Schlecht verteilt

Ihnen ist soooooo unglaublich langweilig – und ich hätte sooooooo unglaublich viel zu tun.

Sie schieben jede Aufgabe so lange wie möglich vor sich her – und ich werde allmählich kribbelig, weil ich meine Sachen vor mir herschieben muss, solange sie gelangweilt zu Hause herumhängen.

Sie wissen einfach nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen – und ich weiss einfach nicht, wie mir die Zeit für alles reichen soll.

Sie verspüren nicht die geringste Lust, das schöne Wetter zu geniessen – und ich wünschte mir, ich hätte Zeit für einen Waldspaziergang.

Sie möchten andauernd unterhalten werden – und ich möchte wenigstens fünf Minuten ungestört meinen Gedanken nachhängen können.

Sie hätten genügend Energie, um Bäume auszureissen, aber keine Idee, wo sie diese Energie einsetzen sollen – und ich hätte die Ideen, aber nicht genügend Energie zum Bäume ausreissen.

Sie haben Ferien – und ich bräuchte Ferien.

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Nicht so gefragt im Moment

Auf dem Küchentisch steht plötzlich ein Red Bull. Genauer gesagt: Eine Dose Red Bull. Also eine klare Übertretung des „Kind, trink bloss keine Energy Drinks, die sind ungesund. Und wenn du schon welche trinken musst, dann gefälligst nicht aus der Dose, denn Dosen sind nicht umweltfreundlich“-Gebots.

Beim samstäglichen Putzen kommt jetzt immer öfter Javel-Wasser zum Einsatz, weil Mamas Meinung zu diesem giftigen Zeug nichts mehr gilt. Wenn Grossmama und Tante sagen, dass man damit alles blitzsauber bekommt, dann stimmt das und obendrein riecht das ja auch so unglaublich gut…

Hätte ich mir erlaubt, auf Facebook einen mütterlichen Kommentar abzugeben, dann hätte er mich aus seiner Freundesliste gekippt.

Filme, die ich lustig finde, sind grundsätzlich doof. Dafür sind die Studienfächer, die ich zum Gähnen langweilig finde, auf einmal unglaublich interessant. Und wenn ich bemerke, er solle bei der Berufswahl seine Talente berücksichtigen, fragt er, ob ich jetzt etwa auch so eine ehrgeizige Glucke sei, die ihren Nachwuchs pushen wolle.

Wenn er dreimal in zehn Minuten meinetwegen seine Lektüre unterbrechen muss, verdreht er entnervt die Augen und fragt, ob ich eigentlich nicht alle Anliegen auf einmal vorbringen könne.

Okay, verstanden. Derzeit stehe ich bei Karlsson nicht besonders hoch im Kurs, doch solange wir noch miteinander herumalbern und über uns selbst lachen können, habe ich kein Problem damit. Früher oder später muss er ja wohl seinen eigenen Weg finden.

Ich hoffe bloss, dass der Frevel mit den Getränkedosen bald ein Ende hat…

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Komfortabel, nicht?

Versteht mich bitte auf gar keinen Fall falsch, ich will mich wirklich nicht beklagen. Und erst recht will ich nicht behaupten, für mich sei es schwieriger als für andere Mütter. Ich will einzig darauf hinweisen, dass es nicht mal in meiner privilegierten Situation einfach ist, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Komfortabler als ich kann man es ja wirklich nicht haben: Will ich zur Arbeit gehen, muss ich bloss meinen Laptop auf den Tisch stellen, eine Tasse Tee kochen, den guten alten Johann Sebastian auf Endlosschlaufe setzen und schon kann ich mich meinen Aufgaben widmen. Vierzig Minuten bevor die Kinder nach Hause kommen, setze ich das Mittagessen auf, wenn der Herd ohne meine Anwesenheit auskommt, kann ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, danach essen wir gemeinsam. Wenn es der Stundenplan der Kinder erlaubt, arbeite ich am Nachmittag weiter, ansonsten eben erst am nächsten Morgen. Steht ein Abgabetermin bevor, gibt’s auch mal eine Nachtschicht. Wirklich ideal, nicht wahr?

