Zeit

Es gibt schönere Dinge, als mitten im Leben ausgebremst zu werden und plötzlich weder Kraft noch Nerven für die alltäglichsten Dinge zu haben. Der angenehme Nebeneffekt ist aber, dass man bekommt, was man sonst nie hat: Zeit.

Die Zeit, Kleinigkeiten sofort zu erledigen und nicht erst dann, wenn man dreimal per Mail daran erinnert worden ist.

Die Zeit, mich darüber zu informieren, welche Bücher die Kinder aus der Schulbibliothek ausgeliehen haben. Damit ich nach Ablauf der Leihfrist nicht immer schreiben muss: „Liebe Frau Lehrerin, können Sie mir bitte die Titel der noch fehlenden Bücher nennen, damit ich weiss, wonach ich im Bücherregal oder notfalls auch im Antiquariat suchen muss.“

Die Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, was man Freunden und Lehrern zu Weihnachten schenken will und auch die Zeit, alles so zu organisieren, dass man die Kinder nur noch anleiten muss.

Die Zeit, an dem einen Tag, an dem alle vollkommen käferfrei sind, auch wirklich mit den Kindern ins Hallenbad zu gehen und nicht nur davon zu reden, wie nett es doch wäre, wenn man die Zeit dazu hätte. Okay, auf den käferfreien Tag warte ich noch immer, aber ich glaube fest daran, dass er kommen wird.

Die Zeit, die Kinder rechtzeitig abzuholen und nicht immer die Letzte zu sein, die verschwitzt, schimpfend und mit tausend Entschuldigungen aufkreuzt.

Die Zeit, sich Gedanken zu machen darüber, an welchem Punkt man mit den Kindern steht, wo sie Unterstützung brauchen und wo klarere Grenzen angesagt sind.

Die Zeit, beim Kinderarzt die zusätzlichen Abklärungen sofort machen zu lassen, anstatt einen weiteren Termin vereinbaren zu müssen.

Die Zeit, mich mit „Meinem“ darüber zu unterhalten, dass die einfallslose Küche wohl mehr zum Beizensterben beiträgt als das Rauchverbot.

Die Zeit, dem Zoowärter des Langen und Breiten zu erklären, warum ich es besser fände, wenn er sich den Playmobil-Zoo mit den niedlichen Koalas zu Weihnachten wünschte und nicht die hässliche „Cars“-Rennbahn.

Und wenn einmal das Telefon schweigt und kein Kind nach Aufmerksamkeit schreit die Zeit, mit der Katze auf dem Schoss eine Tasse Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen. 

(Fast) geschafft

Die Pastete befindet sich auf gutem Wege. Ich darf einfach nicht dran denken, dass mein geliebter Stabmixer seit seinem Einsatz in akuter Lebensgefahr schwebt. Mein Versuch, es ohne Fleischwolf zu schaffen war wohl etwas zu verwegen. Und dann muss natürlich auch noch die Sache mit der Sülze klappen. Man hat mich gewarnt, dass dies ziemlich schwierig werden könnte.

Aber ganz egal, wie es am Ende rauskommt, Karlsson habe ich bereits im Sack. „Weisst du, Mama“, sagte er heute zu mir, „es ist mir egal, ob die Pastete gut wird oder nicht. Die Hauptsache ist, dass du es probiert hast. Das würde nämlich nicht jeder machen.“

Mir scheint, dass nicht ganz alles auf taube Ohren gefallen ist, was wir dem Kind in den vergangenen Jahren gepredigt haben.

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Fleischgelüste

Hätte ich nein sagen sollen? Ich meine, die Chance, dass ich als Vegetarierin die perfekte Pastete mit Sülze und allem drum und dran hinkriege, ist gering. Alleine schon vor der Auswahl des Fleisches graut mir, geschweige denn vor dem Moment, wenn das Zeug aus dem Fleischwolf quillt. Ach ja, und dann muss ich für die Kamine auch noch Alufolie anschaffen, etwas, was in meiner Küche gewöhnlich absolut nichts zu suchen hat. Und wenn das Ding in sich zusammenfällt? Dann stehe ich einmal mehr da wie der letzte Idiot.

Aber wie hätte ich nein sagen sollen, wo es doch ein Geburtstagswunsch ist? Karlsson wird nur einmal zwölf und wer garantiert mir, dass er nicht plötzlich über Nacht zu einem Fast Food – verschlingenden Monstrum mutiert? Wer fordert mich dann noch heraus, zu kochen, was ich nie im Leben essen würde? Vielleicht ist dies die Gelegenheit, um aller Welt zu beweisen, dass auch ich am Bravourstück Fleischpastete scheitere.

