckelt sie die Treppe hinunter, gefolgt von ihrem mürrischen Gehilfen, der ihr die schwere Schachtel trägt und unablässig darüber schimpft, dass die Osterhäsin mal wieder zu viel eingekauft habe und dass man das alles hätte bleiben lassen können weil es den Osterhasen ja ohnehin nicht gebe. Die Osterhäsin verteidigt sich und sagt, sie habe ja nicht wissen können, dass die Schwiegerosterhäsin auch noch für jedes Kind einen Schokohasen einkaufen würde und ausserdem habe sie ausschliesslich Sonderangebote erstanden. Dann verschwindet die Osterhäsin im sehr kühlen Garten, der Gehilfe zieht sich grummelnd in die Wohnung zurück und räumt die Küche auf.

Derweilen versteckt die Osterhäsin so gut sie kann – sie ist eine ziemliche Niete, wenn es darum geht, Dinge zu verstecken – sämtliche Hasen, Schokoeier und Spielsachen. Richtige Eier hat sie in diesem Jahr nicht, denn beim Eierfärben waren die Eier nicht ganz gar geworden, weshalb sie der grummelnde Gehilfe noch einmal kochen musste und jetzt sind die Eier nicht mehr bunt, sondern fast weiss. Und wer versteckt denn schon weisse Eier im Garten? Irgendwann hat die Osterhäsin alles versteckt und nur wenige Minuten später bringen die Kinder die Beute, inzwischen mit ein paar Schnecken dekoriert, wieder in die Küche. Sie freuen sich, dass der Osterhase so grosszügig war in diesem Jahr und der grummelnde Gehilfe ist plötzlich ganz fröhlich, weil er es ganz entzückend findet, wie sich die Kinder über ihre Geschenke freuen. Nur zwei sind nicht so ganz glücklich: Der Zoowärter und die Osterhäsin. Der Zoowärter, weil er enttäuscht ist, dass er den Osterhasen nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und die Osterhäsin, weil sie Kopfweh hat aber das kommt eben davon, wenn man am frühen Morgen im Garten herumstöckelt, anstatt im warmen Bett zu liegen. Nächstes Jahr kann der grummelnde Gehilfe den Job machen.

Versagt

Okay, ich geb’s ja zu. Ich habe versagt. Zwar habe ich bis heute dem Süssen fast widerstehen können, aber eben nur fast. Schuld ist nicht der Besuch von vergangenem Samstag, der mit zuckerüssen, mit Blümchen verzierten Küchlein aufgekreuzt war. Ich hatte ja angekündigt, dass ich dann nicht würde widerstehen können. Und daran habe ich mich auch gehalten.

Nein, Schuld ist, einmal mehr, der Osterhase. Da zerbricht man sich den Kopf, wie man der Patentochter eine Freude machen könnte, bestellt im Internet diesen sündhaft teuren, zuckersüssen und handgemachten Hasen mit Hüppensplittern, freut sich darüber, dass er die Reise von Basel nach Schönenwerd heil überstanden hat und schafft es sogar, das Tier vor den Kindern zu verstecken. Glaubt man. Denn als man den Hasen für den Transport zur Patentochter bereit machen will, findet man nur noch einen mit Schleifchen verzierten Sack voller Schokoladensplitter in der Schachtel.

Was soll man da tun? Es gibt nur eine Lösung, nämlich die, den Frust so rasch wie möglich in sich hinein zu fressen. Und dazu eignet sich bekanntlich nichts so gut, wie himmlisch duftende Schokolade mit Hüppensplittern. Innert Minuten ist der ehemalige Hase in meinem Mund verschwunden, das Versprechen gebrochen und das schlechte Gewissen ins Unendliche gewachsen.

Die Patentochter bekommt den Hasen, der eigentlich für „Meinen“ vorgesehen gewesen wäre, „Meiner“ bekommt zu Ostern eine Barbamama-Tasse und mein Versprechen wird auf unbestimmte Zeit verlängert. Mal schauen, wie lange ich es diesmal schaffe…

Der Hase ist aus dem Sack

So, einen Mythos haben wir erledigt. Den Klapperstorch und den Samichlaus sind wir zwar noch nicht losgeworden, aber immerhin müssen wir jetzt  nicht mehr vom Osterhasen reden; zumindest nicht mehr, bis das Prinzchen zu reden beginnt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat war der Erste, der skeptisch wurde. Herausfordernd schaute er mir gestern in die Augen und meinte: „Der Osterhase bist du.“ Offenbar wurde sein Verdacht dadurch geweckt, dass die Mama, die seit dem ersten April kaum mehr einen Schritt vor die Haustür getan hatte, nun plötzlich trotz Krücken in die Stadt musste, weil sie „eine Sitzung mit dem Osterhasen hatte“.

Während der FeuerwehrRömerRitterPirat bereit war für diese Entdeckung, wollten die grossen Geschwister noch nichts davon wissen. Doch dann, heute Morgen bei der Eiersuche,  belauschte ich Karlsson vom Dach. „Die Sachen haben Mama und Papa versteckt“, dämmerte es ihm, als er für jedes Kind ein passendes Buch im Garten fand. „Mama und Papa sind sooooo liebe Osterhasen.“ Leider waren dann aber auch wir daran Schuld, dass ihm sein Osterhase nicht gefiel. Wo ist denn der Osterhase, wenn man ihn mal braucht? Da kauft man extra einen Fahrrad-fahrenden Hasen für Karlsson, weil dieser so gerne Fahrrad fährt. Und was will das undankbare Kind? Einen Hasen mit Blümchen, genau so einen, wie Luise hat. Und was tut die sooooo liebe Osterhäsin, früh morgens um halb neun, wenn man sich eigentlich für den österlichen Kirchgang bereit machen sollte? Sie färbt Marzipan, formt Blümchen und freut sich darüber, das Karlsson wieder strahlt.