Na ja, in der Theorie schon. In der Praxis sieht das leider ein wenig komplizierter aus, denn in der Praxis ist auch eine von zu Hause aus arbeitende Mutter zu stetiger Flexibilität gezwungen. Mal machen einem die Schulferien einen Strich durchs sorgfältig geplante Arbeitsprogramm – diesmal dank unterschiedlicher Schulferien im Aargau und in Solothurn ganze vier Wochen lang -, mal ist die Lehrerin krank. Dann wieder liegen meine eigenen Kinder im Bett… Ach, was, ich brauche das nicht weiter auszuführen, die Situationen kennt jede berufstätige Mutter und wahrscheinlich denkt sich manch eine hin und wieder: „Wenn ich bloss von zu Hause aus arbeiten könnte. Dann könnte ich nach meinen Kindern schauen und trotzdem meine Sachen erledigen.“

Und das stimmt ja auch irgendwie. Immerhin fällt das Problem mit dem verärgerten Chef und der Krippe, die keine kranken Kinder nimmt, weg. Aber glaubt mir, das Leben findet immer einen Weg, einer berufstätigen Mutter Steine in den Weg zu legen, auch wenn eine glaubt, sie hätte die ideale Lösung gefunden. Die Steine sehen einfach ein wenig anders aus. Da ist zum Beispiel der grosse Bruder, der den kleinen „zufällig“ in den Gartenteich stösst. Oder das Telefon, das pausenlos klingelt, weil irgendwelche Kinder sich einen kleinen Venditti zum Spielen ausleihen möchten, damit es in den Schulferien nicht so langweilig ist. Oder die „Mama, mir ist soooo langweilig und warum musst du immer arbeiten, wenn wir Ferien haben?“-Diskussion. Oder die fiese Programmänderung, die dazu führt, dass „Meiner“ nicht da ist, wenn er eigentlich für die Kinder zuständig wäre, damit ich wenigstens einmal in diesen Schulferien ungestört arbeiten könnte. Und wenn mal mit Mann und Kindern alles reibungslos läuft, steht bestimmt plötzlich eine entfernte Bekannte vor der Tür, die beim besten Willen nicht begreifen will, dass ich den Computer nicht zum Spielen, sondern zum Arbeiten aufgestartet habe. Warum begreifen gewisse Menschen nicht, dass man nicht automatisch Zeit zum Kaffeetrinken hat, wenn man zu Hause ist und an einem Tisch sitzt?

Wie gesagt, ich will mich nicht beklagen, ich habe wirklich die für mich derzeit ideale Form von Familien- und Berufsleben gefunden. Und doch bin ich zuweilen ziemlich frustriert, wenn ich meine Arbeitsstunden schon wieder in den Feierabend schieben muss, weil ich die einzige in unserem ziemlich lebhaften Familiengefüge bin, die ihren Verpflichtungen zu jeder Tages- und Nachtzeit nachgehen kann. 

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Tais-toi, Edith!

Als vor einigen ein Teenager bei uns Zwischenstation machte, dauerte es nicht lange, bis eine erzürnte Nachbarin anrief, weil der Junge seine Après-Ski-Musik zu laut und zu lange laufen liess. „Das kann ja heiter werden, wenn unsere Kinder in dem Alter sind“, sagte ich damals zu „Meinem“.

Nun, noch ist keines unserer Kinder ganz so alt wie der Teenager damals war, aber die Musik dröhnt inzwischen ganz schön laut aus Karlssons Boxen. Bis anhin hat sich aber noch niemand über den Lärm beklagt. Weder meine Mutter, die zwei Etagen unter Karlsson wohnt und täglich in den Genuss von seinen Musikvorlieben kommt, noch die damals so gehässige Nachbarin, die auf dem Hundespaziergang ganz bestimmt auch mithören kann. 