Und was die Ekelgefühle angeht: Schlimmer als bei der Leberpastete – ohne Teig und Sülze -, die sich Karlsson in den vergangenen Jahren gewünscht hatte, kann es ja wohl nicht sein. Immerhin ist Geflügelfleisch nicht ganz so eklig anzusehen wie die Leber, die ich an den letzten drei Karlsson-Geburtstagen durch den Fleischwolf drehen musste.

Ich denke, ich nehme die Herausforderung an. Vielleicht aber sollte ich mich allmählich anschicken, Karlssons schlechtes Gewissen zu trainieren. Damit ich ihm dereinst, wenn er mich ins Altersheim abschieben will, sagen kann: „Wie kannst du mir so etwas antun? Wo ich dir doch Jahr für Jahr mit grosser Liebe und viel Ekel die widerlichsten Schweinereien zum Geburtstag serviert habe.“

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Ganz der Papa

Nein, Helena und der Zoowärter haben noch immer keinen Termin für ein Treffen gefunden. Davon geredet haben sie zwar schon oft, aber meist scheitert es daran, dass bei Helena keiner das Telefon abnimmt, wenn der Zoowärter anrufen will. Das Mädchen ist wohl einfach zu beschäftigt. Kein Grund für den Zoowärter, Trübsal zu blasen. Es gibt ja noch andere Mädchen. Joanna, zum Beispiel, mit der man es immer so lustig hat. Oder Matilda, mit der er diese Woche schon dreimal gespielt hat und die er morgen schon wieder einladen will.
Ganz klar, der Zoowärter liebt Mädchen. Er, der mit seinen Freunden und Brüdern so laut und wild ist, zeigt sich bei seinen Freundinnen von der sanften, verspielten Seite. Da wird gemalt, gebastelt und Schule gespielt. Für Matilda darf es kein gewöhnliches Zvieri sein, da muss ein bunter Früchteteller her. Neben Matilda stürmt man auch nicht einfach achtlos die Treppe hoch, sonst könnte sie am Ende noch hinfallen. Vor allem aber will er sich ungestört mit ihr unterhalten können. „Prinzchen, sei nicht immer so laut“, heisst es dann. „Matilda und ich können bei diesem Lärm gar nicht miteinander reden.“
Ich kenne einen Mann, der genau auf diese Weise das Herz seiner heutigen Frau erobert hat und mir scheint, dass der Zoowärter diesem Mann nicht nur sehr ähnlich sieht, sondern dass er auch seine Art geerbt hat.

Eingescannt

Natürlich musste ich die Sache mit dem Self-Scanning sogleich ausprobieren, als ich erfuhr, dass jetzt auch mein Detailhändler das System anbietet. Als leidenschaftliche Futtersammlerin muss ich mitreden können, wenn beim nächsten Kaffeeklatsch die Rede auf den Einkauf mit dem Handscanner kommt. Nicht, dass ich oft mit Frauen zusammenkomme, die über nichts anderes als Einkauf, Trockenwerden und Putzmittel reden, aber man sollte zumindest vorbereitet sein. Jetzt also könnte ich mitreden, wenn ich denn müsste, also tue ich es.

Self-Scanning beim Zwischendurch-Einkauf, das geht. Ist zwar langweilig, aber es erinnert mich an meinen Studentenjob an der Kasse, als ich die Chef-Verkäuferin beeindruckte, weil ich fast so schnell scannte wie die Profis. Einer meiner grössten beruflichen Erfolge…

Self-Scanning und Wocheneinkauf geht zwar auch, wird aber schon deutlich schwieriger. Wie soll man sinnvoll einpacken können – Schweres und Hartes unten, Leichtes und Weiches oben -, wenn alles sogleich in die Einkaufstaschen wandert, zuerst die Kakis und erst viel später die Milchflaschen? Aber eben, es geht. Zumindest, wenn man den Verstand nicht vollends ausschaltet, was man beim Einkauf ohnehin nie tun sollte, sonst weiss man zu Hause nicht mehr, weshalb man auf die hirnverbrannte Idee gekommen ist, Trüffelöl zu kaufen, wo doch ausser Karlsson keiner von uns Trüffel mag.