Den definitiven Todesstoss bekam der Osterhase dann von der Nachbarin versetzt. Die Kinder zeigen ihr stolz ihre Hasen, die Nachbarin bewundert die verschiedenen Tiere gebührend und will dann von mir wissen: „Wo hast du nur so viele verschiedene Hasen aufgetrieben?“ Damit hat auch für Luise der Glaube an den Osterhasen ein Ende gefunden.

Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass die Grossen die beiden Kleinen nicht über die wahre Identität des Osterhasen aufklären, bevor diese reif sind für die ganze Wahrheit.

Glaubensfragen

Ursprünglich hatten wir ja mal geplant, unsere Kinder vor all den Ammenmärchen zu verschonen und ihnen von Anfang an reinen Wein einzuschenken, wenn es um die grossen Fragen des Lebens wie Weihnachtsmänner, Ostern und die Herkunft der Babies geht. Anfangs ging dies eigentlich noch ganz gut. Der Samichlaus war einfach ein verkleideter Mann, von Christkind, Osterhase & Co. war schon gar nicht die Rede.

Dann jedoch kam der denkwürdige 6. Dezember, an dem ein Onkel der Kinder als Samichlaus auftauchte und erzählte, sein Esel habe leider dieses Jahr nicht mitkommen können. Und weil die lieben Kleinen den Onkel trotz seines starken  Baslerdialekts nicht erkannten, gibt es jetzt eben den Samichlaus. Er wohnt, wie bei den meisten anderen Familien auch, tief im dunklen Tannenwald, bäckt Grittibänzen und verteilt Geschenke.

Nun ja, damit könnte man leben. Doch vor zwei Jahren kam dann noch der Osterhase dazu. Unsere Kinder sind der festen Überzeugung, dass es dieses Eier-anpinselnde Geschöpf gibt und wenn sie kurz vor Ostern ein Haarbüschel im Garten liegen sehen, sind sie sicher, dass der Osterhase auf seiner Tour ist. Da hilft alle Skepsis von Seiten der Eltern nichts, der Osterhase ist genauso real wie der Pöstler.

Seit heute jedoch bevölkert noch ein anderer den Götterhimmel unserer Kinder. Da begrüsst mich heute früh unser ältester, seinem Alter entsprechend bestens aufgeklärte und für gewöhnlich sehr vernünftige Sohn allen  Ernstes mit der Frage: „Mama, wie hat der Storch ausgesehen, der mich gebracht hat?“ Und Luise, die genau weiss, dass  Babies aus Mamas Bauch kommen, wollte wissen, ob der Storch sie in dem Tuch getragen habe, das beim Mittagessen die Kartoffeln warm hält.

Wenn die Knöpfe demnächst auch noch von Bienchen und Blümchen zu faseln beginnen, dann weiss ich mir auch nicht mehr zu helfen.

Gibt es ihn, oder gibt es ihn nicht? Natürlich gibt es ihn nicht, und in der grauen Vorzeit, als man noch keine Kinder hatte, war man sich sicher, dass man ihnen nie und nimmer einen solchen Mist erzählen würde. Die Kleinen sollten zu nüchtern denkenden Menschen erzogen werden, die nicht irgendwann, etwa im Alter von 14 Jahren, entsetzt feststellen sollten, dass ihre Eltern sie schamlos angelogen hatten. Kinder wollen ernst genommen werden, so dachte man, und deshalb lieben sie es gar nicht, wenn man ihnen etwas vormacht.
Am Anfang ging dies tatsächlich noch gut. Es gab ihn nicht, aber man kaufte trotzdem einen, und zwar einen aus Schokolade, keinen aus Nougat. Dann aber kam das „magische Alter“, oder wie die Pädagogen dies auch immer nennen mögen. Die Zeit, in der die Kinder alles mögliche glauben wollen. Und mit dem magischen Alter kam der Kindergarten mit all den wunderbaren Geschichten, die die Kinder dort erzählt bekommen. Ja, und plötzlich gab es ihn, ob man wollte, oder nicht. Er brachte die bunten Eier, die Überraschungen, die Süssigkeiten.
Und jetzt kommt das grosse Dilemma: Während die einen Kinder erst gerade im „magischen Alter“ angekommen sind, ist der ältere Bruder bereits wieder daran, für alles eine Erklärung zu suchen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Der Jüngste hat von allem noch gar keine Ahnung, ist glücklich, solange er das grösste Stück Schokolade bekommt. Richtet man sich nun nach dem Ältesten und sagt, es gebe ihn nicht, zerstört man die Träume der Kleineren. Natürlich sind diese bloss Illusionen, aber verleihen nicht gerade diese der Kindheit ihren Zauber? Richtet man sich nach den Jüngeren, fühlt sich der Älteste für dumm verkauft. Richtet man sich nach dem Jüngsten, dann artet die Sache in ein grosses Fressen aus, was ja auch nicht gerade der Sinn der Sache ist.
Und so stehen sie, die Eltern, vor der grossen Frage: Gibt es ihn bei uns, den Osterhasen? Wenn nein, wie sag ich’s meinem Kinde? Wenn ja, wie können wir uns selbst noch treu bleiben?