Woran das liegen mag? Vermutlich daran, dass die zwei Frauen durch das markdurchdringende „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien..“ in ihre jungen Jahre zurückversetzt fühlen. Und so bleibt es an mir, mit zornesrotem Kopf in Karlssons Zimmer zu stürzen und zu brüllen: „Kannst du dieser Edith nicht endlich einmal den Stecker ziehen? Dieses Gejaule ist ja nicht mehr zum Aushalten!“

Ich muss unbedingt daran denken, meine Enkel eines Tages mit Bob Marley, Eros Ramazotti und Michael Jackson zu versorgen, damit ich dereinst Karlsson mit einem milden Lächeln und einem „Ach, wie ist das schön. Das erinnert mich an meine Teenagerjahre. Meinetwegen müssen sie nicht leiser drehen“ zum Wahnsinn treiben kann. 

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Du und ich

Natürlich bin ich ihnen wichtig. Daran zweifle ich keinen Moment, obschon es oberflächlich betrachtet schon mal danach aussieht, als würden sie ganz gerne auf mich verzichten. Sie lieben mich sogar, des bin ich mir sicher. Aber erkennen sie auch, dass da Grenzen sind? Nein, nicht Grenzen meiner Liebe, nur feine Linien, die sagen „Dort bist du und hier bin ich“.

Zum Beispiel eine geschlossene Bürotür, die unmissverständlich verkündet: „Mama arbeitet, geh zu Papa, wenn du etwas brauchst.“

Oder ein schön eingerichtetes Regal im hintersten Winkel meiner Küche. Ein klares Signal, dass hier ein paar Dinge sind, die ich mit niemandem teile. Dinge, die ich nicht in Scherben vorfinden will, wenn ich sie zur Hand nehmen möchte.

Manchmal stellt auch das Telefon am Ohr eine solche Grenze dar. Nein, nicht dann, wenn ich zur anderen Person sage: „Hör mal, meine Kinder brauchen mich, ich muss jetzt auflegen.“ Sondern dann, wenn ich schwatzend von Zimmer zu Zimmer flüchte, jedes Mal die Tür hinter mir zumache und entnervt die Augen verdrehe, wenn fünf Sekunden später schon wieder jemand gestikulierend an meiner Seite steht.

Einige Familienmitglieder wollen partout nicht verstehen, dass auch die geschlossene Badezimmertür ein klares Zeichen ist, dass ich jetzt nicht mit mir reden lasse. Und schon gar nicht diskutieren, ob man jetzt einen Film schauen dürfe.

Wenn doch die fünf Lieben endlich begreifen würden, dass ich diese Linien nicht aus purem Egoismus ziehe, sondern auch aus reiner Liebe zu ihnen. Überschreiten sie nämlich diese Linien trotz aller Ermahnungen immer und immer wieder, werde ich irgendwann sehr kleinlich und ziemlich ungeniessbar. Dann werde ich laut und plötzlich haben sie das Gefühl, ich würde ganz gerne auf sie verzichten.

Was natürlich ganz und gar nicht der Fall ist. Ich will bloss, dass sie nicht andauernd diese feine Linie zwischen „Dort bist du und hier bin ich“ mit den Füssen treten.

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Wenn das Gewissen zubeisst

„Hätte ich vielleicht doch ja sagen sollen?“

„Nein, hättest du nicht. Du hattest sieben Kinder im Haus, ‚Deiner‘ war weg, das Auto hattest du auch nicht und obendrein hatten sich Gäste angekündigt. Wie hättest du ihr da helfen wollen?“

„Na ja, irgendwie hätte ich es schon geschafft…“

„Nein, hättest du nicht. Und überhaupt, warum muss die ausgerechnet dich anfragen? Gibt ja noch andere, die hätten einspringen können.“