Self-Scanning und FeuerwehrRitterRömerPirat ist geradezu erholsam. Vor lauter scannen vergisst der Junge, Süssigkeiten und Spielsachen zu betteln. Vielleicht spürt er auch einfach, dass betteln jetzt noch zweckloser ist als gewöhnlich. Wenn man zwischendurch mal kurz nachschauen kann, wie viel Geld man am Ende ausgeben wird, wird das Neinsagen so viel einfacher.

Was aber auf gar keinen Fall geht: Self-Scanning und Prinzchen. Mal löscht er mir die eben eingescannten Artikel, dann wieder setzt er mir fröhlich ein paar zusätzliche Raclette-Käse auf die Rechnung, weil es so viel Spass macht, die Plus-Taste zu drücken. Hin und wieder fällt das Gerät zu Boden, weil er es nicht mehr aus den Händen geben will und beim Bezahlen kommt das Geschrei, weil wir nicht bei der Kinderkasse mit dem Treppchen anstehen, sondern bei einer dieser kühl wirkenden Bezahlstationen.

Mag sein, dass ich hie und da wieder zum Scanner greifen werde, aber solange die Bezahlstation nicht mehr zu mir sagt als „Akzeptieren Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen“ und „Geben Sie Ihren PIN-Code bitte verdeckt ein“, wird sich das System bei mir nicht durchsetzen. Ein Grosseinkauf ohne Schwatz mit der Kassiererin ist nichts für mich.

Mama schläft (nie so ganz)

Zwölf lange Jahre habe ich trainiert, beim Mittagsschlaf nie so tief wegzutauchen, dass man direkt neben mir das Haus in Brand stecken könnte. Oh ja, ich habe einige kleinere Katastrophen verschlafen – Bad unter Wasser, Fingerfarbenschmierereien und dergleichen -, aber wenn es wirklich gefährlich zu werden drohte, weckte mich mein mütterliches Alarmsystem immer rechtzeitig. Ich glaube, die Kinder haben inzwischen begriffen, dass es sich nicht lohnt, grosse Dummheiten anzustellen, weil Mama Venditti auch im Schlaf kaum etwas entgeht.

„Meiner“ hingegen glaubte bis heute Nachmittag noch allen Ernstes, er könne tun, was der Arzt verboten hat, bloss weil ich gerade im Land der nachmittäglichen Albträume unterwegs war. Aber wenn ich mitten in meinen Albträumen die Satzfetzen „nur kurz nach Olten“, „Mama schläft ja noch“ und „geht schon mal zum Auto“ höre, dann bin ich aus dem Bett, bevor ich ganz wach geworden bin. Da will der gute Mann doch tatsächlich für einen Besuch im Brockenhaus sein Leben aufs Spiel setzen, bloss weil ihm die Decke auf den Kopf fällt, wenn er wochenlang zu Hause bleiben muss. Dass ihm die Decke auf den Kopf fällt, kann ich ja nur zu gut verstehen, aber mit heftigem Schwindel, übermässiger Lärmempfindlichkeit und Gleichgewichtsstörungen setzt man sich nun mal nicht ans Steuer. Schon gar nicht mit zwei Kindern auf der Rückbank.

Und so bekam „Meiner“ eben zu hören, was jeder zu hören bekommt, der meinen Mittagsschlaf stört: „Kann man sich denn in diesem Haus nicht mal ein halbes Stündchen hinlegen, ohne dass einer auf dumme Gedanken kommt?“

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Gute alte Bestechung

Irgendwann ist genug herumgebrüllt, gedroht, gebettelt, an den Verstand – oder gar an das Mitgefühl für die arme, übermüdete Mama- appelliert. Irgendwann hilft nur noch eins,  nämlich Bestechung. Nun ja, so offen gibt das kaum einer zu, aber machen wir uns nichts vor: Wer für zehn Einheiten Wohlverhalten einen Hallenbadbesuch, für zwanzig Einheiten Wohlverhalten einen Museumsbesuch und für dreissig Einheiten Wohlverhalten eine Überraschung verspricht, besticht seine Kinder. 

Oh ja, Belohnungssysteme sind äusserst wirksam. Das beweisen die zahlreichen Kundenkarten, die wir allzeit griffbereit halten. Egal wie klein der Gewinn, wenn man uns eine Belohnung in Aussicht stellt, müssen wir sie haben und zwar so schnell als möglich. Bei den Kindern ist dies nicht anders und so tun sie für ein paar Wochen brav das, was wir uns von ihnen wünschen. Kaum aber sind die Belohnungen eingesackt, ist der alte Schlendrian zurück.