„Aber sie hat doch niemanden…“

„Wen wundert’s?“

„Ich weiss, worauf du anspielst. Aber sie hat doch auch ihre guten Seiten. Und ich weiss doch auch, wie es ist, mit einem fiebernden Baby, einem fiebernden Kleinkind, selber hat man eine verstopfte Nase und das Älteste muss zum Eislaufen. Man kann doch nicht mit zwei kranken Kindern in der kalten Halle warten…“

„Mag sein, dass man das nicht kann, aber man kann ja auch mal eine Eislaufstunde ins Wasser fallen lassen…“

„Aber sie hat doch dafür bezahlt und du weisst, dass sie jeden Franken zweimal umdrehen muss. Und das arme Kind muss doch so schon auf so viele Dinge verzichten.“

„Das mag ja alles stimmen, aber warum fragt sie immer dich?“

„Weil sie doch sonst niemanden hat.“

„Aber siehst du denn nicht, dass du auf dem besten Weg bist, dich ausnützen zu lassen? Ich meine, die kann doch nicht wegen jedem Mückenschiss um Hilfe schreien. Bloss weil sie es schwerer hat als andere, heisst das noch lange nicht, dass du ihr in jeder banalen Alltagssituation, mit der sich jede Mama herumschlagen muss, Beistand leisten musst.“

„Du hast ja recht, aber ich fühle mich trotzdem mies, weil ich nein gesagt habe. Sie hat doch wirklich niemanden…“

„Na ja, sie hat ihre Mutter…“

„…die nicht in der Gegend lebt…“

„…ihren Ex…“

„…der sich einen Dreck um die Kinder schert…“

„…ein paar andere Freundinnen…“

„…die gleich tief in der Tinte sitzen wie sie…“

„…und dich, wenn es wirklich hart auf hart geht.“

„Aber heute habe ich sie eben doch im Stich gelassen.“

„Hast du nicht, es ging einfach nicht anders. Oder hättest du etwa deine Kinder und deine Neffen sich selbst überlassen wollen, um ihr Kind zum Eislaufen zu begleiten?“

„Natürlich nicht. Aber es ist doch irgendwie ganz schön egoistisch von mir, mich nur um meinen eigenen Kram zu kümmern, wenn jemand anders Hilfe braucht.“

„Oh ja, klar, wenn man einen halben Tag lang sieben Kinder betreut, kümmert man sich tatsächlich sehr ausgiebig um seinen eigenen Kram…“

„Du weisst schon, wie ich das meine…“

„Und du weisst, wie ich es meine, also hör endlich damit auf, dich mit Vorwürfen zu überhäufen.“

„Ich werd’s versuchen…“

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Erstklässler

Er musste schon zweimal beim Schwimmunterricht zuschauen, weil die Badehose zu Hause geblieben war. – Kennen wir.

Sein Elternbüchlein, das für die Kommunikation zwischen Lehrerin und Eltern vorgesehen wäre, ist unauffindbar. – Kennen wir.

Wenn man ihn nach seinen Hausaufgaben fragt, weiss er meist nicht so recht, was er zu erledigen hat. – Kennen wir. 

Die Lehrerin gibt ihm ein Brieflein mit, in dem sie uns höflich bittet, doch bitte etwas genauer zu kontrollieren, ob er alles gemacht und eingepackt hat. – Kennen wir.

Muss er als Hausaufgabe ein Blatt lesen, langweilt ihn das ziemlich, weil er schon längst lesen kann. – Kennen wir. 

Manchmal muss er die Hausaufgaben vom Vortag nachholen, weil er vergessen hat, uns zu sagen, dass er noch etwas hätte machen müssen. – Kennen wir.

Ihn gleich nach der Mittagspause zum Arbeiten zu bewegen, ist nahezu unmöglich. – Kennen wir. 

Er hat lieber Pause als Unterricht. – Kennen wir.

Wenn man ihm bei den Mathehausaufgaben sagt: „Schau, hier hast du eins mehr und hier eins weniger, also gibt das…?“, dann kommt die richtige Antwort wie aus der Pistole geschossen. – Hä, wie bitte? Das war bestimmt ein Zufall.

Sagt man ihm bei der nächsten Aufgabe: „Also, auf dieser Seite hast du zwei mehr und hier zwei weniger…“, dann steht die richtige Lösung bereits da, bevor man ausgeredet hat. – Du meine Güte, was ist denn mit diesem Kind los? Ob es zum Arzt muss?

Will man ihm die übernächste Aufgabe erklären, steht das Resultat schon da, bevor man sich die Rechnung angeschaut hat. – Himmel, die haben uns doch nicht etwa das falsche Kind mit nach Hause gegeben im Spital?

Schaut man zufälligerweise auf die Uhr, währenddem er seine fertigen Hausaufgaben einpackt, stellt man mit Erstaunen fest, dass er gerade mal fünf Minuten gebraucht hat für die zwei Seiten. Und das ohne Gemotze und Gezeter und „Nun mach schon!“. – In mir meldet sich der Verdacht, dass dieses Kind tatsächlich rechnen kann. 

Bekommt der grosse Bruder diese Szene mit, fragt er: „Von welchem Stern kommt dieses Kind?“ – Das wüsste ich auch zu gerne. 

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Eine Familien-Ära geht zu Ende

Immer mal wieder zwischen 1996 und 2004:

„Eine Putzfrau kommt mir nie ins Haus. Ist doch das Letzte, jemanden die Drecksarbeit machen zu lassen und selber auf der faulen Haut zu liegen. Und nachher motzen, dass sie es nicht recht gemacht hat. Sind doch alles nur verwöhnte Tussis, die sich zu fein sind, selber einen Lappen in die Hand zu nehmen…“

2005, drei Vorschulkinder, ein kürzlich abgeschlossener Umbau, ein Feierabend-Teilzeitjob:

„Manchmal überlege ich mir schon, ob es nicht Zeit wäre, eine Putzfrau einzustellen. Jemand, der einmal pro Woche gründlich sauber macht und ich würde während der übrigen Zeit Schadensbegrenzung betreiben. Aber ob unser Budget das mitmachen würde? Und überhaupt, meine Mama hat es auch ohne hingekriegt und die hatte ein paar Kinder mehr als ich. Ich kann doch nicht einfach jemand anderem meine Drecksarbeit aufbürden.“

Ende 2006, drei Wochen vor dem Geburtstermin, Mutterschaftsurlaub, beginnende Erschöpfung, weil Töchterchen seit zwei Jahren keine Nacht durchschläft:

„Auuuuuutsch!!! Scheissmöbel!!!! Das war mein Zeh!!!!“

Drei Stunden später:

Zeh gebrochen, der Arzt befiehlt Hochlagerung des Fusses und eine Haushalthilfe.

Drei Tage später:

„Es tut mir wirklich schrecklich Leid, dass ich hier faul auf dem Sofa liege, währenddem Sie für mich die Drecksarbeit erledigen müssen, aber ich schaffe es einfach nicht, mehr als fünf Minuten auf den Beinen zu sein. Ach, das ist mir jetzt peinlich, dass Sie auch noch hinter diesem Buffet putzen müssen. Das hätte ich schon längst tun wollen, aber Sie wissen ja, mit drei kleinen Kindern. Und jetzt dieser elende Zeh. Wenn ich Ihnen doch bloss helfen könnte, aber der Arzt hat gesagt…“

Ende Januar 2007, Heimkehr aus dem Spital mit Zoowärter und einem Rezept für mehrere Monate Haushalthilfe:

„Ich bin ja schon froh, dass die Haushalthilfe noch etwas länger bleibt, aber eigentlich müsste ich das jetzt selber schaffen. Ich kann doch nicht immer faul herumliegen. Klar, ich bin müde und der Zoowärter braucht mich rund um die Uhr, aber irgendwie muss ich das doch wieder alleine hinkriegen. Und die Krankenkasse will ja jetzt doch nichts daran zahlen. Also, wir machen das nicht länger als unbedingt nötig.“