Warum also gestalte ich dennoch für jedes Kind seinen eigenen Plan mit individuell formulierten Zielen? Ich tue es, weil ich eine Verschnaufpause brauche. Weil das Gezerre um jede kleinste Gefälligkeit zu viele Nerven kostet. Weil ich Zeit gewinnen will, um mir Gedanken zu machen, wie wir die Kinder wieder besser begleiten sollen, damit wir in Zukunft auf die billige Bestechung verzichten können.    

Window-Shopping

Endlich weiss ich, was mich in diesen Tagen fast zur Verzweiflung bringt. Es ist meine Projektlosigkeit, die mir die Lebensfreude raubt. So viele Möglichkeiten und so wenig Energie. Ich fühle mich wie ein London-Tourist, der bis auf ein paar Pfund alles für kitschige Royals-Souvenirs ausgegeben hat und nun mit sehnsüchtigen Blicken vor den Schaufenstern von Selfridges steht.

„Wow, beeindruckend, dieser Käser-Lehrgang! Den nähme ich sofort. Wenn der bloss nicht so zeitintensiv wäre. Aber vielleicht dieser Fünftageworkshop? Ist zwar nicht die ganz grosse Sache, aber mit etwas gutem Willen würde ich es vielleicht hinkriegen? Mist, da steht, dass man zuerst einen Basiskurs in Milchverarbeitung machen muss und das dauert ja auch wieder seine Zeit. Wird wohl nichts daraus… Aber dort hinten, diese niedliche, kleine Tauschbörse für Hausgemachtes. Kostet gar nicht so viel, ein paar Anrufe, ein bisschen Werbung auf Facebbook, zwei oder drei motivierte Freundinnen… Ich glaube, das könnte ich noch zusammenkratzen… Bloss, wer kümmert sich dann um die Kinder? Und was, wenn alles, was keinen Abnehmer findet, bei mir liegen bleibt? Und wenn sich alle aus dem Staub machen, bevor aufgeräumt ist. Wird wohl doch nichts draus… Aber es wäre doch soooooo niedlich….“

„Das dort drüben ist der absolute Hammer! Ein umwerfendes Buchprojekt, das nehme ich, koste es, was es wolle… Äääähm, okay, an die durchwachten Nächte habe ich dabei natürlich nicht gedacht und die freien Stunden für ungestörtes Arbeiten… Na ja, wenn ich mich ein wenig anstrengen würde, könnte es klappen… Aber mir brummt noch der Schädel von der letzten schlaflosen Nacht und da habe ich nicht mal geschrieben. Ist wohl doch noch etwas zu früh für grosse Schreibereien… Aber dieses sensationelle Ablagesystem für gute Ideen, das kann ich mir vielleicht leisten. Wie, dazu müsste ich mein Büro auf Vordermann bringen? Wo ich doch gerade so knapp meinen Haushalt schaffe, wenn „Meiner“ mehrheitlich ausfällt… Wird wohl auch nichts draus. Zumindest noch nicht jetzt.“

‚Ha, aber das dort drüben, das muss einfach klappen. Das Kätzchen, das sich Karlsson zum Geburtstag wünscht, das muss doch einfach drin liegen. Wo zwei Katzen sich wohl fühlen, wird auch eine dritte glücklich sein. Ach so, ja, die zwei müssten Nummer drei auch noch akzeptieren. Und wenn Leone oder Henrietta dies nicht täten? Würde dann eine davon sich aus dem Staub machen? Die Kinder würden das Karlsson und mir nie verzeihen… Aber es wäre doch so tröstlich, etwas Kleines, Lebendiges zu haben…. Nein! Auf gar keinen Fall hinschauen! Du weisst, dass das nicht in Frage kommt…Nun ja, ein einziger, verstohlener Blick wird wohl nicht schaden…es ist ja nur ein Blick… Mist! Jetzt hat es mich schon wieder erwischt, dabei weiss ich doch ganz genau, dass das auf gar keinen Fall drin liegt. Ob es vielleicht eine Nummer kleiner ginge? Ein Tageskind vielleicht, nur ein paar Stunden pro Woche, vielleicht auch nur ein oder zweimal im Monat… Ach, vergiss es, du weisst genau, dass das weder für das Kind noch für dich gut wäre…“