Herbst 2007, vier kleine Kinder, ein Feierabend-Teilzeitjob, drei Ehrenämter, keine Haushalthilfe mehr:

„Okay, wir schaffen es nicht ohne. Rufen wir halt die Frau, die das Inserat aufgehängt hat, mal an. Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir es eine Weile lang so machen. Zumindest, bis ich die Ehrenämter abgegeben habe.“

Eine Woche später, Samstagmorgen:

„Gut, einmal die Woche, nur putzen, das Aufräumen erledigen wir selber. Schön, dann sehen wir uns nächsten Montag.“

März 2008, vier kleine Kinder, Feierabend-Teilzeitjob aufgegeben, Ehrenämter fast abgegeben, Erschöpfungszustand ärztlich diagnostiziert, ein positiver Schwangerschaftstest:

„Die Putzfrau bleibt, koste es, was es wolle! Und wenn das Baby kommt, muss für die ersten Monate ein Au Pair her, anders schaffe ich das auf keinen Fall.“

Oktober 2008, fünf Kinder, Familienchaos pur:

„Gott sei Dank haben wir eine Putzfrau! Sonst würden wir im Chaos untergehen.“

Bis Frühling 2013 wird sich an dieser Überzeugung nichts mehr ändern. 

Herbst 2013, der Familienalltag ist etwas ruhiger geworden, Körper und Seele haben sich von den Strapazen der vergangenen Jahre erholt, der neue Teilzeitjob lässt sich von zu Hause aus erledigen, alle Kinder sind theoretisch gross genug, um selber zu Staubsauger und Putzlappen zu greifen:

„Ich glaube, wir müssen uns allmählich Gedanken darüber machen, ob es nicht auch ohne Putzfrau geht. Die Kinder nehmen das alles viel zu selbstverständlich und ich habe ja jetzt auch wieder mehr Zeit. Aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Klar, sie hat ihre Eigenarten, aber sie ist eine tolle Frau und ich mag sie wirklich.“

Ende 2013, das Familienbudget ächzt unter Weiterbildungskosten, die sich weniger schnell als erwartet bezahlt machen:

„Es geht nicht mehr anders, wir müssen auf die Putzfrau verzichten. Es klappt ja jetzt wirklich ganz ordentlich ohne ihre Hilfe, aber es fällt mir trotzdem unglaublich schwer. Es muss wohl einfach sein… nun ja, vielleicht können wir sie später hin und wieder für den Frühjahrsputz oder andere grössere Einsätze engagieren. So ganz ohne sie ist das ja auch irgendwie schwierig…“

29. Januar 2014:

„Sie muss unbedingt bald einmal zum Kaffee kommen, sag ihr das, wenn sie heute zum letzen Mal kommt. Schade, dass ich nicht zu Hause bin, ich hätte sie so gerne noch einmal gesehen. Du musst sie aber wirklich unbedingt einladen, ich will sie nach all den Jahren doch nicht einfach so ohne irgend eine Anerkennung ziehen lassen. Und ich muss ihr unbedingt noch ein Geschenk besorgen…“

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Aus dem Gröbsten raus…

Wenn du kleine Kinder hast, so zwei, drei Jahre alte, dann sitzt du manchmal seufzend da und betrachtest die Scherbenhaufen, die sie angerichtet haben, währenddem du zwei Minuten auf dem WC warst. „Wenn sie erst mal grösser sind“, sagst du zu dir selber, „dann wird es ruhiger und es wird kein Problem mehr sein, sie mal eine Weile lang unbeaufsichtigt zu lassen.“ Eine nette Überzeugung, die ich auch lange für richtig gehalten habe. Hier ein paar Gründe, weshalb ich inzwischen daran zweifle:

  • Ein Spiegel, der bei dem ewigen Gerenne durch den Flur in die Brüche gegangen ist.
  • Eine Tube Badeschaum, vorgesehen als Geschenk für ein Patenkind, deren gesamter Inhalt grundlos auf Wände und Fussboden verteilt wurde.
  • Eine Flasche wertvolles Koffeingesöff – vorgesehen für Mamas und Papas Nerven -, die auf dem Heimweg vom Einkauf auf der Strecke bleibt und eine zweite, die ohne Kohlensäure, dafür mit Loch und folglich mit reduziertem Inhalt zu Hause ankommt. Das alles nur, weil man verbotenerweise mit dem Trottinett in die Migros gefahren ist (und den kleinen Bruder, der hätte mitkommen wollen, schluchzend und schniefend zu Hause gelassen hat). 
  • Ein mit Rosenblütenblättern verstopfter Badewannenabfluss. 
  • Eine löchrige Giesskanne. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat neun Löcher gezählt, jedoch keine Ahnung, wie sie entstanden sind.
  • Eine Nachbarin, die mit zitternden Knien im Treppenhaus steht und darauf hinweist, dass sich gerade drei Kinder gefährlich weit aus dem Dachfenster gelehnt haben. 
  • Ein Stilleben auf der Küchenkombination: Angebranntes Porridge, daneben ein fast leerer Beutel mit matschigen Tiefkühlerdbeeren, diverse verklebte Löffel und Löffelchen, das Ganze umflossen von gut einem Liter teurer Bio-Milch. Und natürlich keiner in Sicht, der etwas von der Sache weiss.
  • Ein hartgekochtes Ei, das auf dem Kopf der einzigen Schwester landet. Nein, nicht zufällig.
  • Eine am Morgen noch volle Flasche Shampoo speziell für langes Haar, die abends leer ist und das ohne dass eine der beiden Langhaarigen an diesem Tag die Flasche in den Händen gehabt hätte. Und auch von den anderen hat keiner die Haare gewaschen.
  • Rasant schwindende Schokoladenvorräte. 
  • Karottenschalen unter dem Küchentisch. Keiner war’s, aber wie sollte man dagegen etwas einwenden können? Immerhin haben sie Karotten gegessen und nicht Schokolade.
  • Stofftiere im Regen. Tagelang.
  • Fehlende Latten im Bettrost, die lange Zeit unauffindbar bleiben und später auf wundersame Weise als Waffen wieder auferstehen. Leider nicht mehr ganz  in Form, so dass eine Wiedereingliederung in den Lattenrost nicht möglich ist.
  • Ein verstörter Kater namens Gottegris in Mamas Handtasche, die an einem Kinderarm baumelt.
  • Ein halb voller Beutel Katzenfutter im Kühlschrank. Die Erklärung: „Weisst du, ich hab Gottegris auf Diät gesetzt und jetzt bekommt er immer nur noch einen halben Beutel.“ 

Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltag einer Familie, in der sämtliche Kinder „aus dem Gröbsten raus sind“, wie man so gerne sagt. Ruhiger? Von wegen! Aber ganz sicher schwerer zu verstehen, warum die noch immer solchen Mist anstellen, kaum dreht man ihnen den Rücken zu. Als sie kleiner waren, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, sie wüssten es eben nicht besser…

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Aussensicht

Sie sei immer ganz brav, meinte der Lehrer. Vielleicht fast ein wenig zu schüchtern, man dürfte ruhig mehr von ihr hören. Mal auf den Tisch klopfen, das könnte sie sich durchaus erlauben. Sich etwas mehr zu Wort melden und auch mal sagen, wenn ihr etwas nicht passt.

Sie sei wirklich nett, sagten die Klassenkameraden. Vielleicht eher still, aber ganz bestimmt keine Zicke.

Gut, dass uns wieder mal jemand gesagt, wie sie auswärts ist. Zu Hause läuft das nämlich ein wenig anders.

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