„Dann machen wir eben eine Reise. Einfach mal weg aus dem ganzen Trott, Neues erkunden, Vergangenes hinter sich lassen, neue Lebensperspektiven gewinnen… Nun gut, zuerst müsste „Meiner“ mal wieder auf die Füsse kommen. Und dann müsste man schauen, wie das mit der Schule zu lösen wäre. Ach so, ja, die Finanzen… Vergessen wir das Ganze gleich wieder…“

So stehe ich da, bewundere die Auslage und denke, dass ich wohl erst einmal sparen muss, ehe wieder an Projekte zu denken ist. Aber ich weiss schon, was ich mir als erstes anschaffe, wenn es dann soweit ist. Bis dahin stricke ich mal an Karlssons Pullunder weiter. Ist ja auch eine Art Projekt…

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Brave Kinderchen

Die Kinder von heute geniessen im Allgemeinen nicht den besten Ruf, vor allem nicht am 31. Oktober. Man berichtet von rohen Eiern, die gegen Hauswände fliegen, Nachtlärm und gemeinen Lausbubenstreichen. Weil ich weiss, dass das nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, konnte ich ein mitleidiges Lächeln nicht unterdrücken, als Karlsson kurz vor dem Eindunkeln den folgenden Hinweis an die Eingangstüre hängte: „Bitte nicht stören, wir sind krank. Der Inhaber“

„Damit machen wir uns doch nur lächerlich“, wandte ich ein. „Darauf nimmt doch keiner Rücksicht.“ Doch Karlsson liess sich nicht beirren. Keiner sollte es wagen, die Kranken im Hause zu belästigen. Und siehe da, die Bitte wurde ernst genommen. Kein einziges Kind brachte es übers Herz, die leidenden Vendittis zu stören, dabei hätte mein Süssigkeitenvorrat für das halbe Dorf gereicht. Einige wagten sich zwar in den Hauseingang, aber nachdem sie das Schild gelesen hatten, zogen sie brav wieder ab. Sentimental, wie ich nun mal bin, war ich ob dieser Rücksichtnahme so gerührt, dass ich einer Kindergruppe hinterherrief, sie sollten doch bitte warten, damit ich ihnen etwas mitgeben könne. Folgsam, wie die Kinder von heute nun mal sind, warteten sie, aber ich glaube, sie fürchteten sich fast ein wenig vor dieser Irren, die ihnen in der Dunkelheit Süssigkeiten aufdrängen wollte.

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Was soll das?

Meine sehr verehrten Wettermacher

Mit diesem Schreiben möchte ich meine tiefste Enttäuschung ausdrücken. Bis anhin hatte ich stets geglaubt, Sie hätten mit Kommerz nichts am Hut. Immerhin scheren Sie sich einen Dreck darum, ob das Wetter im Süden an Ostern schön ist, ob das Open Air-Kino verregnet wird, ob die Skipisten schneefrei bleiben. Diese standhafte Unabhängigkeit vom grossen Geld habe ich stets bewundert.

Und nun dies. Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass die Läden schon seit Wochen vollgestopft sind mit dem ganzen Weihachtskram. Mit Ihrem verfrühten Schneegestöber haben Sie die den Kindern vorgegaukelt, es würde jetzt dann gleich losgehen mit der Bescherung. Im Gegensatz zu uns desillusionierten Erwachsenen glauben die lieben Kinderlein nämlich noch an das Märchen von weissen Weihnachten.

Ausbaden müssen das einmal mehr wir Eltern. „Nein, lieber Zoowärter, der Samichlaus kommt noch lange nicht.“ „Nein, Prinzchen, wir stellen den Tannenbaum nicht gleich nach deinem Geburtstag auf.“ „Ja, Luise, dir bleibt noch genug Zeit, einen Wunschzettel zusammenzustellen.“ „Ach, FeuerwehrRitterRömerPirat, muss ich denn wirklich jetzt schon Jingle Bells vorsingen?“ Wissen Sie denn nicht, wie anstrengend es ist, bereits Wochen vor Weihnachten nur noch ein einziges halbwegs vernünftiges Kind im Haus zu haben? Das Ganze auch noch kurz vor Vollmond.

Sie verstehen also, meine verehrten Wettermacher, dass ich von Ihrer Anbiederung an die Geschäftemacher nichts halte. Als Wiedergutmachung erwarte ich von Ihnen, dass Sie uns für den Rest der kalten Jahreszeit einschneien. Nach diesem Wochenende brauche ich ganz dringend einen Winterschlaf.

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